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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 59
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Dierkhof, den 22. August 19 ..

Vetter Jochen! War heute bei Dir. Fand alles verschlossen. Wollte Dir beichten: Ich habe Deiner Braut Amei gesagt, daß ich sie unsäglich lieb habe. Seit Weihnachten quäle ich mich damit herum, denn sie war sehr ungut mit mir. Weiter ist nichts Böses geschehen, wenn nicht schon meine Liebe ein Verbrechen ist. Ich gebe Dir jede Genugtuung.

Wien Sleef.


Den 26. August 19 ..

Ich schaffe so, daß ich des Abends auf meine Bettstatt falle, unfähig, noch zu denken. – Aber doch – heute habe ich einen frohen Gedanken, der doch ein Unrecht in sich tragen soll: » Die Amei hat keine Hochzeit heut' gehalten.«

Als ich ein kleines Büble war, hatte ich einen bunten Ball. Wie die gestreifte Hose und das närrische Wams eines Bajatz. Dieser Ball war mein Ein und Alls. Ich ging mit ihm schlafen und stand mit ihm auf. Damals schlug mich mein liebster Freund im Zorn blutig, aber der Ball half mir über die Roheit fort. Ich hatte einen bösen Lehrherrn – der Ball tröstete mich – die Mutter hatte ihn gewonnen auf dem Jahrmarkt, und das unerhörte Opfer gebracht, ihn mir zu schenken. »Du Dätsch«, sagte der Bauer, »gleich gibst dein kindisches Gespiel her«, und er wollt' den Ball in ein tiefes Erdloch werfen. Aber er hielt inne und ließ den Ball fallen. »Kannst gehen«, sagte der Bauer, »pack' deine Sachen. Ich will keinen Hütejungen, der ein Riese ist und solche Augen auf mich macht, als wollt' er mich totschlagen.« Damit war ich gekündigt, aber ich behielt den Ball. Meine Nachfahren werden mich auch für einen »Dätsch« halten, macht nix. Solang ich den buntgestreiften Ball habe, der längst nicht mehr weit springen kann, solange kann's nimmer ganz dunkel werden in der Welt. – Einstweilen arbeite ich in der Dämmerung. Als Augentrost und Herzstärkung habe ich die alte Magd Gesine und das immer losschreiende Kind. Das sind keine großen Sachen. Aber ich behalte das Kind der toten Großeltern wegen, und weil ichs erziehen will, damit es mal eine brave Sleef wird. Und Gesine behauptet, es höre am Tage auch manchmal auf zu brüllen und zu gnarren. Aber wie es wunderlich zugeht in der Welt – der Knecht hungert nach wahrhaft gebildeten Menschen, er meint, es nicht ertragen zu können dies Leben...

Komm wieder, Muhme Kordula, du feine Frau, sonst muß ich mir den Ball hervorholen, und werde schier ganz kindisch dabei, wie ein Soggerpupp, oder wie ein Greis.

Dierkhof, den 27. August 19 ..

Dieser Tag wurde in meiner Kindheit hoch gefeiert. Vaters Geburtstag. Jetzt zünde ich ein Lichtchen an und stelle es neben sein Bild. Das zeigt ihn in bayrischer Tracht, als er mit Mutter Amei Hochzeit machte. Und war doch ein Heidjer. Aber die Heidjer haben keine besondere Tracht; und er tat das Kleid an aus Liebe zu seinen Schwiegereltern, die er wie seine eigenen Eltern liebte. Er war ein rechter Mensch nach den Lehren des vierten Gebotes.– Ich aber tat das, was die beste Ehrung eines Sohnes für seinen Vater ist. Ich arbeitete. Will den kleinen schönen Dierkhof, der viel Möglichkeiten bietet, wenn man was reinsteckt, in die Höhe bringen. Bin ja doch Pate von Lütt Birgitt und fühle mich dann erst recht als Vater, wenn ich für eine Aussteuer sorge.

An dem Tage, als ich von meiner Heimat ging, mußt' ich noch einen Viehtransport abnehmen. Das bracht' ich erst alles in die Reih'. Vetter Jochen soll wissen, daß ich für seinen Vorteil gearbeitet hab'. Der Sleefkamp wird ja doch immer mein Heimweh bleiben – der ist ja eingebrannt in mein Inneres, seit ich ihn zum erstenmal betrat. Und wie es auf dem Heimathof ausschaut, so will ich's im Kleinen auf dem Dierkhof einführen. Ich bin froh, daß ich's durchsetzen konnte, kein englisches Vieh mehr anzuschaffen, sondern nur guten, deutschen Binnenschlag. Mittlere Größe, feiner Knochenbau, schmaler Kopf, große Hörner nach außen gebogen, rotbraune Farbe und am Kopf weiß. Hab' die Blessen so gern. Strebe beides an, Milchergiebigkeit und Mastfähigkeit. Und die Muhme Kordula, die immer ihren Mann in der Wirtschaft stand, hat mit mir was ausklamüsert und sehr vorteilhaft gefunden, abgemolkene Kühe im angemästeten Zustand an den Schlachter zu verkaufen. Wir haben auch Zugochsen im Sommer arbeiten lassen und im Winter auf die Mast gestellt. Hat gut eingeschlagen. Sind rasch gediehen und haben zartes, schmackhaftes Fleisch gegeben.

Nun schwatz' ich vom Sleefkamp und sitz' doch auf dem Dierkhof, wo ich nur im Kleinen arbeiten, und mit Kleinem anheben kann. Hab' auch zwei Kühe schon als Patengeld eingestellt. Und die Gesine heult, daß ich wohl bei klein mein Erspartes verplome. Ich muß sorgen dürfen, bin zu frisch, um behäbig und selbstächtig zu sein. Jetzt sind wir bei der Roggenernte. Hier ist nicht so guter Boden wie im Kamp, der Roggen hat später gereift, da haben sich die leichteren Halme wieder von der Nässe erholt, stehen hoch da. Sogar ein kleines Stück Weizenfeld haben wir im Dierkhof, daß Semmeln für Lütt Birgitt wachsen können. Und ich will nicht den großen Weizenfeldern nachwehleiden, wo die Torten herkamen, die Muhme Kordula nach bayrischer und Wiener Art herrichtete – ist ja auch nichts für den groben Wien, wenn sie's auch mir zu Lieb' tat. Meine roten Backen und die hellen Augen hab' ich vom Roggenbrot. Und auf den Buchweizenfeldern ist auch hier ein einzig Summen jetzt. Wie meine rote Heide blüht! Ich will mir doch einen kleinen Strauß pflücken. Nicht räubern. Säuberlich mit der Schere ein paar Dolden abtun. Die schenkt mir gern die rote Unendlichkeit.

Wien Sleef trägt sie auf den kleinen Heidefriedhof. Muß ja noch meine Liebe eingraben, die tot sein muß und doch nicht sterben kann. Aber vielleicht, wenn ich einen Hügel drüber wölbe und Heide hinbringe, dann fühlt sie wohl, daß sie nicht leben darf. »Soll« und »Muß« sind nicht stark genug. Aber das »Nichtdürfen« zwingt den starken Wien.

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