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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 57
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, den 18. August 19 ..

Es ist brennend heiß. Wir haben mit der großen Feuerspritze das Strohdach unter Wasser gesetzt. Die Scheunen sind gut ziegelgedeckt. Überhaupt ist im Dierkhof alles prächtig imstande. »Klein, aber mein«, kann einmal Lütt-Birgitt sagen, wenn sie Grot-Birgitt geworden ist.

Die Heide blüht in nie gesehener Pracht. Als wollte sie sich ganz ausgeben, ganz überblühen. Aber wir bekommen keine Städter hierher, höchstens mal jemand, der in tiefer Stille ein Buch schreiben will. Solche besinnlichen Leute schneiden auch nicht große Placken aus und pflücken auch nicht das liebe Kraut zu Sträußen von einen halben Meter im Umfang, um unsere Gottesschönheit in die dumpfen Stadtstuben zu schleppen. Die Besinnlichen stehen andächtig da, wenn sich der rote Teppich vor ihnen ausbreitet. Ich möcht' ihnen dann immer die Hand drücken, wenn ich solche Enthaltsamkeit sehe.

Ich möcht' wissen, was wohl der Ahne »Erne Sleef«, oder auch vor ihm der »Ode« zu dem »Fullianten« sagten, wenn er plötzlich zurückkäme ... Ob er mir bestätigend zunickte, oder über meine Einschichtigkeit den Mund schmal machte? »De Heidjer sall friegen, sall veele Kinners kriegen« steht über einer alten Hauspforte ... Ich hab mein Glück ja selbst verjagt, und dafür ein leidlich gut's Gewissen eingetauscht. Aber jeden Tag und auch des Nachts pocht mein Herz aufdringlich: »Du Tor, du Blödling, du blinder Geselle!« Wenn ich es also meinem Ahnen in einer Weise nicht recht mache, so geschieht es in anderer. Ich »lebe mein Leben im Folianten«. Das Entsagen ist mir schon zur zweiten Natur geworden. – Ich ging ja schon den nächsten Tag nach dem Sleefkamp, – nachdem ich der Liebsten Valet gegeben. – Das Wohnhaus war über und über verriegelt. Ein neuer Vorknecht arbeitete rechtschaffen mit den andern Knechten auf dem Hof. »Wo ist Frau Muhme Kordula?«

»Fort.«

»Wo ist Herr Doktor Sleef?«

»Fort.«

»Und das Fräulein von Sleef?«

»Fort.«

Aus dieser spannenden Unterhaltung sah ich, daß der Neue ein echter Heidjer war.

Ich ging auf die Äcker, da fand ich sie alle bei den Runkelrüben. Ich nahm die Hacke, ohne ein Wort zu verlieren, und half. Wußte aber kaum, was ich tat.

»Mensch«, raunte Tetje Bur, »du weißt aber auch allens. Es gifft ja nix beteres gegen einen Bauch voll Zorn, als Rüben hacken. Und den Zorn hast, das sieht 'n Uhl bei Dag.«

War es Zorn? War's nicht viel mehr ein Schmerz, der alle Schmerzen der Kriegswunden zuschanden machte? Ich antwortete gar nicht, ich scharwerkte wie blind und toll. Erst als die Vesperglocke läutete, ließ ich die Hacke sinken. Ließ sie fallen und liegen, wo sie lag. Ich, der »Peinliche«, wie die Mitknechte sagten.

»Krank bist, Wien«. Also Tetje Bur. »Und siehst aus, als hättest dich schon büschen im Grabe umgesehn. Leg' dich in die Heia mit 'n Fliedertee und 'ne Zitrone. Mensch, kann dir sagen, du schwitzt die ganze Weltgeschichte aus ...«

Hab's nicht getan, denn es war ja nichts Körperliches, was mich umhertrieb. Ich suchte noch den Administrator auf. Der scharfe Ritt tat mir gut, nach dem Vorwerk hin, und der ältere Mann hat so was Beruhigendes. »Na, Sie wissen ja Bescheid, Sleef«, sagte er, denn weil ich zur Herrschaft gehöre, nennt er mich Sie. Er kramte in Truhen und Koffern. »Ich ziehe jetzt erst mal in den Kamp, um die Sache in die Hand zu nehmen, bis der Doktor wiederkommt.«

So erbärmlich überflüssig und beiseite gestellt kam ich mir vor, daß ich noch nicht mal sagen mochte, ich wüßt' nichts, rein gor nix.

»Wenn nur der alten Dame diese Rumreiserei bekommt«, fuhr er fort, packte ruhig weiter und drehte mir den Rücken zu. »Sie ist doch kein heurig Häslein mehr mit ihren achtzig. Und die Angst um die Enkelin ...«

Ich packte seinen Arm. »Was ist's mit der Angst?« schrie ich ihn an.

»Hab' mich gewundert, daß Sie nicht da waren, Wien – ja – gewundert. Wenn auch der Doktor Hilde zugange war mit den beiden Damens, so ist der Wien doch allstunds der Augapfel gewesen.«

»Erzählen!« gebot ich kurz, als sei ich der Herr über alles und er mein Knecht. Und auf seinen erstaunten Blick quälte ich mir die Worte heraus: »Ich war krank gestern – ja krank.«

»Das soll wohl angehen.« Er gab mir einen guten Blick. »Aber hier ist auch nicht alles im Lot. So kennt man ja den wilden Jungen gar nicht, ich mein' die junge Deern, daß sie wie ein Hühnchen im Gewitter ganz verbast ist und sich an den Rock der Frau Kordula Sleef klammert. »Verlaß mich nicht, Großche!« Hab's selbst gehört mit meinen verläßlichen Ohren.

»Und dann?« stieß ich heraus.

»Und dann sind sie zu der Exzellenz nach Hannover gefahren, ja –. Und der Doktor kauft Vieh und landwirtschaftliche Geräte. Hab' ihm selbst alles aufgegeben. Pastor Eichstaedt war auch da mit der Fru Pastorn. Die Fräulein Amei war ihnen ja ausgerissen. Sind das Sachen, sind das Sachen!« Er schüttelte bekümmert seinen Kopf.

»Warum ist sie ausgerissen?« fragt' ich blöde.

»Hab' ich sie auch gefragt, trotzdem's nicht meines Amtes ist. Aber die Deern war so lieb zu mir und zutunlich und zitterte vor Aufregung ...«

»Weiter!«

»Ja, sie sagt dann nur: »Warum? Weil der Pastor mich trauen will.' Hat man je so was gehört? Als ob man jemand kopulieren könnt', ohne daß er's erlaubt. Aber die Deern is doch glücklich mit dem Doktor – oder? Ich kann nichts herausrechnen. Meine Frau selig war mehr für administrieren, als für Glück.«

»Hat man keine Nachricht für mich zurückgelassen?« fragte ich böse, »oder bin ich der Garniemand auf dem Sleefkamp?«

»Sachte, sachte mit die jungen Pferde. Ich komm da schon noch auf den Punkt.« Der Administrator ist auch Heidjer und mit stoischer Ruhe behaftet. »Hier liegt der Zettel. Hab' mir's aufgeschrieben. Erstens. Vom Doktor: »Sagen Sie Herrn Sleef auf dem Dierkhof: ›Brief folgt.‹ Zweitens. Von Frau Kordula: ›Wenn ich zurückkomm ', wird Brasil wieder schmecken.‹ Drittens. Von der Deern Amei: ›Sagen Sie Herrn Wien Sleef, ich hätt's nicht so gemeint ...‹«

Schwer trabte ich heim. Langsam, wie die teure Zeit. Und wälzte in meinem dicken Schädel die brennende Frage: Was hat sie nicht so gemeint? Daß sie mich lieb hat??

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