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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 56
Quellenangabe
pfad/rose/wienslee/wienslee.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Dierkhof, den 12. August 19 ..

Alter Foliant, was heute deine Blätter füllt, das ist Herzblut. Ist Manneserleben, sind Ewigkeitswerte. Als ich vor Tagen die Amei auf ihrem Kismet in den Dierkhof jagen sah, lief ich fort und schämte mich, daß der Wien Sleef Hintertüren benutzen muß. Meine langen Beine trugen mich rasch. Liegt da in weiter Heide ein Hünengrab ganz allein. Dicht daran schattet eine Föhre, urwaldhoch verzweigt. Grimmig anzuschaun, wie der verjagte Wien Sleef. Wie ein Wächter steht sie steil. Und ihr Haupt, das hochragt, mutet an wie ein Stahlhelm. Ich warf mich in die wilde Heide, die schon hochatmete, als wollte sie all ihre prallen Dolden sprengen und blutrote Blust gebären. Du meine Heide, grenzenlos ist deine Schönheit, die schimmernde, grenzenlos deine Stille, die träumende, grenzenlos deine Macht, die siegende, grenzenlos, wie meine Liebe zu dir, du meine rotbraune Heide! – – – Wien Sleef, kann auch ein Knecht zum Dichter werden? Ja, er kann's durch die Liebe...

Ich lag am Hünengrab, hatte den Kopf tief in Sand und Heidekraut gedrückt und schrie mein Leid zu Gott. Denn er ist ja auch in der Erde drin. Und nach langer Zeit hörte ich wieder Pferdegetrappel vom Kopfpflaster des Dierkhofes her, und dachte schmerzhaft: »Jetzt ist sie fort!« Richtete mich auf wie zerschlagen und gelähmt, schaute um mich wie ein Blöder. – Und da kam's am Waldrand geritten, und etwas hob sich weiß ab von den schwarzen Tannen. Kam dann quer durch die Heide, konnte aber nicht weiter. – Kismet strauchelte. Die Amei sprang ab, nahm das Tier beim Zügel. Durchquerte die Heide, langsam, sichernd. Sah mich. Ließ Kismet stehen, der im Heidekraut schnoberte. Und Amei lief, lief auf mich zu. – Ich schlug mit meinen Pranken auf das Gestein, krallte mich fest, und das Blut rann über meine Finger. Schon lag ein blühweiß Tüchlein auf den Wunden, ich schob es fort, der Wind nahm's mit.

»Das war wieder mal häßlich«, sagte Amei. »Und ich tat's doch nicht des Knechtes wegen, sondern weil ich kein Blut sehen kann.« Und sie lief hinter dem Tuch her, das der Wind weiterwirbelte. Aber es war da gerade ein kleines Rinnsal an der Stelle von einer Heidequelle her, und Amei tauchte das Tuch ein und legte es wieder auf meine Hand.

›Sie ist ein böses, eigenwilliges Lebewesen‹, dachte ich. Und stand auf. In meiner ganzen Riesenhaftigkeit sah ich auf das Ding herunter. Es reichte mir bis an den obersten Westenknopf. Ich hatte es satt, sein Spielball zu sein. Und fragte barsch: »Was willst du hier, Deern? Kann ich dich gar nie los werden??«

» Nein«, sagt sie. Und die feinen Lippen beben und die blauen Sleefaugen sind fast schwarz. »Warum quälst du mich so, Wien?« Ich packte ihren Arm. Wo ich hinfasse, da wächst kein Gras mehr. Aber sie schrie nicht auf, und ich ließ den feinen Arm ja gleich wieder los.

» Ich quäl dich, Amei? Ich? – – –«

»Ja, du Wien. Vom ersten Tage an, als ich unter dem umgestürzten Wagen lag, und du mir einen so heißen, starken Grog machtest. Und dann immer weiter, als ich die Brandblase bekam, und du mir das Arnikapflaster auflegtest, das so schön heilte – und – und dann so fort ... bis heute. Du bist schlecht, Wien. Aber du glaubst, du bist gut.«

Ich hatte schon manchmal in Büchern von Logik gelesen, und daß die Frauen eine andere Logik haben als wir Mannsen, aber dies war mir eine Vorlesung, die ging über Kreid' und Rotstein. Ganz schlimm war's aber, daß ich jedes Wort von der jungen Amei austrank mit den Ohren, und immer leise innerlich sagte: ›Sprich weiter, du Liebes!‹

Denn ich hatte ja eigentlich nie ihre Sprache vernommen, jnur immer die Spottdrossel singen hören. Schier trugen mich meine Füße nicht mehr, und ich setzte mich auf die Steinplatte vom Hünengrab. Da saß sie auch schon neben mir, und ihre kleine, braune Hand lag auf meinem Joppenärmel. Ich nahm sie mit spitzen Fingern fort und tat sie herunter. Sehr elend war mir zumute. Und auch die Amei wurde rot und wieder blaß, denn ich mußte sie ja immer anschauen. Die Hände faltete sie so fest im Schoß, daß die Knöchel weiß hervortraten. »Geh' fort, Amei« – sagte ich heiser, denn meine Stimme wollte mir gar nicht gehorchen. Aber die Amei gehorchte sofort. Sie glitt vom hohen Stein herunter und sah mich gar nicht mehr an. Als hätt' ich sie geschlagen, so geknickt und jammervoll stand sie da. Und dann lief sie – – kämpfte sich durch das hohe, hemmende Heidekraut, und mein armes Herz lief hinter ihr drein. Der Gaul hatte schon längst eine urbar gemachte Stelle gefunden und graste munter auf einer Dierkhofwiese. – Und nun kommt mein schreckliches Unrecht, und ich will mich niemals besser machen, als ich bin. Ich sprang auf, und mit Riesenschritten hastete ich hin zu ihr. Ich hob sie auf meine Arme und trug sie zum Hünengrab zurück. So weiß war ihr Gesicht, aber sie lächelte ein klein wenig. »Nun bin ich bei dir!« sagte sie an meinem Ohr. Ich setzte sie auf die niedere Platte des Steins, setzte mich daneben und stützte sie mit meinem Arm.

»Was wolltest du bei mir, Amei? Sag' jetzt keine Teufelei, ich kann's nicht ertragen.«

»Bei dir bleiben will ich. Du bist so allein. Sie nehmen dir ja alles weg. – Erst den Sleefkamp und dann den Gemeindevorsteher. So was kann ich nicht ertragen.«

Darauf konnte ich nichts sagen. Es konnte ja auch ein Traum sein, und wenn ich gesprochen hätt', wär' ich aufgewacht. So ein wunderguter Traum. Amei sprach aber auch schon weiter:

»Wien, du bist ja so furchtbar dumm. Du merkst ja nichts und spürst nichts. Auf den ersten Blick wußt' ich, daß wir zusammengehörten. Und Vater hat dir doch sicher erzählt, daß ich ein verdrehtes Huhn bin, und alles anders mache als andere Leute. Und wenn ich dich anpöbelte, daß du ein Knecht wärst, dann meinte ich natürlich immer, du wärst mein Herr.«

»Amei, ich bin aber wirklich ein Knecht. Und so gering, daß man mir den Vorsteherposten wieder abgenommen hat...«

»Schlag' sie tot, die Bande, sie hat nichts besseres verdient«, gebot Amei.

»Und ich bin so häßlich, daß du und jedes andere Mädchen sich von mir abwenden müßt'.«

»Was andere Mädchen tun, weiß ich nicht. Aber ich wende mich jedenfalls nicht ab.« Und dabei legte sie ihren Arm um meinen Hals und küßte mich. – Ja, das tat sie, ganz zart und scheu. Wie ein Rosenblatt lagen die seinen Lippen auf der zerissenen, häßlichen Wange des Knechtes, und mir war's, als wären die Kriegswunden jetzt erst geheilt.

»Häßlich finden dich die anderen Mädchen?« Amei betrachtete mich kritisch.– »Es sind Gänse! Du siehst klug und stolz und gut aus. Und die Wunden sind Orden. Vater meinte von dir: der Wien hat das ganze Gesicht voll Orden. Mancher trägt sie unverdient auf der Brust, und der Wien trägt sie verdient im Gesicht. Deshalb ist er schön.«

Die Kinderstimme war wie Balsam. Aber ich durfte ja nicht länger zuhören. »Dein Vater ist sehr gut, und hat eine schöne, hohe Ansicht von allen Dingen«, sagte ich. Es klang sehr trocken und philisterhaft gegen das liebe Plaudern der Amei. Ich quälte mir ja auch die Worte nur so heraus, denn ich hatte solche wahnsinniges Verlangen, die Amei an mein Herz zu nehmen. »Ich weiß aber doch, daß du mit Vetter Jochen verlobt bist, und daß du ihn am 26. August heiraten willst, das paßt doch alles nicht zu deinen Worten, Amei?«

Sie rückte so heftig von mir fort, daß sie beinahe von der Steinplatte heruntergefallen wäre. »Siehst du, Wien, wie greulich du bist? In all diese schrecklichen Dinge hast du mich hineingehetzt, und jetzt hältst du sie mir vor, wie ein alter Schulmeister, anstatt mir zu helfen, wie ich den Kopf aus der Schlinge ziehe.« Amei war sehr zornig.

Aber ich nahm mein Herz in beide Hände. »Das wäre unehrlich von mir, Amei, wenn ich dir helfen würde. Vetter Jochen glaubt doch an dich, Amei – du hast ihm doch gewiß oft gesagt, daß du ihn liebst.«

»Oft? – Nicht einmal. Zu Muhme Kordula habe ich's gesagt, und sie hat mir's geglaubt, und zu Vater hab' ich's gesagt, und der streitet mir's ab, daß es wahr wäre. Es ist auch nicht wahr, und Jochen hat es mir nie geglaubt.«

»Amei, will denn Jochen nicht am 26. August mit dir Hochzeit machen?«

»Freilich will er. Und deshalb müssen wir beide ihm ganz rasch zuvorkommen. Du mußt schnell zum Vorsteher reiten, Wien, damit er den Kram umändert und in Ordnung bringt.«

»Amei, du sprichst unglaubliche Dinge. Man sollte nicht meinen, daß du achtzehn Jahre alt bist, sondern kannst gut und gern für eine Dreijährige gehen.«

»Dreijährige brauchen nicht Hochzeit zu machen, die Glücklichen. Die werden nur behütet und lieb gehabt.«

»Amei – – du wunderliches Kind – – der große Wien hat dich unsäglich lieb.«

Amei stieß einen urwüchsigen Schrei aus. Wie ein Waldvogelschrei war er. »Oh, das ist herrlich!« jubelte sie. »Nun hab' ich Mut für zwei. Nun geh' ich gleich zu Jochen und sag' ihm alles.«

»Das werde ich tun, Amei, das ist mein' Sach'. Red' nichts dawider, hörst? Ich stehe nun als Schuldiger vor ihm. Weil ich dir sagte, ich hätte dich lieb.«

» Unsäglich hast du gesagt, nimm nur nix davon fort.«

»Ja, unsäglich. Und darin liegt die Schuld.«

»Ich versteh' das nicht«, trotzte Amei. »Das erste gute, vernünftige Wort, was du sprichst, soll Unrecht und Schuld sein?«

»Amei, du mußt jetzt heimreiten. Was soll Großje denken, wenn du nicht zurückkommst. Und über mich ist das Neue hereingebrochen – – ich kann's noch nicht fassen. Geh' Amei, ich trage jetzt ein schweres Geheimnis mit dir. Ich glaube, du bist noch gar nicht fähig, die ganze Tragweite zu ermessen.«

»Siehst du, Wien – du bist wie alle anderen. Keiner hat Vertrauen zu mir. Wien, lieber Wien, meinst du, ich könne keine gute Frau und Mutter werden?« –

Ich nahm ihr feines Gesichtchen in meine beiden groben Hände. »Du Liebes!« sagt' ich, »du ganz Liebes!« Da küßte sie meine rechte Hand. Ganz kindlich, als ob ich ihr leiblicher Vater sei.

»Wien«, sagte sie. »Ich dank dir! Du hast das eben gesprochen, wie Mütter es tun. Wien, ich hab' nie meine Mutter gekannt. Deshalb bin ich nicht geraten ...«

Ganz still schritt sie von mir fort, und ich blieb stehen wie ein Holzpfahl. Schaute und schaute. Bis die liebe Deern ihr Rößlein fand und sich hinaufschwang. Nicht ein einzigmal hat sie sich umgesehen. Ich warf mich ins Heidekraut. – – –

Die nicht Heidjer sind, die kennen ja nicht seine Kraft. Es heilt, es heilt ...

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