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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 53
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Im Altgedinge, 16. Juli 19 ..

Ich komme eben von der Gemeindesitzung. Das ist so eine alte Gerechtsame vom Sleefkamp, welcher der größte Hof in der Runde ist, daß die Sitzungen hier abgehalten werden. Der Gemeindevorsteher, der in Brudlingen wohnt, nicht weit vom Dierkhof, ist noch ein alerter Mann von siebenundvierzig; deshalb macht es ihm nichts, herzureiten bei gutem oder schlechtem Wetter. Es hat auch noch niemalen jemand aufgemuckt in der Gemeinde, daß just auf dem Sleefkamp so ein Erbrecht besteht. Wo er doch so weit vom Dorf und der Kirche liegt. Das Dorf heißt ja auch Sleef. Und viele Vorfahren liegen dicht an der Kirche begraben. Aber vom Dorfe selbst gehört nichts mehr den Sleefs, sind genug Äcker und Wiesen beim eigentlichen Kamp nach unserer Seite hin. Wir haben bäuerliches Grunderbrecht. Aber der Ahn Ode Sleef hat bei der Eintragung in die öffentliche Höferolle einen Passus hineingetan, weswegen ich ja auch nochmal hier als Erbherr sitzen könnt'. Es ist eine verzwickte Sache, und ich will sie nicht auseinandertun. Bin froh, daß ich für den Sleefkamp arbeiten kann. Aber mit der hellichten Freude ist's vorbei, die ich damals hatte. Damals, das dünkt mich hundert Jahr, und ist noch nicht einmal ein einziges vergangen – – als ich einen Freund fand – glaubte »einen bessern findst du nit«. Und hab' ihm so einen Brief schreiben müssen ...

Und er wird Herr hier, und meine Liebste führt er heim. Das ist schon zum Verzagen. Und ich schäm' mich nicht einmal, daß ich sie im stillen Kämmerlein – das ist mein Herz – meine Liebste nenne, wo sie doch einem anderen gehört. Aber ich schäme mich in »de grawe Grund«, daß ich sie Liebste nenne, da sie mir so feind ist. Ja, dafür veracht' ich mich selber. Und ich glaub' es zutiefst, daß eher noch gegen den Tod ein Kraut gewachsen ist, als gegen die Liebe.

Will's gestehen, ich habe nächtens, als ich nicht schlafen konnt', im Folianten gelesen. Und sinniere seitdem, wie es angehen kann, daß in einer Sippe so arge Verschiedenheit in den Gliedern besteht. Also daß der eine den sturen Rechtsweg geht, den Blick gradaus. Und hat sein angetrautes Weib geliebt und geehrt, trotzdem es ihn bis in den Tod gescholten, gehänselt und gepeinigt hat. »Ein Sleef liebt nur eynmal«, steht als sein letzter Vermerk. Und schon sein bluteigner Nächster, sein Sohn hat sein schönes, junges und zartes Weib auf den Schragen gestreckt mit seiner Untreu. Der hat aber niemalen den Folianten gefüllet, sondern auf seinem Totbett, eine Stund vor seinem Scheiden auf eine leere Seiten gekritzelt, und da steht sein Spruch nun auch ganz für sich: »Ich möcht' meiner Sippen fluchen, weil's mir nicht das gegeben haben, was ich lieb hatt' ganz alleinig –«

Und dann wieder eine Reihe mit lauter Gottessegen in der guten Ehe. Wenn auch die Sleefs keine große Kinderschar aufzeigten, waren sie doch gesund, auch die »alleinigen« Kinder. Und wurden streng erzogen. Auch große Schlagetots wurden sie, und der Wien der Größte von allen. Der Hoferbe, der für meinen Vater eingesetzt wurde, als der dem Hofe Valet gab – schrieb in den Folianten gleich zu Anfang: »Frigen schall ik! Fruensminschen bögt all nix! Fürch mi bannig! Bliew ik ledig!«

Und über all den Kram, den ich hierhin tühne, bin ich von der Gemeindesitzung abgekommen. Die war schon vorbei, als ich gerufen wurde unverhofft. Denn ich gehör' da nicht hin. Und nun nützt es nichts, daß ich von all den Sachen nix schrieb, weil es mir so arg widersteht, den Großmogul zu machen. Muß es nun hintenach doch tun. Das ist überhaupt der Fehler von diesem Folianten, daß der Ahne gebot, man soll »sein Leben darin leben«. Pag. l, Zeile 9. »Sohl jed Nachfahr den Fullianten füllen und sich niet scheuhen seine selbstigen guten und schlimmen Gedanken darzutun. Alle seine Nachkohmen sohlen die Vorfahren kennenlernen mit alle Schwachheit und alle Größe.«

Lieber Ahn! Wollt' ich, Wien Sleef, alle meine Schwachheit aufzeigen, würde der Riesenfulliant zu klein.

Als ich hinüber schritt in die Sleefkampdiele, wo sie tagten, stand der Gemeindevorsteher auf und alle taten's ihm nach. Ich dachte, sie wollten heimgehen und kannte mich nicht aus. So feierlich schauten sie drein, und die Muhme Kordula war auch zugegen. Sie fingerte auf dem Tisch herum und sah aus, als brauchte sie eine Brasil. Aber in den Sitzungen wird nicht geraucht, und Frauen sind ja auch sonst nie dabei. Alles war verwunderlich für mich. Und ich will's nur gleich hinschreiben, was der Vorsteher an mich hinredete. Es kam drauf heraus, daß ich eine Last Gutes an der Gemeinde getan hatte in der Zeit, wo ich auf Sleefkamp diente. Sie warfen mir dann alles vor, und manchmal redeten sie alle miteinander und zu gleicher Zeit. Da fuhr ich mir durch meinen Haarschopf und rief: »Hört's auf!« Sie lachten und schüttelten mir die Hände.

»Wer lebendiges Leben rettet, den hat der Herrgott besonders lieb«, sagte der Gemeindevorsteher. »Und du, Wien, hast nun schon dreimal das Bibelwort befolgt: ›daß er sein Leben hingebe für seine Brüder.‹«

»Ja, und für seine Schwester auch«, rief da der alte Inlegger Tetje Bur, der manchmal nicht mehr so ganz seine Fünf beisammen hat. »Hat mir doch verleden Woch' der Wien meine Kuh gerettet. Arg wild war sie und bedrohte auch andere in den Ängsten ihrer Trommelsucht. Und der Wien hatte nicht Trokar, oder 'ne Schlundröhre, nich mal 'n Messer, was doch jeder anständige Mensch bei sich trägt. Nur 'n Strohseil war da, und wie er das so akkrat einlegte, und dann riß er dem Hütejungen de Peitsch ut de Fingers und stieß sie der Kuh in den Schlund. Und ich mußt' vor Freude weinen.«

»Is schon gut, Tetche«, wehrte ich, aber er schrie mich an: »Bin noch nich fertig. Die Kuh windete, und es war so feierlich. Und die Leut' sagten: ›Gerettet.‹ Gerade wie der gelehrte Bader in Einsingen, wie er meiner Olsch die verkehrten Tropfen gab. Und sie starb ja denn auch.«

Es war wohl die längste Rede, die Tetche Bur jemals gehalten hatte. Und nun würde er wieder ein Vierteljahr schweigen, deshalb hatte ihn niemand unterbrochen. Aber auf mich stürmten sie alle ein und ließen mich nicht zu Wort kommen. Und der Gemeindevorsteher sagte: »Wien Sleef, ich bin nach Brocksen gewählt worden, und hab' dort eine größere Tätigkeit, aber gewiß keine bessere Gemeinde. Und diese gute Gemeinde hier hat dich einstimmig gewählt, wenn ich fortgehe in mein neues Amt. Das haben wir heimlich gemacht, damit du nichts solltest dagegen eifern.«

Da begehrt ich auf: »Zu heimlich! Ich bin da nich für. Doktor Jochen Sleef ist mein Herr, und der kommt vor mir.«

»Nicht doch, nicht doch, Wien. Kennst doch eure Gerechtsame. Der Thing wird auf euerm Hof gehalten, aber der Vorsteher braucht kein Sleef zu sein. Und es ist kein Gewohnheitsrecht geworden, wenn auch früher die Sleef immer der Gemeinde vorstanden.«

»Den Herrn Doktor Jochen kennen wi nich«, hat jetzt der Älteste das Wort genommen. »Mag ein honetten Mann sin, is äwer to selten öwer den Weg. Der kennt sin eigen Gewese nich – wie schall he 'n ganzen Dörp kennen? – Wien, du büs unser Mann.«

Ich sah Muhme Kordula an. Sie hungerte geradezu nach einer Brasil. Aber sie stampfte zu mir hin, und alle machten ihr ehrerbietig Platz.

»Wien, tu's!« sagte sie sehr laut, daß es schier wie ein Befehl klang. »Ich geh' nicht von der Stelle, bis du ja gesagt hast.«

Das war eine Tat von ihr und da wollt' ich auch eine tun. Streckte dem Vorsteher die Hand hin, und – ich sag's frei – ich konnt' kaum sprechen vor Freude. Aber innerlich rief's »nein« bei mir. Ich krieg ja den Doktor Jochen nicht aus dem Sinn.

»Einstimmig habt ihr mich gewählt, ihr lieben Nachbarn?« fragt' ich, und dann konnt' ich nicht weiter. Aber alle Hände drückt ich, und sie schlenkerten danach alle ihre Finger.

Und die Muhme nahm mich bei der Hand und ging mit mir in das Altgedinge. Die Nachbarn ehrten meinen Wunsch, daß ich nicht mit zu Bier brauchte, sondern bei der Muhme blieb.

Die Amei stand im Mondschein im Hof. »Kommst mit, Grotzche?« fragte sie.

»Nein, ich bleib' beim Wien.«

»Weiß er's? Was sie mit ihm vorhaben?«

»Ja!«

»Dann müssen wir ihn kurz halten, sonst schnappt er über.«

Das war der Glückwunsch von einer Deern, die so heißt, wie meine Mutter.

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