Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felicitas Rose >

Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 51
Quellenangabe
pfad/rose/wienslee/wienslee.xml
typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081208
projectid9a63d6f8
Schließen

Navigation:

Sleefkamp, den 11. Juli 19 ..

Man möchte doch lieber arbeiten in dieser hilden Julizeit – arbeiten bis man liegen bleibt, arbeiten schier über die Kraft. Das dauert lange beim Wien, ehvor so etwas eintritt. – Aber tatenlos zusehen müssen, wie Gottessegen verdirbt, wegschwimmt, vom Vieh nicht angenommen wird, das ist hart für jemand, der mit Leib und Seel Landwirt ist.

Onnen Tewes, mein Unterknecht, wird ganz hintersinnig in der Arbeitslosigkeit, obgleich genug sonst zu tun ist. Aber Winterarbeit machen im Erntemond, das ist nicht jedermanns Sach'. – Wenn Onnen Tewes sinniert, dann tut er närrsche Fragen. So als heute unser letztes Fuder Heu wegschwamm: »Oberknecht Wien, meinst, daß der Herrgott mal 'n Sommer überschläft?« Was soll man da antworten?

Die Nachbarn, die Abbauer kommen auf den Sleefkamp gelaufen und lamentieren. Es treibt manches auf unserm Fluß, was nicht schwimmen gelernt hat. Drei junge Ferkel kamen gesegelt und eine alte Kommode. Zu rasch ist das Unwetter gekommen über unser Dorf. Die alte Gesine mußte wieder mal ihrer Verwandten beistehen, so ließ ich die Kalesche anspannen und Knecht Hannes fuhr sie bei dem Hundewetter zwei Dörfer weiter. Hört ich also die Amei wieder singen bei Lütt Birgitt an der Wiege. Aber diesmal kam ich nicht aus dem Gleichgewicht. Trat fest auf und klopfte an den Pesel und ein »Herein« hört' ich nicht. Trat ein. Diesmal schlief das Kindlein in der Wiege, und die Amei hielt das perlgestickte Wiegenband und schaukelte sacht.

Bei all diesen heiligen Sachen, die einen Junggesellen so eigen anmuten, ist die Deern so ganz wie eine geborene Mutter. Nur wenn ich sie erwische auf einem andern Gebiet, dann wird sie der grausliche Jung über und über. – Ich sprach deshalb doppelt so leise wie sonst. Um sie kein bißchen zu erschrecken oder zu erzürnen: »Der Herr Vater bittet, Sie möchten mal einen ordentlichen Brief an ihn schreiben. Aber alles – aber auch über alles.« – Und dann wollte ich wieder zur Tür hinaus.

Aber da rief sie hinter mir drein meinen Namen. Auch ganz leise, um Lütt Birgitt nicht zu wecken. So hatt' ich Grund, sie glauben zu lassen, ich hätte nichts gehört. Schloß die Tür mit einem Knacks und schritt schnell über den Hof zu Muhme Kordula. Meine Pflicht war getan, ich hatte ausgerichtet, was Seine Exzellenz mir aufgetragen. Aber recht wohl war mir nicht in meiner Haut.

Beim Nachtmahl sah ich sie wieder. Muhme Kordula hatte sich im Nebenzimmer niederlegen müssen, der »Tismus« quälte sie zum Gotterbarmen. – Die Amei ging erst zu ihr hinüber, solange die Magd noch den Tisch deckte. Ich hörte ihre weiche, gute Stimme mit der Kranken zärtlich sprechen. Was hab' ich der Deern eigentlich getan, daß sie mit mir so garstig ist?

Ich setzte mich an den Tisch und nahm von dem guten Rauchfleisch und den bayrischen Knödeln, welche die Muhme Kordula mir zu Liebe gern auftischen läßt. Da kam die Amei. Rief in der Tür: »Großche läßt grüßen, und wir möchten uns nicht zanken.« »Hab' kein Ursach'«, sag' ich. Fragt' sie herrisch: »Warum essen Sie schon? Man setzt sich nicht hin, wenn noch eine Dame erwartet wird.« – Meine Gegenred': »Ich hatte Hunger, und Sie sind ein Kind, Base Amei.« Von drüben tönt Muhme Kordulas Stimme: »Geht's schon los?« Da schwiegen wir eine Weile.

Ich aß, als würd' ich dafür bezahlt. Nahm mir von allem, was auf dem Tisch stand, und wußte gar nicht, was ich auf meinem Teller hatte. Die Amei war so blaß, wie das Tischtuch vor ihr. Sie rührte nichts an. Ich tafelte weiter, aber der Zorn trieb mir Tränen in die Augen, die gar nichts mit Weinen zu tun hatten.

»Widerlich!« rief die Deern.

»Was?« rief der Knecht und stopfte weiter.

»Das ›Gebahren‹ vom Knecht.«

Häßlich sah die Amei aus, als sie das sagte. Die schöne Amei. Und sie hatte die Mundwinkel verächtlich heruntergezogen.

»Du – – –« sagte ich heiser, »ich nehme dich bei den Ohren – – –«

Sie sprang auf und sah mich an. Und sah mit einem Male hilflos aus. Und zum erstenmal zerbrach mein Zähzorn. Es war, als sollt' ich ein Tier quälen, wenn es gleich eine Wildkatz war... Und in den Augen von der Deern stand eine Frage und eine Angst: »Wirst du es wagen, du großer, grober Knecht Wien, ein Mädchen zu züchtigen – – die Amei – – die bald Herrin auf diesem Hof sein wird?«

Ich kann meinen Nachfahren nicht schildern, wie mir zumut war. Wie vor einer großen, schweren Krankheit. Lachen werden sie vielleicht, daß ein Bauernknecht mit Bärentatzen nicht zugeschlagen hat. Nicht daß ich daran dachte, die zukünftige Herrin vom Sleefkamp vor mir zu haben – oder auch nur an die Deern selbst – – nein, es war der Name – – meiner Mutter Name – – – Schall und Rauch – sagt ein Dichter. Aber nach meiner Mutter war das Kind genannt worden; Amei! Den heiligen Mutternamen wollt' ich nicht schänden. – Das ungezogene, widerborstige Gör schaute ich gar nicht mehr an, das sich jetzt vor mir fürchtete – vor mir, dem Riesen, dem garstigen, ungeschlachten Knecht ...

Ich konnte ganz ruhig aufstehen, konnte still den schweren Stuhl unter den Tisch schieben, zum erstenmal seit über dreißig Jahren, – denn mich hatte schon in der frühen Kindheit der Jähzornsteufel erfaßt, – hatte ich volle Gewalt über mich behalten, hatte der Schlange den Kopf zertreten. Und wahrhaftig – es kommt immer lächerlicher für mich und jene, die den »Fullianten« einmal lesen – ich setzte den Kratzfuß hin, den mich die Mutter als Bübel lehrte. Nicht die Amei bekam ihn, er war der Muhme Kordula im Schlafpesel vermeint.

Denn ich ging ja. Ging fort für immer. – Nicht vom Sleefkamp. Denn da mußt ich ja meine Knechtspflicht tun. Die Muhme Kordula hatte mir ja nicht gekündigt. Und vom Sleefkamp läuft man nicht weg, wie die Magd vom Kind – – Respekt vor dem Dreihundertjährigen l Aber aus dem Hause ging ich. Großmutter und Enkelin gehören zusammen.

Den Namen Großmutter hat sich die Muhme heilig verdient mit allem, was sie an dem General und seiner Tochter getan hat. Du da droben, lieber Gott, segne die Frau! – Morgen lasse ich mir von Onnen Tewes und dem Hannes meine Sachen aus meinem Pesel herübertragen nach der Knechtsstube, die neben dem großen Viehstall liegt. Die Möbel gehören mir, sind Urväterhausrat von den bayrischen Großeltern. Die waren auch beinahe so breit und lang wie die Sleefs, und jeder Schrank, und das Kanapee, und die Kommode nebst »Sekletähr« und den beiden Ohrenstühlen sehen akturat so viereckig aus, wie der Wien Sleef. Die Muhme Kordula wird mich traulich besuchen, solange ich noch in der Nähe bin und für sie schaffe. Bis zu ihrem hundertundfünften Lebensjahr werden wir uns noch mannichmal wieder in die Augen sehen. Fahr wohl, Heidehaus – Herrenhaus', Wien, der Knecht, gehört in den Stall. – Aber Muhme Kordula wird mich verstehen, das ist mir die Hauptsache.

 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.