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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Sleefkamp, den 6. Juli 19 ..

Man wird tranpüsterig, wenn man zum Fenster ausschaut. Regen, Regen, Regen. – Muhme Kordula hat ihren »Tismus«, wie Onnen Tewes unentwegt sagt. Aber sie will sich nicht in die Heia legen mit Warmkruken.

»Dazu bin ich zu jung«, sagt sie und qualmt. Was ja auch nicht gegen das Rheuma ist aber dafür. »Wenn ich hundert Jahr bin«, dann könnt ihr mich pflegen, so lang hatt' dat Tid.« Nun sitzt sie im Ohrenstuhl, drin alle Ahnen »ausgerastet«. Aber an's Ausrasten denkt sie nicht. Das wär' ja auch schlimm, und dann hätte der Wien gar nichts mehr auf dieser Welt und könnt' sich gleich neben sie legen.

Nein, Wien hat ja das Kind und darf nicht davonlaufen. Muhme Kordula raucht, und hie und da schuddert sie etwas zusammen, es ist ihr »unmustern«, wie sie sagt. Ich denk' so bei mir: »Willst der alten Frau doch nochmal zureden, sich hinzulegen«, da wird sie ganz lebendig, tut einen tiefen Zug aus der Brasil und ruft frohmütig: »Hallo, Wien, marsch, marsch, ich hab's! Steck' den Ofen an! Aufgeschichtet ist alles drin, ›Fuhrenäppel‹ und Holz und Späne und Torf. Wat sull wir frieren, wenn der Stadel voll Gottessegen ist. Un weißt was, Wien? En düchtjen, ornlichen Grog braust du üs! Hast wat seggt, Wien?«

Nein, das hatt' ich nicht getan. Aber nun mußt ich doch ludhals lachen. »So is recht, Muhme! Wer lange Grog trinkt, lebt lange.«

»Dummheit lacht«, rief sie, und es sollte streng klingen, aber es gelang nicht.

Während ich einen brennenden Fidibus an den geschichteten Holzstoß im braunen Kachelofen hielt, kam die Amei herein und fragte erstaunt: »War das der Wien, der gelacht hat; oder du, Großje?«

»Wir beide lachten büschen ein Duett«, log die alte Frau ganz kandidel, »und jetzt woll'n wir ein Duett trinken, machst mit, Enkelin?«

Und die Amei: »Dat do ik! Ik müch'n Grog. Grog war mein Einstand im Sleefkamp. Weetst noch, Wien?«

Da bin ich hinausgestampft. – Wenn sie mich so anschaut, und dann noch lacht mit den Wunderaugen und den weißen Zähnen und pladdütsch schnackt un Grog will, un mir das »Du« gibt – – –

War aber bald wieder drin. Hatt'n groten Buddel im Arm und hinter mir her trug die Magd einen Kessel mit kochend Wasser und schönen, alten Gläsern, die durch Generationen heil geblieben sind. Und die Magd hat gor keen Tid zum Verstaunen, denn die Amei deckt flink den runden Eichentisch, nimmt der Magd alles ab, bis auf den heißen Kessel. Stellt in jedes Glas, das schon mehr einen Humpen darstellt einen silbernen Löffel, etabliert in dem Glas ein großes Stück Kandiszucker, und über diesen Kristallberg fließt nun der Rum, als ob 'n olen Seemann ihn trinken sollt'. Und dann das sprudelnde Wasser, aber mit Maßen. Dunnerkiel – ich hatt' noch nie in meinem langen Leben eine feine Deern son Schluck brauen sehen. Muhme Kordula schaute schief und machte die Augen klein, ich dacht' schon, sie würd' schelten. Aber als die Magd mit dem Kessel hinausging, rief sie ihr nach: »Häng' ihn über den Dreifuß und halt' ihn kochend. Auf einem Bein steht der Heidjer nicht.« Aber den letzten Satz rief sie sachtgen zu uns, denn sie will ja beileib kein Ärgernis geben.

Aber die Maßen heimelig war es im Wohnpesel der Muhme Kordula. Sie hob ihr volles Glas zu uns beiden, pustete gewaltig und trank – man seggt sonst »wie eine Alte« – aber sie trank wie eine Junge und stieß mit der Enkelin an. Aber die Amei und ich sahen uns gar nicht. – Sie tat's wegen Bosheit und Launen nicht, und ich nicht wegen Ehrenhaftigkeit. – »Wer ein Weib ansiehet ihrer zu begehren.« – – – Und ich weiß, und der Herrgott weiß es erst recht – ich begehre ihrer, sobald ich in das schöne, liebe Sleefgesicht schau. Ich bin ein ganz schlechter Kerl von Ur to En'n. – Alle Schönheit der ganzen Sippe hat die Deern geerbt, aber anschauen darf ich's nicht. Weil ich gleich wieder meinen Kopf verliere. Den Kopf mit den Narben, samt dem groben Gesicht und den garstigen Wunden. Und das Einzige, was unversehrt blieb, die »schönen Augen«, wie die Obermagd Gesine sagt, die darf ich nicht gebrauchen. – Aber ich gebrauche sie, wenn Doktor Jochen wiederkommt. – Dann seh ich ihn durch und durch. – Brennen sollen ihn meine Augen, wenn sie ihn fragen: »Verdienst du die Amei?«

Jedenfalls waren wir aber aufgeräumt und warm geworden von dem Grog. Aber nur die Muhme Kordula hat zwei Gläser ausgetrunken, ich nur eins, und die Amei hat nur ein paar Schlückchen getan. Aber die Muhme ist von altem Schrot und Korn, stapfte aufrecht in ihren Schlafpesel, und nur der Handstock wurde etwas fester aufgestoßen. Sie sprach noch stehend den Abendsegen, winkte uns mit der Hand und sagte: »Ich gedenke einen guten Schlaf zu tun.«

Eine prachtvolle Frau. Ich werde andächtig, wenn ich an sie denke. Was sie tut, das tut sie ganz. Und ist es just was Starkes und Lustiges, wie etwa der Grog, dann zwingt sie es desgleichen. Sie hat sich allzeit selbst ernst genommen. Aber der große, starke, große Wien mißtraut sich selbst. Ist schlapp geworden. »Ein Mägdelein nasführet ihn«, heißt es in einem uralten Liede. – – –

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