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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 42
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Sleefkamp, 14. Juni 19 ..

Die Braut von Doktor Jochen Sleef bleibt nun hier, bis – bis – – ja – bis ich dann eben fort muß aus dem Paradiese. Das Schicksal ist wie der Engel mit dem feurigen Schwert. Nur, daß es diesmal den Unschuldigen trifft. Es geht eben heil närrisch zu in der Welt. Die hängt mir den Übernamen »Vadder« an. »Vadder Wien« sagen die Böswilligen, oder auch die Leichtsinnigen. (Aber die Amei hat gleich zugehauen. Die närrisch Deern.) Sie ist wie ein schweres Rätsel, das männigmal in der Zeitung steht in der »Kopfzerbrechensecke«. Hoho, ich denk', ich knack' diese Nussen schon mal auf. Wien, der Kern gehört aber dem andern. – – Doch ich will hierhin schreiben, damit es urkundlich wird, daß ich den Spottnamen »Vadder Wien« in einen heiligen umwandeln will. Das unschuldig Kindlein soll » Vater« to mi seggen, sobald es nur erst mal stammeln kann. Und soll nicht mehr Dierk heißen, wie es anitzt im Kirchenbuch steht, sondern Birgit Sleef. Es ist ein fester Entschluß von mir. Bin ja nicht dazugekommen, neulich mit der Muhme zu Ende zu reden. Wenn sie Ahnungen hat, so soll sie sich ihrer entschlagen oder auf den Grund gehen. Aber daß ich der aufrechten, sauberen Frau das Herz schwer mache, oder gar breche mit der bösen Gewißheit, die mir Jochens Brief brachte, das liegt dem Wien nicht. Ich mach's auf andere Weise, gebe dem Lüttjen, was ihm zukommt. Und wenn sich dann sein richtiger Vadder, will sagen, sein »eigentlicher«, auf den Sleefkamp setzt mit der Amei – – Herrgott – – – dann nehm' ich mein Kind und geh' zurück auf den Dierkhof, und mach' mit Gottes Hilfe den kleinen Hof groß für das Kind. Hat man mich doch auch groß geehrt dort. Segen über die Dierkhofer! Schickt mir der dortige Amtsvorsteher ein Schreiben, daß ich soll Vormund sein über die Urenkelin Birgit laut Testament der braven Alten. Muß doch was am Wien sein, wenn man ihm so ein junges Leben übergibt auf Gedeih' und Verderb'. – Ich dank euch übers Grab hinaus zu tausendmalen.

Sleefkamp, den 15. Juni 19 ..

Die vertrackte Deern, die Amei! Als wir heute uns nach dem Tischgebet hinsetzen wollen – denn die Muhme Kordula steht bis zum Amen aufrecht da – da streckt mir doch die Braut von Doktor Jochen die Hand hin. (Ich schreib immer ihren richtigen Titel, damit ich eingedenk bleib, daß sie nicht mir gehört.)

»Vetter Wien«, sagt sie, »wir wollen's doch so machen, wie wir eben gebetet haben. ›Und gib uns Deinen Frieden!‹ Zufällig hab' ich drüber nachgedacht. – Wissen Sie, Vetter Wien, jawohl ganz zufällig, Großjes wegen, ja – und nun gar nicht mehr drüber reden – Schluß!«

Um keinen Sack voll Geld hätte ich ihr die Hand geben mögen zu so einer ungehörigen Red', aber sie riß meine große Pranke einfach zu sich und drückte sie doll. Und da sagt' ich: »Meinetwegen.«

Kriegte darauf wieder einen Zornblitz aus den schönsten Augen der ganzen Welt. Aber das weiß die Deern ja nicht, daß sie wegen dieses Gottesgeschenks eine Verantwortung hat. –

Und nun sprechen wir kein Wort zusammen. Es ist wie immer. Sie könnt' ebensogut in Podolien sein. Aber Muhme Kordula, die ja so eine Anlage hat, noch beim Raubmörder eine edle Seite aufzufinden, sagt: »Es ist doch ein Anfang, Wien, und ihr seid jetzt Hausgenossen.«

Hausgenossen sein? – Das heißt im Sleefkamp: Einer trage des anderen Last! Schön und gut. Meine Last trägt sie nicht, und sie selbst hat nicht den geringsten Huckepack auf ihren schmalen Schultern.

Heute wurde ich erinnert an das letzte Weihnachtsfest, als uns die Schneeflock, hereinschneite. Ich wollt' endlich mal die Gesine im Altgedinge besuchen. So formulier ich das von mir selbst. Aber der Foliant will ja Wahrheit, und deshalb schreib' ich's hinterher: »Ich hatte Heimweh nach dem Kinde, das nicht meins ist, aber es werden soll.« Da steht das »gefühlige« Wort, und ich werde rot wenn ich denk', es könnt' mir jemand über die Schulter sehen. Das Mammut, der Schlagetot, der Zweimeterkerl. Und das Lüttje, so lang wie mein Fuß – – –

Kurz und gut, ich steh' vor dem Wohnpesel der alten Gesine. Und hinter der Tür hör' ich singen. Daß diese Gottesstimm nicht der Großmagd gehören konnt', da braucht ich nicht zu fragen. »Josef, liebster Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein...«

Viertels stand die Tür auf. Ich schob mich durch. Hab' ich nicht auf frühere Foliantseiten geschrieben, daß die ungute Deern mich immer auf was Heiliges bringt? Es war die Jungfrau Maria selber, die da stand und sang. Vielleicht machte es auch nur das blaue Kleid und das blonde Haar. Denn gleich nachher stieg es in mir auf. Wenn du jetzt vor die Heilige hintrittst und sie aufweckst aus der Frömmigkeit, dann läßt sie das Kind fallen, oder sie wirft es dir an den Kopf. Deshalb blieb ich an der Tür stehen. Und da war grad das Lied zu Ende. Und die Deern hob die Augen und wurde einen Schein blasser. Aber das ist natürlich »Inbillung, die düller is as Pestilenz«. Und eingescherrt waren wir beiden Todfeinde zusammen, weil der Heidewind die Tür zuschlug. Da trat ich denn hin zu ihr.

»Ist das Kind gesund?« fragt' ich blöde und wagt' es gar nicht, das wunzkleine Händchen anzurühren, das wie ein weißes Sternblümchen auf des Mädchens blauem Kleide lag.

»Wollen Sie es sehen, Vetter?« Und sie drehte es zu mir herum. »Sie haben es ja gerettet.« – Ihr Stimmlein klang so weich, wie ihr Gesang vorher. Woher dies Wunder? Ich wollt's nicht verscheuchen. Da wandte ich mich zum Gehen, und sie bettete das kleine Köpfchen wieder an ihre junge Brust. Da muß freilich ein gutes Ruhen sein...

Bei diesem Gedanken stolperte ich hinaus. Und habe den ganzen Tag unrastig und zerfahren geschuftet, daß die Mitknechte wieder meinten, der Oberknecht hätte seine »Fünf« nicht beisammen. Hat er auch nicht. – Es kam freilich heute auch viel Verqueres dazwischen.

In alle Arbeit des Sleefkamps hinein schickte der Dierkhof einen ganzen Kastenwagen mit Aussteuer für Lütt-Birgit, und auch einen Reisekorb, wo der Nachlaß von der unglücklichen jungen Mutter darinnen lag. Da ließ ich die Hand davon. Schickte alles zur Muhme Kordula. Man ist ein Mann, hat Bärenkräfte und Verstand vom Herrgott bekommen, aber bei so feinen Sachen da sind Herz und Gemüt und Kraft zum Ertragen größer bei der Über-Achtzigjährigen. Ich mußt' ihr aber erst Vollmacht geben und den Korbschlüssel in die Hände legen, kraft meines Amtes als Vormund. Arg gewissenhaft ist die Muhme. – Dann hat sie sich eingeschlossen. Und die Obermagd und jetzige Kindspflegerin Gesine erzählte mir, die Sleefkampin habe den großen Eichentisch in ihrem Pesel ganz abgeräumt und auch die Decken fortgetan, und nun lägen viele Briefe vor ihr und auch Kleider und Wäschezeug, und »die Frau« wolle auch nicht essen. Oft und oft hätte sie sie angerufen. Alle anderen sichtbaren Wahrnehmungen hatte Gesine aus dem Schlüsselloch bezogen.

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