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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Sleeflamp, den 6. Juni 19 ..

Wir laufen so »umanand«. So würde mein bayrischer Großvater sagen. Nüms getraut sich zuerst zu sprechen. Ich bin aber wohl an der Reih'. Denn die Deern hatte ja das letzte Wort. Aber »wer zuletzt lacht, lacht am besten«. Muß aber sagen, daß ich nicht mit argem Willen schweige. Die Muhme Kordula macht mir Sorgen. Und doch kann ich mir um Leib und Leben nicht denken, was ihr fehlen könnt, wenn nicht etwa Krankheit sie plagt. Aber beileib nicht eigenmächtig den Doktor holen. Ist ein gescheiter Mann, der Doktor Kraatz aus Einsingen, und hängt wie Pech und Schwefel am Sleefkamp. Aber ich seh's schon vor mir, die Muhme Kordula würd' ihn eiskalt fragen, wer ihn gerufen hätt', und ob sie der Herr vom Sleefkamp sei oder der Knecht. Und würd' ihm seinen anstrengenden Weg doppelt und dreifach bezahlen, und der Doktor würd' ihr das Geld vor die Füße pfeffern. Aber nach einer Woche käm ein totguter Abbittebrief von ihr, und nach drei Stunden wär er wieder da. Und das ist gut. Prachtskerle sollen Freundschaft halten.

»Wollt' fragen, wie dir's geht, Muhme Kordula?«

»Ist recht, daß du kommst, Wien. Ich dacht' schon, du wärst selbst zur Runkelrübe geworden, weil du gar nicht zum Vorschein kamst.«

»Das wär' nicht schlecht«, lacht' ich. »Und die Muhme Kordula hat immer die besten Einfälle. An mir könnt' sich manch' Stück Vieh satt fressen.«

Darauf die Muhme: »Das bild'st du dir ein, Wien. Den Spiegel hast wohl all lang abgeschafft? Bist ja der reine Kleiderständer geworden, Drög, drög as 'n Waschtrog, der am Zusammenfallen ist.«

Darauf wußt' ich nichts zu sagen. Brauch' ja doch den Handspiegel für meine Haare, muß ja den Wald auf meinem Kopf manchesmal schlagen – er forstet sich rasch genug wieder auf. Und da seh ich doch, daß meine Augen tief in den Höhlen liegen und die Backenknochen vortreten. Weiß auch, wie meine Zunge aussieht, weil ich ja nicht essen mag ...

»Wien, bist im Unfrieden mit dem Jochen geschieden?«

»Ja, Muhme Kordula. Wir zwei haben uns einander nix mehr to seggen.«

»Das ist zum Sterben traurig, Wien...«

»Muhme Kordula, es stirbt sich nicht so leicht, sonst läg der Wien schon auf dem Heidefriedhof.«

Da fuhr sie auf. »Ich bitt's mir aus, daß ich zuerst dran komm.« Und sie sackte ganz klein zusammen. Da erschrak ich bis ins Herz. Alles konnt' ich verlieren, aber nicht diese Frau ... Und ich legte meine Arme um sie und ließ mich vor ihr nieder. Den Kopf legt ich in ihren Schoß. – Hatte mich nicht der Jochen mal darum gefragt? Sie strich mir über den Kopf mit ihren weichen, schmalen vornehmen Händen. Oh, das tat so wohl. – »Siehst Wien – ich hätte wohl gern mit dir über vieles gesprochen.«...

...

»Tu' es, Muhme.«

Da schwieg sie. Es war mir, als schöbe sie mich ein wenig von sich. Und da sprang ich auf. »Bin ich's nicht wert, Muhme, daß du mich zum Vertrauten machst?«

»Bist krank, Wien, kränker als ich. Und deshalb möcht' ich dir nichts aufzuheben geben, was dich drückt und noch mehr herunterzieht. – Es sind Ahnungen, Wien, und sowas soll man nicht bereden. Sie können ja auch verschwinden, wie Nebel vor der Sonne.«

Sagt' ich ernst: »So will ich warten. Und du bist es ganz zufrieden, Muhme Kordula, daß ich ein Bauer bleibe? Weißt trotzdem, daß ich mich nicht vorm Studium fürchte? Glaubst auch, daß ich's erreicht hätte in meinen alten Tagen?«

Und da ehrte mich die Muhme Kordula: »Wenn einer was Schweres erreicht, so bist du es, Wien. Du hast Kraft, Mut, Fleiß und Verstand. Und die Lauterkeit sitzt noch oben auf. Wien, glaub' mir, die setzt sich überall durch, wenn man's auch nicht gleich spürt. Die Sünde ist der Leute Verderben.«

»Heißt's nicht: die Lüge?«

»Freilich heißt es so, Du Näswater. Aber weißt einen Unterschied zwischen Lüge und Sünde?«

Sleefkamp, 1 Tag später, 7. Juni 19 ..

Nun muß ich einen Brief hier einheften. Arbeit her! Arbeit her! Sonst macht der grobe, große Wien ein' Dummheit. Meint, er ist von Kraft, Mut, Fleiß und Verstand verlassen, was die edle Muhme ihm angedichtet – verliert gar noch die Lauterkeit – fühlt sich von Gott selbst verlassen ... Arbeit! Arbeit! »Aus tiefster Not schrei ich zu dir!«

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