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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Nachts 1 Uhr.

Ich bin ruhig. Ganz ruhig. Fast heiter. Lügst du, Wien? Betrügst dich sülben? Es ist viel geschehen. Ein großer Mann ist umgefallen. Nicht wie ein Klotz oder ein Baum auf den Erdboden, wenn ihn der Blitz fällt. Sondern inwendig. Und das ist viel schlimmer. Früher dacht' ich: »Wenn man ein Opfer bringt – und dies Opfer ist riesengroß, und es schmerzt, dann ist es das rechte.« – Bin aber von der Ansicht abgekommen.

Ich kam um Mitternacht heim. Recht herumgestromert war ich, und der alte Förster, mein guter Freund, wollt' schon auf mich anlegen, so leise bin ich geschlichen. – »Sleef, warum liegst du nicht im Bett?« fragte er ärgerlich. »Vergrämst mir meinen Bock. Oder hast dir das Wildern angewöhnt?«

Ich zeigte meine leeren Hände.

»Wollte zu dir, Förster, und ein Garn mit dir spinnen.«

»Mensch, sprich doch leise. Denk an meinen Bock ...«

»Laß ihn spazierengehn mit seiner Ricke, es ist so schöner Mondschein.«

»Wien, es tut mir leid, daß ich dich nicht geschossen hab'!« Mit diesem Segenswunsch bestieg der Förster die Kanzel.

Und ich ging zum Sleefkamp. Ein Dichter bin ich nicht. Sonst könnt' ich sagen, wie der Mondschein auf dem Strohdach spielte ... Nein sagen auch nicht. Der Heidjer ist ja stumm, wenn ihm das Herz zerbricht. Aber singen könnt' ich's. Wien Sleef, du tühnst. –

Als ich in den Kuhstall trat – es ist gut, wenn der Vorknecht auch des Nachts mal revidiert – flederten doch wirklich der jüngste Knecht, ein richtiger »Näswater«, und die fünfzehnjährige Küchendeern auseinander.

Ich faßte aber beide noch. »Bewährungsfrist«, sagte ich kurz. »Treff ich euch nochmal, fliegt ihr. Du bleibst hier, Hannes.« Stina heulte auf und entwischte zum Magdpesel. Im Stalle war sonst alles in Ordnung. Aber im Nebenraum brannte Licht. Und der schlaftrunkene älteste Knecht erhob sich aus seinem Ohrenstuhl.

»Den Dunner, da heww it dat Licht brennen laten –«

»Warum liegst nicht im Bett, Onnen Tewes?«

»Weil ich den Jung von der Statschon abholen mußt. Ich mein die Generalsdeern ...«

Da mußt' ich mich wieder ein Weilchen an den Türpfosten lehnen.

»Du schläfst wohl im Stehen, Onnen und träumst Dummtüg?«

»Ne, Wien, ik bün hellwach. Der Landbot' bracht' Botschaft. Er war mit dem Rade da.«

»In der Nacht?«

»In der Nacht.« –

»Und meine Base ist da?«

»Jawoll, Wien. In Lebensgröße. Aber ich wollt' dir sagen, ich hätt' auch ohne die Base auf dich gewartet. Weißt du auch, daß du uns allen abgehst, Wien? Die andern Knecht haben gesagt, einer müßt' wachen. Wenn du nicht da bist, steht der Sleefkamp nich auf dem rechten Fleck. Deshalb hab' ich gewartet auf dich. Es konnt' dir ja was passiert sein.«

»Verrückt seid ihr«, rief ich grob. Aber ich gab ihm doch die Hand, weil ich mir miserabel vorkam. Fort wollt' ich – für lange Jahre, das stand fest; und nun wartete ein müder Heidjerknecht, bis ich Stromer wiederkam ... Wien, du bist tönendes Erz und klingende Schelle ...

Und dann ging ich langsam, arg langsam, as de »düre Tid« dem Hause zu. Dieses gab einen ungewohnten Anblick. Überall war Licht. Sollte ich nun hineingehen und der Muhme Kordula meinen Entschluß kundtun? Aus einem törichten Knecht ein kluger Mann zu werden? Und ihr dabei recht aus Herzensgrund meinen Dank sagen? Vor der fremden Deern? Was wollte die plötzlich wieder hier? Noch eine ganze Weile hab' ich vor dem Sleefkamphause gestanden. Es tat so fremd. Ich hatte es noch nie erleuchtet gesehen. Ehrenhafte Großbauernhäuser liegen des Nachts im tiefen Dunkel. Es steht im Folianten 1806: »So des Nachts im Hause Licht brennen muß, so soll die kleine, weiße Fahne am Hausgiebel hochgezogen werden zur Mahnung für etwelche Betrunkene oder Lärmende, so vorübereilen. Daß sie gewahr werden, hier ist Krankheit, Sterben, Tod oder auch Geborenwerden. Kann jetzt nichts anderes sein, denn Feste feiert niemand in Preußens Not.« Ode Sleef hat es geschrieben.

Ich muß der Muhme Kordula doch einmal den alten Teil des Folianten zu lesen geben, damit sie nicht alle Sleefkamplichter ansteckt, bloß weil eine Enkelin auf Ferien kommt. Auf mein Geschreibsel guckt sie nich beim Lesen, das Briefgeheimnis ist oberstes Gebot bei den Sleefs. Wenn sie es aber lesen würde, müßt' ich mich zu Tode schämen. Jesus! Mein Herz zu hängen – bei meinem äußerlichen Geschau – an die Schönheit in Person, an die helle Jugend – – – »Wien!« würde sie sagen, »die Sterne läßt man hübsch droben.« Tät sich aber doch eine Brasil anstecken, weil ihr das gute Herz schwer wäre über den armen, verliebten Teufel. Und nun klopfe ich an. Das hatt' ich früher doch nicht gelernt, aber der Doktor Jochen hat mich's gelehrt. Ich dank ihm viel.

Mir war's, als hätte eine Mannsstimme von drinnen gerufen, daß ich eintreten sollt'. Da ich aber wußt', es waren zwei Frauen drinnen, fuhr mir's durch den Sinn: »Die Deern kann alles, selbst aus ihrer Silberstimm einen Baß machen.«

Trat ich also ein. Und da stand der Doktor Jochen. Und 's Amei hielt er an der Hand. –

Man kann so viel ertragen. – Muhme Kordula, stirb mir nur nicht. Du sahst so weiß aus und hattest blaue Lippen. Das tut nicht gut, wenn man so alt ist. Ich weiß nicht, was mich angefochten hat, ich ging zur Muhme Kordula und sagte so leise, wie es der grobe Wien nur zuwege brachte, damit die beiden andern nichts vernahmen: »Ich bleibe bei dir. Will nicht in die Stadt!«

»Gott sei Dank, Wien!« sagte hinwiederum die Muhme so laut, daß ich wüßt', ich hatte eben erst das Rechte gefühlt und getan, und der Gedanke kam von Gott. Dann nahm sie meine grobe Hand und legte sie an ihre Wange. Wozu all die Ehrungen für den Knecht? Ich habe sie ihr rasch fortgenommen. Da rief die Deern: »Guten Abend, Herr Professor«, und sah so zornig aus, als hätte ich ihr das größte Leid angetan. Ich drehte mich um, weil ich dachte, der nächtliche Spuk geht weiter, und es stehe plötzlich ein Professor hinter mir. – Da lachten die beiden, und ich war wieder der dumme Knecht gewesen. Muhme Kordula lachte nicht. Rief aber hell: »Der Herr Professor lehnt ab, bleibt Bauer von Gottes Gnaden – –«

Und Doktor Jochen sagte gar nichts. Stumm hatte er mir die Hand gereicht. Ist's noch die alte Bruderhand? Wie komme ich zu der Frage? Ich tat sie auch nur stumm an ihn, während ich seine Hand drückte. Bei uns verschlossenen Heidjern tut ja der Händedruck so viel. Und man erkennt den Menschen daraus. Als ich wieder tölpelig hinausstapfte, lief Doktor Jochen mir nach. Die Tür flog hinter uns krachend ins Schloß. Das tun wir sonst nicht. Muhme Kordula sagt, es sei der erste Grad der Unvornehmheit. Ich, als Bauer und Knecht, brauch' ja nicht vornehm zu sein, aber der Dr. phil. et rer. pol. kann noch viel lernen von Muhme Kordula.

Der Vetter kriegte mich draußen einfach um.

»Mensch, Mammut, sind wir Brüder oder nicht?«

»Wo warst du so lange, Jochen?«

»Wien, so antworte doch! Du bist ein ganz anderer Kerl geworden, äußerlich und innerlich.«

»Wo warst du so lange, Jochen?«

Er lachte wieder unfrei. Wo blieb sein schönes, gutes Lachen?

»Darin hast du dich also nicht verändert, Wien. Der sture Heidjer, wie er im Buche steht. Und die Beine in den Boden gestemmt, und die Pranken geballt. Ich wette, du schlägst Wurzel, ehe ich auf deine Frage geantwortet habe.«

»Wo warst du so lange, Jochen?« Er stapfte mit dem Fuß.

»Du wirst langweilig, Wien ...«

Das hätte er nicht sagen müssen. – Ich brach durch. – Kann nichts dafür. Man schlägt nicht Wurzel, wenn einen der Heidesturm umreißt. Ich weiß, daß ich mit den Zähnen geknirscht habe. Daß sich meine Nägel wieder tief in die Handflächen gruben, daß ich aus den Fugen ging. – Erst nach langer Zeit konnt' ich sprechen. Aber eine richtige Stimme war's nicht. Deshalb legte wohl Doktor Jochen seine Hand auf meinen Arm: »Herrgott, Wien – es tut mir leid!«

Ich tobte weiter:

»Gewartet hat die Muhme Kordula auf dich, Jochen, mit Mutterschmerzen! Und ich auch. Aber bei mir war Zorn dabei. Hörst, Doktor? – – Man läuft nicht vom Sleefkamp einfach in die Weiten und kommt nicht wieder – – – Ohne der Grundgütigen Red' und Antwort zu stehen. Oder zu schreiben. Und wir andern auf dem Hof – Knecht oder nicht Knecht – wir sind doch Männer, sind keine Rotzbuben. Und die Muhme Kordula – – – Jochen, sie ist die seltenste Frau in der ganzen Lüneburger Heide, und du läßt sie einfach im Stich. Mit hundert Sorgen, Jochen. Und Dinge hab' ich erlebt – – und mußte sie vor die Muhme bringen – Jochen – das hättst du alles mit uns tragen müssen, hörst? Denn du bist der Herr vom Sleefkamp. Aber du hast alles uns Knechten überlassen ...«

Der Zorn vom Doktor Jochen Sleef ist andrer Art als mein urwüchsiges Leben, es ist eine kalte Wut. Und beißend ist sie, und wohl auch viel drin, was man Geist nennt. Da werd' ich hilflos.

»Der Reichstag ist dir sicher, Wien. Du reißt die ganze Familie 'raus«, meinte er so leise und höflich, daß ich ihn nur so anstarrte. Wär' er ein bäuerlicher Vetter, ich hätt' ihn mit Fäusten gepackt und geschüttelt. Aber mir war's schade um die akademische Bildung, die wär' ja dann abgefallen von ihm. Studierte Leute darf man nur totschießen.

»Du bist entgleist, Wien. Ich hatte dich um Verzeihung gebeten, und du lümmelst mich 'runter.«

Ich wollt' mich schon schämen – – was raunt er da noch leise – –»Übrigens gratulor, Wien ... bist ja Vater geworden inzwischen ...«

Da wurde ich ganz ruhig. Es war, als ob ich abstürbe. Also das zu sagen, was keiner meiner Mitknechte sich getraut hätte – in diesem Ton – – – Das tat mein liebster Freund ... – – – – –

Ich blieb noch eine Weile draußen stehen in der klaren Vollmondnacht. Hätt' keine Treppe zu steigen vermocht. Ein Käuzlein klagte in meiner Nähe, mir war's, als käme der wunderlich wehe Ton aus dem Fenster über mir. – Kann nicht angehen ...

»Feierabend l« sagte Muhme Kordula. Vom Kirchturm tat die Uhr zwei Schläge. Da nahm ich den Arm der alten Frau. Dank! Muhme Kordula! Wie gut passen deine achtzig und meine sechsunddreißig zusammen!

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