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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Nachts 10 Uhr.

Heute abend fragte mich plötzlich Muhme Kordula: »Möchtest nicht nochmal auf eine gute Schule gehen, Wien? Auf eine höhere? Der Hof trägt's leicht.«

Beinahe warf's mich um. Aber anstatt den guten Stützpunkt zu behalten, den festen Ohrenstuhl, darauf ich saß, warf ich ihn um, was schon allein eine Anstrengung war, und rannte auf und nieder in der großen Diele. – Wenn einem urplötzlich ein solches Geschenk an den Kopf fliegt, muß man ja taumelig werden. Sie fuhr ganz geruhsam fort zu sprechen, die seltsame Muhme, ich sah nur, daß die welken Lippen zitterten. So ernst war es ihr.

»Überleg dir's, Wien. Beim Gutenachtsagen, wenn du alles im Hof zugerichtet, kannst es mir kundtun, was du bestimmt hast. – Wien, ich möcht dich glücklich sehen. Und du bist es nicht. Du schreibst bis in die sinkende Nacht, auch wenn du bis in den sinkenden Abend geschuftet hast. Es erleichtert dich, ist aber doch nur für andere. Siehst – die Dierkhöferin schrieb: ›Kumm, Wien!‹ Und ich sag': ›Geh, Wien!‹ Denn ich bin so gut wie deine leibeigen Mutter und fühl, was dir mangelt ...«

Da fuhr es mir schroff heraus: »Bin ich so leicht zu entbehren auf dem Hof?«

Immer, wenn mir die Rührung in der Kehl sitzt, kommt der verdammte Sleefhochmut und macht einen elenden Kerl aus mir.«

»Das war der dumme Wien – und ich hatt' gemeint, ich spräche zum gescheiten. Geh, Wien, geh! Besinn dich, ich kann warten.« Da stürmte ich los, aber an der Tür drehte ich mich um, und sah nach ihr hin.

»Wien, wir haben so besonders gute Insten. Man kann sie in der Weite rings mit der Laterne suchen, und man findet nicht solche Prachtsknechte. Und – Wien – Wien einmal muß doch der Jochen wiederkommen, uns' Jochenl«

Die alte Frau schlug die Hände vor das Gesicht. Weinte Muhme Kordula? Ich sah mit Angst, daß sie gar nicht geraucht hatte den ganzen Tag. Die Brasil lag unversehrt in der Aschenschale. Nun hätte ich bleiben müssen. Mußte sie in meine starken Arme nehmen. Trösten. – Aber ich habe gar keine Kinderstube. So stürmt ich hinaus in die stille, abendliche Heide. Das ganze Herz voll Mitleid – – – Aber der Heidjermund fand kein Wort. Vielleicht hätt' ich doch noch etwelches zurecht gestammelt, aber ich fand kein Wort, das groß genug war für das, was die Muhme Kordula erfüllte. Da genügte nicht ein Dankwort, auch kein langes Getün über Edelmut. »Die Liebe ist die größeste unter ihnen.« Heilige Menschenliebe! Muhme Kordula hat sie zutiefst in sich.

Wie lange ich im Wald umhergelaufen bin, ich wüßt' es wahrlich nicht. Aber es stand fest in mir – ich gehe. Lernen will ich, lemen. Du lieber Gott, wie bin ich jung! Sechsunddreißig erst kaum vorbei. Ich nehm's mit allen auf. Richtig schreiben tu' ich. Richtig lesen auch. Was noch fehlt – freilich ein paar Lastwagen voll – das krieg' ich von guten Lehrern gelehrt. »Der Hof trägt's«, hat die Muhme gesagt. Hab mir ja auch noch niemals Knechtslohn auszahlen lassen. Kleiderstoff liegt genug in den Truhen, mit Wacholder geräuchert, und das Schneiderlein im jenseitigen Dorf arbeitet wacker. Das kann mich auch für die Stadt ausstaffieren. Wien, du warst in deinen Gedanken schon beinahe dort. Und hocktest über Büchern, die vielleicht dreimal so dick sind wie der Foliant. – Den darfst aber dann nicht mitnehmen, Wien. In den darf nur einer schreiben, der auf dem Hof sitzt ...

Herrgott! Du weißt es – – bei dem Gedanken kam schon das Heimweh über mich. Heidjerheimweh – das ist schon was Fressendes.

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