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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Sleefkamp, den 30. Mai 19 ..

Es ist ein seltsam schauerlich Ding, wenn ein lebendiger Mensch, ein fühlender, ja ein liebender gestorben ist, plötzlich, mitten aus dem Leben heraus. Versunken ist in schrecklichem Versterben im Moor. Und ich komme nicht drüber fort, was die arme Seele gelitten haben mag, als sie ihr Kindlein aussetzte. Wollte sie es mit sich hinunterziehen? Und sank sie selbst so rasch? Der Moortod ist ansonsten langsam und grausam. Viel ist mir darüber erzählt worden als Kind von Vater und Mutter, um mich um tausend Gotteswillen abzuschrecken vom Moor. Hab' mich aus Liebe zu den beiden Treuen nicht in Gefahr begeben. Ich war nicht zur Neugierde erzogen worden. Das ist eine feine Weisheit, denn aus der Neugierde kommt schier alles Unheil. Ich hab' auch nie was ausgefressen, wozu kein Mut gehörte: Tiere reizen und quälen, pfui Teufel. Mädchen verführen und dann nichts von sich hören lassen – pfui Teufel! Hab' auch nie Gott versucht in wilden Wettfahrten, mit rasend gemachten Pferden vor entzweiig gemachten Wagen. Das war in den Dörfern mal Sitte geworden so an heiligen Sonntagen. Kam nix bei 'raus, als zerbrochene Arme und Beine und geschundene Gäule. Da hat man viel über mich gespottet, aber ich hab' die Zähne zusammengebissen und mich abgewendet und gestöhnt vor Wut, wenn es hieß: »Hast Angst, kleiner Wien?« So fest war immer in mir der Gedanke, daß Gott mir mein Leben geschenkt hätte – für andere. Auch meine Riesenstatur und die Kraft und Gesundheit des Leibes, meint' ich, hätt' ich für andere bekommen, die schwächer geraten waren, als ich. – Was meckerst du in deiner Wiege, du winzige Soggerpüpp? Hast Hunger, oder willst zeigen, daß du froh bist, daß der Wien Sleef lebt und nun dein Vadder geworden ist?

Lütt Birgitt ist still geworden auf meine Fragen. So ist's recht. Der Landjäger hat mir Nachricht zukommen lassen. Abgesucht hat man das ganze »grote Moor«. Nicht mal im Umkreis, wo wir das bunte Tuch mit dem Kindlein fanden, ist eine Spur entdeckt worden. Die große Birgitt, die verzweifelte junge Deern und Mutter, muß wahnsinnig geworden sein. Daß sie ihr Ureigenstes, ihr wunzklein Heiligtum dem Hungertode preisgab. »Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.« Sie wußte nicht, was sie tat. Und just der Wien mit seinen sieben Fingern und dem Schleiffuß ward zur Rettung des Kindleins bestellt. Freund Landjäger will mich besuchen, aber erst, wenn wir beide in den Fugen sind. – Meine Mitknechte hier gehen ganz ernst herum. Man ist's gar nicht gewohnt bei diesen lebfrischen Ungedeih's. Nicht ein einziger hat gespottet, daß ich Vater geworden bin. Alle gaben sie mir schweigend ihre Arbeitshände. Nur Omen Tewes tat's Maul auf dabei: »Giffst eenen ut Wien? Up Konto vun dien Bravheit?« Soll geschehen, aber nicht auf meine Bravheit, sondern auf seinen ewigen Durst.

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