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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Sleefkamp, den 26. Mai 19 ..

Die Muhme hat mir erlaubt, den »Fullianten« ergiebig zu füllen. Stehe vor Tau und Tag auf. Arbeit wird nicht versäumt. Zehn Tage bin ich fortgewesen. Das muß ich im Folianten melden. Steht mancher Bericht drin von Altvordern, die sich auf dem Sleefkamp fremdmachten, weil sie ihr vieles Geld mal woanders verlustieren wollten. Das war grob unrecht, und ist oftmals dabei der Hof verludert. Aber doch immer wieder von einem Sleef in die Reihe gebracht worden. Und mein Vater machte sich auch fremd, war aber jüngerer Sohn und hatte viel Vertretung. War auch nicht lange auf Walze, sondem tat Arbeit auf dem bayrischen Gütel bei seinem späteren Schwiegervater, schickte auch Erspartes heim an die reichen Verwandten. Und wurde doch gefemt. Aber diese zehn vergangenen Tage, für welche Muhme Kordula und Hannes, Tetje, Omen, Jürgen und Dolf, die Knechte vom Sleefkamp (die beinahe fleißiger und umsichtiger als jeder Herr sind), ihre ganzen Kräfte einsetzten – Herrgott das waren Tage, die doppelt zählen wie die Kriegsjahre. Solch langen Satz hab' wohl noch nie geschrieben. Und auch alle andern Sätze im Folianten hingesetzt von meinen Vorfahren sind kürzer. Aber ich hab' auch eine Ewigkeit durchgemacht, und Himmel und Hölle erlebt. – Ich hatte den Notschrei einer armen Großmutter der Muhme Kordula gezeigt, und die jagte mich schier aus dem Hause. Nicht schnell genug könnt' ich alles richten, und dann hat sie mich mit Gottessegen und guten Wünschen beladen, daß die Pferde den Wagen kaum ziehen konnten. Es mag aber auch der tiefe Sand schuld gewesen sein und mein eigen Herz, das »mühselig und beladen« war. Aber wo sollt' ich »erquickt« werden? Was doch der Herrgott verheißt. Das trostlose Weiblein, die Dierkmudder, war ganz zusammengefallen. Weil nun doch die Anzeige an den Pfarrer und den Gemeindevorsteher gelangt war, daß die Dienstmagd Birgitt Dierk ein unehelich Kind geboren habe, das gleich getauft sei auf den Namen der Mutter. Aber nun sei das Mädchen samt dem Kind verschwunden, man glaubte, nach der Heimat hingewandert. Nun hab' ich gedacht – nach der Heimat wandern wir ja alle hin, es ist doch das Beste, was wir Irdischen haben.

Vater Dierk lag im Sarg, der gute Pastor war schon zugange mit Trost für die Großmutter. Da hab' ich nur dem Toten noch einmal über das schüttere Haar gestrichen. Hab' gar nicht den Bratenrock ausgepackt, den mir die fürsorgliche Muhme Kordula in die Bonvoyage gelegt legte.

»Mutter Dierks, die Lebenden gehen vor«, hab' ich geseggt und bin den kargen Weisungen des Pastors gefolgt, der schon viel vorgesorgt hatte mit dem wackeren Landjäger, aber noch nichts erreicht.

Als ich mich still fortschlich vom Toten, und mit dem Rucksack und Knotenstock auf Suche wollt' gehen, rief's aus irgendeiner Hausecke: »Halt! Ich gehe mit.« War's der Landjäger Berkholz. Den Tyras vom Dierkhof löst' er von der Kette, der sprang hoch auf, so freute er sich. Von seinen Erkundungen berichtete der Landjäger sachlich. Und doch war so was Gutes in seiner Stimme. Das war das Mitleid mit der braven Großmutter. Man merkt es doch gleich, ob jemand Mensch oder nur Landjäger ist. Zuerst hatten die Spuren der Birgitt Dierks nach Buerndorf geführt. Da war sie und das Kind von einer Bäuerin mit Milch gelabt worden. Die Mutterbrust voll Sorg' und Harm hatte keinen Platz mehr gehabt für Nahrung für ihr Junges. Es konnten einem die Tränen kommen,

Dann hat der Herr Berkholz den Flecken Lütjenwiesen durchsucht. Auch da ist sie gewesen und weiter gehastet. Hat aber immer gute Menschen gefunden. Manche haben sie »verstört« genannt. Ist das wohl ein Wunder? Dann war ihr nüms mehr begegnet, und sie hatte auch niemand angesprochen. – Wir zwei Suchgesellen nahmen nun eine andere Spur auf. Aber wir blieben beisammen. Ein Landjäger in Uniform und ein zwei Meter großer Schlagetot daneben sind ein guter Schutz gegen verdächtiges Gesindel.

Bei Einbruch der Dunkelheit, oder gar des Nachts nahmen uns Bauernhöfe sehr gastfreundlich auf. Sollten viel erzählen. Der Landjäger tat's, und ich schwieg still. Deshalb glaubten die Bauern, ich wisse mehr als er. Manchmal erhob auch ein geweckter Knecht unter den Insten die Stimme und gab Red' und Antwort.

»Jawohl, eine schöne Deern hätte er des Wegs gewiesen, und arg junge Dinger seien sie und ihr Kind gewesen. Und dort hinaus sei sie gewandert.« Sein Arm schrieb einen Krakel in die Luft. Es konnte jede Richtung sein. »In einem grellbunten Tuch habe das Junge gehockt, und die Mutter hätt's auf den Rücken getragen wie eine Zigeunersche«, berichtete ein Zweiter. Und endlich noch ein Dritter geheimnisvoll: »Nur immer nach dem großen Moor hinzugehen, da hat männig ein Sucher schon was gefunden.« »Die Wichtigtuer wissen gor nix«, gab der Hausvater seine Meinung ab. »Bist 'n Klogschieter, Hannes!«

Da machten wir uns auf den Weg gen Nordwesten. Geruhig sprach der Landjäger: »Sieben Mannsen und Weibsen habben wi jetzt fröggt, der Siebente hat recht – is 'ne alte Sache. Auch wenn he 'nen Klogschieter is.« Wir schritten wacker. Als Birkhühner aufflogen und der Rauch uns in die Nasen stach, wußten wir, daß wir dem »Grotmoor« nahe waren. Gingen vorsichtiger, und nahmen Tyras an die Leine. Der Boden schepperte unter unsern Füßen, der Hund zog den Schwanz ein. Auf einmal riß mich der Landjäger zurück, packte mich am Arm. Zeigte mir eine riesengroße rote Blume, und ich lief drauflos. Denn die Tücken des Moores waren mir fremd. Gellend schrie der Landjäger mir was zu. Da zog ich meinen Fuß bis zum Schienbein aus dem blumenbestandenen Grund und das Loch füllte sich gleich mit Wasser. Tyras war kaum zu bändigen. Ich lief wieder zu den Beiden und holte mir Mahnung und Weisung, während er den Hund mit eiserner Hand zurückhielt. Ich mußte mich auf den Bauch legen, schob mich langsam zur großen, rotbunten Blume hin, die ich pflücken wollte ... Hab's immer gesagt, bin ein schlapper Hund. Die Feder will's nicht in den Folianten schreiben, weil der Graus mir wieder aufsteigt. – Aber die rote Blume, drinnen das Kindlein lag, hielt ich im Arm. – Hielt es hoch, und es schlief weiter. An den Beinen zog mich der Landjäger, wie mühselig fort, bis ich auf fester Erde lag. Wir beiden Männer drückten uns die Hand und sahen, daß uns die Zähne aufeinander schlugen. Und die lüttje Birgitt schlief weiter, aber nicht so tief, wie die grote Birgitt drunten im Moor bei der Hexe Nekkepenn. – – –

Tyras hatte sich losgerissen und die Leine mitgenommen. Weit, weit vor uns jagte er. – Wir beiden sind schweigend geschritten. Uns war's, als trügen wir einen Sarg mit einer schweren Last. Und ich hielt doch ein lebendiges Leben im Arm, das nur ein paar Pfündlein wog.

Nun bin ich wieder im Sleefkamp. Aber das Kind gehört mir. – Wie wir nach fünf Tagen in dem Dierkhof gelandet sind, ja da hatte ich wohl alle Hände voll zu tun. Deshalb trug ich das Lüttje zur Großmutter, aber sie konnt' es nicht halten, so schwach war sie geworden in den fünfmal vierundzwanzig Stunden, da wir die Enkelin suchten. Und deren Tod ertrug die Urgroßmutter nicht mehr. So ist es auch ganz gottgegeben und gottwohlgefällig. Philemon und Baucis gehören zusammen und liegen nebeneinander. Da braucht keins mehr zu weinen.

Der Knecht und die Magd, die sich gut sind, wollen heiraten, und sollen den Hof verwalten bis die Soggerpupp groß ist. Und dann der Kreislauf von Liebe und Tod wieder beginnt.

Ich hab' eins ganz feste Freundschaft mit dem Pfarrer geschlossen, er will mich in achtzehn Jahren mit der lüttjen Birgitt trauen. Und der Landrat und der Landjäger wollen Trauzeugen sein. So ist's abgemacht, aber es kann auch was dazwischen kommen. Ich hab' aber einstweilen das Lüttje mitgenommen, und es schläft neben meinem Pesel.

Der Pfarrer sagte mir neulich ein gutes Wort: »Das ist der rechte Humor, wenn er im schwersten Ernst hervorbricht.« Er klopfte mir dabei auf die Schulter. Ich hatte etwas gesagt, und ich kann mir nicht denken, daß es Humor war, denn wir standen neben dem offenen Sarg des toten Dierkbauern. Aber der Pfarrer muß es ja wissen. Dafür hat er studiert, und zwar ganz richtig mit Studentenkappe und Schläger, wovon er noch drei Schmisse hat. Nicht nur, wie ich aus dem Konversationslexikon mir mühselig alles herausgeholt und auswendig gelernt.

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