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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 29. April ..

»Sonntag ist's für alle Herzen, Sonntag ist's für alle Schmerzen, heil'ger Sonntag weit und breit.« Das Lied hab' ich früher jeden Feiertag, jeden Sonntag gesungen. Oder vielmehr hinausgeschmettert aus froher Kehle durch den Wald hin in die weite Heide hinein. Wann war früher? Als ich noch jung war, so bis vor einem halben Jahr. Jetzt bin ich uralt. Ich habe nach dem Abschied vom General wohl büschen Raubbau getrieben, habe geschanzt, als ob der Sleefkamp im Verscheiden wäre und man müßt' ihn herausarbeiten. Und soll ein Gesicht aufgesetzt haben wie ein Bärbeißer.

»Ist schon recht, Wien«, hat Muhme Kordula gesagt. »Dein Urgroßvater schwur auf einen Spruch: Man muß seinen ureigensten Beruf mit 'n ganz ernsten Gesicht nachgehen, und bei allen andern Dingen, die man nebenbei betreibt, da soll man fröhlich sein und lachen.«

»Muhme Kordula«, hab' ich entgegnet, »ich möcht' schon lieber bei meinem ureigensten Beruf lachen.«

»Lach' Wien! Lach' tüchtig! Denn bei dir, da ist ja die ernste Seele allstunds dabei.'«


Gute Muhme Kordula, wie hoch schätzt sie mich ein! Möcht' lieber sterben, als düsse Frau jemalen enttäuschen.

Und der Doktor Jochen kommt nicht zurück. Es ist wohl zum Lachen, daß ich mich nicht einfach hinstelle vor die Muhme Kordula, die doch meine nahe Anverwandte ist und sie einfach frage: »Wo steckt er? Was ficht ihn an, daß er nicht heimkehrt?« – Aber wenn ich ihr den guten Tag zum Frühbrot wünsche, dann verschlägt es mir Odem und Sprache, weil ihre Augen übermächtig schauen und tief in den Höhlen liegen. Ich brauche keine Luchsaugen, um zu sehen, daß sie Gram trägt. Wer aber nicht mit seinem Gram zu mir kommt und mich teilnehmen läßt, der ist doch wohl nicht ganz mein Freund. Es tut selbst dem Schlagetot weh, wenn du es nicht bist, Muhme Kordula. – Mein rechtes Streben ist, deine Freundschaft zu verdienen.

Sleefkamp, den 2. Mai 19 ...

Ich sollte eigentlich eine neue Mode im »Fullianten« einführen. Sollte nur von meinen Arbeiten berichten, die ich so tagsüber erledige. Denn die sind reichlich. Wohl auch wertvoll für das Gewese. Und weil ich sie mit aller Lust tue, wachsen sie mir nicht über den Kopf.

Heute habe ich das Ackerland bearbeitet. Wir wollen Lupinen anbauen. Unser Gewese und weit herum die Gegend ist moorig. Da muß der Boden erst mit Bakterien aus den Wurzelknollen der Lupine »geimpft« werden. Muhme Kordula weiß das alles, ich bin ihr aufhorchender Schüler.

Wir haben schon etliche Lupinenfelder, das ist ein golden Gewoge im Sommer und der Geruch davon zieht über das ganze Anwesen. Die Großmagd Gesine meint geheimnisvoll, man würde »verliebt« davon. Aber dazu brauchen unsere Insten keine Lupinen. Mich ficht der Duft auch nicht an, wahrscheinlich, weil ich immer nur an das nahrhafte Grünfutter denke. – Außerdem ist aber heute ein wunderlicher Tag. Schon deshalb, weil ich mich arg schäme. Das habe ich noch kaum gebraucht, aber es soll mir nichts erspart bleiben. Steht an der Flußseite, von dem man einen weiten schönen Blick hat über den Deich hinweg bis ans »grote Moor« hinüber, eine kleine Laube. Ist extra mal von einem Sleef gezimmert worden aus starken Bohlen, wie man sie hier sonst nicht für Spielereien verwendet. Ist aber eine Spielerei, das Häuschen, und haben immer Sonntags die Frauensleut drinnen gesessen und in die Abendsonne gelugt und gesungen. Sind ja alle Sleefs musikalisch bis in die Knochen. Auch die Muhme Kordula soll früher mitgesungen haben, bis ihr der Stimmstock umgefallen ist. Jetzt hat sie noch manchesmal sommertags hier gesessen, auch in diesem Vorfrühling, da wir ein paar warme Tage hatten. Mich dünkt, sie raucht da gern, und nimmt wichtige Briefe mit, die sich besser inwendig verarbeiten lassen, wenn der Gotteshimmel durch die unverwahrten Luken schaut. – Freier atmen kann man da.

Auch heute hat sie drin gesessen, und ich wurde dorthin gewiesen, als ich sie suchte. Sie war aber weit und breit nicht mehr zu sehen. Nur ein verknüllter Zettel lag auf dem Bretterboden. Wußte freilich nicht, ob er ihr gehörte, oder ob der starke Heidewind ihn hineingefegt hatte. Nahm ihn also auf, denn es ist schon ein Greuel, wenn papierene Fetzen herumliegen. Eine Schrift stand drauf – – Gott schall mi wohren! – man konnt' es nur eine »Klaue« nennen. War auch abgerissen der Bogen, aber ich konnt' doch noch erkennen: »Du liebe Muhme ...« Und nun kommt das, wofür ich mich schämen muß. Denn ich durft' ja nicht weiter lesen, sondern mußte den Zettel gleich zur Muhme Kordula bringen. Tat's aber nicht. Las, und studierte, wie ich niemalen mit solch' Inbrunst ein gelehrtes Buch durchforscht habe.

»Höre gar nichts«, stand da. – Und an anderer Stelle: »Sag' ihm nur jeden Tag deutlich, daß ich den Jochen will. Aber richtig lieb hab' ich nur dich, Muhme Kordula ...«

Und keine Unterschrift. Aber daß das Geschreib von der Amei stammte, dazu brauchte ich keine Erkenntnis, als meine zwei Augen. So was Niederträchtiges war in diesen Grundstrichen. Igitt... Auch in ihrem Pesel war die Muhme nicht, als ich hineintappte. Ich legt' ihr also die ungute Schrift auf den Nähtisch, woran eine Garnhaspel angeschraubt war. Oben in die Knäulhöhle legt' ich sie.

Beim Nachtmahl sagte die Muhme: »Wien, wir sind heute wie mit 'ner Tarntappe herumgelaufen. Weißt, was 'ne Tarnkappe ist, Wien?«

»Kümmer' mich nicht drum«, sagt' ich Stockfisch. »Weiß nur, daß wir ein gut's Lupinenfeld kriegen.«

»So, so. Ich kann dir aber noch eine Rarität vermelden, außer dem Lupinenfeld; und das ist, daß der Heidewind mir einen verlorenen Brief durch verschlossene Türen und Fenster in meine Garnwinde hineingeweht hat, recht ordentlich in den Knaulbehälter. Hast ihn gesehen, Wien, den Wind?«

Ich bin still geblieben. Muhme Kordula sah mich durch und durch. Und war schier noch trauriger als ich. »Wien, ich dachte, ich könnt' mein verzagtes Herz in dich ausschütten ...«

»Nein«, sagt ich schroff. »Ich bin zu nichts nutz als zu düngen, zu graben, zu jäten ...«

»So jäte deinen Eigennutz aus, Wien – hörst?« Und sie stand rasch auf, ging hinaus, vom vollen Teller fort. –

Ich glaube, ich verliere bei klein alle Menschen, die mir das Leben bedeuten. Trag' ich die Schuld? Oder züchtigt der da oben immer noch die, die er liebt?

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