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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 3
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Sleefkamp, den 26. Dezember 19 .. In der Nacht zum 27.

Denn am Tage komm ich natürlich nicht zum schreiben, selbst wintertags nicht, wo man eingeschneit ist. Wir sind's bis zum letzten Ziegel vom Schornstein. Aber Tetje, der Hausbursch hatte brav geschaufelt, also daß man zur Tür hinaus konnt' gehen, und dann sieht man schon den Kirchtumknopf, und es ist grade, als ob er winkte und nickte: »Komm nur her! Stapf tüchtig den Schnee zusammen und laß dir vom Gotteswort deine Sünden abwaschen!« Eigentliche Sünden hab' ich nicht – wüßt' nicht welche, wenn nicht doch den Jähzorn, dies Erbteil der Sleefs, das wohl schon von Adam her uns vermacht ist. Aber uns' Pastor Eichstaedt, der fängt ganz timide an, daß man meint, man könnt büschen nicken, denn man ist ja auch Sonntags schon um fünf Uhr früh zugange. – Aber das gibt's nicht, auf einmal ist das Timide fort, und ein Predigen hebt an, das einem schier das Herz aus der Brust nimmt. Ich laß es ihm auch gern, er ist ein richtiger Pastor. – Pastor heißt Hirte. Und ich will gern zu seiner Heidschnuckenherde gehören. Und ich seh auch schon genau, es ist eine andere Zeit angebrochen, geht nicht mehr so kommode fort, wie wir das im Sleefkamp gewöhnt sind. – Die Schneeflocke, die uns da am Heiligabend reinwehte, ich weiß warraftig nicht, ob sie ins Gewese paßt. Muhme Kordula macht schmalen Mund und red't nix. Sie soll aber reden. Denn ich bin ja kein unmöndigen Jung, sondern ein Mann, der »Sleefsrecht« hat auf dem Kamp laut Urkund. Wenn ich auch upstunds Knecht bin. Düwel ok. Das ist mein Stolz. Und ein frommer und getreuer Knecht will ich sein, der über wenigem getreu gewesen ist, und den Gott über vieles setzen kann und wird. Hab' ich meinen Jähzorn so lang auf Kandare geritten, daß so ein Näswater, so ein Deerns-Jung ihn mit ein paar Schluderworten wieder heraufschwören könnt?

Siedend heiß steigt mir's auf, wenn ich nur dran denk' an den heutigen Kirchgang. Weiß nicht, wohin sich die Andacht verkrochen hatte. Schier in den Glockenstuhl. Ist mir nicht passiert seit Jahren. Sitz' also heute auf der Männerbank, wie es schon die Bibel vorschreibt, daß Schafe und Böcke getrennt sind. Und steht deshalb auch an den Bänken rechts ein schöngemaltes M., und links ein F. Da weiß jeder Bescheid, der nicht mit dem Dummbüdel kloppt is. Sitzt da auf einmal vor mir ein Jung – unser Jung, der eine feine Deern ist. Tochter von einem General, der gleich nach dem lieben Gott kommt. – Aber wo süht sie ut! Ein Glück, daß der Heidjer in der Kirche keinen Aufstand macht. Manchmal aus richtiger Frömmigkeit, die sich nicht stören lassen will, und manchmal auch aus Sturheit, die seggt: »wat gehts mi an?« Aber ich dacht', mir verschlägt's Odem und Gesicht. Glührot stieg mir das Blut in den Kopf, also daß meine Augen trübe wurden und die Buchstaben des schönen Liedes verschwammen. Derbe graue weite Buxen trug der Jung, der eine Deern is. Unten um die Knöchel waren sie zugebunden. Hab' nie so 'n Anzug gesehen. Und obenher eine graue Bluse, die um den Hals gekordelt war, und ebenso an beiden Handgelenken. Und keinen Wuschelkopf, aber auch keine ehrbaren Zöpfe, sondern so, wie ich mich selbst als Junge trug. Kamm ins Wasser getaucht und dann ein Scheitel links gezogen. Wenn meine schlichte Mutter Amei das sehen könnt', wie eine Nachfahrin »Amei« sich antüdert, sie legte sich ja wohl im Sarge auf die andere Seiten. Kann aber auch sein, sie jodelte. Denn bei Frauen kennt man sich ja nie aus.

Es ist ein hart Ansinnen. Wenn ich in dieser Urkund blättere, dann sehe ich, wie ausführlich alle die Sleefs darein geschrieben haben. Pietät und Tradition sind doch mächtige Antriebe. Schier unnötige Dinge sind darin erwähnt, aber vielleicht dünkten sie damals wichtig. Und mich dünkt wichtig, daß ich die lebendigen Sleefs schildere, damit meine Nachfahren sie kennen. – Sie saß auch ganz still in der alten Kirche, das wunderte mich, aber ihre Augen gingen in der langen Liturgie suchend an den Wänden entlang. Als wüßte das Dinglein, daß es wertvolle Dinge sind. Jawohl. Holzschnitte von Albrecht Dürer. Und bei dem Pelikan, der seine eigene Brust aufreißt, um mit dem Blut die dürstenden Jungen zu laben, da verfärbte sich das Gesichtchen ordentlich, und ein Zucken ging durch den Körper. Ich hab' die ganze Kunst erst vorigen Sonntag klargekriegt. Da war eine Führung aus der Stadt Hannover hier und viele Gelehrte und Künstler mit dabei. – Und so eine junge hereingeschneite Schneeflock hat es gleich weg beim ersten Anschaun. Das ist also Bildung. Und weil ich ärgerlich war, daß sie meine Andacht störte, stellte ich mich nach der Kirche vor sie hin. Da hatte das Lebewesen die Hände schon wieder in den Hosentaschen. »So legt man sich nicht an für die Kirche, und so steht man nicht da«, sagte ich böse. »Da ziehen die Bauern nur das Maul über dich.« Ich hatte aber wohlweislich erst die Leute sich verlaufen lassen. Und die Heidjer bleiben nicht stehen beim Kirchgang, sie halten auf Ansehn.

Sagt das Krott: »Erstens bin ich kein ›Du‹ von Ihnen, und zweitens pfeif' ich drauf. Verstanden, Knecht?«

Düwel ok! Das war büschen viel für mich. Und packte den Jung, und hob ihn hoch, setzte ihn dann auf meinen Arm und trug ihn heim. Hei, wie er sich wehrte, und fauchte und schnob wie ein Rassepferd oder wildes Tierlein. Und doch nicht schrie, weil er ja eine hochmütige Deern war, die nicht wollt, daß auch nur ein einziger Bauer im Dorf unsern Kirchgang heimwärts gewahrte. War wohl seltsam, unser Kirchgang. Hab' Haarwuchs genug. Einen ganzen Wald auf meinem Kopf. Aber die Schuld von dem jungen Sleef ist's nicht, daß ich noch etwelche Haare mein eigen nenn'. Die feinen Fingerlein krabbten sich ein und rissen und zausten, daß es schon ein ehrlicher Schmerz war auch für einen Schlagetot, wie ich einer bin. Gerade tauchte das Dach vom Sleefkamp zwischen den Rieseneichen auf, die ihn bewachen, da biß mich der Katteiker in die rechte Hand. Tief hinein in den Ballen und ich ließ den Jung rasch zur Erde gleiten, weil mein Blut strömte, und er sollte sich doch nicht damit beschmutzen. Sah ihn weiter gar nicht an, aber mein Jähzorn war zahm geworden.

Ich lachte für mich hin. An der linken Hand drei Finger fort, und an der rechten einen Biß, daß die Stelle gleich blitzblau war und hochgeschwollen. Ging in meine Stube, machte kalte Umschläge und gut ist's, daß ich nie die Arnikasalbe habe ausgehen lassen. Das ist ein Kraut gegen den Tod und auch gegen Haß und Jähzorn. Nachher rief ich einen Jungknecht, und der fatschte mich wie eine Soggerpupp und ich ließ ihn gewähren, denn die Wunde brannte noch wie höllisch Füer.

Als eine Magd mich zum Mittagessen rief, ließ ich der Muhme Kordula sagen, ich hätt' mich verletzt, wollt' nicht essen, aber nochmal zehn Minuten kühlen. Da stand gleich drauf die gute Seele schon in meinem Pesel. »Jesus«, schrie sie auf. Denn meine Pranke lag im Wasser und sah gefährlich aus. »Hund oder Katz?« fragte sie kurz, denn Kratzer waren genug auf Händen und Gesicht. »Katteiker«, ist meine Antwort. »Doktor muß her«, entschied sie. »War das Tier gereizt, so kann Blutvergiftung kommen.« Ich lachte: »Bösartig und gereizt.« Die Muhme blieb ernst. »Bist ein Hüne, Wien, aber ich hab' einen Riesen gekannt... war mir anverlobt. Ein Fliegenstich bracht' ihn zur Strecke.« Muhme Kordula ging zur Tür, drehte sich noch einmal um. In ihren Augen stand helle Güte. Aber sie sagte nur kurz: »Du weißt, daß viel Schreiberei liegt und erledigt sein will. Mach, daß du bald in der Reihe bist. Hab' auch zu reden mit dir – hörst?«

Solch' ein Wort von der Muhme Kordula ist besser als alle Rezepte und Pflaster der gelehrten Doktores. Sie wirkt so, wie der neue Gelehrte, der aufgetaucht ist. Der sagt zu sich selbst, wenn er

totkrank ist: »Heute geht's mir schon besser.« Und glaubt auch dran. Und da kann's geschehen, daß vorgestern einer die Diphterie hatte und von den Ärzten aufgegeben war. Gestern sagte er sich mit Willensstärke, es geht mir besser, und morgen singt er im Stadttheater. – Das ist mir ernsthaft erzählt worden. Aber es hängt gewiß noch anders zusammen, und ich bin nicht leichtgläubig. Da es auch sicher noch keinem Sleef passiert ist, so will ich auch diesen Folianten nicht weiter damit belästigen.

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