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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 23. April 19 ..

Heute nach dem Mittagessen hatte ich eine merkwürdige Unterredung mit meinem hohen Verwandten. Das heißt, Unterredung kann man so was kaum nennen, weil eigentlich nur der General das Wort führte und ich zuhörte. Aber er hatte mein stummes Zuhören wohl nötig für sein Inneres – merkte gar nicht, wie gequält ich vor ihm saß. Und weil ich fühlte, daß dieser Mann mich brauchte, wie das liebe Brot, so war's mir, als gingen meine stummen, innerlichen Antworten mitten in sein Herz hinein. Es gibt so etwas zwischen zweien, die sich ganz und gar verstehen.

Hatte ihm den ganzen Hof gezeigt von »Ur to En'n«, und hatte er eine Teilnahme dran, wie man's nur bei einem Bauer vermutet, beileibe nicht bei einem so hohen Militär. Bei denen ist's aber wie bei den alten Fuhrleuten. Wenn sie nicht mehr fahren können, dann klatschen sie noch mit der Peitsche. – Derbe Stiefel hatte er sich mitgebracht. Denn kein Ein von den andern Knechten hätten ihm gepaßt, am wenigsten die meinen. Es ist wie eine ganz andere Sleefrasse. – Mehr nach Doktor Jochens Seite hin, so feingliedrig. Und ich bleibe der Außenseiter und Schlagetot. Würde es machen wie der Bär im Märchen, der seinem Herrn die Fliege scheuchen wollte und ihn dabei totschlug. Dabei war meine Mutter klein und zierlich, und Vater trug sie auf dem Arm in der Stube herum... Manches Mal! Und sie lachten – lachten. Habe ich je so lachen können? Ich glaube nicht. Und tät ich's jetzt versuchen, so würde es wohl schmerzen inwendig. Während ich so sinnierte, rief der General: »Wach' auf, Wien! Du denkst wohl. ›Sleef‹ kommt von ›schlafen‹ her?«

Das hatte ich nun nie gedacht, sondern wußt' es schon vom Vater her, daß es »Draufgänger« hieß, aber ritterlicher, tapferer Draufgänger. Der Übelname Sleef für einen »Rümdriwer« ist erst später aufgekommen. Ich zeigte nun dem General alles, auch die Knechte und Dienstdeerns ließ er sich mit Namen nennen und fragte jeden nach Alter und Herkunft und wo er gedient hätte. Mit dem fuffzehnjährigen Tetje Diers fing er an, und der griente und stamerte: »Nur hier up'n Hoff.« Da lachte er laut, und die Deerns juchzten und lachten noch mehr, als der Knecht Lars Imbrock sich steil aufstellte und die Hacken zusammenklappte: »Bei den Maikäfern, Exzellenz.«

Was wußten diese lüttjen Nichtigkeiten von unsem schönen, alten Regimentern! Überall ist mir nachher noch der General gefolgt, und ich konnte dabei meine Hofarbeit erledigen und alle Anweisungen geben. Mußt' ihn auch in eine Meinungsverschiedenheit mit dem Administrator hineinsehen lassen – der meine Ansicht nicht gelten lassen wollte, aber mußte.

»Alle Wetter, alle Wetter, Wien. Du bist Diktator und Organisator, das gefällt mir. Und wo steckt das Genie von Doktor Jochen Sleef?« Da waren wir gerade bei den Maschinen angelangt, und ich zeigte ihm die, welche der Vetter so aus dem Handgelenk auf neu gemacht und sogar noch Verbesserungen angebracht hatte. Da konnte ich sogar das Maul auftun und ganze, lange Sätze reden, was der Doktor für ein Mensch sei ... und fühlte, wie miserabel ich selbst war, und daß ich ihm im Grunde alles neidete, was ihn beim General in sehr hohe Gunst setzen konnte.

»Auf dein Urteil geb ich viel, Wien« meinte ernst der General. »Und du hast der Amei, einen großen Dienst geleistet. Das Ding ist gar nicht mehr mein übermütiger Katteiker, seit ich ihr den Jochen vorenthalte. Und ich hätte der scheuen Deern, diesem kleinen Stachelschwein, na, du kennst sie ja, gar nicht die rabiate Verliebtheit zugetraut. Steht ihr auch gar nicht. Und nun hat sie mich hierher gejagt – ich soll ihr hier von jeder noch so kleinen Sache Bericht erstatten...«


Ist es nicht eine Schande, daß ich, Wien Sleef, so ganz genau das alles behalten habe und es 'runterrabbelte wie ein Schulbub seine Lex? Wie tief geht mir das alles l Ein miserabliger Hund bin ich, daß ich an jemand hänge, der mich verachtet.

»Wien, du schneidest Gesichter zum bangewerden«, meinte Seine Exzellenz, der Onkel Ernst.

»Mir ist auch bange«, gab ich zur Antwort, tölpelhaft wie immer. Denn was braucht ein hoher Herr zu wissen, wie's einem Knecht zumute ist? Und wenn ich kein dreimal zugeschlossener und verriegelter Kerl mehr bin, dann bin ich auch kein Heidjer mehr, und dann kann ich nur gleich weg vom Sleefkamp gehen – kann mich begraben lassen. »Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzet auf mein Grab«, singt da prompt die verliebte Oberdeern, die Kuhmagd. Singt ohne Stimme und bringt's noch fertig, falsch zu singen...

»Wien!« hebt der General wieder an, »wenn mein präsumtiver Schwiegersohn von seinem Herumstromern heimkommt, dann sag ihm, du hättest mich überzeugt, daß er was könnte. Und nicht nur das Mädel, sondern auch der Vater gäbe seine Einwilligung. Hörst du überhaupt zu? Wien? Zum Donnerwetter!!«

»Jawohl, Exzellenz! Aber der Herr General muß das schon selbst ausrichten. Ich mische mich nicht in fremder Leute Angelegenheiten.«

»Verrückt bist du man einmal, Wien. Aber du hast durchaus recht, mein Sohn, ich werde dem Thronprätendenten, dem Halunken selbst schreiben. – Denn ich hatte allerhand von ihm gehört, was ich weder in mein Konto, noch in das meiner Tochter Hinneinnehmen wollte.«

»Wenn du was Schlechtes gehört hast, Onkel Ernst, so ist das erstunken und erlogen.«

Es zuckte in seinem Gesicht.

»Wien, ich möchte wohl auch dein Freund sein.« Er streckte mir die Hand hin. Aber ich nahm sie nicht, denn ich will mich nicht für irgend was Selbstverständliches auch noch loben lassen. Das war natürlich gefehlt. Was ich auch tue, es ist verkehrt. Und Seine Exzellenz zog die Hand zurück, rannte hinaus und rief: »Kerl, es ist dein Glück, daß ich dich nicht in der Brigade habe...«

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