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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
correctorreuters@abc.de
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Sleefkamp, den 16. April 19 ..

Es ist eine aufregende Sache, seit Seine Exzellenz hier angelangt ist. Ich kann nicht so oft in den Folianten schreiben, nämlich täglich, wie es die Ahnen verlangten.

Der General knurrte und lachte behaglich über das dicke Buch. »Da werd' ich auch 'reinschreiben, Flügelmann«, sagte er dann. Und es war eigentlich gegen die Subordination, daß der Unteroffizier dem General erwiderte: »Exzellenz dürfen das nicht.« Er ging auch gleich hinaus in die Ställe und tobte sich an den Pferden, Kühen und Schweinen aus, die er andonnerte, als seien es Rekruten. Aber dann kam er ganz zahm wieder zu mir und drehte mir im eifrigen Gespräch einen Lederknopf von meiner Joppe ab. Das ist nun schon der dritte. Aber ich hab' eine richtige Freude dran, sie wieder anzunähen. Mußte deshalb büschen die Nacht dazu nehmen.

»Sag' mal, du Prachtkerl von Flügelmann«, hub die Exzellenz an, während sie neu am Joppenknopf drehte, »wie geht es einmal an, daß meine Tochter, die verdeubelte Deern, dich nicht ein einziges Mal erwähnt hat, weder in Briefen, noch in Worten, als sie mich neulich in Berlin überfiel... Sie hat doch sonst Augen im Kopf... He?«

»Man übersieht einen Knecht leicht, wenn man eine vornehme Dame ist.«

»Pfhh. Erstens ist meine Tochter keine Dame, sondern eine Jöhre, und zweitens kann kein Mensch auf Gottes Erdboden dich übersehen. Verrücktes, blödsinniges Frauenzimmer, mein Fräulein Tochter. Also deine vier Meter ›übersah‹ sie und in den Däumling Jochen Sleef verguckte sie sich – es ist, um auf die Akazien zu klettern...«

Ich überlegte. Denn mein alter Feldwebel hatte uns in der Instruktionsstunde gesagt: »Wer einem General widerspricht oder dessen Frau, was noch döller ist – sowas kann mit keiner irdischen Strafe geahndet werden. In solchem Falle kommt der Teufel höchstselbst und führt ihn ab. Und da kann's angehn, daß so ein Abschaum von einem undisziplinierten Kerl noch die Hölle verseucht.«

Aber ich widersprach trotzdem. »Exzellenz, ich bin nicht vier Meter lang und Doktor Jochen Sleef ist ein Genie.«

»Alle Wetter, alle Wetter, du nimmst das Maul voll. Ein Genie! Daß ich nicht lache. Seinem Vater, auch ein Vetter von mir und mithin Oheim von dir, habe ich mal mit der Pistole gegenübergestanden. – Es ist ausgeschlossen, daß der ein Genie zum Sohne haben könnte. – Wir waren beide Leutnants damals, noch nicht trocken hinter den Ohren. Blutjunge Dachse, kriegten sechs Wochen Stubenarrest, weil wir uns ja nichts getan hatten, denn er nahm gleich die schnoddrige Redensart zurück, die der Anlaß zum Duell war. – – –

Ich hab' den Kerl aber bis zu seinem Tode nicht ausstehen können. Jaja, die zärtlichen Verwandten!« Es war, als ob der General zu sich selbst spräche, und hätte mich vergessen.

Dann wurde er plötzlich lebhaft. »Führ' mich jetzt zur Herrin vom Sleefkamp. Bis jetzt war sie nicht zu sprechen. Sie ist ja noch die Allerweltsmuhme Kordula. Nennst du sie auch so, Flügelmann?«

»Jawohl Exzellenz. Sie ist mir sehr zugetan und ersetzt mir beinahe die Mutter – – –«

»Beinahe – ich versteh' schon, 's Amei ist niemals zu ersetzen.«

»Nein, Exzellenz.«

»Ich werde dir nächstens auch Stubenarrest aufbrummen. Flügelmann, wenn du nicht mit der Exzellenz aufhörst. – Ein Wrack bin ich – es hat sich ausexzelliert.«

Da sagt ich zu ihm, täppisch wie ein junger Jagdhund: »Komm Onkel Ernst, ich bring' dich zur Muhme Kordula.«

Manchmal findet auch ein ungebildeter Knecht, der sich vom Konversationslexikon nährt, das rechte Wort.

Der General straffte sich und sah mit einem Male jung und schneidig aus. »Die Muhme Kordula«, sagte er eindringlich und faßte wieder meinen Joppenknopf – –»seit dem Tode meiner Frau ist sie das einzige Frauenzimmer, das etwas taugt.« Ich hob den abgerissenen Knopf auf und öffnete die Tür zum Wohnpesel, ließ den General eintreten und schloß sie gleich wieder hinter ihm.

Laut hört ich ihn rufen: »Gottlob und Dank, Kordula – ein Hecht ist in deiner Kemenate, wie in 'ner preußischen Wachtstube.«

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