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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 3. April 19 ..

Ich muß dies alles niederschreiben, um mich zu befreien. Denn es erschütterte mich, wie dieser Mensch mich abliest. Warum tut er es? Er ist sonst so taktvoll. Hat er einen Verdacht? Furchtbar wäre es. Weil es mich lächerlich macht. Wien Sleef, der Kinderschreck, der maßlos häßliche Mensch, Wien Sleef, der Knecht, verrät in Gedanken seinen liebsten Freund. Und hat doch nichts, aber auch so gar nichts davon. Weil er nicht fähig ist, Liebe zu erwecken, immer abseits stehen muß, und trotz seiner Größe und Gewichtigkeit allstunds der Garniemand bleibt. Es packte mich plötzlich so arg, daß ich einen Schrei ausstieß. Erschrak vor mir selbst. Da faßten mich zwei feingliedrige Hände mit einem festen Griff, den ich gar nicht vermutend war bei dem schmächtigen Dr. phil. et rer. pol. »Wien! Wien!« rief er. Und ein Ton war in meinem Namen, als ob eine Mutter ihr einziges Kind vor einer Gefahr warnte. Nicht Zorn, auch kein Verdacht lebte in dem Ton, nur Liebe, helle Bruderliebe.

Ich taumelte auf einen Stuhl. Und wenn der Wien Sleef taumelt, dann ist's so, wie wenn ein Baum umfallen will, und die Leute reißen aus. Eine Magd, die grad hereinkam und uns zum Essen rufen wollt', entfloh schreiend. Aber der Dr. phil. et rer. pol. blieb bei mir – grad als ob er ein Medizinmann wäre. »Du, ich kenne solchen Zustand«, meinte er ganz geruhig. »Wahrscheinlich hast du ihn zum erstenmal. Aber wenn man öfters verliebt ist, dann gibt es sich. Weißt du, daß du aus den Fugen bist, Wien? Wo ist der Tischler, der dich leimt?«

Beinahe hätte ich des Herrgotts Namen gerufen, als den Einzigen, der mir helfen kunnt, aber den gebe ich nicht so leicht preis, und so sagt' ich: »Muhme Kordula!... Wir wollen zur Muhme Kordula zur Vesper gehen.«

Da lachte der Doktorvetter laut und erstaunt und wieder gar nicht schön. »Hunger hast Mammut? Dann komm! Man soll dich besser verpflegen auf dem Sleefkamp. Denn solchen Schrei will ich nicht wieder hören.« Er hatte ein arg blasses Gesicht, fast grau sah es aus.

Und er lief eilends von mir fort. Ich polterte ungeschickt hinter ihm drein.

Muhme Kordula qualmte.

»Setzt euch«, rief sie kurz, und sie gab weder mir noch dem Dr. Jochen die Hand.

»Muhme Kordula, du wirst dir noch einen Herzklaps anrauchen«, meinte Jochen besorgt.

»Dazu brauch' ich keine Brasil«, wehrte sie. »Wenn man euch beide anschaut, dann kriegt man den Herzklaps von alleine.«

Ich weiß, diesmal verstand ich besser, als der gelehrte Doktor, was die Muhme meinte und schwieg erschrocken. Aber der Vetter meinte leichtsinnig: »Sind wir zwei beide so verführerisch?«

Sie verfärbte sich jäh.

»Ja. So verführerisch, daß ich dir eine runterhaue, wenn du nochmal Schluderworte gebrauchst. Ich hab' verbriefte Hofgewalt. Verstehst?«

Da sprang der Doktor auf. Sein Stuhl fiel um. Wenn ich so ausgelümmelt worden war, ich hätt' den Stuhl liegen lassen, aber er hob ihn auf und schob ihn fein säuberlich unter den Tisch. Das war wieder die Kinderstube. Könnt ich sie lernen l Er ging dann langsam hinaus.

»Mußte das sein, Muhme Kordula?« fragt' ich.

»Da wird noch viel sein müssen«, war ihre herbe Antwort. Und mir schien's, die Muhme sei mit einemmal alt geworden.

Die neugemietete Magd brachte die Milchsuppe herein. Das Mädchen polterte recht ungeschickt und stieß mit Tellern und Schüsseln. Das war wohltuend in der bangen Stille. Nun betete die Muhme:

Herr, laß uns nicht leiden
Durch Zwietracht und Streiten!
Gesegne uns Gott
Unser tägliches Brot!
Und laß uns halten hoch und wert
Unseres Hauses heiligen Herd!
Amen.

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