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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 2. April 19 ..

Man hat mich gestern gehörig in den April geschickt. Da war auch nicht ein Knecht und nicht eine Magd, die mich nicht mit irgendeiner aufregenden Nachricht empfangen hätte. Und da ich mit meinen Gedanken so ganz wo anders war, fiel ich sofort auf jeden dummen Schnack herein; bis auf meinen verzweifelten Ausruf: »Ist denn heute der Teufel los?« – die Insten sämtlich in Gekreisch und Lachen ausbrachen. Die alte Gesinefreundin gab mir mit dem Ellbogen einen Stoß in die kurzen Rippen und meinte ganz ernst: »Mußt mal bald was für dich tun, Wien Sleef, damit du bsundere Datums merkst.« Nun werd' ich den ersten April nicht so leicht vergessen. Aber gewurmt hat mich doch die Gewißheit, daß man Schindluder mit mir getrieben hat. Und als der Hütejunge Tetje auf mich zulief und schrie: »Oberknecht Wien – der Doktor Jochen ist im Heidschnuckenstall«, da klebte ich ihm eine, die war nicht von schlechten Eltern. Und obwohl ich grad in den Schnuckenstall wollte und mußte, drehte ich wieder um und ging ins Haus.

Muhme Kordula begegnete mir, war unruhig, qualmte heftig mit ihrer Brasil, während sie sonsten mit Verstand raucht, und meinte bösartig: »Aus dir klug zu werden, Wien, das muß selbst der liebe Gott aufgeben.«

»Nein, der weiß Bescheid«, hab' ich ihr trotzig zurückgegeben.

»Und was hab' ich nun wieder mal verfehlt?«

Sie tippte auf ihre Stirn. »In den Schafstall gehörst«, sagte sie. Das war bündig, und ich ging hin, wo ich hingehörte. Es ist das Beste, was man tun kann, selbst wenn erster April ist und unkluge Leute es einem heißen.

Denn der Doktor phil. et rer. pol. war wirklich auch drin. Die Heidschnucken wußten aber nichts davon. Die haben den Geruch vom Akademischen noch nicht recht in der Nase, riechen selbst noch strenger.

»Servus Mammut«, sagte Doktor Jochen. Und ich machte wohl ein verbotenes Gesicht.

»Ist das dein dümmstes?«, fragte er eindringlich. Aber er sah nicht gut aus. Hohläugig und mager, als wenn er niemalen wie ein Scheunendrescher all die Wochen bei uns gefuttert hätte. Ich wußt' nicht, wie und was ich anfangen sollt' mit ihm.

»Mach' das Maul zu – es zieht«, redete er noch, und da freute ich mich grenzenlos, daß er da war. Ich haute ihm zwischen die Schulterblätter, daß er in die Knie sackte. Er verbiß den Schmerz: »Ich wußt' es ja, Wien, daß du mich noch lieb hast.«

Von der Amei sprechen wir nicht. Es könnte ja sein, wir brächten den ganzen elenden, verfluchten Kram über die Lippen und redeten ihn kurz und klein, und keiner spürte den Jammer des anderen. Es könnt' aber auch sein, ich schlüge ihn tot. Der Jähzorn äußert sich bei allen Sleefs verschieden. Meiner ist wie ein kurzes Gewitter, wo alle Schläge treffen, und ist kein Donner und kein Regen dabei. Den Jähzorn vom Doktor Jochen kenn ich noch nicht. Kann sein, er artet sich auf den Ahn heraus, der war kalt und rechtschaffen. Hat nur ausgespien bei solchen Sachen und ist des Wegs gegangen. Gott schall mi wohrenl Ich darf gar nicht an die Bibel denken, die doch sonst allstunds mein A und mein O war. »Wer ein Weib anflehet, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen...«

Amei! Amei! Amei!

Als meine wirren Gedanken sich gelegt hatten, packte ich Jochens Arm. »Nennst du das eine Auslandsexpedition, wenn du wie der kleine Peter beim nächsten Kreuzweg umdrehst und heimläufst?«

Er lachte gequält. Gab aber keine rechte Antwort. Das, was er sprach, war auch nur helle Verlegenheit. »Sieh, sieh, Wien, wie seine Vergleiche du heranziehst. Was warst du früher für ein wortkarger, täppischer Geselle! Du hast dich hier in der Zweisamkeit mit dem ›Fullianten‹ höllisch rausgewachsen.«

Höllisch! Das stimmt, dachte ich. Wenn man immer nur an des anderen Braut denkt, das ist schon höllisch. Aber sie war ja nicht immer sein gewesen, hatte mich eher gekannt, als ihn. Jetzt schwieg ich mich aus, und eine ganze Weile war es still um uns.

Dann erzählte er langsam und mit verhaltener Stimme. »Aufgelöst ist die Expedition. Nur bis Hamburg bin ich gekommen. Der Leiter stürzte mit dem Flugzeug ab. War überhaupt kein Adler. War nur eine Krähe. Wir alle mochten ihn nicht. Aber sein Organisationstalent war gut. Und keiner war gewillt, die Expedition zu gefährden. Zumal er immer so verbissen mit allen Höllenstrafen drohte, falls sich einer nicht seiner Autorität blindlings fügte. Und dann gefährdete er sie selbst. Unternahm bei ganz törichtem Wetter einen törichten Aufstieg und Ausflug. Es ist heikel, wenn ein Herrschsüchtiger die Herrschaft über sich verliert. Wir haben ihn gefunden. Schön sah er nicht aus. – Bis die nächste Expedition startet, wollte ich nicht brachliegen. Zumal die Luft hier rein ist.«

»Was verstehst unter reiner Luft?« fragt ich blöde.

Da lachte er unfrei. »Laß gut sein, Mammut. Was ich sagen wollt', wär' paradox.«

Da muß wieder das Lexikon her. Bin sechsunddreißig und weiß nicht, was paradox ist. Er sah mich scharf an, wir Sleefs haben alle so Röntgenaugen. »Weißt, alter Wien, wenn du nicht so fadengrade wärst, ich wollt' behaupten, du hättest ein schlechtes Gewissen.«

»Nein, das hab' ich nich.« Recht ein Pharisäer bin ich, denn ich wußt' ja, daß ich log.

»Nun, ich kann mich ja irren«, meinte er, und ich konnt' kaum seinen zwingenden Blick ertragen. »Aber mich dünkt, du bist ein anderer geworden, da wir uns nicht gesehen haben.«

»Muß man immer schlechter werden, wenn man ›anders‹ wird?« fragt' ich. Und ich hielt dem Blicke stand, der mich durchforschte. Sagte er: »Was tust du für kniffliche Fragen, Wien? Auch das ist neu an dir. Du warst so erquickend natürlich. Und jetzt? Jetzt suchst du nach Worten, um deine Gedanken zu verbergen.«

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