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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 23. Dezember 19 ..

Kein heiliger Abend ... bei den Worten knallte gestern die Tür auf und ein greller Blitz stach durchs Fenster, dem ein Donnerschlag wie ein Fluch folgte. So haben wir's wintertags schon manches Jahr gehabt, aber dieser Schlag war reif für ein Stoßgebet. Das schickte ich denn auch in die Nacht, in die pechrabenschwarze, aber es war erst vier Uhr nachmittags. Die Peseltür war zerbrochen. Im Fleet lag eine Schneewehe, denn die schwere Eichentür stand sperrangelweit offen und zitterte in ihren Fugen. Hinaus lief ich. Es hatte getönt wie ferner Schrei. Und vor dem Hoftor lag meine Weihnachtsbescherung. Ein totes Pferd, ein zuckendes Etwas, daneben ein zerbrochener Wagen, ein ganz verbaster Kutscher, der kindisch greinte, und ein Bub, der aber unter dem Wagen steckte. Von ihm tönten die abgerissenen Schreie.

»Ich komm schon!« rief ich.

»Es wird Zeit«, knurrte der Bub. »Vorsicht Tölpel – ich glaub', ich hab' den Fuß gebrochen.«

War aber nur büschen verstaucht. Der Jung' humpelte zum Kutscher.

»So heul doch nich«, schrie er, »schämst dich nich? Stehst aufrecht da; nich mal betäubt sind wir.« Er beugte sich über das Pferd. »Tot!« Dann ging er zum andern Gaul, der wild um sich schlug, aber sich nicht erheben konnte. »Armes Tier!« Aus seiner Hosentasche langte er einen Revolver. Ein scharfer Knall – aus war's.

Tapferer Kerl. Aber er hatte Tränen in den Augen. Legte einen Finger an die Mütze, das sollt ein Gruß für mich sein.

»Sleef!« sagte er.

»Kennst mich?« fragte ich.

Was antwortet der Knirps? »Erstens bin ich kein, Du' von Ihnen und zweitens heiß ich so: von Sleef–Sleefkamp. Und ich friere, und will einen steifen Grog.«

Da hab' ich gelacht. »Un it heet ok ›Sleef‹. Man ganz gewöhnlich ›Sleef‹. Aber wenn du auch der König wierst, Grog schallst doch hebben!«

Da wunnerwarkte der Lüttje, und ich nahm den Kutscher beim Kragen und schüttelte ihn ordentlich, damit erst mal sein Unterst wieder zu Öbberst käm. Rief dann mit scharfem Pfiff etwelche andere Knechte, damit sie die toten Pferde beiseit schafften, bis der Abdecker käm. Und überantwortete ihnen den Kutscher, daß sie ihn mit einem Grog ins Bett stecken sollten, und ging mit dem vertrackten Bengel, der »von Sleef« heißen wollte, in den Wohnpesel vom Sleefkamp.

Und nun bin ich ganz durchgedreht, und muß mich besinnen, was oben und was unten ist am Firmament. Hab' auch schon laut für mich gelacht, was gornich mein Art ist. Aber ich war mit dem Jung die alte, geschnitzte Stiege hinaufgegangen und hatte an die Peseltür der Muhme Kordula Sleef gepocht. Die rauchte gerade eine schwere Zigarre, was sie immer tut, wenn sie schwere Gedanken hat. Sie führt das Regiment im Gewese und ist unser Aller Herrin.

Der Jung riß seine Mütz ab und klappte die Hacken zusammen. Und genau von der Stelle, woher er den Revolver geholt, zog er nun einen zerknitterten Brief. Gab ihn der Frau. Die riß ihn auf, las ihn, stampfte mit dem Handstock auf und rief: »Düwel ok! Der General is wohl verrückt?«

Dann legte sie den Arm um den Jungen, und der ließ sich straken und gar küssen von ihr, wenn auch mit bitterbösen Augen. Dann drehte Muhme Kordula den Buben zu mir hin und stand auf. Legte die Zigarre fort und sprach feierlich: »Dies ist meine Enkelin Amei von Sleef.«

Da hatte ich nun die Bescherung. Wollt' es immer nicht glauben, daß die schlichte Muhme Kordula die Mutter von einem General sei. Im Leben geht's aber närrischer zu als in Büchern. Ist der Muhme ihr Bräutigam, auch ein Sleef, ihr untreu geworden, hat sich verheiratet, mit einer Jungen, denn die Muhme ist dazumal schon an die Dreißig gewesen. Ist der französische Krieg gekommen und der treulose Sleef gefallen, aber ein Söhnlein hat er hinterlassen. Zwei Jahr alt. Und die junge Frau war treuer, hat sich ihm nachgegrämt, ist gestorben. Da hat die Jungfer das Kind zu sich genommen, einen braven Offizier draus gemacht, und der ist vom Kaiser geadelt worden. Tapferkeitsadel! Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr! – – Und kann doch auch ein solcher Mann eine närrische Nachkommenschaft haben. – Ich bin aus der Stuben hinausgepoltert, stieß mir noch den Kopf am Deckenbalken, denn oben sind die Stuben noch niedriger als unten. Heil verbast saß ich dann in meinem Pesel. Hatte noch grad so viel Besinnlichkeit, daß ich einen Grog brauen konnt für den obsternatschen Jung, der eine feine Deern ist, Tochter von einem General, der bei den Soldaten dicht hinter dem lieben Gott kommt. Und der Jung heißt: »Amei«. Wie meine Mutter selig ... meine Mutter.

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