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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 8. März 19 ..

Heute hatte ich hohen Besuch. Kunnt mir wohl etwas einbilden. Aber »Inbildung is düller as Pestilenz«, sagt ein Sprichwort. Und ich will in meine gesunde Heide doch nicht die Pest reinholen. Der Herr Landrat Dreysen kam mit dem Kreisamtmann, und der prächtige Pastor Eichstaedt kam desgleichen angereist, weil er sein Pfarrkind aus dem Sleefkamp wollt' mit der Rettungsmedaille am Bande sehen. So neugierig können die Pastorsch sein. Aber es ist ja auch ein besonderes Stück, so einen grundhäßlichen Kerl wie mich in Dekoration auf dem Presentierbrett zu haben. Und läßt nicht locker und tribuliert mich und kraucht eigenbeinig mit mir auf meine Kammer. Die ist auf dem kleinen Dierkhof so arg winklig ausgefallen. Und zwingt mich großen Goliath, daß der Herr Landrat nachher die Bescherung hat, und mich mit dem E.K.-Eins und Zwei sieht. Und dann kam noch der dritte Vogel geflogen. Da fing freilich die Magd gleich an zu heulen: »So gottsunmöglich schön sieht kein General aus, Wien Sleef!« Aber Fite wurde nicht eifersüchtig. Denn weil ich aufgeregt war und mich schämte wie ein kleiner Junge, da leuchtete meine brandrote Narbe noch einmal so stark. Und merkwürdig – auch der Landrat brachte zuerst kein Wort heraus.

›Soll's bleiben lassen‹, dacht' ich, ›dann is die Feier bald zu Ende.‹ Aber plötzlich fiel ihm was ein, wenn auch nix Gescheites.

»Wien Sleef vom Sleefkamp, Sie waren und sind ein braver Kerl allstunds!« Und seine Stimme klang arg merkwürdig, wie sonst hohe Herren garnicht sprechen.

»Ein braver Kerl!« – Wenn's weiter nix ist – – aber ich hab's immer verhofft es zu sein. Dann dacht' ich, meine beiden Arme wären zwei Pumpenschwengel und jeder von den Anwesenden versuchte sich dran. Und sie schüttelten mich hin und her, weil keiner reden konnte. Aber der große breite »Soot« blieb ganz trocken. Bis der alte Dierkhofer dem Fite winkte, und der wußte Bescheid, und flugs stunden Gläser und ein paar verstaubte Flaschen bereit. Da ächzten und knallten die Pfropfen, und es war alles ein abgekartetes Spiel.

Die Magd hatte sogar einen Kuchen gebacken und einen Tannenkranz gebunden und diesen wollt' sie mir aufsetzen. Da hab' ich mich aber gewehrt. Auf dem bayrischen Anwesen der Großeltern hatte ich gesehen, wie die bekränzten Kühe von der Alm herunterkamen. Aber zum Preisochsen dünkte ich mich doch nicht würdig genug. Schließlich wurden wir aber noch ganz fröhlich. Der Wein war gut – lange Jahre hatte er gelagert, denn der Dierkhofer wollt' ihn zu seinem Begräbnis aufheben. »Bauer, er schmeckt dir besser, wenn du ihn lebendig trinkst«, rief Fite und schien das auch für sich anzunehmen. Als die Herren nachher weggefahren waren, lag keine verstaubte Flasche mehr im Keller. – Womit ich doch meinen Gram hätt' ersaufen können ...

Was hat mir der Pfarrer erzählt? Wär' er doch heimgefahren, ehe diese Weisheit von ihm floß!

Für den Wien Sleef scheint kein Freudenbecher gefüllt zu sein. Und wenn der Herrgott wirklich Gnade gibt und schafft Ehren auf des Knechtes Haupt und reicht goldenen Wein vom deutschen Rhein als seltenen, feierlichen Trunk, dann kommt sicher der ††† und schlägt mir das bunte Wappenglas vom argversehrten Mund. Und als ich's mir wieder hole, da hat er Wermut hineingegossen. Gallenbittre Medizin war's, was der Pastor an mich hinredete mit seinem offenen gütigen Gesicht und Lachen. Wie konnt' er ahnen – – – hab' ich's doch selbst nicht geahnt, daß man so zerschlagen sein könnt' – – –

Der alte Dierkhofer kam ins tühnen. Dat is so bi ole Lüd. Er trank und war's nicht gewohnt, er redete ein geschwollen Hochdeutsch und war's erst recht nicht gewohnt. Bei der Erschaffung der Welt fing er an, und schlief büschen dazwischen, gerade, als hätte er selbst die ganze Mühe daran gehabt. Und dann kam er über den Krieg 70–71 glücklich nach 1914 hin und dann wieder mit 'n ordentlichen Behagen auf den Brand im Dierkhof. Wär' man schlecht, hätt' einen die Lebensrettung reuen können.

Aber als der Bauer wieder so'n Weilchen drusselte, streckt mir der Pastor sein volles Glas hin und saggt: »Nun haben wir Ihre Medaille ordentlich naß gemacht, jetzt gilt's endlich dem jungen Paar im Sleefkamp! Was hast du zu dem frohen Ereignis gesagt, Wien Sleef? Meine Frau und ich glaubten, es würde dich heimtreiben, haben ja lang schon von deinem schönen Einverständnis mit dem Doktorvetter gehört. Aber die Muhme Kordula machte schmalen Mund und raunte so an mich hin: ›Braucht es gar nicht zu wissen, der Wien.‹ Aber das sehe ich nun doch nicht ein, Sleef ist Sleef – und ich glaube nicht, daß dieses hocherfreuliche Bündnis Einfluß hat auf deine Ansprüche am Hof ...«

Ich konnte nicht weiter hören, ein Sausen und Brausen und übermächtig Tönen hub an in meinem Kopf. – Und wenn man mich mit hundert Nadeln gestochen hätte, ich hätt' keinen Blutstropfen hergegeben. Ganz langsam starb ich ab. Eiskalt Hände und Füße, Nase und Ohren, Leib und Seele. Der Rheinwein war so gut gewesen, daß kein Mensch es merkt, wie der Wien Sleef zugrunde ging. Ein hartes Sterben war's.

Wann die Herrschaften sich verabschiedet haben und heimgefahren sind – ich könnt's nicht sagen.

Wie wir noch alle beisammen saßen, hörte ich einmal den Pfarrer sprechen: »So froh hast du nie gelacht, Wien, wie heute.« Und die Stimme der Dierkhoferin tönte hinten nach: »Dies Lachen kannst nachlassen, Wien Sleef – schier möcht' ich mich fürchten davor.« Und hat also die alte Frau, die mich erst ein paar Wochen im Hause hat, besser Bescheid mit meinem Inneren gewußt als der gelehrte Pastor, der mich in Kinderlehre und Konfirmation gehabt hat.

Aber schließlich gingen sie doch einmal fort – ich hatt' mich schon drauf eingestellt, so weiter zu saufen bis ins heulende Elend hinein, das aber auch in mir gesessen hätte, wenn mir die »frohe Botschaft« auf den nüchternen Magen gekommen wär'...

Du mein Herrgott, mußte das sein? Und wenn du auch einmal deinem bluteigen Sohn abgeschlagen hast, den Kelch vorübergehen zu lassen – konntest du nicht eine Ausnahme beim Wien machen? Und nun bitt' ich dich um Verzeihung für die Lästerung. Auf die Knie möcht' ich wohl fallen vor dir, aber es tut nicht nötig. Du siehst schon so, daß ich zerschlagen bin – völlig und ganz zernichtet. Und lachst nicht über mich, weil du allwissend bist ... Hat nicht vor Wochen die Muhme Kordula gesagt: »Hab' einen Riesen gekannt, ein Mückenstich bracht' ihn zur Strecke.« Ei freilich, eine Grasmücke schlägt jetzt den Wien tot, nachdem sie ihn gerauft und gebissen hat ...

Und ich hab' sie dafür lieb, zum Sterben lieb ...

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