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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Dierkhof, den 3. März 19 ..

Heut' nach dem Frühbrot frag' ich den Bauern: »Bekommt Ihr manches Mal auch Briefe, Dierkhofer?«

»Nö, die kriegen wi nich. Die maken blot Ärger un kosten ok Geld.« »Hast nich auch schon mal 'ne Freud' an einem Brief gehabt?«

»Du vielleicht?« fragt er dagegen. »Marieken«, rief er durch die halboffne Tür in die Küche hinein, »hast du schon mal Freid an'n Breif hebbt.«

Die Frau trat rasch zu uns ein und faßte erschrocken nach seiner Hand. »Klaas, hat dich doch das Fieber gepackt? Ich hab' mir's schon denkt. Der Brand, das gache Aufwecken un all so'n Kram. Vadder, red doch nich vun Breifs! Die Birgitt wird schon nochmal schriewen. En schönen, en goden, en fründlichen Breif.«

Nun wollt' ich wissen, wer Birgitt sei?

»Uns Enkeldochter.«

»Du mein, ich denk, hi hebbt keen Kinners?«

Da war'n die Schleusen offen. Ganz hibbelich ward Dierkhofmudder. Klöhnte un tühnte und hulte ok datüschen. Sohn und Schwiegerdochter wären tot all lange. Das Kind wär' immer bei ihnen, den »Großjes« gewesen. Schön sei die Deern und gut und arg brav, nur eben keine Bauerndeern. Und hätt' immerlos nach der großen Stadt geampelt, wo doch die Todsünden alle sieben auf der Straße lägen, und gleich nach der »Kunfirmatschion« hätte sie einen Dienst in der Stadt gesucht und gefunden. Aber nun hätt' sie lang, lang nich schrewen, un Vatter luerte up en Breif. Nun wurde wieder büschen geheult. Aber dann rief sie plötzlich: »Wien Sleef, du hast jo äwer en Breif kregen, un wi schnacken vun unsere Breif, die wie nich kregen. Stand denn wat Guts drin, wat dir de lüttje Reitknecht bröcht hat?«

»Jawohl, Dierkhofmudder. 'ne Wahrheit stund da in. Wahrheit is immer was Guts.« Aber ich hab's ihnen nicht verraten, daß ich in Wahrheit ein Esel sollt' sein.

»Hm! Wahrheit is gut, äwer man kolt. Liebe is besser«, murmelte der alte Dierkhofer. Er hatte in all der Zeit nur an die Enkeltochter gedacht, welche die Pflegeeltern vernachlässigte. – Ich bin dann an die Arbeit gegangen. Hab' tüchtig geschafft. Denn die Magd hatte es mir zugetragen, daß die Dierkhofleute nach ihrer Lebensrettung doch wackliger geworden seien als vordem.

»Sind nicht mehr arg jung, die zwei«, meinte die Magd. »Wenn auch noch nicht grad alt. Der Bauer fünfundachtzig, die Frau achtzig alt. Weil die Dierkhofers aber immer hundert werden, wollens die beiden auch. Haben so'n Spruch:

»100 Johr is 'ne lange Tid,
Wenn man se vor sich liggen sieht.
100 Johr is 'ne korte Spann,
Wenn man se sieht vun achtern an.«

So so, hab' ich gedacht bei mir, die nehmen sich was vor, die echten Heidjer. Wollen nicht nur hundert Jahr leben, sondern sich die Zeit auch noch ›vun achtern‹ bephilosophieren. »Na, ich werd' mit fünfunachtzig nicht so'n faltenloses Gesicht und so rote Bäckchen haben wie der Dierkhofer.«

»Hä«, sagte die Magd, »meine Uröllern sind hundertundzwei Johr gewurden. And die haben nich schreiben können, un ok nich schrewen Schrift lesen. – Fo dorvon kam dat.«

Also wird Wien Sleef nich mol föffig Johr alt. He schrifft toveel.

Aber die Hundertjährigen hatten wohl auch nie das Heimweh gekannt. – Wie das rüttelte an mir, dem Schlagetot, daß ich nicht schlafen kunnt. Und auch nicht wachen. Denn wenn ich still saß – nicht faul, denn ich bastelte alles zusammen, was nicht mehr heil war auf dem Dierkhof – dann lagen mir die Lider wie schwere Deckel auf den Augen. Und streckte ich mich zur Nacht im Schlafpesel aus, dann starrte ich schlaflos ins Dunkle und die offenen Augen brannten. Heimweh ist immer hungrig. Es fraß an mir. Und wurde nicht satt. Trotzdem ich nicht mehr stattlich zugange war, sondern verzehrt aussah. Und die Kleider schlotterten an mir. Gestern fand ich Knecht und Magd in meinem Schlafpesel. Aber sie waren ganz ehrbar und brav, sie räucherten mit Wacholder die Kammer aus. Auch verlegen waren sie nicht. Die Magd meinte: »Nix für ungut, Oberknecht Wien. Wir haben den Glauben, du beherbergst einen Kamps. Der setzt sich dir nachts auf die Brust und saugt dich bei klein aus. Guck in den Spiegel, da merkst du's. Wacholder mag er aber nich leiden.« Ich konnt' aber trotzdem in selbiger Nacht nicht schlafen vor Heimweh nach dem Sleefkamp, und auch nicht atmen vor Wacholder. Also verbat ich mir wenigstens das Räucherwerks.

Das war aber gefehlt, denn wenn man in der Heide lebt, muß man auch mittun im Aberglauben, sonst ist man ein Außenseiter.

»Schade um dich, Wien«, sagte die Magd. »Fite un ich hatten dich vor gescheidter und vor besser gehalten. Und nun bist du ein Neumodischer ohne ›Rellion‹«. Etwas scheu gehen sie seitdem um mich herum. Ich hab' deshalb die Dierkhofer gebeten, daß ich jeden Morgen eine kurze Andacht halten darf. Nur so ein schönes Gesangbuchlied und das Vaterunser. Mir ist's ein rechtes Bedürfnis – und – es bringt meinen guten Namen bei den Insten wieder in die Reihe.

Auf was man alles achten muß! – Früher, da lebte ich so in den Tag hinein. Davon wird man kommode und setzt Fett an. – Und die alte Gesine im Sleefkamp hat mal zu mir gesagt: »Bei meiner Größe hätte ich die Verpflichtung, stattlich zu sein, sonst betrüge ich den lieben Gott.« Na, da bin ich jetzt hübsch im Betrügen drin – – –

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