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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 2. März 19 ..

Heute sagte die alte Dierkhoferin zu mir: »Könntest eigentlich immer bei uns bleiben, Wien Sleef. Haben uns recht an dich gewöhnt. Ja, und ohne dich hätt' uns das Feuer verbrunnen ...«

Sie fing ganz plötzlich das Weinen an, die Alte, sie ist »neffiös« geworden seit dem Brandschreck, meint ihr Mann. Und auch er bat um mein Bleiben. Das machte mich froh. Ich bin so wenig mein eigener Geschmack, daß ich eigentlich jedem dankbar bin, der mir gut ist. Manchmal, wenn ich mich im Halbdunkel im Spiegel erwisch, da bin ich ordentlich erschrocken. »Kinderschreck!« hab' ich mal zu Anfang im Folianten geschrieben. Einer der Ahnen hat von sich vermerkt: »Es tut schier höllisch wohl, wenn sich so alle Deerns nach einem umdrehn. Un die Oogens schier umkrempeln, daß das Farbige verschwindet und das Weiße zu oberst kummt. Weiß ja sülben, daß ik 'n schmucken Keerl bün. Die Sleefs sin alle smuck.«

Da ist eigentlich gut, daß ich als blutjunger Kerl gar nie in den Spiegel geguckt hab'. Und war zu jung und unschuldig, als daß ich ein Deern hätt' haben mögen, die mir's sicher gesagt hätte. War ja auch die Mutter da ... Das ist weise eingerichtet vom Herrgott, daß alle Mütter ihre Kinder schön finden. Und die alte ostpreußische Eule sagte: »Meine Uhlkes sin luter Dufkes.« Und mein Vater neckte die Mutter und meinte: »Jede Frau hat den besten Mann, die schlechtesten Dienstboten, die schönsten Kinder, und – nichts anzuziehn.«

Ja, und oft genug hat Mutter Amei mir zugenickt: »Wien, Herzensbübel, i bin ganz vernarrt in dei gottstausendschönes Gesichtel! An dei Figur – ahhh, da feit sich nix!!!«

Eigentlich müßt ich's 'rausreißen, das Blatt – aber Mutter Amei hat doch einmal die Worte in ihren lebendigen Mund genommen – – soll's also stehen bleiben. Und so sollen's alle Nachfahren lesen: »Als ›tausendschöns Bübel‹ is der Ahn Wien Sleef in den großen Krieg gezogen, und als rechter ›Unfürm‹ wieder zurückgekommen – –«

»Mime« hat mich der studierte Vetter Jochen mal genannt. Und wir sind beide rot geworden. Er, weil es sicher nichts Schönes war, was er mir da gab, und ich, weil ich das Wort nicht verstund. Da muß wieder mal das Lexikon her, aber der alte Dierkhofer hat keins und braucht keins.

Heute kam auch mein großer Koffer an. Auf eine seltsame Weise. Denn woher weiß man wohl, wo ich jetzt stecke? Der fremde Geselle, der ihn auf einem Karren heranschob, war ein Handwerksbursch, hatte das Pulver nicht erfunden, dafür hatte er ein leeres, hübsches Gesicht, wie es Deerns lieben. Und leierte auch gleich sein Lex 'runter: »Ein Jung, so vun föfftein, sösteihn Johr, der hätt' ihm das angeschafft. Und wenn ich nich ehrlich wär«, sagt er, »und den Kuffert nich redlich auf den Dierkhof brächt', dann wollt' der Jung beim nächsten Wiedersehn mich mit dem Ohrläppchen ans Scheunentor nageln.« Hähä, lachte der blöde Knecht. Und dann zog er aus seinem Sack eine blanke Mark. »Die hat mir der verrückte Jung als Trinkgeld geben«, sagt er und lacht wie unklug vor Freuden. »Un de Jung hatt' seggt: ›De Knecht up'n Dierkhof, de hatt' nix und kann nix. De is 'n twee Meter langen Tranpüster, un gifft ok keen Drinkgeld.‹« Da kam dem Wien Sleef, den der Handwerksbursch für den Bauer vom Dierkhof hielt, der Jähzorn so gach ins Geblüt, daß mich schier der Affe laust, und ich schenk' dem Blödling noch eine Mark dazu, und wie er nach dem »Knecht« fragt, sag' ich, der hätte hilde Arbeit und wär nicht zugange. Und der Handwerksbursch fragte nach einem Wirtshaus, und ich wies ihm das nahe Dorf, denn ich merkt es schon, er wollte dort lieber seine Vesper nehmen, als bei uns, wo er kein schmuckes Weibsbild entdeckte. Und die Karre ließ er ehrlich da, und hinterher sah ich auch, daß das Sleefkampzeichen ins Holz eingebrannt war. Als der Handwerksbursch hinter den Föhren verschwand, da wurde ich durch den neu auflodernden Jähzorn vollends zum Narren. And das Herz, was doch gar nicht bei mir, sondern bei Mutter Amei in der Erde ist, tat mir so weh, als sollt' ich versterben. Verstarb aber nicht, sondern nahm noch eine Mark aus meinem Sack und warf sie in großem Bogen in das Heidekraut hinein. Da kann sie liegen, bis sie schwarz wird.

Das war schon ein Geschäft an düssem Morgen.

Ich braucht keine Trinkgeldauslagen von solch einer gottunmöglichen Deern, die sich antüdert, daß jedwerein sie für'n Jung hält. Und die einen alten, ernsten Kriegsmann von sechsunddreißig Jahren verrückt macht. Nur so aus Haß. Als ich die zwei Mark los war, wurde mir ordentlich leicht. And das ist ja auch natürlich. – Trotzdem stöhnte ich auf wie ein waidwundes Tier. Weil ich nun so gar nichts mehr im Sleefkamp zu suchen hatte, nun mein Koffer nicht mehr dort war.

In der darauffolgenden Nacht bin ich sachte aufgestanden, die Treppe hinuntergestiegen und habe den alten, dreckigen Karren auf meine Schultern geladen und hinaufgetragen in meine Kammer. Die Stufen haben geächzt unter meinem Tritt. Wie das Heimweh ächzte in meiner Brust. Stellte den Karren neben mein Bett. Da konnt' ich einschlafen. Und nicht tiefer ist der Name Sleefkamp in das Holz gebrannt, als in mein eigenes Innere.

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