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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 20. Februar 19 ..

Die Magd ist fort. Könnt' ja nicht angehen, daß zwei zu gleicher Zeit befehlen. Aber alle Kleider von Raudi sind auch fort. Hat sie alle der Magd geschenkt, weil die unschuldig war. Die ärgsten Strafen hat Raudi angedroht, wenn die Magd nicht parieren wollt' und nicht die Schweinsborsten liefern. »Amei«, sag' ich heute ganz sanftmütig zu ihr, »diese Dummheiten kleiden Sie nun gar nicht.« Sagt sie:

»Was mich kleidet, darüber entscheide ich.« Hinwieder ich: »Bei allen Äußerlichkeiten können Sie das auch. Aber nicht bei Innerlichkeiten.«

»Schweinsborsten sind Äußerlichkeiten.«

»Aber nicht, wenn sie in meinem Bett liegen. Im übrigen wissen Sie ganz gut, was ich meine. Wenn Sie noch einmal das Gesinde aufwiegeln, dann schicken wir Sie zum Herrn Vater zurück. Ein General weiß, wie Insubordination geahndet wird.«

»Wer ist wir

»Muhme Kordula, der Dr. Jochen Sleef und ich.«

»Das würde dem Knecht ja gut anstehen, und paßte genau zu ihm.« – Ich blieb ganz ruhig. Weil sie so weiß im Gesicht war, als wollt' sie gleich umfallen. Aber die Bosheit sprühte ihr nur so aus den Augen. ›Du kommst doch noch mal in die Mistsotte‹, dachte ich und diese gemeine Denkweise gab mir Kraft, ganz nebensächlich zu befehlen: »Also, Sie werden gehorchen und sich von nun an anständig betragen.«

Woher ich den Mut nahm, so mit Fräulein von Sleef, der Teufelsdeern, zu sprechen, weiß ich nicht. Man ist schließlich ja nur zwei Meter und drei Zentimeter groß. – Richtig. Die Grasmücke piepst also: »Ein Knecht kann mir nicht sagen, was Anstand ist, und deshalb gehorche ich nicht.«

»Dann gehe ich.« »Herrlich!« jubelte sie. »Warum sind Sie nicht schon fort?«

Eine ganze Weile hab' ich die ungute Deern angeschaut. Aber so gottlos gleichgültig hat noch nie ein Mensch mich angesehn. Ich hab' schon in entsetzte Gesichter geschaut, besonders vor Jahren, als meine Wunden noch nicht recht verharscht waren und unnatürlich ausschauten, hab' auch Furcht gesehen bei jungen Deerns. Nur Kinder waren allstunds gut mit mir, auch zärtlich. Weil sie tiefer schürfen, weil sie mit anderen Augen sehen, weil sie noch nicht arg lang weg sind vom Herrgott. Besonders die ganzen Lütten. – Und dann die ganz Alten, die schauen schon wieder in andere Fernen hinein, und das bringt Licht in ihre irdischen Augen. Wie sah mich die Teufelsdeern an? Könnt's nicht und niemandem kund tun.

Da ging ich hinaus. Wie ein Krankes tappt ich mich in meinen Pesel. War aber nicht krank. Hatte eine ohnmächtige Wut im Herzen. Und weil ich sie nicht auslassen konnt', machte sie mich schlapp. ›Nur nicht Muhme Kordula begegnen‹, dacht' ich, ›und nicht dem studierten Vetter, der die Worte so gut setzen kann, also daß er mich amende bereden würde – zum mindesten aufhalten.‹

In Vaters schönen alten Rindslederkoffer packt' ich meine Sachen, und auch das Bild meiner Mutter Amei dazu. Ich merkt' es wieder. Der Anblick von dem frohen und guten Gesicht konnt' einen Berserker zum Heiligen machen. Ganz heilig ging ich aber doch nicht zur Fleettür hinaus ... Ich ging auch nicht, ich schlich wie ein Dieb. Und doch hatte ich nichts gestohlen. Im Gegenteil, ich ließ alles im Sleefkamp, was mir wert gewesen war. Einen Brief, sogar ganz ordentlich geschrieben, ließ ich der Muhme zurück. Ob sie mich verstand, war mir in dem Augenblick einerlei. Aber Ordnung mußte ja sein. Auch den großen Koffer ließ ich zugeschlossen da. Eine Reisetasche aus uralten Zeiten hatte ich mit dem Nötigsten vollgestopft. Ganz mit Perlen war sie bestickt und mit schwarzem Seidenfaden stand da überaus pünktlich geschrieben: » Bon voyage!« Aus dem bayrischen Großvaterhaus stammte das alte Möbel und der Ahne hatte sie mir an den Kinderarm gehängt: »Schau Bübel, die Taschen is wie ein geweihtes Amulett. Jedweder, wer ein gescheidt's Leut is, der hat mich lachend ang'schaut und zu mir gesagt, wenn ich auf der Walzen war: ›Gute Reise! Gute Reise!‹ Und immer ist die Reise auch geglückt.«

Guter alter Großvater. Er hat nie in ein Wörterbuch hineingesehen, hat nie gewußt, was auf der Taschen stand. Weswegen ihm die Leute zuriefen. So will ich vertrauen, daß sein Glück noch drinnen steckt ...

In meinem Brief stand: »Gute Muhme Kordula! Bin weiß Gott nie fahnenflüchtig gewesen. Aber der Mensch muß eben mal alles probieren. Laß Dir ja auch meinen gescheiten Duzbruder zurück, der nebenbei noch ein herzguter Mensch ist. Bei dem bist Du gut aufgehoben und der Hof auch. Bitte Dich nun um tausend Gotteswillen, frag' nur erst mal für eine Weile nicht nach. Ich schreib Dir schon mal ein Liebesbriefel. Denn jetzt weiß ich gar nichts. Ich gab dem Mitknecht Tetja Dagebüll Bescheid, daß er mir die Sachen zur nächsten Bahnstation bringt. Ich selbst reite hin mit Deinem Verlaub und nehme die › Bonvoyage‹ an den Sattelknopf. Kommt mir der Tetje dann morgen nach, so erfragt er mich beim Wirt und nimmt den Gaul wieder mit retuhr. – Wie mir jetzt zumut' ist, du gute Muhme Kordula, könnt' ich Dir und dem Hof nichts nützen. Gott mit Dir!« So ein Brief, der geht mir weniger rasch von Herz und Hand, als so etwa der Foliant. Der hat ja auch mit dem Herzen nicht so viel zu tun. Ja, wenn die Mutter Amei noch lebte. Aber manchmal ist mir's, als hätte sie mein Jungsherz mit in ihre Gruben genommen. So tot ist alles. Und woher das unsinnige Pochen und Klopfen in meinem Inwendigen herrührt, kann kein Mensch wissen. Als ob ein Schmiedehammer zugange ist.

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