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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 13. Februar 19 ..

Ich habe die leidige Eigenschaft, daß ich mich leicht »überfreue«. Leid kann ich viel besser vertragen. Sobald das über mich kommt, stählt es mich auch. Es war immer ein paar Stunden hinterher wie ein Krafttrunk gewesen. Hab's ja gar so oft durchgemacht im Kriege. Als so ein Glied nach dem anderen wegging, Streifschüsse mir Blut abzapften, Steckschüsse an der Gemütlichkeit des Lebens verzagen ließen. Wenn die Ärzte das bekannte ernste Gesicht aufsetzten, dann war ich innerlich schon ganz auf der Höhe. Aber so 'ne Freude wie vor vier Tagen, die kann einen umbringen.

Mir ist, als hätt' ich 'n Kater. Zum Heulen ist mir, und der Magen tut, als wollt' er alles hergeben, was jemals drin war.

»Mensch, was schneiden Sie für Gesichter?«, lachte der Doktor-Kamerad, »Sie sehen ja zum Bangewerden aus.«

»Es ist nur die Freude«, entschuldigte ich mich, und er lachte noch mehr.

Wir arbeiteten beide an einer Dreschmaschine für die Frühjahrsbestellung. Da hat er mehr weg als ich. Hei, wie ihm alle die Schrauben und Muttern bekannt waren! Das ganze Dings hatte jahrelang im Schuppen gelegen, es war noch eine neuere zugange, und die, mit der wir uns quälten, sollte schon verschrottet werden. Da stöberte Doktor Jürgen-Jochen den Invaliden auf, sinnierte, zeichnete, suchte und schimpfte. »Ich werd' wohl mal euern ›Administrator‹ hochnehmen müssen. Hat der das teure Dings verludern lassen?«

»Dat schall wohl sin. Es ist heilsam, wenn mal ›Philister über ihm‹ sind. Er macht Gedichte und ist auch sonst nicht gesund. Aber ich hätt's wissen müssen, wozu bin ich Oberknecht? Und werde übers Bohnenlied von der Muhme Kordula ästimiert. Schandewert!«

»Das Zackerieren über dich sülben nützt ja nun gor nix«, sagte der Doktor, und ich kann mir's nicht erklären, wie er plötzlich wieder zu dem lächerlichen »Du« kam. »Reich mir lieber nach und nach vorsichtig die zwölf Schrauben zu, die ich da der Reihe nach hingelegt habe. Ein Glück, daß sie alle da sind. Und fein sauber sind sie in ihrem Petroleumbad geworden, sieh, wie sie alle passen, wo sie hingehören.«

Ich staunte den gelehrten Retter an, ließ aber in der Bewunderung ein paar feine Schräubchen fallen. Meine Pranken sind zu groß, die Finger zu dick. Die seinen sind lang und schmal und laufen nach oben spitz zu.

»Du bist unerlaubt ungeschickt«, rief er grob. Es klang häßlich, aber er hatte ja recht. Ich sah ihm gerade ins Angesicht. Habe noch nie den Blick fortgetan, wenn ich mich meiner äußeren Gestalt schämen mußte.

»Donnerwetter, Wien! Haben Sie ein Paar Augen! Da kann man ja in ein Mausloch kriechen... Wenn Sie diese Gabe bei den Dorfschönen anwenden, dann wird es bald heißen: ... sie mußten alle, alle hinterdrein. – Wie beim Rattenfänger von Hameln.«

»Sie spotten über mich«, hab' ich gerufen, »und ich kann mich nicht wehren.«

Da warf er alle die kleinen, mühsamen Teilchen der Maschine auf die Erde und ging fort. Ganz rot war sein Kopf. Was ist das nun? Ging unsere Freundschaft schon zu Bruch? Ich glaub' eher, er ist auch 'n echten Sleef, und der Jähzorn stand genau so Gevatter bei ihm, wie bei mir. Vielleicht wird's ein mühselig Zusammenarbeiten. Vielleicht auch ein ganz schweres Dasein für ihn allein. – Wir können ihm allesamt nichts bieten. Freilich könnt's eine schöne Wechselwirkung zwischen uns beiden geben, wenn er mein Lehrer möcht' sein. Ich weiß, ich wäre wie ein Schwamm. Würde mich vollsaugen auf meine alten Tage mit allen gelehrten Dingen, die der Dr. phil. et rer. pol. in sich aufgespeichert hat. Und würd' mich nicht schämen, auf der untersten Schulbank zu sitzen. Schämen tu' ich mich nur, daß Raudi mehr weiß, als ich. – Nehm's wenigstens an, wenn auch wohl manches fester sitzt, was ich mir so in langen Winternächten angearbeitet habe. Heute abend sollen wir zum ersten Male zu viert bei Muhme Kordula essen. Ich wünsche mir eindringlich, daß es alles ganz einfach ist, sonst hungere ich lieber. So ein alter Mensch, und weiß nicht mit Gabeln und Messer Bescheid.

Den 17. Februar 19 ..

»Der Horcher an der Wand hört seine eigne Schand.«

Mit Absicht horchte ich nicht. Aber ich mußt' mir den fingerdicken Schietkram von den Stiefeln abkratzen vor der Tür der Muhme. Dort liegt ein deftiges Eisen, denn sie ist penibel, weil sie Teppiche hat. Ich kratz und kratz also. War arge Müh', und ich stand vor der offenen Tür. Aber drei Stimmen tönten ümschichtig mir entgegen, saßen aber die drei Menschen noch in eine anderen Stuben nebenan. – Raudi krähte wie ein junger Hahn. Und hat doch von Gott solch weiche Stimme bekommen. Könnt' ich's vergessen, wie sie gesungen hat an Weihnachten: »Josef, liebster Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein.«

Der junge Hahn krähte: »Das ist mal recht, Jochen, daß du den Knecht ›Sie‹ nennst, so merkt er doch den Abstand.« Da lehnt' ich mich freilich ein Weilchen an die Wand. Schlapper Hund. Kann das ungute Ding mit einer Hand zerdrücken, kann's auch mit steifem Arm eine Stunde lang zum Fenster 'raushalten – – und wag' nicht in den Wohnpesel zu gehen, weil da ein junger Hahn kräht, den ich mal für einen leibhaftigen Engel hielt. Pfui Teufel! Sie lachten alle drei, als ich hereinkam. Aber ich lachte nicht, machte ein Gesicht wie ein Topf voll Mäuse. Sie sprachen aber schon von was anderem, ich hatte mich lang genug draußen verweilt.

»Huh«, rief Raudi, »die Milch wird sauer, saure Milch mag ich nicht.« Ich guck' sie gar nicht an, reich' der Muhme die Hand, nicke mit dem Kopf zum Herrn Doktor hin, stolpere über einen Fußschemel und poltere auf meinen Stuhl. Da springt der studierte Vetter auf. »Krieg ich keine Hand? Ich bitte dich drum. Base Amei macht mich eben aufmerksam, daß es gar nicht angängig ist, hier im lüttjen Dorf Knechten und Mägden gegenüber uns mit dem städtischen ›Sie‹ zu grüßen. Wirst lachen, lieber Wien, wir spielen ja seit vorgestern: ›verweselt dat Bömeken.‹ Aber es ist besser, wir bringen den Kram in Ordnung. Wenn ich auch der Jüngere bin, schlag ein – hab' ich recht?«

Solch lange, gute Rede für mich krummen Hund. Und ich blieb sitzen, weil ich glaubt', die Füße trügen mich nicht. Aber seine Bruderhand drückt' ich, daß er nahsten nicht mehr die Gabel halten konnt', der liebe, prächtige Kerl. – Und Muhme Kordula lachte, wie ich's noch mein Lebtag nicht von ihr gehört. Aber nun hatte die Teufelsdeern das Mäusetopfgesicht, und ich aß lachend die Milchsupp, die nicht sauer wurde. Denn ich dacht' nur an meinen Kameraden.

Nach dem Abendbrot haben wir geraucht. Der Jochen und ich unsere Pfeifen, die Magd mußte sie holen. Rechte Friedenspfeifen waren es. Und Muhme Kordula rauchte eine pechrabenschwarze Brasil. Der Katteiker holte sich eine Zigarette aus seiner Tasche und steckte sie ins Schnäuzlein. Stand ihr gar nicht. Sie ist so schön, die Amei, auch wenn sie trotzig schaut. Aber kaum hat sie den ersten Zug getan, steht die Muhme auf, nimmt ihr die Zigarette aus dem Mund, machts Fenster auf und schmeißt das Ding hinaus. Ich meine jetzt nicht die Amei.

Die steht da, als wollt' sie die Muhme angreifen. Ordentlich den Kopf gebückt, wie ein Böckchen, das stoßen will. Aber die Muhme ganz geruhig: »Ich war fünfundsechzig Jahr, als ich die erste Zigarre rauchte. Da hatt' ich Leid, das zum Himmel schrie. Amei, du hast noch siebenundvierzig Jahre bis dorthin. Nutz' die Zeit, damit du etwa solch Leid ertragen kannst. Manchmal hilft auch eine Brasil nichts. Mir hat sie aber geholfen.«

Die Amei lief hinaus, hat sich gleich ins Bett gelegt. Verhoff, sie hat gut geschlafen. Ich nicht. Das ganze Bett fand ich voll Schweinsborsten. – Morgen entlasse ich die Magd, die sie mir hineintun mußte. – Damit 's Amei sich mal in die grawe Grund schämt.

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