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Wien Sleef, der Knecht

Felicitas Rose: Wien Sleef, der Knecht - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleWien Sleef, der Knecht
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co
printrun15. ? 19. Tausend
year1933
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Den 14. Februar 19 ..

Andern Tags war er da. Er schickte mir seine Besuchskarte herein. Da setzte ich mich wohl erst mal in den Ohrenstuhl vom Großvater selig und zeigte auch dem Ohrenstuhl die Karte. »Kiek mol, die is vun'n nimodschen Bauern, der keinen Mist kennt.« Und der Ohrenstuhl knarrte als Antwort, da ich mich hineinwarf. » Dr. pnil. et rer. pol. Jochen Sleef.« – Da mußt ich mir erst mal das Konversationslexikon holen. Solches ist ein Schatz, und wenn man fleißig drin liest, ersetzt es die Universität. Phil. et rer. pol. Un wat nich noch all. – – Aber nun weiß ich doch, daß er tüchtig geochst haben muß, ehe er mir die Karte in meinen Pesel schicken konnte. Weiß auch noch 'ne ganze Menge mehr, und ich wunnerwarke, und verstaune mich über mich selbst, wie so was angehn kann. – – Denn es klopfte gleich nach der Karte stark an meine Tür. – Klopfen bin ich nicht gewohnt. Zum Knecht kommt jeder hereingepoltert, oder geschlichen, je wie er mag. – Aber der Herr Dr. phil. et rer. pol. klopfte an. Er hatte eine Kinderstube gehabt. Ich hatte nur den Schoß und das Herz meiner Mutter Amei ...

Rasch stand er auch im Zimmer. Denn er ist ungefähr die Hälfte von mir, der Beneidenswerte. Aber meine zwei Meter und noch drei Zentimeter darüber sind schwer zu steuern. Man eckt an, und das macht scheu.

»Donnerwetter!« rief Dr. Jochen Sleef – Das bin ich gewohnt. Eigentlich sagt es jeder, der mich zum erstenmal sieht. »Kann man dir die Hand geben, Mammut, oder drückst du sie zu Mus?«

»Sie müssen es probieren, Herr Doktor.«

»Was soll das? Wir sind leibliche Vettern.«

»Nein, Sie sind Herr und ich bin Knecht.«

»Willst du das so?«

»Jawohl. Ich lasse mich gern ›Du‹ nennen, aber ich gebe schwer das ›Du‹. Habe so wenig zu vergeben, deshalb muß ich haushalten.«

»Hm. Die Sleefs sind alle ein wenig verrückt, ich weiß das von mir selbst, aber du bist es komplett. Bei deinen Körperausmaßen auch gar nicht zu verwundern.«

»Jawohl, ich weiß.«

Das war unsere erste wörtliche Unterredung. Er blieb noch lange bei mir, und ich betrachtete ihn genau. Mittelgroß ist er, schlank und rank und ein wahrhaft schönes Gesicht hat er. Ohne doch ein sogenannter »schöner Mann« zu sein. Das hat mir das Geschick erspart, neben einem Fatzken herumzulaufen, gar unter ihm zu dienen. – Aber die herrenhafte, ungezwungene Art, mit der er sich bewegte, die machte mich unfrei. Nun, das soll ja auch ein Knecht sein.

»Haben Sie eine gute Zigarre für mich, Vetter?« fragte der Studierte. Und wieder trat mir der Ärger ins Blut, wie er alles so mit Leichtigkeit tat, und wie er das »Du« wieder zurücknahm, während ich mich noch darüber zergrübelte.

»Nein, die habe ich nicht. Aber Muhme Kordula raucht ein feines Kraut.« Der Doktor lachte laut. Ein gutes, aufrichtiges Lachen hat er. Er holt es so recht unterm Leibgurt hervor, und es hallt noch eine Zeit an den Wänden entlang.

»Muhme Kordula ist ein Fall für sich. Ein prachtvolles Geschöpf. Man hat das Jungsgefühl, seinen Kopf in ihren Schoß zu wühlen und seine Sünden zu beichten. Haben Sie das schon mal bei ihr getan, Wien Sleef?«

Ich glaube, ich wurde rot. Das muß lachhaft aussehen bei einem Mann von sechsunddreißig. Und von meinem Aussehn. – »Ich bin hier Knecht«, sagte ich gequält. Und ich stand auf und holte zwei kleine kurze Weichselrohrpfeifen. Sie waren von mir nach allen Regeln der Kunst gestopft mit prima Tabak. Varinas Mischung Nr. 1. »Donnerwetter!« sagte Jochen Sleef wieder und sehr anerkennend. »Ich dachte beinahe, Sie wären Asket, Wien, aber Sie sind Sybarit. Fidibusse haben Sie auch? Heillos gemütlich. Ich hasse Zigaretten, diese nervösen kurzlebigen Dinger. Ahhhh!« Er lehnte sich wohlig in den Ohrenstuhl zurück und paffte. »Ich werde hier oft sitzen, Vetter. Sie wissen, daß ich jetzt bleibe?«

»Jawohl!«

»Sagen Sie doch nicht immer ›Jawohl‹! Ich bin nicht Ihr Chef.«

»Doch, das sind Sie. Und ich will's niemals vergessen.«

»Ein Kind sind Sie, Mammut! Beinahe hätte ich gesagt: ›Ein Esel‹. Aber dafür sind wir noch zu kurze Zeit miteinander ›verwandt‹.« Wieder lachte er sein schönes gutes Lachen. Und diesmal stimmte ich ein.

Wunderbar heimelig war's in meinem Pesel. Wir rauchten und wir konnten so gut miteinander schweigen. Was hatte ich mir gewünscht? Einen Freund, einen Gesellen auf Leben und Tod. Herrgott, ich hatte ihn gefunden! Ich, der ich glaubte, jahrelang suchen zu müssen – – da saß er vor mir. Und ich fühlte, ich war täppisch wie ein junger Hund. Das macht die Verlassenheit Jahre und Jahre lang. Das Leben unter den Knechten, die mich ehren als einen fleißigen Kerl, aber nicht verstehen. – Das Leben unter vielen Deerns, denen ich zu befehlen habe, und die mir mit Furcht, niemals mit einem Scherzwort gehorchen. Zu häßlich war ich, zum Fürchten häßlich. Aber der Jochen, der fürchtete sich nicht vor mir. War mir gleich brüderlich entgegengekommen. Und ich – Dickschädel – hatte ihn zurückgewiesen.

Ich erhob mich ungeschickt, tölpelig, wie ich nun mal bin, streckte ihm die Hand hin: »Vetter – wenn du jetzt noch möchtest – es tut mir leid ...

Da wehrte er ab. »Was fällt Ihnen ein, Wien? – Ich verstehe Sie ja ganz gut. Aber sowas macht man doch nicht. Ich hab' mich verhauen, bin ein ganzes Jahr jünger als Sie. Und vorhin waren Sie ehrlich. Jetzt sind Sie's nicht. Lassen Sie's gut sein! Gezwungener Eid tut Gott leid.«

Ich setzte mich wieder. Ganz steuerlos. Aber da polterte die Hausmagd herein: »Die Frau schickt. Läßt sagen: ›Möchten all zwei kommen!‹« Und war wieder hinaus.

Die Sache half mir aus meiner Bedrängnis. Zumal der Doktor lachte wie unklug. »Manieren hat diese Maid, Teufel auch, Vetter, warum lassen Sie sich das gefallen?«

Und da mußt' ich ihm sagen, daß ich das noch nie gewahr wurde. Denn die weiblichen Insten kamen ja nicht zu mir herein ...

Wir schritten beide in den großen Wohnpesel der Muhme Kordula. Wie ein Bild saß sie da im grünen Ohrenstuhl mit dem geschnitzten und gemalten Bauernwappen. Wie eine Königin sah sie aus. Aber was weiß ich von Königinnen! Der Doktor mußt' aber ähnlich denken, wie ich. Denn er ging ganz feierlich auf sie zu, und küßte ihr die Hand. Da war's wie ein Murmeln unter den Leuten, denn sie hatten so etwas noch nie gesehen. Und sie standen alle um »die Frau« herum, »die Sleefkampin«, wie sie genannt wurde. Da war der Administrator und der Förster, der Jagdaufseher, die Leuteköchin und die Mamsell, die für uns kocht und welche der Muhme Kordula bei allen Dingen zur Hand geht. Und sie auch vertritt, wenn die Gichtanfälle eintreten, und die Herrin sehr gebunden im großen Bauernbett liegt. Denn der starke Kaffee und die Importen, die führen Krieg mit der Gicht, und die Gicht bleibt Sieger und macht elende Friedensverträge. Aber auch im Bauernbett mit vielen Schmerzen war sie immer Königin.

Der Handstock stieß auf den Boden. »Verkündigung!« sagte die Muhme kurz. Aber die Lippen bebten ihr, ich sah es wohl. – »Euer Herr ist heimgekommen, Jürgen-Jochen Sleef. Das ist ein großer Tag heute! Deshalb sage ich nicht: ›mein Großneffe‹, denn ich selbst will allstunds dran denken, daß wir jetzt wieder ein Herrn haben. Von mir aus, die ich nun lange Jahre dem Hofe vorgestanden habe, gebe ich euch den morgenden Tag frei; der Hoferbe wird bestimmen, ob es dabei bleibt. Doch müssen die täglichen Dinge getan werden mit allem Fleiß und Zuverlässigkeit. Denn das Vieh in den Ställen muß teilhaben, muß spüren, daß Herr und Knecht und Ingesind einen guten Tag haben. Gute Tage gehen über auch auf die stumme Kreatur. Sagt euere Sprüche und geht mit Gott!« Da trat eines nach dem anderen vor, und gute, alte Worte, die schon die Sleefsahnen gekannt und gebraucht hatten, fielen von welken und von roten Lippen.

Sie drückten ihrem Herrn die Hand. Und sahen ihm stramm in die Augen, und spürten das Gute, das draus hervorsah, und spürten auch den festen Druck der verläßlichen Hand. »Mit Gott und dem Sleefkamp!« sagten die meisten. Aber die älteren Leute sprachen wohl auch ein Verschen: »Giff dien Hand! Arbeit' mit Verstand!« Oder: »Wir sind's gewiß, du bist von üs.« Der Älteste vom Hof, ein beinahe achtzigjähriger Taglöhner, der aber noch wie ein Junger arbeitet, rief derb lustig: »Geerbt, wie gestohlen, de Düwel soll's holen!«

Der Doktor lachte, und Muhme Kordula wußte, dieser Spruch durfte niemals fehlen. Ich trat zuletzt hin – sie wollten mich immer vorlassen, aber es würgte mir in der Kehle – so hielt ich mich hintan. Und dann rief ich überlaut: »Allstunds treu!« Wir sahen uns an. Und von diesem heiligen Augenblick an waren wir Kameraden. »Einen bessern find'st du nit.«

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