Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph von Schmid >

Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam

Christoph von Schmid: Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schriften des Verfassers der Ostereier, Erstes Bändchen
authorChristoph von Schmid
year1883
publisherVerlag von Louis Finsterlin
addressMünchen
titleWie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
pages13-74
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

Die Quelle und der Regen.

Indes neigte sich die Sonne zum Untergange; die Blumenbeete des Gartens lagen im Schatten. Einige Blumen, die Menrad vorzüglich liebte, waren an der Sonnenhitze etwas welk geworden. Obwohl er auf baldigen Regen hoffte, so wollte er dennoch aus weiser Vorsicht wenigstens seine Lieblingsblumen etwas begießen. Er nahm seine Gießkanne, führte den Knaben an der Hand und ging zur Quelle, die reichlich aus einem großen, mit Moos bewachsenen Felsen hervorbrach.

Heinrich schlug vor Erstaunen die Hände zusammen. »Welch eine Menge Wasser das ist,« rief er, »die da aus dem Steine herausrinnt! Alle Augenblicke meine ich, es müsse aufhören und immer fließt es gleich stark fort. Wer hat doch die Menge Wasser oben hineingegossen, und wo nimmt man Wasser genug her, nachzufüllen? – Du solltest die Öffnung verschließen und das Wasser mehr sparen; sonst geht es dir aus.« Menrad sagte ihm, daß dieses Wasser wohl schon so lange, als die Sonne leuchte, in einem fort ohne Aufhören da heraus fließe, niemals abnehme und keines Auffüllens bedürfe. Er sagte ihm, daß der ganze See, den Heinrich für einen ungeheuer großen Spiegel angesehen hatte, nichts sei, als lauter Wasser. Das waren dem Kleinen wieder neue Wunder.

Menrad kehrte mit der gefüllte Kanne zurück, und fing an, seine Blumen zu begießen. »Ach, was machst du da?« sagte Heinrich, »da verdirbst du ja deine Blumen; jetzt wird die Farbe abgehen.« Menrad sagte lächelnd, daß Blumen und Kräuter, Kornhalme und Reben, Sträuche und Bäume, die auch auf eine gewisse Art lebten, das Wasser so notwendig hätten, als der Mensch das Trinken. »Aber,« sagte Heinrich, »wer kann denn allen diesen Gewächsen genug Wasser zutragen? Wer steigt da hinauf und begießt die Bäume hoch dort droben auf der Spitze jenes Berges?« Menrad sagte ihm: »Dafür ist schon gesorgt. Auf welche Art, siehst du vielleicht eher, als wir denken!« fügte er noch hinzu, indem er nach dem Gewölbe blickte.

Nach einer Weile kam wirklich eine Wolke über den Berg her, und es fing an, erst sehr sanft und dann sehr stark zu regnen. Das war für Heinrich abermals eine wunderbare Erscheinung. »Das ist eine gute Einrichtung,« sagte er; »sie erspart dir viele Arbeit. Das Wasser fällt so schön, in tausend und tausend Tropfen herab, als käme es aus einer Gießkanne. – Aber wer ließ denn diese Wolke, wie du das wunderliche Ding nennest, kommen? Wer brachte das Wasser da so hoch hinauf? Wie kommt's doch, daß diese Wolke so frei schwebt, und nicht herunterfällt?« – »Das sollst du schon noch hören!« sagte Menrad. Der Kleine sah aber dem Gewölke noch lange zu, bis es sich verzog und der Himmel wieder hell und blau wurde.

Unter dem Anstaunen lauter neuer Gegenstände unter Freude und Bewunderung kam dem Knaben der Tag sehr schnell herum. Denn hundert Dinge, die andere Menschen aus Gewohnheit gleichgültig ansehen – ein goldgrünes Käferlein, das auf einem Rosenblatte saß; ein gestreiftes Schneckchen, das nach dem Regen am Baumstamme hinaufkroch; die funkelnden Tropfen, die gleich Diamanten an allen Blättchen hingen; eine Grasmücke, die auf einem Baumzweige ihr herrliches Abendlied anstimmte, und dann munter von Baum zu Baum flog; die Ziegen des Einsiedlers, die gegen Abend aus den Bergen zurückkamen – waren dem Kleinen höchst wundervolle Erscheinungen, und gaben Anlaß zu mancherlei Fragen und Antworten.

Endlich ging die Sonne jenseits des Sees unter. »O weh«, rief Heinrich erschrocken, »jetzt taucht sich die Sonnenlampe dort in das Wasser; dann lischt sie aus, und alle unsere Freude hat ein Ende. Wenn wir gleich eine Lampe anzünden – die wird uns in diesem großen, weiten Raum wenig helfen.«

Vater Menrad beruhigte ihn. »Hab' keine Sorge«, sprach er. »Jetzt gehen wir bald schlafen. Dazu brauchen wir kein Licht. Bis wir ausgeschlafen haben, kommt die Sonne dort auf der entgegengesetzten Seite zwischen jenen Bergen wieder herauf. So lauft sie, ohne nur einen Augenblick stille zu stehen, beständig im Kreise umher, und erleuchtet und erwärmt alles.«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.