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Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam

Christoph von Schmid: Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schriften des Verfassers der Ostereier, Erstes Bändchen
authorChristoph von Schmid
year1883
publisherVerlag von Louis Finsterlin
addressMünchen
titleWie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
pages13-74
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Siebentes Kapitel.

Die Sonne und die Blumen.

Da der Jüngling fort war, setzte der mitleidige Greis den Knaben, um sich in ein Gespräch mit ihm einzulassen, neben sich auf die Bank. »Lieber Heinrich,« fing er an, »weißt du denn gar nichts von deinem Vater und von deiner Mutter?«

»O ja,« sagte Heinrich, »ich habe eine schöne Mutter – hier in meiner Tasche. Da sieh einmal!« Er zog das kleine Bildnis heraus, das er zu sich gesteckt hatte, und das in einem schönen Futteral von rotem Saffian wohl verschlossen war. Der arme Kleine hatte das Bildnis seiner Mutter noch nie am Sonnenlichte gesehen. Er erstaunte jetzt über die Klarheit und Schönheit desselben, und über den Glanz der blitzenden Diamanten, die es umgaben, vergingen ihm die Augen.

»Wie es doch bei dir so helle ist!« sprach er. »Aber sag' mir nur,« fuhr er fort, und zeigte auf die Sonne, »wer hat denn die schöne, goldene Lampe da droben angezündet, die alles ringsumher so hell macht? Ich kann sie nicht einmal ansehen vor Glanz. Die in unserer Höhle war dagegen nur trüb und armselig. – Und wie kommt's denn, daß sie immer und immer höher hinaufrückt? Als ich sie zuerst sah, kam sie hinter den Bäumen hervor, und in kurzer Zeit war sie schon so hoch droben, daß ich sie nicht mehr hätte erreichen können, wenn ich auf dem höchsten Baume gestanden wäre. Wie ist doch dies gemacht, daß sie so frei schwebt, und sich so bewegt? Man sieht doch nirgends eine Schnur. Was treibt sie denn? Und wer steigt wohl da hinauf, frisches Öl nachzugießen?«

Vater Menrad sagte ihm, daß man dieses große, schöne Licht die Sonne nenne, und daß es wohl schon tausendmal länger, als der kleine Heinrich lebe, immer so laufe und in einem fort so brenne, ohne eines Tropfen Öls zu bedürfen.

»Das begreife ich nicht« sagte Heinrich. »Aber was du da für wunderschöne Blumen hast!« fing er wieder an, und stand auf und sprang zu den Beetchen hin, deren jedes einem vollen Blumenkorbe glich. »O wie unvergleichlich schön rot, gelb und blau sie bemalt sind! Und wie alle die unzähligen Blättchen so schön und zart, eines wie das andere, ausgeschnitten sind! Und aus was wohl alle diese Blättchen sein mögen? Papier ist dies keines, ja Seide ist nichts dagegen. Sag', hast du alle diese Blumen gemacht? O da mußt du lange gebraucht haben! In einigen sind gar unbeschreiblich feine und zarte Fäserchen. Da gehört eine feine Schere dazu und scharfe Augen. Ich habe wohl auch schon Blumen gemacht, aber so schön kann ich's nicht.«

Menrad sagte, daß kein Mensch eine solche Blume machen könne, und daß sie alle von selbst aus der Erde gekommen seien. Allein Heinrich wollte das nicht glauben. »Das kann gar nicht sein«, sprach er; »da will ich doch viel lieber glauben, du habest sie gemacht.« Der Greis zeigte dem Knaben die zierliche Samenkapsel der gefüllten Mohnblume, schüttelte ihm die winzigkleinen, runden Körnlein auf die Hand und sagte ihm, in jedem solchen Körnlein stecke eine Menge solcher großen purpurroten Blumen, die daraus hervorkämen, wenn man die Körnlein in die Erde lege; und so seien auch alle übrigen Blumen aus ähnlichen kleinen Körnlein gekommen. Der Knabe sah den Greis an, ob das sein Ernst sei, und sprach: »Aus einem solchen winzig kleinen Kügelein sollte eine so große, schöne Blume kommen? Da müßte ja ein solches Körnlein unendlich künstlicher eingerichtet sein, als die künstlichste goldene Taschenuhr.« – »Das ist es auch«, sagte Menrad. »Aber wer hat denn das Körnlein gemacht?« sagte der Kleine. »Es wäre, dünkt mich, doch noch leichter, alle die Blumen zu machen, als ein einziges solches Körnlein!«

Er betrachtete die Blumen auf's neue, ging immer von einem Blumenbeetchen zum andern und konnte sich nicht satt daran sehen. Indes wurde es ihm an der Sonne zu heiß. »Was diese Lampe für eine Hitze hat!« rief er. »Sie ist so weit weg, und macht einem doch so warm! Es ist ein wunderbares Licht!« Menrad führte den Kleinen wieder unter den Apfelbaum, der bereits Bank und Tisch lieblich beschattete. »Da ist es doch recht kühl und angenehm,« sagte Heinrich, indem er zum Baume aufblickte. »Der Baum ist gerade wie ein grüner Schirm, der nicht nur gegen das zu heftige Licht, sondern auch gegen die Hitze schützt. Wie groß er ist und wie viele tausend Blättchen er hat! Der Stamm ist, wie ich sehe, wohl aus Holz gemacht. Aber doch glaube ich bald nicht mehr, daß du diese unzählige Menge von Blumen und Blättern gemacht habest. Das Stück Arbeit wäre doch gar zu groß!«

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