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Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam

Christoph von Schmid: Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schriften des Verfassers der Ostereier, Erstes Bändchen
authorChristoph von Schmid
year1883
publisherVerlag von Louis Finsterlin
addressMünchen
titleWie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
pages13-74
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Sechstes Kapitel.

Die Einsiedelei.

In dem Gebirge lebte ein alter, sehr ehrwürdiger Einsiedler, der über achtzig Jahre zählte, und wegen seiner Weisheit und Frömmigkeit, unter dem Namen Vater Menrad, weit umher berühmt war. Zu diesem dachte der Hirtenjüngling das gefundene Kind zu bringen. Die Einsiedelei, zu der es nicht sehr weit war, lag an der Seite eines Berges, nächst dem See, und glich einem Paradiese. Die kleine, mit Rebenblättern überkleidete und mit einem bemoosten Schilfdache bedeckte Klausnerhütte stand zwischen schattigen Furchtbäumen, mitten in einem Garten voll der schönsten Blumen und Kräuter. Hinter der kleinen Hütte erhob sich ein Weinberg, und seitwärts zog sich ein schmales Kornfeld längs dem Berge hin. Und wo sonst noch zwischen den Felsen ein übriges Plätzchen war, stand ein Baum, der die herrlichsten Früchte, oder wenigstens ein Strauch, der köstliche Beeren trug. Auf einem Felsen, der sich weit über den See hinausbog, ragte die Kapelle mit spitzigem Türmlein empor und eine Treppe, die in den Felsen eingehauen war, führte dazu hinauf.

Der ehrwürdige Greis saß, als der Jüngling das vergitterte Pförtchen des Gartens öffnete, und mit dem Knaben herein kam, eben auf einer hölzernen Bank unter einem Apfelbaume, wo man die prächtigste Aussicht über den See hatte. Ein großes Buch, in dem er sehr andächtig las, lag vor ihm auf dem Tische. Die wenigen Haare, die seinen kahlen Scheitel umgaben, und sein großer Bart waren weiß wie Schnee, seine Wangen aber noch blühend rot, wie die Wangen eines Jünglings.

Mit treuherziger Leutseligkeit stand er auf, grüßte beide, hörte die Erzählung des Jünglings mit freundlicher Aufmerksamkeit an, und fragte den Knaben um seinen Namen, indem er ihn voll des innigsten Mitleids auf seine Arme nahm. Er ahnete bald, das Kind sei vornehmen Eltern von den Räubern geraubt worden. »Laß den Kleinen bei mir«, sagte er zu dem Jünglinge, »und sagte für jetzt noch keinem Menschen davon. Ich hoffe, seine Eltern sind noch aufzufinden, und hier ist er indes gegen die Nachstellungen der Räuber am besten geschützt. Sie fliehen meine Zelle wie das Feuer. Gold und Silber ist bei mir nicht zu holen, und guten Rat und heilsame Ermahnungen, die freilich oft mehr wert sind als Gold und Silber, hassen sie.« Zu dem Knaben aber sprach er: »Sei mir herzlich gegrüßt, lieber Heinrich! Ich will dein Vater sein und für dich sorgen, bis ich dich deinem Vater und deiner Mutter wieder zurückgeben kann. Nenne mich von nun an nicht anders, als Vater.«

Der Alte bewirtete hierauf seine Gäste mit Milch und Brot. Nachdem der Jüngling sich erquickt hatte, ergriff er seinen Hirtenstab, um zu seiner Heerde zurück zu kehren. Der Kleine wollte das nicht zugeben. Er weinte und hielt ihn am Kleide. Allein da der Jüngling versprach, bald wieder zu kommen, und ihm das Lamm schenkte, so gab er sich zufrieden, und zeigte über das Geschenk, das in seinen Augen einen unermeßlichen Wert hatte, eine ganz ungemeine Freude.

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