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Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam

Christoph von Schmid: Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schriften des Verfassers der Ostereier, Erstes Bändchen
authorChristoph von Schmid
year1883
publisherVerlag von Louis Finsterlin
addressMünchen
titleWie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
pages13-74
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Fünftes Kapitel.

Versuch zu entrinnen.

Da der Knabe etwas älter wurde, war er sehr neugierig zu wissen, wo die Männer denn immer hingingen. Er bat sie öfter, ihn mitzunehmen. Allein sie wiesen ihn allemal kurz und ab, und vertrösteten ihn auf ein anderes Mal. Einst waren sie wieder auf den Raub ausgezogen. Die alte Zigeunerin, die gar nicht mehr gut zu Fuß war und immer zurückblieb, war dem muntern Knaben eine traurige Gesellschaft. Sie war immer sehr grämlich und saß, wegen ihrer triefenden Augen, oft stundenlang hinter einem grünen Lichtschirm und flickte altes Leinenzeug oder zählte Geld, ohne ein Wort zu reden. Dann schlief und schnarchte sie wieder mehrere Stunden in einem fort.

Als sie nun wieder einmal fest eingeschlafen war, faßte der Knabe Mut, zündete eine Wachskerze an, ging in dem dunklen Gang, durch den die Räuber allemal fortgezogen, immer weiter und weiter, und kam endlich an die eiserne Thüre. Es gelang ihm aber nicht, sie zu öffnen, indem sie mit einem schweren Schlosse fest verschlossen war. Traurig kehrte er zurück. Allein der Gang, durch den er gekommen war, hatte mehrere schmale Nebengänge, in denen man stundenweit unter der Erde umher gehen konnte. Der Kleine ging in den ersten Gang, den er im Zurückgehen bemerkte, hinein. Nachdem er lange Zeit gegangen, und seine Kerze bereits ausgebrannt und am Erlöschen war, schien es ihm, als sähe er in weiter Ferne ein brennendes Licht. Voll Neugierde ging er darauf zu. Das rötlich strahlende Licht wurde immer größer und endlich so groß, daß es ihm als eine feurige, aufrechtstehende Gestalt vorkam. Er aber ging immer mutig vorwärts, und stand endlich an einem Felsenriffe, durch den die Morgenröte herein schien, und durch den man bequem in das Freie hinaus gehen konnte, – und mit einem Sprunge war der hocherfreute Knabe hinaus.

Wie es ihm aber war, als er diesem dunkeln, unterirdischen Aufenthalte entronnen, nun das erste Mal unter Gottes schönem, blauen Himmel in einer prächtigen Gegend voll waldiger Berge dastand – das kann keine Zunge aussprechen. Es war ein herrlicher Sommermorgen. Die Sonne wollte eben aufgehen, und der Morgenhimmel glänzte wie Glut, und auf Wald und Gebirg schwebte ein rötlicher Duft. Der Boden war überall mit Gras und Blumen bedeckt; die Vögel sangen. Unten im Thale ruhte ein heller See, in dem sich das Morgenrot und die grünen Gipfel der Berge umher mit wunderbarer Klarheit abspiegelten.

Der Knabe war wie vom Blitz getroffen. Er war vor Erstaunen außer sich; es war ihm, als sei er aus einem langen, tiefen Schlaf erwacht, und er taumelte wie schlaftrunken. Er konnte nur schauen; er fand lange keine Worte, sein Erstaunen auszudrücken. Endlich rief er: »Wo bin ich doch hingekommen? Wie weit, wie unermeßlich weit ist es um mich her! O wie schön, wie herrlich ist alles!« Und dann staunte er wieder eine hohe Eiche oder einen Felsen voll grüner Tannen, oder den spiegelhellen See, oder einen blühenden Strauch voll Waldrosen an.

Jetzt ging über einem entfernten Tannenhügel zwischen goldenen Wolken die Sonne auf. Der Kleine sah mit starrenden Augen hin; ihm war es, ein Feuer lodere empor und er meinte wirklich, die Wolken, die er das erste Mal sah, fingen an zu brennen. Unverwandt sah er hin – bis endlich die Sonne, von leichtem Morgenduft wie von einem zarten Flor bedeckt, golden, rund und schön über den Hügeln schwebte. »Was ist doch das? Welch ein wunderbares Licht!« rief der Knabe, und stand noch immer voll Verwunderung mit starrenden Blicken und ausgestreckten Armen da – bis er endlich, von dem zunehmenden Glanze geblendet, die Augen wegwenden mußte.

Hierauf ging er ein wenig umher; er getraute sich aber kaum weiter zu gehen, aus Furcht, die schönen Blumen zu zertreten, mit denen der Boden überall wie besäet war. Auf einmal erblickte er ein junges Lamm, das sich unter einem blühenden Rosenstrauche gelagert hatte. »Ei, ein Lamm, ein Lamm!« rief er freudig. Er eilte hin und faßte es an. Das Lamm regte sich, stand auf und blökte. Der Kleine fuhr erschrocken zurück. »Was ist das?« rief er. »Das lebt ja! Es kann gehen, es hat eine Stimme! Die meinigen sind alle stumm und tot und keines rührt sich. Welch ein Wunder! Wer hat ihm doch das Leben gegeben?« Er wollte sich mit dem Lamm in ein Gespräch einlassen; er that allerlei Fragen an das Tierchen – und ward zuletzt ärgerlich, daß es nur immer mit dem nämlichen unverständlichen Schrei antwortete.

Jetzt kam ein junger Hirt, ein schöner blühender Jüngling mit roten Wangen und gelben Haaren, herbei, der das Lamm vermißt und gesucht hatte. Er hatte dem Kleinen schon lange zugesehen, und wußte nicht, was er von ihm halten solle. Der Knabe erschrack zuerst über den Anblick des Jünglings. Da der Jüngling ihn aber sehr freundlich grüßte, so faßte der Kleine Mut. »O wie schön bist du!« sprach er zu dem Jünglinge. »Und sag' mir doch,« fuhr er fort, indem er mit weit ausgebreiteten Armen auf Himmel und Erde deutete, »gehört diese große, große weite Höhle dir? Darf ich nicht hier bei dir und bei deinem Lamme bleiben?« Der Jüngling verstand das Kind nicht, und meinte Anfangs, es sei verrückt. Er fragte es, wie es hieher gekommen sei. Als nun der Kleine sagte, er sie aus dem Boden herausgekrochen, und dann von der alten Großmutter und den bärtigen Männern erzählte – da wurde es dem Hirten unheimlich; es kam ihn eine große Furcht an. Er nahm indes den Knaben doch voll Mitleids auf den einen Arm, faßte sein Lamm unter den andern, und eilte so schnell davon, als setzten ihm die Räuber schon auf dem Fuße nach.

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