Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Christoph von Schmid >

Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam

Christoph von Schmid: Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schriften des Verfassers der Ostereier, Erstes Bändchen
authorChristoph von Schmid
year1883
publisherVerlag von Louis Finsterlin
addressMünchen
titleWie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
pages13-74
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Die Räuberhöhle.

Eine Zigeunerin, ein altes, häßliches Weib, mit pechschwarzen Haaren und gelbbraunem Gesichte, hatte das Kind geraubt. Das Weib gab sich, leichtgläubige Menschen zu betrügen und zu bestehlen, mit Wahrsagen ab. Unter diesem Vorwande war sie schon früher einmal in das Schloß gekommen und hatte alle Gelegenheiten wohl ausgekundschaftet. Sie stand mit dem ältesten der drei Musikanten im Einverständnisse, und während dieser mit lärmender Musik alle Leute im Schlosse in die untere Stube lockte, war die Zigeunerin durch ein kleines Thürlein in der Gartenmauer, das der Gärtnerjunge aus Unachtsamkeit offen gelassen hatte, in den Schloßgarten, und auf einer wenig besuchten Wendeltreppe in das Zimmer des Kindes geschlichen, hatte das Kind und was sie sonst in der Geschwindigkeit zusammenraffen konnte, genommen, und war damit durch den Garten schnell in den nahen Wald entflohen.

Dort verbarg sie sich mit dem Kinde in ein Dickicht, bis es völlig Nacht war. In der finstern Nacht machte sie sich auf, und trug das Kind weiter. Sie ging auf lauter abgelegenen, heimlichen Wegen. Mit Lebensmitteln hatte sie sich hinreichen versehen. Den Tag über versteckte sie sich wieder in dichtes Gesträuch, oder in das Korn. So wanderte sie viele Meilen weit fort, bis ins Gebirg. Hier befand sich, tief unter der Erde, eine schauerliche Höhle, die ein Teil eines eingegangenen, halbverschütteten Bergwerks war. Der Eingang dazu war von Felsentrümmern und verwachsenen Dornen so gut versteckt, daß ihn nicht leicht ein Mensch finden konnte. Nachdem die Zigeunerin lange durch Gestein, Dorngesträuch und Brombeerstauden gekrochen war, kam sie an eine eiserne Thüre, zu der sie den Schlüssel hatte. Sie öffnete die Thüre und kam durch einen langen Gang, der fast eine Stunde währte, endlich in die Höhle.

Diese Höhle war der Aufenthalt von Räubern. Hier verbargen sie sich, um vor der strafenden Gerechtigkeit sicher zu sein. Hier verwahrten sie in großen schweren Kisten ihre geraubten Schätze – eine Menge prächtiger Kleider und kostbarer Geräte, Gold und Silber, Edelsteine und Perlen. Die Räuber, furchtbare Männer, mit trotzigen Gesichtern und rauhen Bärten, saßen, als die Zigeunerin mit dem Kinde ankam, eben beisammen, tranken, rauchten Tabak und spielten mit Karten. Sie hatten eine große Freude, als sie vernahmen, dieses Kind sei der junge Graf Heinrich von Eichenfels, und sie überhäuften die Zigeunerin mit Lobsprüchen über den gelungenen Raub. Ein solches Kind vornehmer Eltern in ihre Gewalt zu bekommen, hatten sie schon lange gewünscht. »Du hast dich trefflich gehalten, alte Großmutter!« sagte der Räuberhauptmann. »Nun sind wir vollkommen sicher. Wird einmal einer von uns gefangen, und will man ihm ein Leid thun, so droht er nur, daß wir übrigen dann dieses Kind, gemäß unserer Abrede, schrecklich zu Tode martern würden. Da wird man seiner gewiß schonen, oder ihn vielleicht gar gehen lassen.« Der Hauptmann befahl hierauf der Zigeunerin, die den Räubern kochte und die Hauswirtschaft führte, wohl für das Kind zu sorgen, damit es doch gewiß am Leben bleibe.

In dieser schauerlichen Höhle kam nun das holde Knäblein zur Vernunft und lernte reden. Die Erinnerungen aus seiner ersten Kindheit erloschen. Es wußte nichts mehr von der Sonne, dem Monde, der ganzen schönen Erde Gottes. Kein Strahl des Tages fiel je in diese Wohnung des Schreckens. Nur eine Lampe, die Tag und Nacht brannte, hing von dem dunklen, rußigen Gewölbe der Höhle herab, und erhellte mit ihrem trüben, roten Schimmer die rauhen Felsenwände. An Lebensmitteln war kein Mangel. Die Räuber brachten Brot, Fleisch, Gemüse und besondern solche Speisen, die sich leicht aufbewahren ließen, und auch Wein im Überflusse. Ein großes Faß mit Wasser in einer Ecke der Höhle, das sie von Zeit zu Zeit frisch auffüllten, vertrat in dieser unterirdischen Haushaltung die Stelle des Brunnens. Da sie das Wasser aber weit holen mußten, so ging die Zigeunerin sehr sparsam damit um, und schärfte es dem Kleinen sehr ein, den Hahn immer wohl zu schließen. Eine Streu von Binsen, die jedoch mit prächtigen Teppichen bedeckt war, diente den Räubern zum Nachtlager.

Die Zigeunerin ließ dem Kleinen nichts abgehen. Sie gab ihm reichlich zu essen; allein sie unterrichtete ihn gar nicht im Guten. Das Kind lernte weder lesen noch schreiben, und hörte aus dem Munde dieser bösen Menschen nie ein Wort von Gott. Nur einer unter den Räubern, Namens Wilhelm, ein Jüngling und der Sohn ehrlicher Eltern, den aber die Lust zum Spielen zu dieser schrecklichen Lebensart verleitet hatte, unterhielt sich gern mit dem Kleinen. Auch brachte er ihm, so oft er heimkam, etwas mit, ihm einen kleinen Zeitvertreib zu machen. Er schenkte ihm allerlei von Holz ausgeschnitzte, schönbemalte Figuren, die Abbildung einer Schäferei mit vielen Schafen, nebst Schäfer und Schafhund, eines Gartens mit allerlei Bäumen, an denen gelbe und rote Früchte hingen, einen kleinen Spiegel und andere dergleichen Spielwerke für Kinder. Einmal kaufte er ihm eine kleine Fl&öuml;te und lehrte ihn ein Liedchen darauf spielen; ein anderes Mal brachte er ihm einen Bund gemalter Blumen und lehrte ihn, selbst Blumen aus Papier auszuschneiden, sie zusammenfügen und mit allerlei Farben bemalen. Der Kleine beschäftigte sich auf diese Art manche Stunde. Das liebste aber aus allen seinen Spielsachen war dem Kinde ein kleines Bildnis seiner Mutter, das die Zigeunerin in dem Schlosse entwendet hatte. Es war unvergleichlich schön und lieblich gemalt, in Gold und Kristall gefaßt, und ringsum mit Diamanten besetzt. Die Zigeunerin ließ es ihm aber nur hie und da auf eine kurze Zeit, wenn sie besonders guter Laune war.

Wilhelm betrachtete das Bild öfter, gedachte seiner eigenen Mutter und wischte sich eine heimliche Thräne aus dem Auge. »Armes Kind,« sagte er bei sich selbst, »es war doch grausam, dich einer solchen Mutter vom Herzen hinweg zu reißen. O wie ganz anders würdest du es bei ihr gehabt haben, als hier, in diesem schauerlichen Aufenthalte! – Und deine gute Mutter, wie wird sie um dich weinen! Könnte ich dich in ihre Arme zurückbringen, wie gern würde ich es thun! Aber ich selbst bin wie ein Gefangener! Hundert Male wäre ich schon entlaufen, wenn meine vorgeblichen Freunde mir getraut und mich nicht immer so sorgfältig bewacht hätten!«

Er führte mit dem Knaben allerlei Gespräche, erzählte ihm mancherlei, das dem Kleinen Freude machte, und seinen Verstand weckte; allein von Gott und Ewigkeit durfte er nicht mit ihm reden; das hätten die übrigen Räuber nicht gelitten, weil sie sich vor allem scheuten, was ihr Gewissen aufwecken konnte.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.