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Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam

Christoph von Schmid: Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schriften des Verfassers der Ostereier, Erstes Bändchen
authorChristoph von Schmid
year1883
publisherVerlag von Louis Finsterlin
addressMünchen
titleWie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
pages13-74
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Drittes Kapitel.

Der größte Jammer einer guten Mutter.

Indem nun alle Leute aus dem Schlosse voll Schrecken und Verwirrung, weinend und jammernd, in dem Zimmer des Kindes beisammen waren; indem Margareta, halb wahnsinnig, scheu und verwildert aus ihren schwarzen Augen blickte, und mit zerrauften Haaren neben dem leeren Bettchen auf dem Boden saß, auf dem die Rosen, die den Wiegenkorb geschmückt hatten, zerstreut und zertreten umher lagen: da ging mit einem Male schnell die Zimmerthüre auf – und die Gräfin trat herein.

Die Wunde des Grafen war nicht so gefährlich, als es anfangs geschienen hatte. Sobald er sich außer aller Gefahr befand, hatte die Gräfin, auf Zureden des Grafen und aus eigenem Antriebe ihres mütterlichen Herzens, die Rückreise angetreten, um nur recht bald wieder bei ihrem lieben Kinde zu sein. Sie war nur aus der Kutsche gesprungen, und sogleich auf das Zimmer geeilt, wo sie den kleinen Liebling ihres Herzens zu umarmen hoffte.

Alle im Zimmer erschracken bei dem Anblicke der Gräfin. Margareta that einen lauten Schrei. »O Gott, sie mir und ihr gnädig!« rief sie. Die Gräfin sah die totenblassen Gesichter, die rotgeweinten Augen, Margaretens Verzweiflung, die leere Wiege mit Schrecken. Niemand wollte auf ihre Fragen antworten. Tausend bange Ahnungen, tausend schreckliche Gedanken zuckten gleich Blitzen durch ihre Seele. Sie zitterte für das Leben ihres Kindes. Als sie endlich die Geschichte halb erfuhr und halb erriet – da war es ihr, als brächen Himmel und Erde auf sie herein; sie sank in Ohnmacht und wäre zu Boden gefallen, wenn nicht alle herbeigeeilt wären, sie zu halten.

»O Gott, o Gott,« rief sie endlich jammernd, als sie wieder zur Besinnung gekommen war, »welch ein entsetzliches Leiden hast du mir auferlegt! Ach, mein Kind, mein Kind, mein liebstes Kind! O mein Gemahl, mein teuerster Gemahl, ach, diese Botschaft wird dir tiefere Wunden schlagen, als das Schwert der Feinde! – O du lieber, lieber, guter kleiner Heinrich, wo bist du wohl jetzt? In welche Hände bist du gefallen? O, wenn du von Räubern verführt werden und ohne Unterricht, ohne gute Sitten aufwachsen solltest – wie schrecklich wäre das? Ich kann nicht einmal daran denken! Ach, lieber weinte ich an deinem kleinen Grabe! O dann wärest du ein schöner Engel an Gottes Throne und ich hätte den Trost, dich dort einstens wieder zu sehen! Aber jetzt fehlt mir auch dieser einzige, dieser süßeste Trost! Ach, was kann, was wird unter solchen Menschen aus dir werden?«

»O Gott,« rief sie dann wieder, und fiel auf die Kniee nieder, und blickte mit gerungenen Händen weinend zum Himmel. »O guter Gott, du einziger Trost in allen Nöten! Mein Kind ist zwar meinen Armen entrissen, aber deiner Hand kann es nicht entzogen werden. Ich weiß nicht, in welchen finstern Wäldern, in welcher Räuberhöhle es sich befindet; aber dein Auge sieht es, wo es auch ist. Ich kann ihm nichts Gutes und Liebes mehr erweisen, aber du und nur du allein kannst es erhalten. Du hörest ja das Schreien der jungen Raben; o höre auch das Flehen dieses Kindes, das gewiß weint und wimmert und sich nach seiner Mutter sehnt! – Mir und meinem lieben Gemahl aber gib die Gnade, diesen Verlust zu ertragen! Obwohl zunächst Unvorsichtigkeit und Bosheit der Menschen uns den kleinen Engel geraubt haben, so ließest doch du es zu. Du fügtest es so; dir will ich mein Kind mit vertrauendem, wiewohl blutendem Herzen zum Opfer bringen. Ich weiß es gewiß, auch dieser Schmerz wird mir unter deiner Leitung einmal zum Heile sein.« So tröstete sich die trauernde Mutter.

Margareta aber war ohne allen Trost. Sie fiel der Gräfin zu Füßen, und bat sie um Verzeihung. »Ach,« sagte sie, die Hände ringend, »wenn ich das Kind mit meinem Blute aus den Händen der Räuber befreien könnte, ich wollte gern den letzten Tropfen vergießen. Lasset mich hinrichten; ich will gerne sterben.« Die Gräfin verzieh ihr. »Deine aufrichtige Reue verdient Vergebung,« sprach sie, »es soll dir kein Leid geschehen. Du siehst aber, wie gut ich's meinte, wie weise mein Befehl war; du hast nun erfahren, was Ungehorsam, Leichtsinn, Hang zu Lustbarkeiten für großes Unglück anrichten können. Unser aller Freuden auf dieser Welt sind nun für immer dahin, wie die Rosen hier, die welk und entblättert auf dem Boden umherliegen.«

Nachdem, die Gräfin dich von dem ersten Schrecken erholt und vernommen hatte, das Kind sei erst vor ein paar Stunden geraubt worden, so schickte sie sogleich eine Menge Leute aus, es aufzusuchen. Ein Bote nach dem andern kam wieder zurück. Margareta lief jedem entgegen, und weinte immer aufs neue, sobald sie schon von weitem seine trostlose Miene sah. Endlich kam auch der letzte, ohne die geringste Spur von dem Kinde entdeckt zu haben, und Margareta weinte sich fast die Augen aus. Nach und nach wurde sie zwar ruhiger; allein sie war immer sehr blaß und ging umher, wie ein Schatten. Jedermann hatte Mitleiden mit ihr. Auf einmal verschwand sie, und kein Mensch wußte, wo sie hingekommen war.

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