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Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam

Christoph von Schmid: Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schriften des Verfassers der Ostereier, Erstes Bändchen
authorChristoph von Schmid
year1883
publisherVerlag von Louis Finsterlin
addressMünchen
titleWie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntnis Gottes kam
pages13-74
created19990522
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1817
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Zehntes Kapitel.

Die wichtigste Frage und die richtigste Antwort.

Heinrich kam auf seine alten Fragen zurück, die der weise Mann mit Vorsatz nicht sogleich beantwortet, sondern vielmehr die Wißbegierde des Knaben noch immer mehr gereizt hatte. »Ja, was macht denn«, fragte er wieder, »daß die Sonne immer so lauft? Und wer hat dieses große, schöne Gewölbe da oben gebaut, und es so schön blau bemalt? Wer hat das viele Wasser in jenen Felsenstein dort eingeschlossen, daß es so reichlich und ohne Aufhören herausfließt? Wer leitet den Lauf der Wolken, daß sie so frei in der Luft herbei schweben, und alle Gewächse mit so unzähligen funkelnden Tropfen befeuchten? Wer lehrte die Vögel, ohne daß sie eine Flöte haben, so schöne Lieder spielen? Wer hat Blumen und Bäume in so kleine Körnlein verborgen, daß sie, an Ort und Stelle, wo wir es haben wollen, herauskommen, den Boden weit und breit mit einem Teppiche von Gras und Blumen bedecken, und uns mit so herrlichen Geschenken überhäufen? Wer hat alles so schön eingerichtet?«

»So meinst du denn wirklich,« sagte Vater Menrad, »daß jemand sei, der diese schöne Einrichtung gemacht habe?«

»O ja freilich,« sagte Heinrich, »das ist ganz gewiß. Wer daran zweifeln wollte, müßte ja gar keinen Verstand haben. Die Männer in der Höhle mußten lange arbeiten, wenn sie dieselbe nur ein wenig vergrößern wollten. Einmal wollte die Höhle gar einfallen, und da hatten sie viele Mühe, sie zu stützen. Und an diesem schönen, großen Gewölbe sieht man nicht einmal einen Pfeiler! Unsere Lampe in der Höhle zündete sich nicht von selbst an, und wenn wir nicht im Finstern sitzen wollten, mußten wir wohl auf sie achthaben, und immer frisches Öl nachgießen. Und das Wassergefäß mußte auch immer frisch gefüllt werden, wenn wir nicht Durst leiden wollten. Was eine einzige Blume auszuschneiden für Mühe kostet und was für ein richtiges Augenmaß man haben müsse, weiß ich gar gut. Daß dieß alles, was wir hier herum erblicken, nicht von Menschenhänden könne gemacht sein, begreife ich wohl. Wer aber derjenige sei, der dieses alles gemacht habe, das möchte ich eben wissen.«

Jetzt, als der Knabe von der Größe, Schönheit und weisen Einrichtung der Welt so lebhaft gerührt, und von der Menge der Wohlthaten, die überall seinen Blicken begegneten, gleichsam überwältigt war, und von Wißbegierde brannte, inne zu werden, wer denn dieser große Wohlthäter sei, von dem alles herrühre – jetzt war der Augenblick gekommen, da der ehrwürdige Greis zu dem Knaben von Gott, von Gottes Allmacht, Weisheit und Güte reden konnte. Mit tiefer Ehrfurcht, mit gerührter Stimme, mit Augen voll Thränen sagte ihm der Greis, daß Heinrich recht habe, daß Einer sei, der dieses alles gemacht habe, und daß man diesen Allmächtigen, Allweisen, Allgütigen, der alle Dinge hervorgebracht und der auch den Menschen das Leben gegeben habe – Gott, unsern lieben Vater im Himmel, nenne.

Wie es dem Knaben diesen Morgen gewesen, als ihm die Sonne das erste Mal aufging und mit ihren lieblichen Strahlen alles rings umher vergoldete – so, ja noch wunderbarer war es ihm jetzt zu Mut. Der Gedanke an Gott ging gleichsam als eine Sonne in seinem Innern auf, die von innen heraus erleuchtete und erwärmte, und ihm die ganze Welt umher in einem schönern, freundlichern Lichte, als einen Inbegriff von unzähligen Wohlthaten eines liebevollen Vaters sehen ließ.

»Ja, liebes Kind,« fuhr Menrad fort, als er die Rührung des Knaben bemerkte, »Gott ist derjenige, der alles, was du siehst, gemacht hat. Er hat jenes schöne, blaue Gewölbe, das wir Himmel nennen, gebildet. Er hat die Sonne angezündet, und leitet ihren Lauf; nicht nur enthüllt sie uns die Wunder seiner Werke und leuchtet uns bei unsern Geschäften; an ihren warmen Strahlen werden auch die Früchte reif und ausgekocht, wie die Speisen an dem Feuer. Er läßt reichliches Wasser aus der Erde hervorquellen und aus den Wolken herabtröpfeln, uns zu tränken und alles zu erfrischen. Er breitete auf unserm Fußboden den farbigen Teppich von Gras und Blumen aus. Er gab den Blumen Farbe und Wohlgeruch. Er gibt uns aus der rauhen Erdscholle reichliches Brot, und läßt aus den Bergen köstlichen Wein für uns hervorrinnen. Er beladet die Äste der Bäume mit Früchten aller Art; er läßt uns in den grünen Thälern gleichsam Bäche von Milch fließen, und Felsen und hohle Bäume von Honig triefen. Er schuf den Baum, der uns mit seinem Schatten kühlt, und mit seinem Holze wärmt. Er lehrt die Vögel ihre Lieder, mit denen sie uns erheitern. Er bekleidete das Lamm, das hier zu deinen Füßen ruht, mit zarter Wolle, aus der dein und mein Kleid gemacht ist. Er gibt uns alles, was wir zur Wohnung und zum Nachtlager bedürfen. Er macht alles so schön, damit wir Freude an seinen Werken haben, und ihn lieben, und dereinst zu ihm kommen möchten – in noch viel schönere Gegenden, als du hier um uns her erblickest, wo wir dann bei ihm noch größere Freuden haben werden. Und obwohl wir ihn jetzt noch nicht sehen können, so sieht er doch uns überall, und hört jedes unserer Worte, und weiß sogar unsere Gedanken. Mit ihm können wir jeden Augenblick reden. Er leitet alle unsere Schicksale. Er erlöste dich aus jener Höhle und ließ dich auf den Armen zu mir hieher tragen. Er ist unser größter Wohlthäter, unser bester Freund, unser liebreichster Vater.«

Heinrich hörte dem frommen Greis mit der größten Aufmerksamkeit und mit gerührtem Herzen zu, und verwandte kein Auge von ihm. Es war unter diesem Gespräche Nacht geworden, ohne daß der Kleine darauf geachtet hätte. Der Mond, der vorhin als ein kleines, kaum bemerkbares Wölklein am Himmel schwebte, leuchtete jetzt im reinsten Glanze, und stand, von unzähligen, hellfunkelnden Sternen umgeben, hoch über dem See. Der See glich einem hellen Spiegel und man glaubte darin einen zweiten Himmel mit Mond und Sternen zu entdecken, und in die Unendlichkeit zu blicken. Kein Blättchen der Bäume umher regte sich; es herrschte eine feierliche Stille. Ein neues, noch nie empfundenes Gefühl, das Gefühl der Andacht, der Anbetung, der Nähe Gottes regte sich in Heinrichs Herzen. Und nun faltete der ehrwürdige Greis die Hände und blickte zum Himmel und betete dem Knaben vor – und auch der Kleine erhob seine Händchen das erste Mal zum Himmel und sprach ihm jedes Wort nach. Die Thränen flossen dem guten Knaben reichlich über die Wangen, daß der Gott, den er bisher nicht kannte, ihm dennoch schon so viel Gutes erwiesen habe. Und als der Greis das Gebet vollendet hatte, setzte Heinrich zur großen Freude des frommen alten Mannes aus eignem Antriebe noch hinzu: »Ich danke dir auch noch, lieber Gott, daß du mich aus meiner finstern Höhle befreit und zu diesem guten Manne geführt hast, der mir so viel Schönes und Erfreuliches von dir erzählte.«

Vater Menrad nahm hierauf den Knaben bei der Hand, und führte ihn in seine Zelle. Hier machte er ihm ein Nachtlager von weichem Moose, über das er einen Teppich breitete, und deckte den Knaben mit seinem eigenen Mantel zu.

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