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Wie Gertrud ihre Kinder lehrt

Johann Heinrich Pestalozzi: Wie Gertrud ihre Kinder lehrt - Kapitel 25
Quellenangabe
typetractate
booktitleWie Gertrud ihre Kinder lehrt
authorJohann Heinrich Pestalozzi
year1994
publisherKlinkhardt Verlag
addressBad Heilbrunn
isbn3-7815-0515-4
titleWie Gertrud ihre Kinder lehrt
pages1-10
created20000329
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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XIV.

Freund! Ich gehe nun weiter und frage mich: was habe ich getan, um den Übeln, die mich durch mein Leben rührten, auch in religiöser Hinsicht zu wirken? – Freund! Wenn mein Versuch, die Menschenbildung der Hand der blinden Natur, den Ansprüchen ihres sinnlichen Verderbens und der Routinengewalt aller ihrer Abrichtungselendigkeiten zu entreißen und sie in die Hand der veredelten Kräfte unsrer Natur und ihres geheiligten Mittelpunktes, in die Hand des Glaubens und der Liebe zu legen, auch nur einige den Zweck meiner Bestrebungen vorbereitende Folgen haben, wenn es mir nur von ferne gelingen sollte, die Kunst der Erziehung mehr, als gegenwärtig geschieht, von dem Heiligtum der Wohnstube ausgehen zu machen und die Religiosität unsers Geschlechts von dieser zarten Seite unsrer Menschlichkeit wieder mehr zu beleben, wenn es mir nur von ferne gelingen sollte, die abgestorbenen Fundamente der Geistes- und Herzensbildung und einer mit den vereitelten Kräften des Geists und des Herzens übereinstimmenden Kunstbildung dem Herzen meiner Zeitgenossen wieder näherzubringen, so würde ich mein Leben segnen und die größten Hoffnungen meiner Bestrebungen erfüllt sehen.

Ich berühre diesen Gesichtspunkt noch einen Augenblick. Der Keim, aus dem die Gefühle, die das Wesen der Gottesverehrung und Sittlichkeit sind, entspringen, ist ebenderselbe, aus welchem sich das Wesen meiner Lehrart emporhebt. Es geht ganz von dem Naturverhältnis aus, das zwischen dem Unmündigen und seiner Mutter statthat, und ruht wesentlich auf der Kunst, von der Wiege an den Unterricht an dieses Naturverhältnis zu ketten und ihn durch fortdauernde Kunst auf eine Gemütsstimmung zu bauen, die mit derjenigen, auf welcher unsre Anhänglichkeit an den Urheber unsers Wesens ruht, die gleiche ist. Sie tut alles, um zu verhüten, daß beim ersten Schwinden des physischen Zusammenhanges zwischen Mutter und Kind der Keim der edlern Gefühle, die aus diesem Zusammenhange entsprossen sind, und sich nicht veröde, und bringt beim ersten Stillestellen ihrer physischen Ursachen neue Belebungsmittel derselben zur Hand; sie wendet in dem wichtigen Zeitpunkt des ersten Voneinanderscheidens der Gefühle des Vertrauens auf die Mutter und Gott und desjenigen auf die Erscheinungen der Welt alle Kraft und alle Kunst an, die Reize der neuen Erscheinung der Welt dem Kinde nicht anders als in Verbindung mit den edlern Gefühlen seiner Natur vor die Augen zu bringen; sie wendet alle Kraft und alle Kunst an, ihm diese Erscheinung als Gottes erste Schöpfung und nicht bloß als eine Welt voll Lug und Trug vor die Augen kommen zu lassen; beschränkt das Einseitige und Einseitigreizende der neuen Erscheinung durch Belebung der Anhänglichkeit an Gott und an die Mutter; sie beschränkt den unermeßlichen Spielraum der Selbstsucht, zu welchem die Erscheinung alles Verderbens der Welt meine sinnliche Natur hinreißt, und läßt die Bahn meiner Vernunft sich nicht unbedingt von der Bahn meines Herzens und die Ausbildung meines Geistes sich nicht unbedingt von meiner Glaubensneigung an Gott trennen.

Das Wesen meiner Methode ist, beim Schwinden der physischen Ursachen des Zusammenhanges zwischen Mutter und Kind dem letzten seine Mutter nicht nur wiederzugeben, sondern derselben dann noch eine Reihenfolge von Kunstmitteln an die Hand zu stellen, durch welche sie diesem Zusammenhang ihres Herzens mit ihrem Kinde so lange Dauer geben kann, bis die sinnlichen Erleichterungsmittel der Tugend mit den sinnlichen Erleichterungsmitteln der Einsicht vereiniget, die Selbständigkeit des Kindes in allem, was Recht und Pflicht ist, durch Übung zur Reifung zu bringen vermögen.

Sie hat es jeder Mutter, die ihr Herz an ihr Kind hängt, leicht gemacht, dasselbe nicht nur in dem mißlichsten Zeitpunkt vor der Gefahr, von Gott und der Liebe abgezogen und in seinem Innersten der schrecklichsten Verödung seiner selbst und einer unausweichlichen Verwilderung preisgegeben zu werden, zu bewahren; sondern noch dasselbe an der Hand ihrer Liebe und mit rein erhaltenen edlern Gefühlen in Gottes bessere Schöpfung hineinzuführen, ehe sein Herz durch allen Lug und Trug dieser Welt für die Eindrücke der Unschuld, der Wahrheit und Liebe gänzlich verdorben ist.

Der elende Kreis seines Besitzstandes und seiner Grenzen ist dem Weibe, das sich meine Methode eigen macht, nicht mehr der Erkenntniskreis, in den ihr Kind hineingebannt ist; das Buch der Mütter öffnet ihr für ihr Kind die Welt, die Gottes Welt ist; es öffnet ihr den Mund der reinsten Liebe für alles, was das Kind durch sie sieht; sie hat es an ihrem Busen den Namen Gottes lallen gelehrt, jetzt zeigt sie ihm den Alliebenden in der aufgehenden Sonne, im wallenden Bach, in den Fasern des Baumes, im Glanz der Blume, in den Tropfen des Taues, sie zeigt ihm den Allgegenwärtigen in seinem Selbst, im Licht seiner Augen, in der Biegsamkeit seiner Gelenke, in den Tönen seines Mundes, in allem, allem zeigt sie ihm Gott, und wo es Gott sieht, da hebt sich sein Herz, wo es in der Welt Gott sieht, da liebt es die Welt, die Freude über Gottes Welt verwebet sich in ihm mit der Freude über Gott; es umfaßt Gott, die Welt und die Mutter mit einem und ebendemselben Gefühl; das zerrissene Band ist wieder geknüpft; es liebt jetzt die Mutter mehr, als es sie liebte, da es noch an ihrer Brust lag. Es steht jetzt eine Stufe höher: Durch ebendiese Welt, durch welche es verwildert worden wäre, wenn es sie nicht an der Hand der Mutter erkannt hätte, wird es jetzt höher gehoben; der Mund, der vom Tag seiner Geburt an ihm so oft lächelte, die Stimme, die vom Tage seiner Geburt an ihm so oft Freude verkündete, diese Stimme lehrt das Kind jetzt reden; die Hand, die dasselbe so oft an das liebende Herz drückte, zeigt ihm jetzt Bilder, deren Namen es schon oft hörte: ein neues Gefühl entkeimt in seiner Brust; es ist sich dessen, was es sieht, wörtlich bewußt; der erste Schritt der Stufenfolge der Vereinigung seiner geistigen und seiner sittlichen Ausbildung ist jetzt eröffnet, er ist an der Hand der Mutter eröffnet, das Kind lernt, es kennt, es nennet, es will noch mehr nennen, es treibt die Mutter, mit ihm zu lernen, sie lernt mit ihm, und beide steigen mit jedem Tag an Erkenntnis, an Kraft und an Liebe; jetzt versucht sie mit ihm die Anfangsgründe der Kunst, die geraden und gebogenen Linien; das Kind übertrifft sie bald – die Freude von beiden ist gleich, neue Kräfte entwickeln sich in seinem Geist, es zeichnet, es mißt, es rechnet; die Mutter zeigte ihm Gott in dem Anblick der Welt; jetzt zeigt sie ihm Gott in seinem Zeichnen, in seinem Messen, in seinem Rechnen; sie zeigt ihm Gott in jeder seiner Kräfte, es sieht jetzt Gott in der Vollendung seiner selbst, das Gesetz der Vollendung ist das Gesetz seiner Führung, es erkennt dasselbe in dem ersten vollendeten Zug, in einer geraden und gebogenen Linie, – ja Freund! beim ersten zur Vollkommenheit gebrachten Zug einer Linie, bei der ersten zur Vollkommenheit gebrachten Aussprache eines Wortes entfaltet sich in seiner Brust die erste Regung des hohen Gesetzes »Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist«. Und da meine Methode wesentlich auf stetem Streben nach der Vollendung des einzelnen ruhet, so wirkt sie kraftvoll und umfassend dahin, den Geist dieses Gesetzes von der Wiege an tief in die Brust des Kindes zu prägen.

An dieses erste Gesetz deiner innern Veredlung kettet sich dann ein zweites, mit dem das erste innig verwoben ist, nämlich: daß der Mensch nicht um seiner selbst willen in der Welt sei, daß er sich selbst nur durch die Vollendung seiner Brüder vollende. Meine Methode scheint ganz geeignet, die Vereinigung dieser zwei hohen Gesetze den Kindern zur andern Natur zu machen, fast ehe sie noch wissen, was links und was rechts ist. Das Kind meiner Methode kann kaum reden, so ist es schon Lehrer seiner Geschwistern, schon Gehilfe seiner Mutter.

Freund! Es ist nicht möglich, das Band der Gefühle, auf denen die wahre Verehrung Gottes beruht, enger zu knüpfen, als sie durch das Wesen meiner Methode geknüpft ist. Durch sie habe ich dem Kinde seine Mutter erhalten und dem Einfluß ihres Herzens Dauer verschafft; durch sie habe ich die Gottesverehrung mit der Menschennatur vereiniget und ihre Erhaltung durch die Belebung eben derjenigen Gefühle gesichert, aus denen die Glaubensneigung in unserm Herzen entkeimt. Mutter und Schöpfer, Mutter und Erhalter werden durch sie dem Kinde ein und ebendasselbe Gefühl; durch sie bleibt das Kind länger das Kind seiner Mutter; es bleibt durch sie länger das Kind seines Gottes; die Stufenfolge der vereinigten Entwicklung seines Geistes und seines Herzens ruhet länger auf den reinen Anfangspunkten, aus denen ihre ersten Keime entsprossen; die Bahn seiner Menschenliebe und seiner Weisheit ist traulich und hehr eröffnet; ich bin durch sie der Vater des Armen, die Stütze des Elenden; wie meine Mutter ihre Gesunden verläßt, sich zu ihrem Kranken einschließt und ihr Elendes doppelt besorget, wie sie muß, weil sie Mutter ist; weil sie dem Kinde an Gottes Statt ist; also muß ich, wenn mir die Mutter an Gottes Statt ist und Gott an der Mutter Statt mein Herz füllet, so muß ich; ein Gefühl wie das Muttergefühl nötiget mich; der Mensch ist mein Bruder, meine Liebe umfasset sein ganzes Geschlecht; aber ich schließe mich zum Elenden ein, ich bin doppelt sein Vater; göttlich zu handeln, wird meine Natur; ich bin ein Kind Gottes; ich glaubte an meine Mutter, ihr Herz zeigte mir Gott; Gott ist der Gott meiner Mutter, er ist der Gott meines Herzens, er ist der Gott ihres Herzens; ich kenne keinen anderen Gott, der Gott meines Hirns ist ein Hirngespinst; ich kenne keinen Gott als den Gott meines Herzens und fühle mich nur im Glauben an den Gott meines Herzens ein Mensch; der Gott meines Hirns ist ein Götze, ich verderbe mich in seiner Anbetung; der Gott meines Herzens ist mein Gott, ich veredle mich in seiner Liebe. Mutter! Mutter! du zeigtest mir Gott in deinen Befehlen, und ich fand ihn in meinem Gehorsam. Mutter! Mutter! wenn ich Gottes vergesse, so vergesse ich deiner, und wenn ich Gott liebe, so bin ich deinem Unmündigen an deiner Statt; ich schließe mich zu deinem Elenden ein, und dein Weinendes ruhet auf meinen Armen wie auf Mutterarmen.

Mutter! Mutter! wenn ich dich liebe, so liebe ich Gott, und meine Pflicht ist mein höchstes Gut. Mutter! wenn ich deiner vergesse, so vergesse ich Gott, und der Elende ruhet nicht mehr auf meinen Armen, und ich bin dem Leidenden nicht mehr an Gottes Statt; wenn ich deiner vergesse, so vergesse ich Gottes, lebe dann wie der Löwe für mich und brauche im Vertrauen auf mich meine Kräfte für mich gegen mein eigen Geschlecht, dann ist kein Vatersinn mehr in meiner Seele, dann heiliget meinen Gehorsam kein göttlicher Sinn, und mein scheinender Pflichtsinn ist trügender Schein.

Mutter! Mutter! wenn ich dich liebe, so liebe ich Gott. Mutter und Gehorchen, Gott und Pflicht ist mir dann ein und ebendasselbe – Gottes Wille und das Edelste, Beste, das ich zu erschaffen vermag, ist mir dann ein und ebendasselbe. Ich lebe dann nicht mehr mir selbst; ich verliere mich dann im Kreise meiner Brüder, der Kinder meines Gottes – ich lebe nicht mehr mir selbst, ich lebe dem, der mich in Mutterarme genommen und mich mit Vaterhand über den Staub meiner irdischen Hülle zu seiner Liebe erhoben. Und je mehr ich ihn liebe, den Ewigen, je mehr ich seine Gebote verehre, je mehr ich an ihm hange, je mehr ich mich selbst verliere und sein bin; je mehr wird auch meine Natur ein göttliches Wesen, je mehr fühle ich mich selbst übereinstimmend mit meinem Wesen und mit meinem ganzen Geschlechte. Je mehr ich ihn liebe, je mehr ich ihm folge, desto mehr höre ich von allen Seiten die Stimme des Ewigen: Fürchte dich nicht, ich bin dein Gott, ich will dich nicht verlassen, und folge meinen Geboten, mein Wille ist dein Heil. Und je mehr ich ihm folge, je mehr ich ihn liebe, je mehr ich ihm danke, je mehr ich ihm traue, dem Ewigen, desto mehr erkenne ich ihn – der ist und der war und der sein wird immerdar, die meiner nicht bedürfende Ursache meines Daseins.

Ich habe den Ewigen in mir selbst erkannt; ich habe die Wege des Herrn gesehen, ich habe die Gesetze seiner Allmacht im Staube gelesen, ich habe die Gesetze seiner Liebe in meinem Herzen erforscht, – ich weiß, an wen ich glaube. Mein Vertrauen auf Gott wird durch die Erkenntnis meiner selbst und durch die daraus entkeimende Einsicht in die Gesetze der sittlichen Welt unbeschränkt. Der Begriff des Unbeschränkten verwebt sich in meiner Natur mit dem Begriffe des Ewigen, ich hoffe ein ewiges Leben. Und je mehr ich ihn liebe, den Ewigen, desto mehr hoffe ich ein ewiges Leben; und je mehr ich ihm vertraue, je mehr ich ihm danke, je mehr ich ihm folge, desto mehr wird mir der Glaube an seine ewige Güte zur Wahrheit; desto mehr wird mir der Glaube an seine ewige Güte zur Überzeugung meiner Unsterblichkeit.

Ich schweige wieder, Freund! – Was sind Worte, wenn sie eine Gewißheit ausdrücken sollen, die aus dem Herzen quillt? Was sind Worte über einen Gegenstand, über den sich ein Mann, der Kopfs und Herzens halber gleich meine Verehrung verdient – also ausdrückt: Es gibt keine Erkenntnis Gottes aus bloßem Wissen, der wahre Gott lebt nur dem Glauben, dem kindlichen Glauben.

Was kein Verstand des Verständigen sieht,
Das schaut in Einfalt ein kindlich Gemüt.

Also nur das Herz kennet Gott, das Herz, das der Sorge für eigenes eingeschränktes Dasein entstiegen, Menschheit umfasset, sei es ihr Ganzes oder nur Teil.

Dieses reine menschliche Herz fodert und schaffet für seine Liebe, seinen Gehorsam, sein Vertrauen, seine Anbetung ein personifiziertes höchstes Urbild, einen höchsten heiligen Willen, der da sei die Seele der ganzen Geistergemeine.

Frage den Guten – warum ist Pflicht dir das Höchste – warum glaubst du an Gott? – Gibt er dir Beweise, so spricht nur die Schule aus ihm. Eine geübtere Vernunft schlägt ihm alle diese Beweise nieder – er zittert einen Augenblick, aber sein Herz kann doch das Göttliche nicht verleugnen, er kehrt sehnend und liebend wie an seiner Mutter Busen zu ihm zurück.

Woher also die Überzeugung des Guten von Gott? – Nicht vom Verstand, sondern von jenem unerklärlichen, in keine Worte, ja in keinen Begriff zu fassenden Triebe, sein Dasein in dem höhern, unvergänglichen Sein des Ganzen zu verklären und zu verewigen – Nicht mir, sondern den Brüdern! – Nicht der eigenen Ichheit, sondern dem Geschlechte! – dies ist der unbedingte Ausspruch der göttlichen Stimme im Innern; in deren Vernehmen und Befolgen liegt der einzige Adel der menschlichen Natur.«

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