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Wie es euch gefällt

William Shakespeare: Wie es euch gefällt - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleEin Sommernachtstraum ? Der Kaufmann von Venedig ? Viel Lärm um nichts ...
authorWilliam Shakespeare
translatorAugust Wilhelm von Schlegel
year1979
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20635-6
titleWie es euch gefällt
pages245-247
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Szene

Ein Zimmer im Palast

Celia und Rosalinde treten auf

Celia. Ei, Mühmchen! ei, Rosalinde! Cupido sei uns gnädig, nicht ein Wort?

Rosalinde. Nicht eins, das man einem Hunde vorwerfen könnte.

Celia. Nein, deine Worte sind zu kostbar, um sie den Hunden vorzuwerfen; wirf mir einige zu. Komm, lähme mich mit Vernunftgründen.

Rosalinde. Da wär es um zwei Muhmen geschehen, wenn die eine mit Gründen gelähmt würde und die andre unklug ohne Grund.

Celia. Aber ist das alles um deinen Vater?

Rosalinde. Nein, etwas davon ist um meines Vaters Kind. O wie voll Disteln ist diese Werktagswelt!

Celia. Es sind nur Kletten, Liebe, die dir bei einem Festtagsspaß angeworfen werden. Wenn wir nicht in gebahnten Wegen gehen, so haschen unsre eigenen Röcke sie auf.

Rosalinde. Vom Rocke könnt ich sie abschütteln; diese Kletten stecken mir im Herzen.

Celia. Huste sie weg.

Rosalinde. Das wollte ich wohl tun, wenn ich ihn herbeihusten könnte.

Celia. Ei was! ringe mit deinen Neigungen.

Rosalinde. Ach, sie nehmen die Partei eines bessern Ringers, als ich bin.

Celia. Helfe dir der Himmel! Du wirst dich zu seiner Zeit mit ihm messen, gilt es auch eine Niederlage. – Doch laß uns diese Scherze abdanken und in vollem Ernste sprechen. Ist es möglich, daß du mit einem Male in eine so gewaltige Zuneigung zu des alten Herrn Roland jüngstem Sohn verfallen konntest?

Rosalinde. Der Herzog, mein Vater, liebte seinen Vater über alles.

Celia. Folgt daraus, daß du seinen Sohn über alles lieben mußt? Nach dieser Folgerung müßte ich ihn hassen, denn mein Vater haßt seinen Vater über alles, und doch hasse ich den Orlando nicht.

Rosalinde. Nein gewiß, hasse ihn nicht, um meinetwillen!

Celia. Warum sollte ich? verdient er nicht alles Gute?

Herzog Friedrich kommt mit Herren vom Hofe.

Rosalinde. Um deswillen laß mich ihn lieben, und liebe du ihn, weil ich es tue. – Sieh, da kommt der Herzog.

Celia. Die Augen voller Zorn.

Herzog Friedrich. Fräulein, in schnellster Eile schickt Euch an und weicht von unserm Hof.

Rosalinde. Ich, Oheim?

Herzog Friedrich. Ja, Ihr, Nichte.
Wenn in zehn Tagen du gefunden wirst
Von unserm Hofe binnen zwanzig Meilen,
Bist du des Todes.

Rosalinde. Ich ersuch Eur Gnaden,
Gebt mir die Kenntnis meines Fehlers mit.
Wenn ich Verkehr pfleg mit dem eignen Selbst,
Ja irgend meine eignen Wünsche kenne,
Wenn ich nicht träum und nicht von Sinnen bin,
Wie ich nicht hoffe: nie, mein werter Oheim,
Selbst nicht mit ungeborenen Gedanken
Beleidigt ich Eur Hoheit.

Herzog Friedrich. So sprechen stets Verräter;
Beständ in Worten ihre Reinigung,
So sind sie schuldlos wie die Heiligkeit.
Laß dir's genügen, daß ich dir nicht traue.

Rosalinde. Doch macht Eur Mißtraun nicht mich zum Verräter;
Sagt mir, worauf der Anschein denn beruht?

Herzog Friedrich. Genug, du bist die Tochter deines Vaters.

Rosalinde. Das war ich, als Eur Hoheit ihm sein Land nahm;
Das war ich, als Eur Hoheit ihn verbannte.
Verräterei wird nicht vererbt, mein Fürst,
Und überkämen wir von Eltern sie,
Was geht's mich an? Mein Vater übte keine.
Drum, bester Herr, verkennt mich nicht so sehr,
Zu glauben, meine Armut sei verrätrisch.

Celia. Mein teuerster Gebieter, hört mich an!

Herzog Friedrich. Ja, Celia, dir zulieb ließ ich sie bleiben,
Sonst irrte sie umher mit ihrem Vater.

Celia. Ich bat nicht damals, daß sie bleiben möchte,
Ihr wolltet es, Ihr waret selbst erweicht.
Ich war zu jung um die Zeit, sie zu schätzen:
Jetzt kenn ich sie; wenn sie verrätrisch ist,
So bin ich's auch; wir schliefen stets beisammen,
Erwachten, lernten, spielten miteinander,
Und wo wir gingen, wie der Juno Schwäne,
Da gingen wir gepaart und unzertrennlich.

Herzog Friedrich. Sie ist zu fein für dich, und ihre Sanftmut,
Ihr Schweigen selbst und ihre Duldsamkeit
Spricht zu dem Volk, und es bedauert sie.
Du Törin, du! Sie stiehlt dir deinen Namen,
Und du scheinst glänzender und tugendreicher,
Ist sie erst fort. Drum öffne nicht den Mund;
Fest und unwiderruflich ist mein Spruch,
Der über sie erging: sie ist verbannt.

Celia. Sprecht denn dies Urteil über mich, mein Fürst!
Ich kann nicht leben außer ihrer Nähe.

Herzog Friedrich. Du bist 'ne Törin. – Nichte, seht Euch vor!
Wenn Ihr die Zeit versäumt – auf meine Ehre
Und kraft der Würde meines Worts: Ihr sterbt.

(Herzog und Gefolge ab.)

Celia. O arme Rosalinde, wohin willst du?
Willst du die Väter tauschen? So nimm meinen.
Ich bitt dich, sei nicht trauriger als ich!

Rosalinde. Ich habe ja mehr Ursach.

Celia. Nicht doch, Muhme.
Sei nur getrost! Weißt du nicht, daß der Herzog
Mich, seine Tochter, hat verbannt?

Rosalinde. Das nicht.

Celia. Das nicht? So fehlt die Liebe Rosalinden,
Die dich belehrt, daß du und ich nur eins.
Soll man uns trennen? Solln wir scheiden, Süße?
Nein, mag mein Vater andre Erben suchen.
Ersinne nur mit mir, wie wir entfliehn,
Wohin wir gehn und was wir mit uns nehmen;
Und suche nicht, die Last auf dich zu ziehn,
Dein Leid zu tragen und mich auszuschließen.
Bei diesem Himmel, bleich von unserm Gram,
Sag, was du willst, ich gehe doch mit dir.

Rosalinde. Wohl! wohin gehn wir?

Celia. Zu meinem Oheim im Ardenner Wald.

Rosalinde. Doch ach, was für Gefahr wird es uns bringen,
So weit zu reisen, Mädchen wie wir sind?
Schönheit lockt Diebe schneller noch als Gold.

Celia. Ich stecke mich in arme, niedre Kleidung
Und streiche mein Gesicht mit Ocker an;
Tu ebendas, so ziehn wir unsern Weg
Und reizen keine Räuber.

Rosalinde. Wär's nicht besser,
Weil ich von mehr doch als gemeinem Wuchs,
Daß ich mich trüge völlig wie ein Mann?
Den schmucken kurzen Säbel an der Hüfte
Den Jagdspieß in der Hand, und – läg im Herzen
Auch noch so viele Weiberfurcht versteckt –
Wir sähen kriegerisch und prahlend drein,
Wie manche andre Männermemmen auch,
Die mit dem Ansehn es zu zwingen wissen.

Celia. Wie willst du heißen, wenn du nun ein Mann bist?

Rosalinde. Nicht schlechter als der Page Jupiters;
Denk also dran, mich Ganymed zu nennen.
Doch wie willst du genannt sein?

Celia. Nach etwas, das auf meinen Zustand paßt:
Nicht länger Celia, sondern Aliena.

Rosalinde. Wie, Muhme, wenn von Eures Vaters Hof
Wir nun den Schalksnarrn wegzustehlen suchten,
Wär er uns nicht ein Trost auf unsrer Reise?

Celia. Oh, der geht mit mir in die weite Welt,
Um den laß mich nur werben. Laß uns gehn
Und unsern Schmuck und Kostbarkeiten sammeln,
Die beste Zeit und sichern Weg bedenken
Vor der Verfolgung, die nach meiner Flucht
Wird angestellt. So ziehn wir denn in Frieden,
Denn Freiheit ist uns, nicht der Bann beschieden. (Ab.)

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