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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Achtes Kapitel

Hausmütterchen

Das »Blütchenhaus« hieß das kleine, bescheidene Häuschen in der Fischerstraße, in dem Gustel daheim war; denn in dem Gärtchen hinten an der Mauer blühte es vom ersten Märzveilchen an bis zur letzten Herbstaster den ganzen Sommer hindurch. Hier regte Gustel von morgens bis abends die fleißigen Hände, um dem Vater ein bei aller Bescheidenheit behagliches Heim zu schaffen und den sechs jüngeren Geschwistern die zu früh dahingegangene Mutter zu ersetzen.

Eine halsbrecherische Treppe führte von dem niedrigen Hausflur zu der Lehmannschen Wohnung empor, aber schlohweiß gescheuert waren die ausgetretenen Stufen. Gustel schreckte vor keiner Arbeit zurück. Ohne dienstbaren Geist besorgte sie ihre Wirtschaft. Blitzblank sah es in den kleinen Stuben aus. Man merkte nicht, daß ein halbes Dutzend Gören hier ihr Wesen trieben. Dabei waren vier wilde Jungen darunter, die schon eine Wohnung auf den Kopf stellen konnten. Friedel, der Fünfzehnjährige, war schon halbwegs vernünftig. Er sollte bereits nächste Ostern eingesegnet werden und zum Vater in die Lehre kommen. Dann folgte die dreizehnjährige Minni, die Gustel schon recht zur Hand ging, soweit sie nicht von der Schule in Anspruch genommen war. Auch die drei Kleinen, die achtjährigen Zwillinge Paul und Karl und das fünfjährige Lischen, waren bemüht, der großen Schwester zu helfen. Nur daß dabei meistens mehr Arbeit für Gustel herauskam als Hilfe. Deren ganze Freude aber war Klein-Hänschen, trotzdem er ihr am meisten zu schaffen machte und ihr nicht einmal nachts ungestörten Schlaf gönnte. Die Mutter war bald nach der Geburt des Kleinen gestorben. Solange Gustel noch in die Schule ging, hatte die Großmutter den Kleinen in Pflege gehabt. Seit Ostern aber war Hänschen Gustels »Sohn«. Wenn sie ihn auch nur scherzhaft so nannte, die große Schwester hatte in allem Ernst vollständig mütterliche Gefühle für das hilflose kleine Ding, das niemals Mutterliebe kennengelernt hatte. Nie wurde sie ungeduldig, wenn Hänschen schrie, und das war jetzt oft der Fall, denn die Zähne machten dem kleinen Kerl viel zu schaffen. Die Holzwiege, die der Vater selbst gezimmert hatte, stand neben ihrem Bett. Gustel hatte einen gesunden Jugendschlaf, denn das Sichtummeln im Haushalt machte rechtschaffen müde; aber sobald Klein-Hänschen sein nächtliches Konzert anstimmte, war sie munter. Noch im Halbschlaf brachte sie die Wiege in Schwung, und wenn das nichts fruchten wollte, schleppte sie den kleinen Schreihals zärtlich beruhigend im Stübchen auf und ab, damit der Vater und die Geschwister nicht gestört werden sollten. An sich selbst dachte das gute Gustchen nie, leider aber auch nicht daran, daß sie das Brüderchen dadurch arg verwöhnte, daß sie ihm und sich gar nichts Gutes damit antat; denn ein kleines Kind ist von früh auf verständig zu gewöhnen. Wenn die erfahrene Großmutter ihr riet, den Kleinen doch ruhig schreien zu lassen, er werde schon von selber wieder aufhören, so kam ihr das hartherzig und lieblos vor.

Trotzdem war Gustel, sobald der Morgen ins Fenster schaute, wieder aus den Federn. Da mußte für den Vater das Frühstück bereitet werden, denn er war der erste unten in der Werkstatt, noch vor den Gesellen. Da galt es, die großen Geschwister zur Schule zu befördern, die kleinen zu waschen und anzukleiden, die Wohnung zu säubern, auf dem Markt einzukaufen und das Essen zu bereiten, dabei noch Klein-Hänschen zu baden, mit ihm zu spielen und zu singen, auf Lischen, die noch nicht in die Schule ging, ein Auge zu haben, daß sie keinen Unfug unten im Gärtchen trieb, Mija, dem Kätzchen, Milch zu geben und ihre Blumen, die an allen Fenstern blühten, zu gießen. Dazwischen hatte sie noch zu waschen, zu plätten und zu flicken. Für Gustel hätte der Tag noch einmal so lang sein können. Sie hatte wirklich keine Zeit, die Schulfreundinnen aufzusuchen, was diese, die ihre Jugend, unbekümmert von so ernsten Pflichten, genossen, manchmal gar nicht begriffen. Aber wenn der Vater Gustel anerkennend über die Blondzöpfe strich und sagte: »Meine Große, wenn wir dich nicht hätten!« war das ihr schönster Lohn. Dann verlangte sie gar nicht nach den Freuden der andern.

Herbstregen schlug gegen die kleinen Scheiben. Es war so dunkel in der verbauten Küche, daß Gustel schon am Vormittag bei der Petroleum-Küchenlampe am Waschfaß stand. Lustig spritzte der Seifenschaum. Klein-Hänschen, der jetzt schon ins zweite Jahr ging, machte am Trittstuhl, am Schemel und längs des Küchenschrankes seine ersten Gehversuche. Gustel wußte nicht, worauf sie ihre Augen zuerst richten sollte. Dem Waschkorb, in den sie ihn bis vor kurzem noch gesteckt hatte, um ihn ungefährlich zu machen, war er entwachsen. Aus der anliegenden Stube klang eine etwas plärrende Kinderstimme, unterbrochen von kläglichem Miau. Lischen hatte die vierfüßige Mija, die sie mehr als ihre Puppe liebte, in den Puppenwagen gepackt und sang sie in den Schlaf.

Da ging die Türschelle, blechern und heiser. Nanu, wer kam bei diesem Wetter? Die Kinder konnten es nicht sein; die Schule war noch nicht aus.

Gustel trocknete die Hände an der derben Hausschürze, schlüpfte aus den Holzpantinen, nahm das sich sträubende und Zeter schreiende Hänschen auf den Arm, denn sie wagte nicht, ihn allein in der Küche zu lassen, und öffnete. Es war so dunkel draußen auf dem Treppenflur, daß man kaum zwei Gestalten unterscheiden konnte. Erst als die eine zu sprechen begann: »Tag, Gustchen. Wir stören doch hoffentlich nicht?« erkannte Gustel ihre Schulfreundin Lisabeth. Dann mußte die andere sicher Fränze sein. Die beiden hingen doch während der ganzen Schulzeit wie Kletten zusammen. Wirklich, sie war's. Solch helles, frisches Lachen hatte keine andere.

»Puh, ist das ein Wetter! Wir sind hergeschwommen, Gustchen.« Fränze schüttelte sich wie ein nasser Köter. »Schscht, Jungchen, blök nicht so! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht.«

»Und bei mir kommt ihr vom Regen in die Traufe. Ich habe nämlich Wäsche«, versuchte Gustchen sich verständlich zu machen. Sie war ziemlich befangen. Der Besuch der Freundinnen heute am Waschtag kam ihr recht ungelegen.

»Na, denn 'rein in die gute Stube!« kommandierte Fränze. »Das heißt, du nimmst uns natürlich ruhig mit an dein Waschfaß, Gustchen. Kann man seine Musspritze hier irgendwo einstellen?« Sie legte ihre nassen Überkleider in dem winzigen Vorflur ab.

Lisabeth hatte dem ziemlich ratlosen Gustchen den kleinen Schreihals abgenommen. Er war so erstaunt über das fremde Gesicht, daß er eine kleine Pause machte. Diese benutzte Gustel, um die Tür zur guten Stube zu öffnen und die Freundinnen hineinzubitten.

»Mach doch keine Geschichten, Gustchen! Wir sind in unserer triefenden Verfassung weder für grüne Plüschmöbel noch für sauber gescheuerte Dielen der geeignete Besuch. Wenn du dich durch uns irgendwie stören läßt, machen wir gleich wieder kehrt«, drohte Lisabeth.

Ehrlich gesagt wäre Gustel das eigentlich das liebste gewesen. Sie hatte nicht die Unbefangenheit, die Fränze höchstwahrscheinlich in ähnlicher Lage gezeigt hätte, sondern fühlte sich durch den Besuch der Freundinnen bedrückt.

Die aber schienen das nicht zu merken. Lisabeth war ganz von Hänschen in Anspruch genommen, der sich allmählich mit ihr anzufreunden begann. Fränze aber war Gustel dem Lichtschein nach ohne weiteres bereits in die dampfende Küche vorangegangen und begrüßte dort das neugierig hereinlugende Lischen.

»Nein, bitte, kommt in die Stube!« bat Gustel. »Meine Wäsche kriege ich schon noch fertig.«

»Das könnte dir so passen, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun! Wenn du noch lange Umstände machst, stelle ich mich selbst ans Waschfaß«, erklärte Fränze lachend.

»Na, da würde was Schönes dabei 'rauskommen! Höchstwahrscheinlich ein lyrischer Erguß, ein Gedicht an die alte Waschfrau, frei nach Chamisso«, neckte Lisabeth.

»O bitte, ich bin sehr hauswirtschaftlich geworden! Sogar Kochen lerne ich bei Minchen, und diesen Winter soll ich einen Weißnähkurs nehmen. Mich gruselt's schon, wenn ich daran denke. Die Dichterei habe ich an den Nagel gehängt. Ich bin kein Hans Sachs, daß ich die Prosa des Lebens mit der Poesie verbinden kann.«

»Was wird nur Rosa Immergrün zu diesen Absichten sagen?« fragte Lisabeth neckend und nahm mit dem kleinen, sie an den nassen Haaren zerrenden Hänschen auf dem Küchenstuhl Platz.

Fränze wurde rot. »Rosa Immergrün verträgt sich nicht mit Kochtopf und Nähnadel.«

Gustchen war nicht wieder ans Waschfaß zurückzubekommen. Sie ruhte nicht, bis sie ihre Gäste auf dem grünen Plüschsofa der guten Stube hatte. Besuch und gute Stube, das war für sie eins; wurde die gute Stube doch nur an solchen Ausnahmetagen benutzt. Als Lisabeth und Fränze nun glücklich auf dem grünen Plüschpolster saßen, lief sie wieder davon, um Aufwartung, selbstgebackene kleine Mandelkuchen, zu holen, denn so verlangte es die gute Sitte.

»Ach, Gustchen, gib bloß Ruhe! Wir kommen doch zu dir und nicht zu deiner guten Stube und den Kuchen. Bloß eine Anfrage haben wir. Lisabeth und ich wollen mit den Kindern in Brockmanns Affentheater gehen. Er ist Vaters Kunde, kauft seinen Tabak bei uns, das heißt Brockmann, nicht etwa einer der Affen. Wir haben Eintrittskarten zu ermäßigten Preisen, ganz vorn, Loge. Da dachten wir, es würde deiner kleinen Gesellschaft auch Spaß machen, das Affentheater zu sehen, und uns Großen dazu. Also du kommst mit deinem halben Dutzend mit, Gustchen, nicht wahr?« Fränze pflegte alles schnell zu erledigen, nicht lange zu überlegen.

»Ausgeschlossen, Fränzchen! Wo denkst du hin! Heute bei der Wäsche, und überhaupt ...« Gustel schüttelte verneinend den Kopf.

»Wer sagt denn, daß es heute sein muß? Brockmanns Affen spielen jeden Tag, selbst am Sonntag. Wir richten uns ganz nach dir. Vielleicht paßt es dir Sonntag am besten?«

»Sonntag hat Vater Kegelnachmittag in seiner Stammkneipe. Großmutter kommt zum Kaffee, und die Kinder sind alle zu Hause. Da geht es auch nicht«, überlegte Gustel.

»Mädel, sei doch nicht so schwerfällig!« begehrte Fränze auf. »Es tut dir sicher not, mal aus deiner Arbeit herauszukommen und eine geistige Anregung zu haben. Du versimpelst ja ganz, hier in dem Wirtschaftskram.« Fränze war manchmal mit dem Mund etwas schnell und überlegte erst, nachdem es heraus war.

Gustel wurde denn auch rot und sagte, sich entschuldigend: »Ich tue doch bloß meine Pflicht!«

»Du tust mehr als deine Pflicht, Gustchen«, sagte Lisabeth anerkennend. »Du stellst uns alle zusammen in den Schatten durch deine Tüchtigkeit und Selbstlosigkeit. Aber du mußt auch mal 'raus aus dem Einerlei, darin hat Fränze recht, wenn das Affentheater auch nicht gerade als geistige Anregung zu betrachten ist.« Sie lachten alle drei.

»Also abgemacht! Sonntagnachmittag um vier. Wir treffen uns an der Kasse. Klein-Hänschen bringst du wohl noch nicht mit? Der kann Großmuttern Gesellschaft leisten«, bestimmte Fränze.

»Es wird auch zu teuer, Fränzchen, wirklich.« Gustchen brach schon wieder errötend ab. Die im Wohlstand aufgewachsene Freundin verstand es wohl gar nicht, wie sie rechnen und sparen, wie sie jeden Silbergroschen dreimal umdrehen mußte, ehe sie ihn ausgab.

»Aber Gustchen, es ist doch ganz billig! Wir haben ja Ermäßigung. Zwei gute Groschen kostet die Eintrittskarte, und jeder Erwachsene hat ein Kind frei.«

»Es kommt doch eine ganze Menge zusammen«, rechnete Gustchen aus. Dafür konnte sie schon zwei Pfund Fleisch kaufen. »Die beiden Großen könnten am Ende zu Hause bleiben; denen liegt wohl nicht soviel daran. Oder ich lasse Minni statt meiner gehen, und Lischen ist wohl auch noch zu klein.«

Ein gellendes Geschrei von der angelegten Tür unterbrach Gustels Überlegungen. Dort stand Lischen, die sich nicht in die gute Stube hineinwagte; denn diese bedeutete den Kindern, wenn nicht gerade Weihnachten war, ein verschlossenes Paradies. »Ich bin nicht zu klein, ich bin schon groß. Ostern komme ich schon in die Schule. Und die Affen sind überhaupt viel kleiner als ich.« Lischen erhob schreiend Einspruch, und als ob Hänschen nur auf das Signal gewartet hätte, fiel er melodisch mit ein. Alles Zureden und Schaukeln Lisabeths verfing nicht. Er schrie ununterbrochen seine Naht weiter, daß man sein eigenes Wort nicht mehr verstand.

»Du hast es wirklich nicht leicht, Gustchen!« sagte Fränze aus tiefstem Herzensgrunde. Sie empfand ja schon Luchen und Huchen als Landplage.

Lisabeth erhob sich. »Ich wollte dir eigentlich noch von meinem Sommeridyll in Neu-Trebbin erzählen und dir Grüße von Mariechen bringen, aber dein ›Sohn‹ erlaubt das ja nicht. Also auf ein andermal! Es wird auch Zeit, daß wir uns drücken, sonst gibt's kein Mittagbrot heute bei Lehmanns.«

»Ist des Waschtags wegen alles schon vorher gekocht. Von Mariechen Dorfmüller mußt du mir noch berichten. Wie geht es ihr?« Jetzt wollte Gustel die Freundinnen nicht fortlassen, hatte sie sich doch mit dem frischen, praktischen Mariechen besonders verbunden gefühlt. Sie gab dem Schreihals, um ihn zu beruhigen, eine Klingel in die Hand, mit der er einen ohrenbetäubenden Radau vollführte, ohne daß er indessen im Schreien innehielt. Aber schließlich gewöhnte man sich auch daran.

»Mariechen baut Rosmarin und Suppenkraut in ihrem Garten und ist im übrigen ebenso Hausmütterchen wie du, Gustel«, rief Lisabeth mit erhobener Stimme. »Das erste Maienkränzchen soll unbedingt bei ihr in Neu-Trebbin stattfinden. Sie erwarten uns alle bestimmt am Pfingstsonnabend im nächsten Jahr. Dann sollen wir über die Feiertage dableiben. Sie bringen uns alle im Heu unter«, erzählte Lisabeth unter Klingelbegleitung.

»Au, das wird fein!« rief Fränze.

»Bis dahin läuft noch viel Wasser die Spree hinunter«, meinte Gustel, heute schon entschlossen, daheim zu bleiben. Was sollten der Vater und die Kinder am Feiertag ohne sie anfangen?

Die Freundinnen machten nun wirklich Ernst mit der Verabschiedung. Um ehrlich zu sein, weniger des Mittagbrotes und Gustchens Wäsche wegen, sondern weil ihnen beinahe das Trommelfell platzte. Wie konnte nur Gustel dabei geduldig, ja, sogar zärtlich zu dem kleinen Lärmmacher bleiben! Ein Klaps wäre da viel mehr am Platze gewesen, fand Fränze pädagogisch.

»Also es bleibt dabei, Gustchen: drei Karten besorge ich für euch. Ihr drei Großen habt dann die drei Kleinen frei«, stellte Fränze beim Abschied nochmal sachlich fest.

»Bitte besorge noch keine Karten, Fränzchen! Ich muß es erst noch mit Vater besprechen. Ich glaube nicht, daß es sich einrichten lassen wird. Jedenfalls schicke ich dir noch durch eins der Kinder Bescheid.« Die Ärmel aufstreifend ging sie wieder zurück an ihr Waschfaß. Die Zeitversäumnis mußte durch doppelten Fleiß wettgemacht werden.

Die Freundinnen stolperten die enge, dunkle Stiege hinab. »Weißt du was, Lisabeth«, überlegte Fränze verschmitzt, vor der Tür, die ein Schild »Möbeltischlerei« zeigte, haltmachend, »wir stecken uns einfach hinter Vater Lehmann. Sein fleißiges ›Justeken‹ muß auch mal ein Vergnügen haben.«

Sie klopften an die Tür, hinter der Säge und Hobel rumorten und das bescheidene Pochen übertönten. Schließlich öffnete Fränze beherzt.

Es dauerte ein Weilchen, bis sie sich in dem Handwerkslärm bemerkbar machen konnte. Einer der Gesellen, ein dunkler Krauskopf, machte schließlich den Meister auf den Besuch aufmerksam.

»Ah, meine jungen Damens, Sie haben sich woll verlaufen! Bemühen Se sich man eine Treppe höher! Justeken wird sich freuen, wenn Sie zu Besuch kommen.«

»Nein, Herr Lehmann, wir kommen zu Ihnen«, erklärte Fränze. »Bei Gustchen waren wir schon. Wir möchten Sie bitten, Ihren väterlichen Einfluß geltend zu machen. Am Sonntagnachmittag wollen wir nämlich mit unsern jüngeren Geschwistern ins Affentheater und ...«

»Hahaha, ins Affentheater!« Der Meister lachte dröhnend los. »Die janze Welt is 'ne Affenkomödie. Aber meinetwejen. Wenn Justeken Lust zu hat, meinen väterlichen Sejen hat se.«

»Lust hat sie schon, aber sie weiß nicht, ob sie zu Hause abkömmlich ist und ob es nicht zu teuer wird. Es kostet aber für jeden bloß zwei gute Groschen – und die Kinder sind frei«, setzte Fränze diplomatisch schnell noch hinzu.

Sie hätte das gar nicht nötig gehabt. »Ach, von wejen Putt-Putt« – der Meister machte die Bewegung des Geldzählens – »soll se sich man keine grauen Haare wachsen lassen! So viel hat Vater Lehmann noch für seine Würmer übrig. Also abjemacht, Fräulein Fränzeken! Justeken jeht kraft meiner väterlichen Autorität mit mang die Affens.« Wenn Vater Lehmann gemütlich wurde, berlinerte er noch stärker als gewöhnlich.

»Gustchen muß auch mal ein Vergnügen haben«, bestätigte Lisabeth, sich verabschiedend. »Sie ist zu pflichttreu und denkt nie an sich.«

»Ja, mein Justeken! Da sage ich jar nischt, und damit is allens jesagt«, versicherte Vater Lehmann, während der krausköpfige Geselle lebhaft Zustimmung nickte.

Als die beiden Freundinnen durch den strömenden Regen die alte Fischerstraße entlang heimwärts gingen, meinte Fränze nachdenklich: »Wieviel besser haben wir es doch als Gustchen! Ich bin manchmal schon unwirsch, wenn Mutter mich allzusehr in der Wirtschaft mit 'ran nimmt. Dann denke ich, ob ich meine Zeit nicht edler verwerten könnte. Und Gustchen nimmt die schwere Last so selbstverständlich auf sich.«

»Ja, und manche Sorge noch dazu. Auch ich habe wohl manchmal gedacht, Fränzchen, was für Mühe und Arbeit wir mit den vielen Pensionären haben, und ob es überhaupt die Mühe lohnt. Dabei tragen wir, du und ich, doch gar keine Verantwortung. Wie gut haben wir es, daß eine Mutter daheim für uns sorgt!«

Schweigend gingen die beiden Mädchen weiter. Jede von ihnen dachte an ihr harmonisches; liebewarmes Zuhause. Sie sahen nicht das Regengrau ringsum. Es war alles hell in ihnen.

»Ah, meine jungen Damens, Sie haben sich woll verlaufen!« sagte Vater Lehmann.

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