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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Fünftes Kapitel

Mamsell Blaustrumpf

In dem Doktorhause war die Bombe geplatzt. Bei Tisch war's, gerade als die von Tante Mathilde eigenhändig gebackenen armen Ritter goldbraun und verlockend auf dem Tisch standen. Ja, eigentlich waren die armen Ritter die Ursache zu dem Ungewitter, das sich drohend über dem Kruseschen Familienkreis zusammenzog.

»Nun, Hanna, ist das eine Handarbeit von dir?« fragte Doktor Kruse lächelnd, auf die Schüssel mit dem knusperigen Backwerk weisend.

»Nein, Papa.« Hanna wies diese Möglichkeit weit von sich. »Dann hätten sich die armen Ritter sicherlich in Mohrenköpfe verwandelt.«

»Ritter von trauriger Gestalt wären es bestimmt geworden«, bestätigte Bruno, der älteste Bruder. »Es wird Zeit, daß unser Kleinchen etwas lernt.«

»Ja, Tante Mathilde muß sie unter ihre Fittiche nehmen«, stimmte der Vater bei. »Die armen Ritter sind ganz delikat. Wo könnte Hanna bessere Anleitung in allen häuslichen Obliegenheiten haben als bei der Tante!«

Tante Mathilde, die noch eben kopfschüttelnd die Augen zum Himmel gerichtet hatte, zum Zeichen, daß bei der Nichte Hopfen und Malz verloren sei, lächelte geschmeichelt. »Ich würde Hannchen ja gern in alle Geheimnisse der Kochkunst einweihen, ja sogar meine Spezialrezepte, die noch von meiner Großmutter selig stammen, würde ich ihr anvertrauen; aber es kostet ja jedesmal einen Kampf, wenn Hannchen eine Handreichung im Haushalt machen soll. Ich bin zu schwach dazu, um ihren Trotzkopf zu brechen; dazu gehört väterliche Autorität.« Tante Mathilde richtete ihre lange, hagere Gestalt in dem schwarzen Lüsterkleid, der selbst die Krinoline keine Fülle zu geben vermochte, gerade empor und blickte den Schwager herausfordernd an. Auch Moppel, Tante Mathildes graubrauner Mops, dick, faul und gefräßig, blinzelte erwartungsvoll.

Doktor Kruse hatte die buschigen Augenbrauen zusammengezogen. Er liebte es nicht, von Tante Mathilde als Autorität angerufen zu werden. Die knappen Erholungstunden, die ihm sein anstrengender Arztberuf ließ, wollte er in Ruhe daheim verbringen. Besonders seiner Jüngsten gegenüber, die das Ebenbild seiner verstorbenen Frau war, wurde es ihm schwer, Strenge zu zeigen.

So wäre das Gewitter, wie fast immer, ohne sich zu entladen, am Horizont vorübergezogen, wenn Hanna selbst es nicht heraufbeschworen hätte. Tante Mathilde hatte es nicht verstanden, sich die Liebe des mutterlosen Kindes, des heranwachsenden Mädchens zu erringen. Ihre erzieherischen Worte waren für Hanna immer eine Veranlassung zur Auflehnung, und der Name »Hannchen«, den nur sie gebrauchte, ärgerte die Nichte stets von neuem. »Tante Mathilde, du sollst deine Kräfte und deine Zeit wirklich nicht an meine hauswirtschaftliche Ausbildung verschwenden. Es hat gar keinen Zweck und würde nur zu unerquicklichen Reibereien führen«, lehnte Hanna schroff ab.

Das blasse Gesicht der Tante überzog fliegende Röte. Sie schüttelte empört den Kopf mit dem von einem schwarzen Seidenfiletnetz zusammengehaltenen Grauhaar und blickte auf den Schwager. Nun mußte er seine väterliche Autorität doch geltend machen.

Doktor Kruse fuhr unbehaglich mit der Hand durch den schon von Silberfäden durchzogenen dunkeln Backenbart. »Hanna, so dankst du der Tante für ihre Aufopferung?« fragte er vorwurfsvoll. »Sie will dich zu einem brauchbaren Glied der menschlichen Gesellschaft machen und ...«

»Indem sie mir das Backen von armen Rittern und ähnlichem Zeug beibringt?« unterbrach Hanna den Vater spöttisch, obgleich etwas in der geheimsten Tiefe ihrer Seele ihm recht geben mußte. Hatte die Tante nicht wirklich all ihre Kräfte dem mutterlosen Hause geopfert? Sie wollte die unbequeme Stimme nicht hören. Rasch fuhr sie fort: »Nein, so werde ich im Leben kein nützliches Glied der Gesellschaft. Kochen und backen kann jede Köchin. Ich will etwas lernen, geistige Arbeit brauche ich!« Die grauen Mädchenaugen blitzten.

»Nun, Kind«, sagte der Vater, sich seine Zigarre anzündend, was ihn stets in eine behagliche Stimmung versetzte, »du hast eine gute Schulbildung hinter dir. Jetzt ist diese abgeschlossen. Es wird Zeit, daß du dich hauswirtschaftlich betätigst.«

»Warum soll ich mich mit der Wirtschaft befassen, Papa, wenn ich durchaus kein Talent und keine Neigung dazu habe? Jedes lebende Wesen hat ein Recht darauf, sich seiner Veranlagung und seinen Interessen entsprechend zu entwickeln. Warum sollen wir Mädchen nur in dem engen Kerker des Hauses schmachten, zu lebenslänglicher Hausarbeit verurteilt sein, abgesperrt von allem geistigen Streben? Lohnt es sich, dafür zu leben?« Hanna sprach schnell und erregt. Man merkte, daß es endlich heraus wollte, was ihr schon lange die Seele beschwerte.

Große Rauchwolken blies der Vater in die Luft. Die beiden Studentenbrüder blickten mit lächelnder Anteilnahme auf die »kleine Schwester«, die so unvermutet aufbegehrte. Bruno, der Student der Physik, hatte sich sogar seinen Kneifer auf die Nase gesetzt und betrachtete sie spöttisch interessiert, etwa wie einen Frosch, bei dem man galvanische Zuckungen beobachtet. Bernhard aber, der Mediziner, nickte ihr aufmunternd zu. Seine zwanzigjährige Jünglingseele empfand die geistige Sklaverei der Frau genau wie die Schwester.

Tante Mathilde saß starr, wie Lots Ehefrau zur Salzsäule erstarrt. Nein, war das jetzt eine Jugend! Veranlagung – Neigung! Durfte denn ein junges Mädchen überhaupt eine andere als häusliche Veranlagung und Neigung haben? Sie setzte sich in Positur und hob den Zeigefinger. »Hannchen«, begann sie, »gibt es denn etwas Schöneres für ein junges Mädchen, als sich im Hause nützlich zu betätigen und dann zur Erholung eine hübsche Handarbeit zu machen? Der letzte Basar bringt wieder ganz reizende Häkelmuster. Sei nicht undankbar, Kind! Jeder muß so bleiben, wie ihn unser Herrgott geschaffen hat.«

Doch sie goß mit ihren salbungsvollen Worten Öl ins Feuer. »Das ist es ja eben!« rief die junge Nichte aufgebracht; »ich bin nun mal nicht solch ein braves Haustöchterchen, das darin seine Befriedigung findet. Ich verlange anderes für mich.«

»Und was verlangst du?« fragte der Vater, mit plötzlichem Entschluß seine Zigarre niederlegend. »Das Haus, das die Welt der Frau ist, betrachtest du als Kerker. Die hausfrauliche Tätigkeit, von der das Behagen der Familienglieder abhängt, erscheint dir als eine lebenslängliche Verurteilung. Du beklagst dich, daß ihr von geistigen Interessen ausgeschlossen seid. Dort steht der Bücherschrank, gefüllt mit dem Besten, was unsere großen Dichter geschaffen haben. Das Klavier in der guten Stube verstaubt, wenn sich Tante Mathildes Staubtuch nicht seiner erbarmt. Trotzdem du Musikunterricht erhalten hast, benutzt du es kaum. Wie kannst du, unreifes Ding, von geistigen Interessen sprechen, wenn du sie dir nicht selbst zu schaffen weißt?« Doktor Kruse schien recht unzufrieden.

»Schiller, Goethe und die Musik, das sind geistige Interessen für die Mußestunden. Geistige Arbeit verlange ich, wie sie die Mädchen in andern Ländern bereits leisten. Warum werden wir deutschen Mädchen von jeder geistigen Tätigkeit abgesperrt? Warum dürfen wir keinen Beruf haben wie die Jungen?« Mit brennenden Wangen rief es Hanna.

»Bravo!« sekundierte Bruder Bernhard.

»Beruf?« Wie aus einem Munde fragten es Vater und Tante. »Beruf? Ein junges Mädchen? Wie unweiblich!« Tante Mathildes graues Haar in dem schwarzseidenen Filetnetz stand zu Berge. Auch Moppels graubraunes Fell sträubte sich. Hatte man je so etwas erlebt!

»Meine Tochter braucht keinen Beruf. Ich arbeite für sie, bis sie mal den Beruf, welcher der Frau bestimmt ist, im eigenen Heim als Gattin und Mutter erfüllt«, sagte der Vater ernst. »Kind, wenn ich nur wüßte, wer dir solchen Unsinn in den Kopf gesetzt hat!«

»Sicher das verschrobene Frauenzimmer, die Frauenrechtlerin in unserm Hause. Hanna steckt ja immerzu bei Fräulein Schmidt oben«, ließ sich der ältere Bruder hören. – »Mädel, werde bloß nicht solch ein Blaustrumpf wie die Schmidt!«

»Fräulein Schmidt ist durchaus kein Blaustrumpf, sondern eine sehr praktische, mitten im Leben stehende Dame. Wer mutig für die geistige Freiheit der Frau eintritt, wer die Frauenbewegung auch hier bei uns in Deutschland einführen will, der wird von euch Männern gleich als Blaustrumpf gebrandmarkt. Ich wäre stolz, wenn ich solch ein Blaustrumpf wäre«, rief Hanna blitzenden Auges.

»Nun, darauf lege ich durchaus keinen Wert, einen Blaustrumpf zur Tochter zu haben. Kind, Kind, laß dir dein vernünftiges Urteil nicht trüben durch altjüngferliche Ausgeburten wie die Frauenbewegung, die bei unsern deutschen Frauen niemals Boden finden wird! Unsere Töchter sollen deutsche Gretchen bleiben und es nicht den emanzipierten Frauenzimmern in Amerika gleichtun.«

»Papa, du bist doch in deinem Beruf auf medizinischem Gebiet ein fortschrittlicher Mann. Warum verschließt du dein Auge vor dem Fortschreiten der Frauenkultur? Eher bringst du die fließende Spree da unten zum Stillstand, als daß einer solchen Strömung Einhalt geboten wird. Es werden sich uns sicher einmal andere Berufe als der häusliche erschließen. Wir werden es noch erleben, daß die Frauen auch außerhalb des Hauses etwas zu leisten vermögen.« Wie eine Prophetin der Zukunft stand die junge Hanna da; ihre klaren Augen schienen die Ferne zu durchdringen.

»Wenn ihr etwas leistet, werde ich zu denen gehören, die es anerkennen«, sagte der Vater, unwillkürlich betroffen von der wahrhaften Begeisterung der Tochter. »Vorläufig sehe ich aber, daß du noch nicht einmal etwas zu leisten vermagst auf dem Gebiet, das euch Frauen zusteht, im Haushalt.« Kopfschüttelnd erhob sich der Arzt.

Da hing ihm die große Hanna, wie es früher die kleine manchmal getan, am Halse. Es kam nicht mehr oft vor, daß Hanna zärtliche Anwandlungen zeigte. »Papa, lieber Papa, laß mich etwas lernen, laß mich studieren! Dann will ich ja auch meinethalben bei Tante Mathilde arme Ritter backen lernen.«

Der Vater strich dem erregten Mädchen liebevoll das dunkle, widerspenstige Haar aus der Stirn. Wie sie der Mutter von Tag zu Tag ähnlicher wurde, die Hanna! »Kind, du weißt nicht, was du sprichst, was du verlangst«, sagte er weich. »Was möchtest du denn eigentlich lernen?«

»Latein und Mathematik, um mich zur Universitätsprüfung vorzubereiten.«

»Hahaha, die Hanna als Student!« Bruno lachte dröhnend. »Das fehlte noch, daß die Mädel in die Hörsäle und auf die Kneipe kommen!«

Der Vater schmunzelte. Ihm erschien die Sache auch recht belustigend. Tante Mathilde, die bereits vom Tisch aufgestanden war, mußte sich wieder setzen. Ihre Füße versagten ihr vor Schreck den Dienst. Sie faßte sich an die Schläfen. Hatte sie wirklich richtig gehört?

»Und wozu willst du deine Universitätsprüfung ablegen, Kind?« fragte Doktor Kruse, sich zum Ernst zwingend.

»Ich will Ärztin werden.« Hell wie Metall klang Hannas Stimme durch das Zimmer.

Tante Mathilde griff mit zitternder Hand nach dem Riechsalz, das sie stets im blumenbestickten Beutel bei sich trug. Sie fürchtete einen Brustkrampf. Moppel begann zu knurren.

»Ärztin?« fragte der Vater lachend. »Warum nicht gar gleich Professorin? Das medizinische Studium ist nicht so einfach, Kind, wie du dir das vorstellst. Mit Latein und Mathematik ist das nicht getan. Frage nur Bernhard! Mich überläuft eine Gänsehaut, wenn ich mir ein weibliches Wesen in der Anatomie vorstelle, Leichen sezierend. Was würde das für Ohnmachtsanfälle bei den zartbesaiteten jungen Damen geben! Unser Virchow würde nicht viel Federlesen mit euch machen, glaube ich, und euch rasch wieder an die Luft setzen. – Was, Bernhard?« Des Vaters Lachen mischte sich mit dem des ältesten Sohnes.

»Ich glaube ja auch nicht, daß unsere Professoren sehr begeistert davon wären, wenn Damen sich zu ihren Vorlesungen oder gar zur praktischen Arbeit melden würden«, mußte Bernhard zugeben. »Aber warum sollen begabte Mädchen nicht dasselbe lernen wie wir?«

»Weil sie mit soundsoviel leichterem Gehirn von der Natur ausgestattet sind, das vergißt du, mein Sohn«, sagte Bruno von oben herab.

»Ich würde euch schon beweisen, daß ich trotz leichterem Gehirn dasselbe zu leisten vermag«, trumpfte Hanna auf.

»An den Schweizer Universitäten Bern und Zürich haben die Frauen sich schon durchgesetzt, wie in Amerika«, kam Bernhard der Schwester zu Hilfe. »Wer kann wissen, ob es nicht in zehn, zwanzig Jahren auch bei uns möglich sein wird? Schließlich ist es ja nur ein Vorurteil, ein Zopf aus früherer Zeit ...«

»Den aber keiner abschneiden wird, ebensowenig wie sich die Frauen jemals ihren Zopf abschneiden lassen werden. – Höre, Hanna, ich will mit dir einen Pakt schließen«, lenkte der Vater ein, da er die Enttäuschung in dem jungen Gesicht der Tochter nicht sehen mochte. »Ich gebe dir die Erlaubnis, etwas zu lernen. Das schadet keinem Menschen etwas, ob mit oder ohne Zopf. Aber ich verlange dafür auch von dir, daß du dich im Hause nützlich machst und deine Abneigung gegen wirtschaftliche Tätigkeit überwindest; denn diese allein ist der Beruf der Frau.«

»Papa, lieber Papa, laß mich doch studieren!« bettelte Hanna am Halse ihres Vaters.

Hanna schlug lebhaft in die dargebotene Hand des Vaters ein. »Ich danke dir, Papa, danke dir tausendmal. Darf ich bei Professor Körner Lateinunterricht nehmen? Er wird mir sicher auch einen Mathematiklehrer empfehlen.«

»Wenn Latein und Mathematik durchaus zu deinem Glück gehören, meinetwegen, obwohl mir Literatur und Kunstgeschichte für junge Mädchen ersprießlicher vorkommen. Vergiß aber unser Abkommen nicht, Hanna!« Damit griff der vielbeschäftigte Arzt nach Stock und Hut, um wieder in die Praxis zu fahren. Er nickte zufrieden vor sich hin. Durch diesen Pakt hatte er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: dem Kind, der Hanna, ihren Wunsch erfüllt und sie gleichzeitig zu nützlicher Tätigkeit verpflichtet. Denn was das Mädel versprach, hielt es auch; da kannte er seine Tochter.

So stieg Doktor Kruse mit dem Goldknaufstock und grauen Zylinderhut die breite Treppe hinab und in seinen unten bereits wartenden Doktorwagen mit dem alten Kutscher August und dem ebenso klapperigen Gaul Lise.

Dieser Tag, der Tag der armen Ritter, hatte über Hannas Zukunft entschieden.

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