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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Viertes Kapitel

Von der alten Singe-Uhr und von jungen Menschen

In der Klosterstraße war Gänsemarkt. Hintereinander standen die grauen Planwagen den Damm entlang aufgereiht mit ihren schnatternden Insassen. Hausfrauen mit Kapotthüten, in Mantillen und türkischen Umschlagtüchern, die schwarzgraue Hanftasche am Arm, dralle Köchinnen mit Riesenhenkelkörben schritten die Reihe entlang, standen hier und feilschten dort, Gänse befühlend und abschätzend, um sich die zarteste junge Pfingstgans auszusuchen.

Durch die von süßem Fliederduft durchtränkte Mailuft sandte die alte Singe-Uhr, das Glockenspiel der Parochialkirche, ihr frommes Lied. »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!« dröhnte es in das Geschnatter und Marktgefeilsche mit ehernen Zungen. Da stockten die flinken Zungen der Weiber drunten auf dem Markt, und selbst die Gänse hielten einen Augenblick erstaunt den Schnabel. Feiertägliche Weihe senkte sich für Sekunden auf das Getriebe des Alltags.

»Jotte doch, wie scheen!« Die dicke Gänseverkäuferin verdrehte fromm die Augen. »Eenen Daler zwölf jute Silberjroschen für diese Staatsjans, Madamken«, rief sie dann wieder mit erhobener Stimme, um den Sang der Glocke zu übertönen. »Da läuft eenem das Wasser schon im Munde zusammen, wenn man ihr nur ansehen dut.« Die Verkäuferin griff in das Innere des Wagens und zog aus dem hölzernen Verschlag eine angstvoll flatternde und schnatternde Gans heraus. »Eenen Daler zwölf jute Silberjroschen – jar keen Jeld vor so 'ne beauté von Jans ...« Der Rest der Anpreisungen verlor sich in dem Geschnatter der Totgeweihten.

»Kommet zu Hauf!« sang die Singe-Uhr droben unentwegt ihren Choral weiter.

Vor dem von blühendem Flieder umbuschten Rundbogengang des ehemaligen Franziskanerklosters der Grauen Brüder wurde es plötzlich lebendig. Gymnasiasten, große und kleine, strömten aus dem »Grauen Kloster«, dem ältesten Berliner Gymnasium, hinaus in das Marktgetriebe. Da war auch schon so ein Bürschlein von dreizehn Jahren auf einen der Gänsewagen geklettert. »Schschsch!« flatterten die aufgescheuchten Tiere in ihrem Lattenkäfig durcheinander und – hast du nicht gesehen! – war er wieder herunter, der Schlingel, während das Gekeife der mit Recht erzürnten Hökerin hinter ihm herschallte.

Da aber ereilte den kleinen Tunichtgut der Arm der Gerechtigkeit. Er fühlte sich plötzlich am Schlafittchen genommen. Ein frisches Mädchen mit braunem Haargelock unter der lila Bänderschute, den grauen Leinenbeutel, auf dem mit roten Buchstaben »Guter Einkauf« gestickt war, am Arm, hatte ihn beim Wickel und rief aufgebracht: »Schämst du dich denn gar nicht, Ludwig, selbst hier auf der Straße deine Dummheiten zu treiben! Laß das nur Vater wissen!«

»Olle Dreierklatsche!« klang es verächtlich zurück. Vergeblich versuchte der Junge freizukommen.

»Recht so, Fräulein Fränze! Machen Sie nur Ihre schwesterliche Autorität bei dem jungen Herrn geltend! Es tut not«, ließ sich da eine etwas heisere Stimme neben den beiden vernehmen. Ein älterer Herr mit grauen Rockschößen, aus denen ein rotbedrucktes Taschentuch wie eine Fahne wehte, segelte an den beiden vorüber, mitten durch die Gänsewagen und das Marktgewühl. Es war Professor Körner, der am Grauen Kloster Latein und Griechisch lehrte. Wo er auftauchte, flogen die Mützen der »Klosteraner«, wie man die Schüler allgemein nannte, in die Luft.

Auch Fränze hatte höflich geknickst und Bruder Ludwig die gute Gelegenheit benutzt, um schleunigst Fersengeld zu geben.

Da flog etwas aus dem Jungenknäuel, der sich aus der Klosterpforte ergoß, mitten hinein in Fränzes Arme. Der Kleine war's, Huchen, das Doussinsche Nesthäkchen. »Fein, Fränzchen, daß du uns von der Schule abholst! Wollen wir zur Wachtparade Unter den Linden? Oder lieber noch nach dem Potsdamer Bahnhof, um die Eisenbahnzüge ankommen und abfahren zu sehen? Ja, Fränze? Bitte, bitte, wir haben doch heute Pfingstferien bekommen!« So bettelte der Kleine.

Fränze strich ihm liebevoll die wirren Blondhaare aus der Stirn. »Ein andermal. Heute geht's nicht, Huchen. Ich soll eine Gans zu den Feiertagen einkaufen. Das ist ein schwieriges Geschäft.« Ein Stoßseufzer folgte.

»So laß doch Mine die Gans kaufen! Die versteht das überhaupt viel besser als du.«

»Ganz meine Meinung. Mutter ist aber leider anderer Ansicht; die meint, ich müsse mich zur tüchtigen Hausfrau ausbilden.« Fränze machte ein so sorgenvolles Gesicht, als ob ihr die Leitung der Staatsgeschäfte anvertraut werden sollte.

»Heute sind Ferien, da brauchst du dich nicht zu bilden. Komm zum Bahnhof, Fränze, oder wenigstens zur Wachtparade!« Der kleine Bruder zerrte an ihrem maigrünen, bauschigen Baregerock. Ritsch! da hielt er ein Stück der aufgereihten Garnitur in der Hand.

»Unnützer Bengel!« Ehe die erzürnte Schwester noch zu einem temperamentvollen Klaps ausholen konnte, war er schon über alle Berge, der kleine Held.

Mitten in der Maisonne stand Fränze mit ihrem zerfetzten maigrünen Kleide unter schnatternden Gänsen und schreienden Händlerinnen. Was nun? Als ordentliches Mädchen konnte sie in diesem Aufzug unmöglich durch die Straßen gehen. Was hätten die Bekannten, die man stets auf der Königstraße traf, wohl von Doussins Ältester für eine Meinung bekommen? Anderseits hatte die Mutter ihr eingeschärft, sofort in Gesellschaft der eingekauften Pfingstgans nach Hause zu gehen und nicht etwa trotz verführerischer Nähe erst einen Abstecher bei Freundin Lisabeth, die in der Klosterstraße wohnte, zu machen. Die Mutter kannte doch ihre Fränze. Aber Körners hatten heute vor den Feiertagen sicher selbst zu tun, und Fränze sollte daheim noch beim Einrühren des Pfingstkuchens helfen. Solange sie Schulmädel war, hatte sie nur für die Bücher Interesse gehabt; jetzt kam der Ernst des Lebens.

Während Fränze noch Mutters Worte in ihrem hübschen Köpfchen hin und her wälzte und dabei auf die abgerissene Rockgarnitur herabschielte, ob sie wohl genügenden Anlaß zu einem Besuch bei Lisabeth biete, hatte sich oben im ersten Stockwerk eines der Häuser ein Fenster geöffnet. Dort stand Freundin Lisabeth auf der Leiter und steckte zum Fest frischgewaschene und eigenhändig gebügelte Tüllgardinen an die spiegelblanken Fenster. »Fränze – Fränzchen!« rief sie erfreut hinab und winkte der Freundin lebhaft, hinaufzukommen.

Der kleine Bruder zerrte an Fränzes maigrünem bauschigen Baregerock. Ritsch! da hielt er ein Stück der aufgereihten Garnitur in der Hand.

»Gänse – Gänschen!« trompetete es in demselben Tonfall sogleich laut neben der verdutzt dreinschauenden Fränze. Es war einer der berühmten boshaften Berliner Schusterjungen, vor deren keckem Witz keiner sicher war.

Die Umstehenden lachten, selbst die Gänse gackerten, und Fränze rettete sich errötend in das Körnersche Haus.

Droben an der Glastür, welche die Korkenziehertreppe mit dem geschnitzten Holzgitter von der Körnerschen Wohnung trennte, nahm Lisabeth die Freundin freudestrahlend in Empfang. »Wie hübsch, Fränzchen, daß du daran gedacht hast, daß Mariechen uns heute verläßt! Du willst ihr gewiß noch Lebewohl sagen.«

»Nein, Lisabeth, daran habe ich offengestanden nicht im entferntesten gedacht«, erwiderte Fränze, der Wahrheit gemäß. »Hugos derbe Jungenfäuste sind schuld daran, daß ich euch ins Haus falle und euch wahrscheinlich bei den Festvorbereitungen störe.« Sie wies auf ihr zerfetztes Kleid.

»Dafür gibt's Nadel und Faden«, tröstete die Freundin. »Im übrigen lassen wir uns durchaus nicht stören. Ich werde ruhig weiter Tapezier spielen, während du Schneiderarbeit machst. Willst du Mariechen erst guten Tag sagen? Sie packt gerade ihre Siebensachen.« Lisabeth hatte in allem, was sie sprach und tat, eine zielbewußte, tatkräftige Art.

Sie öffnete die Tür zu einem Hinterzimmer, das sie mit der Base und dem kleinen Schwesterchen gemeinsam bewohnte. Dort stand Mariechen Dorfmüller am geöffneten Fenster, blickte auf den alten Nußbaum, der seine frischgrünen Zweige beinahe in das Stübchen hereinsandte. Ihre lustigen Vergißmeinnichtaugen standen voll Wasser. Auf dem Arm hielt sie ihren kleinen Kater Hinzpeter, einen Landsmann aus der Heimat, der zu dem Abschiedsweh seiner Herrin kläglich die Begleitung mauzte.

»Nanu, Mariechen, noch nicht fertig mit Einpacken?« Lisabeth blickte verwundert auf die noch umherliegenden Kleidungstücke, die in den großen rotbraunen Familienholzkoffer, der mehr einer Truhe glich, wandern sollten. »Deine Equipage wird bald vorfahren und ...« Sie unterbrach sich plötzlich. »Tränen, Miezeken? Du hast dich doch so darauf gefreut, wieder heimzukommen in euer gemütliches Kantorhaus, auf deinen lieben, alten Garten, auf Vater, Mutter und all die Gören.«

»Tag, Mariechen. Sei bloß nicht traurig! Es gibt keine Entfernungen mehr, hat mein Vater erst gestern gesagt. Nach Freienwalde wollen sie jetzt auch schon eine Eisenbahn bauen, und von da aus ist es ja nicht mehr weit zu euch. Da kommst du schnell mal wieder nach Berlin.« Die weichherzige Fränze streichelte tröstend die Blondzöpfe des weinenden Mariechens und des mauzenden Hinzpeters schwarzgrau geflecktes Fell.

»Wozu Eisenbahn? Wir brauchen keine. Die Gänsewagen fahren ja jede Woche nach Berlin. Denen kann man sich ruhiger anvertrauen.« Mariechen wischte, sich zusammennehmend, mit dem Handrücken die Tränen von den Wimpern. »Nett, daß du noch mit herankommst, Fränzchen. Jetzt heißt es aber wirklich trab – trab; es ist bald Mittag, und um eins fährt Mutter Milenzen mit ihrem Gänsewagen nach Jüstebiese zurück. Da nimmt sie mich mit nach Neu-Trebbin.« Mariechen ließ Hinzpeter vom Arm und begann Wäsche und Kleider peinlich ordentlich in dem großen Familienkoffer unterzubringen.

»Mit der Gänse-Equipage wirst du heimbefördert? Hahaha!« Fränze lachte hellauf.

»Bitte, erzähle es nicht Hanna und den andern! Die ziehen mich sonst wieder damit auf«, bat Mariechen, rotwerdend. Sie war als Unschuld vom Lande öfters die Zielscheibe von Neckereien der Stadtkameradinnen gewesen.

Inzwischen hatte Lisabeth Nadel und Garn gebracht. »Setze dich hierher ans Fenster, Fränzchen, und nähe dir dein Kleid! Ich muß schleunigst in die Küche; Mutter ruft nach mir. Unsere Pensionäre gehen heute für die Pfingstferien nach Hause. Da muß pünktlich um zwölf Uhr Mittag gegessen werden.« Lisabeth eilte hinaus. In dem Professorenhaushalt mit den fünf Pensionären, auswärtigen Schülern des Grauen Klosters, die Frau Professor Körner in ihr Haus nahm, um das schmale Einkommen des Gatten aufzubessern, gab es stets viel Arbeit. Da hatte man am Vormittag keine Zeit zum gemütlichen Schwatz. Und nun gar heute vor dem Fest! Fränze fand das auch ganz in Ordnung, daß Lisabeth ohne Rücksicht auf sie ihren Pflichten nachging. Sie ließ die Nadel durch den maigrünen Baregestoff weniger ordentlich als schnell fliegen. Dabei gab es ihr plötzlich einen Stich durchs Herz: Himmel, die Pfingstgans war ja noch nicht besorgt!

»Mariechen, du bist als Dorfkind doch mit Gänsen zusammen aufgewachsen. Wie muß denn eine gute Gans aussehen?« erkundigte sie sich angelegentlich.

Mariechen hielt im Einpacken inne und lachte herzhaft. Ihre Tränen waren schon wieder getrocknet. »Unsere poetische Fränze hat Gänsesorgen! Fett muß eine Gans sein, weiß und zart und auch nicht zu klein. Vor allem aber darf eine Gans kein Gänserich sein; der ist zäh im Fleisch und gibt nicht soviel Fett«, erklärte sie dann sachkundig.

»Himmel, Gänseriche gibt's auch?« Schwer fiel der armen Fränze die Verantwortung für den Festbraten aufs Herz. »Mieze, liebstes Mariechen, kannst du nicht auf einen Sprung mit mir herunterkommen und mir beim Aussuchen der Pfingstgans behilflich sein? Du verstehst das sicher viel besser als ich.«

»Aber natürlich, gern! Du hast mir ja auch oft genug bei meinen Aufsätzen geholfen«, sagte Mariechen bereitwillig. »Nur mußt du warten, bis ich mein Gepäck fertig habe. Man ist doch vor einer Reise immer ein bißchen aufgeregt.«

»Was, noch mehr Gepäck? Du tust, als ob es nach Amerika ginge, Mariechen, und nicht bloß mit dem Gänsewagen ein paar Stunden nach Neu-Trebbin«, neckte Fränze. »Beeile dich! Wenn ich zu spät nach Hause komme, setzt es einen mütterlichen Denkzettel.«

Sie trat ans Fenster, während Mariechen den mit bunten Kreuzstichrosen verzierten großen Reisesack mit allerlei Mitbringseln für die Lieben daheim zu füllen begann. Da gab es einen Tabakbeutel für den Vater, einen Strickbeutel für die Mutter und allerlei Jahrmarktspielzeug für die Kleinen. Auch der umfangreiche, von einer Metallglocke zusammengehaltene Wollregenschirm, der Reiseschirm der Kantorfamilie, wurde bereitgelegt, dazu der braune Bänderhut und das gleichfarbige Kamelottjäckchen.

Fränze hatte inzwischen durch das Nußbaumgezweig in den Hofgarten hinabgeschaut. Er war so ganz anders dieser Hof hier als ihr betriebsamer Fabrikhof daheim. Der volle Fliederbusch, über und über mit rotblauen Blütenglöckchen behängt, duftete süß herauf. Drunten unter dem Nußbaum am Brunnen stand Renatchen, Lisabeths jüngstes Schwesterchen. Es hielt zum Fest hausfraulich große Puppenwäsche ab. An den gegenüberliegenden Fenstern, auf eine um den Hof herumgeführte Holzgalerie mündend, wurde ebenfalls gepackt. Dort schnürten Körners Pensionäre unter Oberaufsicht des Primaners Georg, Körners Ältesten, ihre Ränzel.

»Fertig!« sagte Mariechen mit einem Seufzer der Erleichterung hinter Fränze.

» Finitum« klang es vom gegenüberliegenden Fenster der jungen Lateiner herüber.

»Also dann schleunigst, Mariechen! Ich will mich nur noch von Lisabeth verabschieden.« Fränze griff nach dem Einkaufsbeutel und öffnete die Küchentür. »Verzeihung, Frau Professor, wenn ich störe! – Auf Wiedersehen, Lisabeth!« Sie nickte den mit glühenden Gesichtern am Herd Hantierenden einen Gruß hinein.

»Ei, sieh da, Fränzchen! Du kommst lieber ein andermal wieder, Kind, wenn Lisabeth mehr Zeit hat. – Mieze, decke den Tisch! Gleich ist es zwölf«, rief Frau Professor, die Kartoffelklöße ins kochende Wasser rollend.

Mariechen stand unschlüssig. Sie wäre Fränze so gern gefällig gewesen. Wiederum wagte sie den Anordnungen der Tante gegenüber keine Einwendung.

»Flink, Mariechen! Es dauert ja nur eine Sekunde«, drängte Fränze, die Freundin zur Treppe ziehend. »Gleich bist du wieder oben.« Fränzchen war stets genial in bezug auf Pünktlichkeit.

Mariechen, daran gewöhnt, sich den gewandteren Freundinnen unterzuordnen, ließ sich mitschleifen. Da, als man eben den Fuß auf die sonnenbeschienene Straße setzen wollte, dröhnte es vom Turm herab: »Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren!«

Mariechen fuhr erschreckt zurück. »Die Singe-Uhr! Himmel, es ist schon zwölf! Ich muß schleunigst den Tisch decken. Laß dir drüben von Mutter Milenzen eine schöne Gans aussuchen! Sie ist reell. Dort drüben steht ihr Wagen, der mit dem Grauschimmel, gleich am Bullenwinkel. Leb wohl, Fränzchen! Bleib gesund! Grüß auch Klärchen noch von mir und vergiß mich nicht! Und schreibe mir mal! Und – und ...« Abschiedstränen erstickten des guten Mariechens Stimme.

»Gute Reise, Mariechen, und komm auch nicht unter den Gänsewagen! Und laß dich nicht etwa von den Bestien unterwegs beißen und ...« Fränze stand allein mit ihren guten Ratschlägen. Mariechen, von Pflichttreue und Reisefieber getrieben, war längst schon wieder oben, während die Singe-Uhr unentwegt ihren Vers absang.

Es war nicht so einfach, Mutter Milenzen und ihren Grauschimmel ausfindig zu machen. Der Bullenwinkel wimmelte heute von Schlachtvieh. Fränzchen mochte sich nicht in das Gewühl begeben. Schließlich: Gans blieb ja Gans. Die sorglose Fränze trat an den erstbesten Wagen heran, wo man das Loblied der Oderbrucher Gänse in allen Tonarten sang.

»Na, Mamsellchen, wie wär's denn noch mit so'n Hulejänschen? Eine jute jebratene Jans is eine jute Jabe Jottes«, rief die Verkäuferin, in jeder Hand eine Gans in unbehaglicher Nähe vor dem Gesicht des jungen Fräuleins hin und her schwenkend.

Fränze griff als tüchtige Hausfrau nach dem bei weitem größeren Vieh. »Ist sie auch weiß und schön?« erkundigte sie sich vorsorglich.

»Weiß und scheen wie 'ne Braut am Hochzeitsdage«, versicherte die Händlerin. »Einen Daler vierzehn Silberjroschen, halb jeschenkt. Wat – dat is Ihn' noch zu deuer? Weil Sie's sind, Mamsellchen, rechne ich se Ihn' noch einen juten Jroschen billiger.« Damit ließ sie auch schon die »bräutliche« Gans in Fränzes mit »Guten Einkauf« bestickten Leinenbeutel wandern.

Stolz, die erste Gans allein eingekauft und sie sogar noch einen Groschen billiger erstanden zu haben, schleppte Fränzchen ihre Last durch die Sieber-Gasse nach Hause.

Daheim aber schlugen die Mutter und Mine die Hände über dem Kopf zusammen: Fränzchens zartbräutliche Gans entpuppte sich als ein Gänserich.

Als die alte Singe-Uhr wiederum ihren ehernen Mund zu einem neuen Choralvers auftat, hatte sich das Bild drunten auf dem Gänsemarkt wesentlich verändert. Die Käufer hatten sich verlaufen, die Händler ihre Ware zusammengepackt. Ein grauer Planwagen nach dem andern ratterte über das holperige Steinpflaster durch die Mittagstille davon. Als letzter war nur noch Mutter Milenzens Grauschimmel aus Jüstebiese zurückgeblieben; denn Kantors Mariechen, die er die Ehre haben sollte, nach Neu-Trebbin mitzunehmen, konnte sich nicht von den Verwandten trennen.

Der rotbraune Holzkoffer und der mit Rosen bestickte Reisesack waren bereits neben dem Gänsekäfig aufgeladen. Mutter Milenzen knallte, sich in Erinnerung bringend, mit der Peitsche und der Grauschimmel wieherte ungeduldig. Hopp! Da saß auch das weinende Mariechen unter dem grauen Wagenplan neben Mutter Milenzens behäbigem Umfang. In der einen Hand den Familienreiseschirm, in dem andern Arm ihren mauzenden Hinzpeter, so zog Kantors Mariechen unter Glockensang und Gänsegeschnatter zum Königstor hinaus.

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