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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Drittes Kapitel

Gußzwiebäcke und Frauenfrage

Es war ein kleines, bescheidenes Zimmerchen, das die Schwestern bewohnten. Grasgrüne Tapeten hatte es mit Rosenkränzen, unter Glas einige schwarze Scherenschnitte an der Wand. Vor dem mit weißen Mullgardinen verhangenen Fenster, das auf den großen Fabrikhof hinausging, stand auf erhöhtem Fensterplatz ein rundes Mahagoninähtischchen mit weißer Häkeldecke. An den Scheiben hingen bunte Glasbilder. Zwei niedliche Myrtenbäumchen grünten auf dem Fensterbrett.

Dieser Platz, so gemütlich er war, erfreute sich nicht besonders Fränzes Zuneigung. Sie überließ ihn großmütig Klärchen, die immer etwas zu sticheln, zu häkeln oder zu stricken hatte. Viel lieber saß Fränze an dem alten Mahagonisekretär mit der heraufgezogenen Rollklappe. Dort war ihr Element. Da wurden die besten Aufsätze für die Schule verfaßt, da entstand so mancher Vers, der ins Geheimfach des alten Schreibtisches wanderte; denn auslachen mochte sich die poetische Fränze nicht lassen. Nannten sie doch die Brüder, denen nicht einmal die Poesie heilig war, sowieso schon mit dem Spottnamen »Rosa Immergrün«, unter dem sie einmal der »Gartenlaube« ein Gedicht zum Abdruck eingesandt hatte.

Unter der Petroleumhängelampe stand der gedeckte Kaffeetisch. Trotz dem Scheuertag hatte Fränze die giftgrünen, von weißen Blattkränzchen verzierten Staatstassen mit den Goldfüßchen herumgesetzt, wenn die auch eigentlich die Gesellschaft von Gußzwiebäcken nicht gerade gewöhnt waren und nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten aus der Glasvitrine Auferstehung hielten. Aber konnte es irgendwann eine feierlichere Gelegenheit geben als Schulabgang und Maienkränzchen-Einweihung?

Als Fränzchen die hellbraunen Zöpfe noch einmal frisch aufgenestelt und das zierliche Latzschürzchen zurechtgezupft hatte, klang auch schon die Porzellanschelle.

Da war auch schon der erste Trupp: Freundin Lisabeth nebst Mariechen, Gustel und Hanna. Sie füllten das enge Zimmerchen mit ihren bauschigen Reifröcken, mit Lachen und fröhlichem Schwatz.

»Ach, wie gemütlich, daß wir hier in euerm Stübchen unter uns sind!« rief Gustel erfreut.

»Ich hatte schon Angst, daß wir in die gute Stube hineinkomplimentiert würden, wo man vor lauter Staatsmöbeln und abgezirkelter Ordnung nicht zu atmen wagt.« Das war natürlich Hanna, die sich eine derartige Kritik erlaubte.

»Hat seinen guten Grund, daß wir hier hinten tagen. Da vorne nämlich ist's fürchterlich, und der Mensch versuche die Götter nicht! Man ersäuft in Scheuerfluten«, erklärte Fränze lachend.

»Und dann darfst du dir Besuch einladen?« Mariechen und Gustel riefen es wie aus einem Munde.

»Ich hatte euch ja glücklicherweise eingeladen, ohne erst die mütterliche Erlaubnis einzuholen. So ganz einfach war die Sache doch nicht gerade«, gab Fränze etwas beschämt aber aufrichtig zu; »Mine hat eben wieder einmal wie so oft den rettenden Engel gespielt.«

»Zu mir hättet ihr auch kommen können; aber freilich, so nett und gemütlich ist es bei uns nicht«, sagte Hanna, Umschau haltend.

»Das liegt nur an dir, Hanna. Ihr habt so schöne Räume und so herrliche Möbel, aber es gehört dazu auch eine liebevolle Frauenhand, die alles geschmackvoll ordnet«, meinte Lisabeth Körner ehrlich. »Deine Tante Mathilde mag ja hauswirtschaftlich eine Perle sein, aber ihr fehlt wohl das Verständnis für das Schöne.«

»Auch für manches andere. Tante Mathilde ist nur in ihrem Element, wenn sie mit der Küchenschürze am Herd steht. Für mich und meine Interessen hat sie nicht die Bohne Verständnis.«

»Du bist ihr trotzdem Dank schuldig, Hanna«, gab Fränze zu bedenken. »Sie hat doch immerhin das Verdienst, dich und deine Brüder aufgezogen zu haben.«

»Unsere Strümpfe hat sie uns gestopft und das Essen für uns gekocht. Was eine Kindesseele sonst noch zum Gedeihen braucht, eine heitere Atmosphäre, liebevolles Eingehen auf kindliche Regungen und Wünsche, das war Tante Mathilde in ihrer trockenen, hausbackenen Art ein Buch mit sieben Siegeln. Gerade mutterlosen Kindern Liebe entgegenzubringen, das müßte für eine Frau ein segensreiches Feld sein. Was ließe sich da alles schaffen und aufbauen!«

»Du könntest ja Pflegemutter von einem Waisenhaus werden, wenn dir, wie uns andern, Haustochterpflichten nicht genügen«, schlug Gustel voller Bewunderung für die Freundin, die immer Gedanken hatte, auf die keine andere kam, vor.

»Nee, danke für Backobst! Das paßt für eine von euch, die ihr wirtschaftliche Talente habt, viel besser. Ich trage mich mit ganz andern Plänen.« Hanna macht ein vielsagendes Gesicht.

»Was hast du vor? – Beichte! – Verrate es uns! – Die Hanna muß immer eine Extrawurst haben!« Die Gefährtinnen umdrängten neugierig die sie fast um Kopfeslänge Überragende.

»Es ist ja noch gar nicht spruchreif, Kinder, aber ...«

»Fränze, du sollst uns Gußzwiebäcke geben, hat Mutter gesagt, jedem drei Stück.« Die Tür wurde aufgerissen, ein dunkler und ein blonder Jungenkopf wurden sichtbar. Gegenseitig stießen sie sich in das ihnen heute unbedingt versperrte Heiligtum der Schwestern hinein.

»Himmel – die Landplage!« Fränze machte ein recht wenig erbautes Gesicht. »Na, wollt ihr nicht anständigerweise guten Tag sagen? Und im übrigen habt ihr zu warten, bis was übrigbleibt.«

»Ja, Pustekohl! Da können wir lange warten!« Luchen, der seine Flegeljahre damit bewies, daß er jedem der großen Mädel einen freundschaftlichen Klaps versetzte, hielt in dieser merkwürdigen Begrüßung empört inne, während Huchen, der nur von dem Großen zu allen Dummheiten verleitet wurde, begehrlich auf die Gußzwiebäcke schielte.

»Gib ihnen doch etwas, Fränzchen!« Das gutmütige Mariechen, das daheim in Neu-Trebbin selbst eine Schar kleiner Geschwister hatte, griff nach den Zwiebäcken.

»Du, dann bleibt nichts für uns. Es ist bestimmt Schwindel, daß Mutter gesagt hat, ich solle jedem drei geben«, erhob Fränze, aufgeregt ihre Gußzwiebäcke zählend, Einspruch.

»Dann gib jedem von uns wenigstens einen!« schlug Luchen diplomatisch vor.

Die Verhandlung konnte nicht zu Ende geführt werden. Man hatte die Türschelle überhört. Von Klärchen geführt, erschienen die noch fehlenden Freundinnen. Es gab lebhafte Begrüßungen, Händeschütteln und Umarmungen. Diesen allgemeinen Trubel benutzte Luchen, um wenigstens einen Gußzwieback fortzustibitzen. Der Kleine, Huchen, der es ihm natürlich sogleich nachtat, wurde dabei von der großen Schwester erwischt und nachdrücklich hinausbefördert.

»Laßt euch heute nachmittag nicht wieder bei uns blicken!« rief Fränze aufgebracht, mit dem sich sträubenden Ludwig einen verzweifelten Kampf ausfechtend. Die giftgrünen Staatstassen auf den Goldfüßchen gerieten in dem Handgemenge ernstlich in Gefahr.

Das Zimmerchen schien plötzlich die vielen Menschen mit ihrem faltigen Rockumfang nicht fassen zu wollen. Aber »viele geduldige Schafe gehen in einen Stall«. Schließlich saß man doch um den Kaffeetisch, während die an die Luft gesetzten Jungen »furchtbarste Indianerrache« schworen. Klärchen machte als Hausmütterchen die Runde mit der bauchigen Kaffeekanne. Die Gußzwiebäcke verschwanden im Nu zwischen gesunden Mädchenzähnen. Armes Luchen – armes Huchen! Kein Bröselchen blieb übrig.

Die jungen Mädchen zogen Handarbeiten aus buntgestickten Beuteln. Müßig blieb nur Hanna Kruse, die für weibliche Handarbeiten durchaus unbrauchbar war, wie sie selbst versicherte. Man bewunderte gegenseitig die komplizierten Häkelmuster, die patentgestrickten weißen Strümpfe, Ännes mit Perlen behäkelte Geldbörse und Marthas feine Gobelinstickerei, die eine selbstentworfene Landschaft darstellte.

Klärchen hatte mit dem zusammengeräumten Tassengeschirr taktvoll das Zimmer verlassen. Sie wußte, daß jüngere Schwestern, wenn sie auch noch so nett waren, im Kreise der älteren Freundinnen nicht allzu gern gesehen wurden. Da ging sie lieber der Mutter zur Hand.

»So«, sagte Gustel, nachdem Klärchen das Zimmer verlassen hatte, und hielt in dem Zählen ihrer kunstvollen Beinkleidkante, an der sie häkelte, inne, »nun schieß los, Hanna!«

»Womit denn?« fragte diese nicht wenig verwundert.

»Du hast doch so etwas Interessantes erzählen wollen von deinen Plänen!« Gustel platzte vor Neugier.

»Ja, richtig. Also ich habe die Absicht, in die Schweiz zu gehen.«

Die Wirkung war ungefähr dieselbe, als wenn Hanna die Mitteilung gemacht hätte, den Mond zu besuchen. Die Handarbeiten sanken herab, die Mädchenköpfe hoben sich jäh.

»In die Schweiz? – In die Märkische oder in die Sächsische? – Gehen willst du bis dahin?« Es schwirrte durch das Stübchen.

»Mariechen, du hast noch nicht viel von der Berliner Luft profitiert. Natürlich fahre ich, wenn ich sage, ich gehe, und zwar mit der Eisenbahn. Mach nicht solche entsetzten Augen, Mariechen! Es geschieht dabei ebensowenig ein Unglück wie mit der Post. Aber weder in die Märkische noch in die Sächsische Schweiz – nach Bern oder Zürich will ich.«

»Davon hast du mir doch noch kein Sterbenswörtchen erzählt!« Eva Nikolai, die Vertraute, war mit Recht wie aus den Wolken gefallen.

Man bewunderte gegenseitig die mitgebrachten Handarbeiten.

»Mit deinem Vater, Hanna? Habt ihr dieses Jahr so herrliche Sommerpläne?« Fränze dachte nicht mehr an den Sofaschoner, den sie zu Mutters Geburtstag filierte.

»Nein, allein will ich hin.«

Es war, als ob eine Bombe in den Mädchenkreis geplatzt sei. »Allein? – In die weite Welt? – Ins Ausland? – Ja, das kann doch ein junges Mädchen gar nicht!« riefen sie aufgeregt durcheinander.

»Warum nicht, Änne? Weil unsere Großmütter und Mütter es nicht tun durften? Es ist Zeit, mit den alten Vorurteilen aufzuräumen.«

»Du bist ja übergeschnappt, Hanna!« Eva Nikolai sprach allen andern aus dem Herzen.

»Röschen hatte einen Piepmatz«, begann Lisabeth aus einer beliebten Posse zu singen. Die andern fielen lachend ein.

»Beruhigt euch, Kinder! Vorläufig sitze ich ja noch hier. Es kann noch einige Zeit vergehen, bis es so weit ist. Ohne Vorbereitung läßt sich mein Plan nicht verwirklichen.« Hanna ließ sich nicht beirren.

»Vorbereitung – wozu, Hanna?« Fränze war ganz Ohr. Ihre Wangen glühten.

»Um an einer Schweizer Universität die Aufnahmeprüfung zu bestehen und dort Medizin zu studieren.« Wie der Ton einer Fanfare erklang Hannas Stimme in den Kreis der strickenden und häkelnden Mädchen.

Mariechen bekam den vor Staunen aufgerissenen Mund überhaupt nicht wieder zu; aber auch die andern saßen starr und stumm. Man hörte das Surren einer Frühfliege an der Fensterscheibe.

Plötzlich lachte Gustel hell hinaus; ordentlich befreiend klang es in der sekundenlangen Stille. »Das kannst du andern Leuten als uns weismachen!«

»Medizin studieren, hahaha! Die Hanna als Herr Doktor mit der Brille auf der Nas' und dem Goldknaufstock! – Die Hanna hat Einfälle wie ein altes Haus!« Sie lachten und johlten durcheinander.

Fränze klopfte mit der vor ihr liegenden Schere auf den Tisch. »Als zweite Vorsitzende des Maienkränzchens beantrage ich Ruhe. – Hanna, ist das Ernst oder Scherz?«

»Ernst – heiliger Ernst. Aber ihr seid ja nicht reif für solche bahnbrechenden Ziele; ihr lauft ja mit Scheuklappen durchs Leben, seht nicht rechts, nicht links, nicht mal geradeaus. Ihr wißt ja gar nicht, was um euch herum vorgeht.«

»Oho – oho! – Spiel dich nur nicht so auf!« Hier und da sah man gekränkte Mienen.

»Also sagt, habt ihr schon mal was von Frauenbewegung gehört? – Mariechen, ich meine nicht die Frauenbewegung, die darin besteht, daß die Frau Strümpfe strickt, scheuert oder ihre Kinder verkloppt; in geistiger Beziehung ist es natürlich zu verstehen.«

Da machten sie alle nicht gerade schlaue Gesichter.

Eva Nikolai aber reckte sich empor, strich den spiegelglatten blonden Scheitel noch glatter und sagte ziemlich ärgerlich: »Hanna, tu nicht so, als ob du allein die Weisheit mit Löffeln gegessen hättest! Die Frauenbewegung macht sich in Nordamerika breit. Die Sklaverei will sie abschaffen und ...«

»Vor allem die eigene Sklaverei, die Sklaverei der Frau«, unterbrach Hanna die Sprecherin lebhaft.

»Jene Mannweiber sind das, die alle Weiblichkeit abgestreift haben, die studieren, in Versammlungen Reden halten, rauchen und es den Männern gleichtun wollen. Aber Gott sei Dank, bei uns in Europa kennt man so was nicht! Wir deutschen Frauen halten fest an unserer Weiblichkeit.« Eva setzte die Stricknadeln an ihrem durchbrochenen weißen Strumpf klirrend in Bewegung, als müsse sie dadurch ihre Weiblichkeit beweisen.

»Du irrst, liebes Kind. Auch bei uns in Deutschland beginnt es zu dämmern«, sagte Hanna mit lächelnder Ironie. »Die Frauen fangen an, sich auf ihr Menschenrecht zu besinnen, auf ihren Anspruch auf Bildung, Arbeit und freien Beruf. Namen wie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt sind euch natürlich unbekannt; ihr kennt nur Adam und Eva. Aber ich kann euch versichern, daß die Genannten durchaus keine Mannweiber sind, daß die ein weiblicheres Empfinden und ein wärmeres Herz für ihre Mitschwestern haben als die meisten Frauen.«

»Vor dem heraufziehenden Licht der Morgenröte dürfen wir Jungen nicht die Augen verschließen«, rief Fränze begeistert.

»Fränzchen dichtet bereits wieder.« Die Freundinnen lachten sie aus.

»Fränze ist die einzige von euch, die es einzusehen scheint, daß nicht für jedes junge Mädchen oder jede Frau das enge Heim allein den Kreis bilden kann, daß außerhalb dieses für sie ein großes Feld der Betätigung liegt.« Hannas meist bleiches Gesicht hatte vor Erregung Farbe bekommen. Ihre großen grauen Augen schienen die Wände des Stübchens zu durchdringen.

»Ich kann das auch verstehen«, sagte Martha Leuchter ruhig und nachdenklich. »Wenn ich mir überlege, daß ich meiner Malkunst leben dürfte, anstatt daheim Aschenbrödel am Herd zu spielen, wie wäre das schön!«

»Da habt ihr's: wieder eine, die sich auf meine Seite stellt!« triumphierte Hanna. »Ihr kommt noch alle dazu.«

»Nu wird's Tag in der Nachtmütze!« sagte Gustchen mit Berliner Humor. Sie war durch und durch prosaisch und praktisch.

»Gottlob, bis zu uns nach Neu-Trebbin wird die Frauenbewegung sicher nicht kommen!« Mariechen Dorfmüller sagte es mit einem Stoßseufzer der Erleichterung.

»Vor den Oderbrucher Gänsen macht sie bestimmt halt, Mariechen«, entgegnete Hanna Kruse spöttisch. »Aber dich, Eva, dich möchte ich überzeugen. Sieh mal, Auguste Schmidt, die mit ihren Schwestern bei uns im Hause wohnt, ist Lehrerin, wie du eine werden willst. Hältst du die für unweiblich?«

»Ja, wenn sie es den Männern gleichtun will und aus dem Rahmen der Weiblichkeit heraustritt«, sagte Eva fest. »Aber wissen möchte ich doch, Hanna, woher deine Weisheit eigentlich stammt; noch nie hast du mit mir davon gesprochen.«

»Ihr lest eben nur die Gartenlaube, allenfalls noch die Tante Voß. Ich lese auch andere fortschrittliche Blätter, die sich mit der Frauenfrage beschäftigen. Fräulein Auguste Schmidt in unserm Hause hält sie. Und da hat's dringestanden, daß ein allgemeiner deutscher Frauenverein von ihr und von Luise Otto-Peters ins Leben gerufen worden ist und daß die Schweiz seit einiger Zeit an ihren Universitäten Frauen Zutritt gewährt. So, nun wißt ihr's.« Hanna atmete tief auf.

»Ich trete dem neuen Frauenverein bei«, rief Fränze, und ihre dunkelblauen Augen blitzten.

»Bravo!« spendete Hanna Anerkennung. »Wer noch?«

»Ich muß es mir noch überlegen.« Martha war nicht so rasch von Entschlüssen wie Fränze.

Die andern zögerten und machten Ausflüchte.

»Mein Vater erlaubt das nie. Der würde mir schön kommen, wenn ich so unmädchenhafte Absichten verlauten ließe! Aber mir liegt auch gar nichts daran«, äußerte Änne.

»Mir auch nicht. So 'n Quatsch!« pflichtete ihr Gustel bei und vertiefte sich wieder in ihre Hosenkante.

»Ihr seid noch nicht reif für solche Gedanken. Für euch gibt's eben nur Küchenschürze und Strickstrumpf.« Hanna sah verächtlich drein.

»Du redest ja auch nur davon, wie der Blinde von der Farbe. Reden und handeln sind zweierlei, Hanna. Vorläufig weißt du ja noch gar nicht, wie sich dein Vater zu solchen abenteuerlichen Absichten stellt. Und deine Tante Mathilde wird für die Frauenfrage auch kaum Verständnis aufbringen, wette ich«, behauptete Eva Nikolai.

»Braucht sie auch gar nicht. Auf Kämpfe muß man sich gefaßt machen. Ohne Kampf kein Sieg!«

»Ohne Kampf kein Sieg!« wiederholte Fränze feierlich und überzeugt.

»Spielt ihr Indianer?« Ein blonder neugieriger Jungenkopf erschien plötzlich im Türrahmen.

»Raus!« befahl Fränze. Als des Bruders Blondkopf verschwunden und die Tür noch obendrein verriegelt war, fuhr sie fort: »Ich möchte einen Vorschlag machen. Wollen wir unser heute gegründetes Maienkränzchen nicht regelrecht in den Dienst der neuen Frauenbewegung stellen?«

»Dann kannst du mit Hanna Kruse allein Maienkränzchen abhalten. Wir andern verzichten darauf«, erhob Änne Einspruch.

»Abgelehnt – einstimmig abgelehnt!« fielen die andern ein.

»Wir wollen uns in unserm Kränzchen nicht von übergeschnappten Dingen unterhalten«, bekräftigte Gustel.

»Wenn wir alle Jahre einmal zusammenkommen, wollen wir wissen, wie es jeder inzwischen ergangen ist. Dann soll eine jede von sich berichten.« Auch Lisabeth, Fränzes Vertraute, schloß sich ihrem Vorschlag nicht an.

»Was interessieren uns fremde Frauenzimmer, bei denen sicher eine Schraube los ist, daß sie sich um Sachen kümmern, die sie gar nichts angehen!« Änne Wilke war die eifrigste Gegnerin.

Auch das schüchterne Mariechen erhob seine Stimme. »Bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, bei einer hübschen Handarbeit, ja meinetwegen auch bei der gemeinsamen Lektüre eines spannenden Buches lasse ich mir unser Maienkränzchen gefallen; wenn ihr aber nur solche langweiligen Dinge wie heute erörtern wollt, komme ich erst gar nicht nach Berlin.« Mariechens frisches Gesicht färbte sich noch röter.

»Miezeken hat recht; sie hat uns allen aus der Seele gesprochen«, pflichteten die Schulfreundinnen ihr bei.

»Ihr könnt nun mal aus euerm engen Gesichtskreis nicht heraus. Ihr habt keinen Sinn für allgemeine Interessen, für Pflichten gegen die Allgemeinheit.« Hanna zuckte die Achseln.

Eva Nikolai hielt in dem Patentmuster ihres Strickstrumpfes inne. »Sag, Hanna – aber sei ehrlich! – wäre es für eure Häuslichkeit nicht besser, wenn du statt der allgemeinen Interessen persönlichere hättest und Vater und Bruder das Heim behaglich machtest?«

»Das liegt mir nun einmal nicht. Warum sollte sich außerdem nicht auch beides vereinigen lassen?« widersprach Hanna, sich doch etwas getroffen fühlend.

»Man ist entweder Frau oder Mannweib, ein Zwischending gibt es nicht«, stellte Eva fest.

»Ich möchte versuchen, meine häuslichen weiblichen Pflichten mit denen gegen die Allgemeinheit zu verbinden«, bemerkte Fränze, nachdenklicher als gewöhnlich.

»Laß dir von Hanna bloß nichts vormachen, Fränzchen! Wenn die einen Piepmatz im Kopf hat, brauchst du dich von ihrer Verdrehtheit nicht auch noch anstecken zu lassen. So wie du bist, kannst du ruhig bleiben.« Lisabeth Körner legte zärtlich den Arm um die Freundin, als müsse sie diese gegen alle bösen Einflüsse schützen.

Schrilles Pfeifen vom Fabrikgebäude her gellte in die lebhafte Unterhaltung.

»Was – ist das schon sieben?« Die Freundinnen legten ihre Handarbeiten sorgsam zusammen. »Nun haben wir vor lauter unwichtigen Redereien das Allerwichtigste nicht erörtert: Tagt das Maienkränzchen schon diesen Pfingstsonnabend oder erst in einem Jahr wieder?« Gewissenhaft zog Eva Nikolai ihr lila Seidenbüchlein aus dem Pompadour, um die Eintragung zu machen.

»Ich bin für dieses Jahr.« – »Ich auch.« – »Ein Jahr, das ist ja noch ewig lange.«

»Zu den Pfingstfeiertagen soll ich schon zu Hause in Neu-Trebbin sein«, gab Mariechen dagegen zu bedenken.

»Und in der kurzen Zeit geschieht auch noch nicht so viel, was wir einander berichten können«, pflichtete Martha bei.

»Also schön, dann bleibt es beim nächsten Jahr. Am Pfingstsonnabend, drei Uhr, mit dem Torwagen nach Pankow oder sonstwohin«, schrieb Eva in ihr Büchlein.

»Wenn es aber gießt?« unkte eine.

»Dann ...«

Ein lautes Gedröhn an der Tür ließ die Sprecherin erschreckt verstummen. Irgend ein schwerer Gegenstand war gegen die Stubentür geflogen. Es war Huchen, von Luchens brüderlichen Fäusten befördert. »Fränze, du sollst uns Abendbrot zurechtmachen, läßt Mutter sagen. Kläre hilft noch beim Einräumen. Und ihr habt jetzt überhaupt genug gequasselt.« Letzterer Zusatz war persönliche Ansicht.

»Dankt euerm Schöpfer, wenn ihr keine kleineren Brüder habt, Kinder!« sagte Fränze mit einem Stoßseufzer. »Sie werden von Tag zu Tag frechdachsiger. Ihr wollt doch nicht deshalb etwa gehen? Die Jungen können ruhig noch ein bißchen auf ihr Abendbrot warten.«

»Wir müssen ja auch nach Hause. Es ist höchste Zeit. Vor dem Pfingstsonnabend nächsten Jahres sehen wir uns sicher noch.« Es erfolgte allgemeiner Aufbruch.

Als die jungen Mädchen im halbdunkeln Hinterkorridor, der durch eine Glastür von den Vorderräumen abgetrennt war, ihre Sachen anlegten, verzogen sie schnüffelnd die Nasen. »Ist das heute bei euch ein Tabaksgeruch! So doll war's noch nie, Fränzchen.« Lisabeth griff in ihre Jackentasche nach den Handschuhen und – zog die Hand schreiend heraus. »Pfui! Was ist denn das? Das klebt ja, das alte Zeug, und riecht abscheulich!«

»Mach doch mal Licht!«

Fränze lief nach dem Wachsstock. Die Gasflamme, die den Korridor beleuchtete, beschien ein schwarzes, klebriges Tabaksröllchen in Lisabeths Hand.

»Priem. Das ist ja Kautabak«, stellte Fränze sachkundig fest.

»Aber wie kommt denn der ...«

»In meiner Tasche ist auch was drin.«

»Bei mir sind Zigarrenstummel.«

»Himmel, mein neues königsblaues Taftjäckchen! Es ist ganz und gar mit Schnupftabak bestreut.«

»Hatschi – hatschi!« Eine begann zu nießen.

»Das können nur die Lümmel gewesen sein. – Mutter, Muttchen! Die Jungen haben die Sachen meiner Freundinnen verdorben!« trompetete Fränzchen erregt. »Hatschi – hatschi!« Auch ihr zog der scharfe Schnupftabak kitzelnd in die Nase.

Frau Doussin ließ die Stutzuhr unter der Glasglocke, die sie gerade in der Hand hielt, vor Schreck fast fallen. Sie glaubte nicht anders, als daß irgend ein Unglück geschehen sei, und eilte, so schnell sie ihre Füße trugen, hinzu. Hinter ihr her polterte Mine auf ihren Holzpantinen. »Immer sachteken, Madam, immer sachte! Wo brennt's denn?«

Allen voran aber war Klärchen. Die hatte bereits das königsblaue Taftjäckchen von dem schwarzen Pulver gereinigt. »Ist ja gar nicht so schlimm, Fränzchen, das läßt sich ja abschütteln. – Hatschi, hatschi!« Auch sie mußte ihren Tribut zahlen. – Und »Hatschi!« fiel das ganze Maienkränzchen ein.

Hinter der Tür aber standen die beiden Missetäter und hielten sich die Seiten vor Lachen. Das war, ihre »Indianerrache« für die nicht erhaltenen Gußzwiebäcke.

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