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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Zweites Kapitel

Anno Tobak

Es war ein recht ansehnliches Patrizierhaus, das alte Doussinsche Tabakhaus, in dem die Fränze daheim war. Breit und behäbig stand es mit seiner Sechzehnfensterfront, acht im ersten, acht im zweiten Stockwerk, zwischen all den schmalbrüstigen, sich bescheiden versteckenden Häuschen der Heilige-Geist-Straße. Hundert Jahre hatte es schon an sich vorüberziehen sehen, das alte Haus, Jahre friedlicher Arbeit und kriegerischer Unruhen. Schon Friedrich der Große hatte seinen Schnupftabak von der altberühmten Tabakfirma bezogen, und es ging die Anekdote vom Vater auf den Sohn über, daß der alte Doussin, der Begründer der Firma, dem König, als er einmal ohne Geld nach Tabak schickte, durch den galonierten Diener in Kniehosen und Schnallenschuhen habe sagen lassen: »Erst den Taler, dann die Ware.« Diesen stolz-rechtlichen Bürgersinn hatte das Doussinsche Haus sich bewahrt.

Die Frühlingsonne hatte heute freien Zutritt zu der im zweiten Stockwerk gelegenen Doussinschen Wohnung. Dort war man beim großen Osterscheuerfest. Die Fensterscheiben waren ausgehängt, denn ein Fenster in seinen Angeln zu seifen, das brachte keine gute Hausfrau der damaligen Zeit fertig.

Vor dem gewölbten Riesenhausflur, dem ein merkwürdiges Dunstgemisch von Tabak- und Küchengerüchen eigen war, nahm Fränze trotz größter Eile langatmigen Abschied von Hanna Kruse, die in ihrer nächsten Nähe wohnte. »Ein sonderbares Gefühl, kein Schulmädel mehr zu sein, sich sagen zu können: von heute an bist du erwachsen«, frohlockte Fränze.

»Ich finde gar nicht, daß der Schulabgang eine so wichtige Rolle im Leben eines Menschen spielt«, dämpfte Hanna die erhobene Stimmung der Freundin. »Arbeiten und weiterstreben müssen wir unser ganzes Leben lang. Eigentlich beginnt die bewußte, die verantwortliche Arbeit überhaupt erst nach der Schule.« Hanna war reifer als ihre sechzehn Jahre vermuten ließen.

»Bei dir vielleicht, Hanna. Aber schau dich um! Wie ist es bei den meisten Mädeln nach der Schule? Ein bißchen in der Wirtschaft helfen, Handarbeiten machen, Klavier klimpern, auf Bälle gehen – das ist der Hauptinhalt unseres Lebens. Im übrigen warten wir auf den Herrlichsten von allen, der uns mal als seine Hausfrau heimführen wird.«

»Schlimm genug, daß ...« Quiekend fuhren beide Mädchen in ihren Betrachtungen auseinander. Ein Wasserfall hatte sich über die Nichtsahnenden ergossen. Er kam aus dem zweiten Stockwerk. Unnütze Jungenhände hatten Scheuerfluten hinabgesandt.

»Zu Tisch, Fränze! Wir sind schon bei der Suppe«, tutete es von oben.

Die Mädel schüttelten sich, halb lachend, halb ärgerlich, nach dem unfreiwilligen Bade. Fränze hob verheißungsvoll die Rechte. »Na, laß mich nur raufkommen, Junge!«

»Der Ludwig ist jetzt in den Flegeljahren«, stellte Hanna sachlich fest. »Aber wenn du noch Suppe haben willst, wirst du dich eilen müssen, Fränze. Bei uns nimmt man es nicht so genau, weil Papa unregelmäßig zu Tische kommt.«

»Auf Wiedersehen heute nachmittag!« Der sorglosen Fränze fiel plötzlich ihre Saumseligkeit schwer aufs Herz. Sie raste durch den langgestreckten Laden, an den Kunden bedienenden Kommis, an den Tüten klebenden Laufburschen vorüber. Ein Blick ins Kontor, wo die Buchhalter selbst am Mittag bei brennenden Messinglampen mit grünen Schirmen vor den hohen Pulten standen. O Schreck, das Privatkontor des Vaters war bereits leer! Die gewundene Treppe hinauf mit Sturmeseile. Temperamentvoll riß Fränze an der weißen Porzellanschelle.

Mine, die schon unter Großmutters Szepter im Doussinschen Hause den Kochlöffel geschwungen, die alle vier Kinder hatte mit aufziehen helfen, öffnete ziemlich ungnädig. »Jott, später haste woll auch nich kommen können? Klärchen is schon bald 'ne Stunde aus der Schule. Und was die Jungs sind, die sind mal heute wieder janz aus Rand und Band. Die Ferien hat der Deuwel erfunden!« räsonierte die Alte.

»Minchen, dir ist wohl die Petersilie verhagelt?« fragte Fränze lachend. Man duzte damals die langjährigen Dienstboten, die in der Familie ergrauten, wenn sie nicht vorher fortheirateten.

»Na, da soll einer nich tücksch werden, wenn einem die janzen Kohlrouladen einpruzzeln tun! Und dabei Osterreinemachen und ...«

»Scheuerfest ist heute? Ach du meine Güte! Gerade an meinem Schulabgangstage! Das paßt ja wie die Faust aufs Auge.« Es wurde Fränzchen nun doch etwas beklommen ums Herz, als sie an den eingeladenen Kaffeebesuch dachte.

»Na, du scheinst ja wieder Absichten für heute nachmittag zu haben. Is nich. Heute wird zu Hause jeblieben und Fenster jeputzt.« Die alte Mine betrachtete Fränze ungeachtet ihres heutigen Schulabgangs noch genau so wie vor Jahren, als sie ihr das Schmutznäschen gewischt hatte.

Fränze, die inzwischen Hut und Mantel in den großen Kleiderschrank auf dem Flur hatte wandern lassen, vergaß vor Schreck, sich die Schürze vorzubinden. »Minchen, du mußt mir helfen. Ich kann heute wirklich keine Fenster polieren; ich bekomme Besuch.« Zaghaft kam's heraus, während die Mädchenfinger bittend Mines pockennarbiges Gesicht streichelten.

»Besuch? Heut bei's Osterreinemachen? Biste denn janz und jar von allen juten Jeistern verlassen, Fränzchen?« Aber es klang schon ein versöhnlicher Ton mit in dem Poltern. Fränze wußte ganz genau, ihre alte Freundin würde sie nicht einfach in der Patsche sitzen lassen.

Die Familie war bereits um den runden Eßtisch versammelt. Vorwurfsvoll blickte die Mutter über die Schüssel mit Kohlrouladen zu der säumigen Tochter. Der Vater zog die Uhr aus der Westentasche und ließ sie mit dünnzitterigem Klange die Stunde schlagen. Der pünktliche Mann schüttelte unzufrieden den Kopf. Klärchen, die um zwei Jahre Jüngere, brachte sorglich Fränzes warmgestellte Suppe. Die Jungen aber, zwei hoffnungsvolle Rangen von zehn und dreizehn Jahren, empfingen die große Schwester mit Gejohle. »Haste nachsitzen müssen? Ätsch, schäme dich! Am letzten Schultag noch nachsitzen!« erklang es unharmonisch im Chor.

In Fränzes Hand zuckte es. Die Bengel wurden von Tag zu Tag frecher. Sie hatten einen kleinen Denkzettel unbedingt verdient. In Anbetracht des in Aussicht stehenden Nachmittagsbesuches war es aber entschieden geratener, Frieden zu halten.

Sie wandte sich entschuldigend den Eltern zu. »Seid nicht böse, daß es etwas später geworden ist!« begann sie, Suppe löffelnd, in ihrer offenen Art. »Wir konnten uns am letzten Schultag nicht so schnell voneinander trennen. Hier ist mein Abgangszeugnis. Der Direks hat gesagt, es könne sich sehen lassen.«

Der Vater setzte sich umständlich die Brille auf, während die Mutter, die dasselbe rasche Temperament hatte wie Fränze, ihrer Ältesten anerkennend zunickte. »Brav! Hab's von dir auch nicht anders erwartet, Fränzchen. Also nun haben wir eine erwachsene Tochter, Vater.« Die Eltern nannten sich niemals beim Vornamen, stets gegenseitig Vater und Mutter.

Während Fränze sich den Kohl mit jugendlichem Appetit schmecken ließ und dabei angestrengt überlegte, ob man die günstige Stimmung nicht gleich für den Nachmittagsbesuch ausnutzen sollte, studierte Herr Doussin eingehend das Abgangszeugnis der Tochter. »Hm! Rechnen nur gut, nicht recht gut. Du bist gar keine richtige Kaufmannstochter, Fränze. Aber da du kein Junge bist, hat es nichts auf sich. Ihr Mädels braucht ja höchstens das Wirtschaftsbuch zusammenzählen zu können. Mit Klärchens Zensur sind wir auch recht zufrieden.«

»Und die Jungs?« fragte Fränze.

Die Frage hätte nicht kommen dürfen. Die gemütliche Stimmung war mit einemmal zerstoben. Der Vater zog die Augenbrauen hoch, was seinem freundlichen Gesicht mit den graumelierten Bartkoteletten etwas Fremdes, Drohendes gab. Die Mutter seufzte hörbar. Klärchen, der gute Geist im Hause, der stets für Ausgleich und Frieden sorgte, machte der Schwester beschwichtigende Zeichen. Nur die beiden, die es am meisten anging, häuften unbekümmert die Gabel voll, als wäre von allem andern, nur nicht von ihnen die Rede.

Die große Schwester war so nett, die verfängliche Frage nicht zu wiederholen; hatte sie doch genug mit sich selbst zu tun. Wie brachte man der Mutter am besten den Kaffeebesuch bei? Ganz ohne Sturm würde es nicht abgehen; Fränze hatte eine sichere Witterung dafür.

Schon räumte Anna, das junge Stubenmädel, den Tisch ab, schon zog Vater die silberne Schnupftabaksdose hervor und setzte sich in der Ecke des grünen Ripssofas, die gehäkelte Schlummerrolle im Nacken, zum halbstündigen Nickerchen zurecht, wobei er die Brille auf die Stirn hinaufzuschieben pflegte.

»Schläfst du nicht auch ein bißchen, Muttchen?« erkundigte sich Fränze zaghaft.

»Heute beim großen Reinemachen? Ausgeschlossen! Da muß jedermann auf seinem Posten sein. Du und Klärchen, ihr könnt gleich mit dem Fensterputzen beginnen. Aber erst das Hauskleid übergezogen! Und eine Schürze sehe ich auch nicht, Fränzchen.«

»Bis halb vier kann ich allenfalls helfen, Muttchen, aber dann ...« Fränze stockte nun doch.

Der Mutter freundliches Gesicht wurde ernst. »Nein, mein Kind, heute kann ich dir keine Erlaubnis zum Fortgehen erteilen. Du weißt, daß ich dir sonst gern jedes Vergnügen gönne, doch heute ...«

»Ich will ja gar nicht fortgehen, aber ...« Fränzes frischfröhlicher Mut verkroch sich vor der Scheueratmosphäre.

»Was gibt's denn noch für ein Aber?« Die Mutter war bereits in der Tür.

»Ich kriege Besuch, zum Kaffee. Es braucht ja bloß Musstullen zu geben.« Sie sprudelte es heraus, nur um es vom Herzen zu haben.

Die Wirkung war verblüffend. Das gefährliche Donnerwetter blieb aus. Statt dessen lachte Frau Doussin, daß ihr die Tränen über das frische Gesicht liefen. »Mädel, heute habe ich wirklich keine Zeit für deine Schnurren. Macht, daß ihr an die Arbeit kommt!«

»Aber, Mutterchen, es ist doch wahr! Du kannst es wirklich glauben. Die Mädel kommen zum Abschiedskaffee zu mir und um gleichzeitig unser neues Maienkränzchen würdig einzuweihen. Ich wußte nicht, daß wir heute Reinemachen haben.«

Der Mutter blieb das Wort in der Kehle stecken. »Das bekommst auch nur du fertig, daß du an die für einen Haushalt wichtigsten Tage nicht denkst. Bei Klärchen könnte das nicht vorkommen. Besuch ist heute unmöglich; das siehst du ja selbst. Die gute Stube wird gerade gescheuert, in der Wohnstube stehen die Möbel. Hier in der Eßstube soll heute noch ausgeräumt werden. Du mußt den Mädchen absagen.« Damit verschwand die Mutter ärgerlich.

»Absagen – das läßt sich doch nicht so schnell bewerkstelligen! Ich kann doch nicht in ganz Berlin herumlaufen und alle wieder ausladen!« Trotzdem Berlin damals noch nicht allzu ausgedehnt war, erschien Fränze das ganz unmöglich.

»Schick doch 'n Eckensteher 'rum!« schlug Hugo, das Doussinsche Kakelnest, vor. Die Eckensteher, die an jeder Straßenecke auf Aufträge warteten und dabei dem lieben Herrgott die Zeit fortstahlen, waren gute Freunde des Jungen.

Der Vater knurrte in seiner Sofaecke. Es war auch unrecht, ihm die kurzbemessene Ruhezeit nach Tisch noch mehr zu kürzen. Auf den Zehen schlich Fränze hinaus, hinter ihr die jüngeren Geschwister.

»Zu zweien oder dreien deiner Freundinnen kann ich ja hinlaufen und absagen, Fränzchen«, erbot sich Klärchen gefällig. »Und Luchen und Huchen übernehmen gewiß ganz gern auch ein paar.«

»Ja, wenn die Fränze jedem einen Dreier zu Naute schenkt«, verlangte Ludwig.

»Fällt mir nicht im Traume ein! Ihr braucht euch nicht für mich anzustrengen; es wird nicht abgesagt.«

»Ja, aber – es geht doch heute wirklich nicht!« In häuslichen Angelegenheiten war die Jüngere verständiger als die Große. Was die sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, mußte auch ausgeführt werden. Sie schämte sich vor den Freundinnen, nach der selbstbewußten Einladung nun an solchen prosaischen Dingen, wie Großreinemachen, die Einweihung des Maienkränzchens scheitern lassen zu müssen. Aber die Zeit drängte. Was tun?

Da erschien ein rettender Engel. Er trug Holzpantinen, einen derben Warbrock und hatte ein gutmütiges, pockennarbiges Gesicht.

»Mine, geliebtes Minchen, was fange ich bloß an? Ich soll meine Freundinnen alle wieder ausladen. Das geht doch gar nicht, wo ich sie erst eingeladen habe!«

»Nee, das jeht nich«, pflichtete Mine bei, ihren Scheuereimer niedersetzend. »Das jeht partu nich.« Das brave alte Mädchen hielt auf Repräsentation des Hauses Doussin.

»Kaffee will ich euch kochen; ich koch ja sowieso vor uns und vor die jungen Leute unten im Laden. Und Jußzwiebäcke kann Klärchen holen. Aber, Fränzchen«, Mine kratzte sich bedenklich den glatten Scheitel, auf dem ein winziges Zöpfchen thronte, »wo willste denn so viel Mann hinsetzen?«

»Wir sind ja bloß acht. Wenn wir den Kinderstubentisch in unser Stübchen 'reinsetzen, haben wir alle Platz. Liebstes Minchen, laß mich nicht im Stich! Mach Mutter bloß klar, daß es sich sehr gut einrichten läßt und daß es nicht ein bißchen stört!«

Davon war Mine ja nun nicht ganz überzeugt. Aber auch ohne Fränzchens bettelnde blaue Augen und streichelnde Hände wäre es wohl das erstemal gewesen, daß Mine eins der Doussinschen Kinder im Stich gelassen hätte. Mit all ihren Sorgen kamen sie zu der guten Alten.

»Na, weil du heute Schulabjang hast! Denn jeht man und deckt euch 'n Tisch! Mit 's Fensterputzen wollen wa schon ohne euch fertig werden und mit Muttern auch.« Mines Holzpantinen klapperten eilig weiter, eine druckbefreite Mädchenseele zurücklassend.

Was Mine versprach, hielt sie. Wie sie's anfing, Madam Doussin, so nannte sie die Mutter damaliger Sitte entsprechend, zu überzeugen, das war den Kindern ein Geheimnis; aber ihnen genügte ja das Ergebnis.

Auch diesmal wurde Fränze nicht enttäuscht. Die jungen Mädchen waren bereits dabei, ihr Stübchen für den Besuch herzurichten, als die Mutter noch nachträglich die Erlaubnis erteilte. »Als Belohnung für das gute Abgangszeugnis. Aber spätestens um sieben Uhr muß Schluß sein.«

Damit waren alle Teile einverstanden.

»Mine, geliebtes Minchen, was fange ich bloß an? Ich soll meine Freundinnen alle wieder ausladen.«

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