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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

»Rosmarin und Suppenkraut blühn in meinem Garten«

An dem runden Tisch, der um den großen, dicken Nußbaum im Neu-Trebbiner Gutsgarten gefügt war, tagte das Maienkränzchen. Nach Jahren war man wieder einmal beisammen, wenn auch nicht vollzählig.

Der duftende Strauß Maiblumen auf der blauweiß gewürfelten Kaffeedecke, die großen Tassen mit Goldrand und Streublümchen, die aufgetürmten Körbe selbstgebackenen Festkuchens und dazu die rundliche, mollige Frau Mariechen mit den frischen Wangen und leuchtenden Vergißmeinnichtaugen, das war ein Stückchen Welt für sich. Abseits des Alltags, abseits von dem vorwärtsflutenden Strome der Zeit erschien den Großstädterinnen dieses Idyll.

Und doch hatte sich auch in Neu-Trebbin im Laufe der Zeit manches verändert. Das vielverzweigte Schienennetz, das die große Spinne »Verkehr« nach allen Himmelsrichtungen kreuz und quer spann, hatte seine Schlinge auch um das weltabgeschiedene Dörfchen gewunden. Aus den Kornfeldern und Wiesenweiden war ein schmucker Bahnhof emporgewachsen. Nicht mehr im Planwagen wie in vergangenen Jugendtagen hielten die Maienkränzlerinnen am Pfingstsamstag ihren Einzug in Neu-Trebbin. Bei weitem weniger poetisch, wenn auch schneller, hatte das Dampfroß sie in den Oderbruch getragen.

Das erste Gefühl irgend einer Entfremdung erstickte die herzliche Freude von Frau Mariechen sowohl als auch von ihrem Manne gleich im Keime. War man auch äußerlich inzwischen etwas in die Breite gegangen, innerlich fühlte man sich noch genau so jung wie damals in der Maienblüte des Lebens.

»Also zuerst die neueste Errungenschaft. Wo ist Nummer sieben, unser Patenkind, Mariechen?« Fränze Kruse ließ lachend den Blick über die sechs flachsköpfigen Buben gleiten, von denen der Kleinste der Mutter noch am Rock hing. »Wie die Orgelpfeifen, wie es den Enkeln eines Organisten und Bach-Verehrers zukommt. Was sagt dein Vater zu dem Nachwuchs, Mariechen?«

»Das Lütteste ist immer sein besonderer Liebling. – Wie ist die Dirn, das Lottchen, dir aus dem Gesicht geschnitten, Fränze! Und der Junge ist ganz dein Mann. – Sie glauben nicht, Herr Doktor, was Sie uns für eine Freude damit machen, daß Sie alle gekommen sind!«

»Und wir?« fragte Frau Lisabeth Küttner, vergeblich Entrüstung heuchelnd.

»Bei euch als Bruder, Schwägerin und Base ist es geradezu Pflicht und Schuldigkeit, euer Patenkind in Augenschein zu nehmen«, bemerkte der Gutsherr trocken.

»Ja, wenn ihr bloß nicht alle Jahre taufen würdet! Beim siebenten Jungen habt ihr doch überhaupt vornehmere Gevatterschaft, als wir sind; da steht doch der Kaiser Pate«, sagte der Tierarzt lachend.

»Der Patenbrief vom Kaiserlichen Hofmarschallamt ist bereits da.«

»Wirklich? Ach, bitte, zeigen Sie ihn!« Änne Wilke, die bisher nur das Aussehen der Freundinnen mit dem eigenen verglichen hatte, wurde plötzlich lebhaft. Sie brüstete sich immer noch mit ihren einstigen Beziehungen zur Hofgesellschaft.

»Erst kommt aber der Täufling; der ist entschieden wichtiger.« Frau Gustchens Mütterlichkeit erstreckte sich nicht nur auf die eigenen »alle Neune«, sondern auf alles, was da in Wickelband und Steckkissen lag.

»Ich denke, wir trinken erst Kaffee. Nach der langen Reise« – Frau Mariechen erschien die Entfernung nach Berlin trotz der abkürzenden Eisenbahnfahrt noch immer als Reise – »müßt ihr ja erschöpft sein. Inzwischen ist der Kleine aufgewacht. Wenn man ihn aus dem Schlaf reißt, wird er ungnädig.«

»Renate, du übernimmst den Görentisch, wenn du uns den Kaffee eingeschenkt hast«, ordnete die Hausfrau an.

Lisabeths jüngere Schwester Renate, ein blühendes Mädchen anfangs der Zwanziger, erlernte im Hause der Neu-Trebbiner Verwandten Hauswirtschaft und ländlichen Betrieb. Unwillkürlich dachte Frau Lisabeth des ersten Maienkränzchens unter den blühenden Apfelbäumen im Kantorgarten, da sie selbst als junges Ding mit der Kaffeekanne die Runde gemacht hatte. Jetzt saßen ihre beiden kleinen Mädchen, Annemarie und Marianne, wohlerzogen und brav, wie es einst ihre Mutter gewesen, drüben in der Geißblattlaube am Görentisch.

Die umfangreiche Kaffeekanne unter dem buntgehäkelten Wollwärmer war geleert, die Kuchenkörbe waren entlastet. In der Geißblattlaube, in der der Mund zuerst nur zum Kuchenstopfen benutzt wurde, begann es wie in einem Bienenstock zu summen und zu schwirren. Der Säugling, der mit geballten Fäustchen in dem von Mariechen selbst behäkelten Steckkissen fest eingebündelt lag, wurde gebührend bewundert, trotzdem er sich eigentlich durch nichts von andern Achtwochenkindern unterschied.

Die Herren machten einen Gang durch die Wirtschaft. Emil Küttner prüfte voll Interesse den gesunden Viehstand, Bruno Kruse betrachtete eingehend die landwirtschaftlichen Maschinen und überlegte, ob es wohl möglich sei, diese durch elektrische Kraft anstatt durch Menschenarme und Gespann in Betrieb zu setzen.

Die Neu-Trebbiner Buben hatten sich mit dem kleinen Berliner Besuch angefreundet. Walters Versuche, durch seine funkelnagelneuen Lateinkenntnisse Eindruck zu machen, fanden bei den urwüchsigen Dorfkindern durchaus kein Verständnis; ein Nest mit jungen Feldmäusen war ihnen ungleich interessanter.

Nun saßen die fünf Damen unter dem Nußbaum, zum Maienkranz vereint. »Ich fürchte, wir werden bald Herbstastern sein anstatt Maiblüten«, scherzte Fränze.

»Ich wenigstens für mein Teil mache darauf noch keinen Anspruch«, sagte Änne spitz. Sie trug hellblaue oder rosenrote »Amibändchen« um den Hals und spielte sich noch immer gern als junges Mädchen auf.

»Schade, daß Hanna nicht mitkommen konnte!« bedauerte die Wirtin, die Stricknadeln an einem weißen Kinderstrümpfchen in Bewegung setzend. »Ich kann sie mir gar nicht als Fräulein Doktor vorstellen. Gibt es wirklich in Berlin Dumme, die Vertrauen zu einer Doktorin haben?«

»Aber freilich, Mariechen! Wir selbst gehören zu diesen ›Dummen‹. Hanna hat sich eine gute Praxis erworben und ist eine tüchtige und gewissenhafte Ärztin. Sie soll sich jetzt bei Tante Mathildes Krankheit wieder fabelhaft bewähren. Mariechen, du merkst hier unter Rosmarin und Thymian nicht, daß die Zeit weiter fortschreitet, wie die Entwicklung auf jedem Gebiete alle Hindernisse überwindet. Vorläufig sind die studierten Frauen ja noch Eintagsfliegen; aber wer weiß, ob unsere Kinder nicht schon ...«

»Fränze, wünschst du das in der Tat für dein reizendes Lottchen? Wenn ich noch ein Töchterchen haben sollte, ich wäre unglücklich, wenn sie solche unweiblichen Wege einschlüge«, ereiferte sich Mariechen. – »Lisabeth, wie denkst du darüber?« Selbst jetzt als Frau und Mutter war Mariechen noch daran gewöhnt, das Urteil ihrer Base Lisabeth wie früher für maßgebend zu erachten.

»Wenn meine beiden Mädchen imstande sind, etwas Tüchtiges zu leisten, wäre ich glücklich, wenn ihnen die Wege dazu nicht mehr versperrt wären«, sagte Lisabeth. »Ich selbst bin ja auch außerhalb des Hauses noch tätig.«

»Ja, aber doch bei einer weiblichen Beschäftigung, als Leiterin einer Kochschule. Wozu braucht man die überhaupt, Lisabeth? Jedes Mädchen lernt doch am besten zu Hause bei der Mutter kochen«, erkundigte sich Frau Mariechen.

»Nicht immer. Mütter sind öfters ungeduldig, Töchter unlustig. Oder die vorhandene Köchin zieht ein Gesicht, wenn das junge Fräulein ihr etwas verdirbt. Auch fehlen daheim der nötige Ernst, die erforderliche Strenge und gründliche Ausbildung, die bei jeder Tätigkeit notwendig ist. Und dann wird geheiratet, und wenn man einmal Pech mit der Küchenfee hat, dann sieht man erst ein, daß man nichts versteht und wie wichtig das Kochen für die Harmonie des Familienlebens ist. Wie oft kommen junge Frauen zu mir in die Kochschule, um einen Schnellkurs zu nehmen! Ich glaube, manches in die Brüche gehende Familienglück hat die Kochschule wieder fest zusammengekittet; denn die Liebe geht doch nun mal durch den Magen. Im nächsten Winter wollen wir Sonderkurse für Backen und Früchteeinlegen einrichten; auch soll ein Versuch mit theoretischer Nahrungsmittellehre gemacht werden.«

»Vielleicht melde ich mich dann auch als Schülerin bei dir, Lisabeth. Ich halte die Anleitung zur besten Ausnutzung der Lebensmittel für unbedingt notwendig für eine Hausfrau«, überlegte Fränze.

»Man ist alt wie 'ne Kuh und lernt immer noch zu«, pflichtete Gustchen lachend bei.

»Kinder, bleibt mir mit Kochschule und theoretischem Kram vom Leibe!« Die Gutsherrin hielt sich die Ohren zu. »Entweder man ist tüchtig und kann's, oder man lernt's nie. Wir hier in Neu-Trebbin brauchen keine Kochschule. Die Notwendigkeit ist unsere Lehrmeisterin. Warum hast du denn überhaupt Renate zu uns geschickt, wenn sie das alles in der Kochschule viel besser lernt?«

»In erster Linie wegen des gesunden Aufenthaltes auf dem Lande, sodann, weil meine liebe Base und Schwägerin Mariechen mir nicht nur als Gutsherrin und praktische Hausfrau vorbildlich erscheint, sondern auch als warmherzige, gemeinnützige Frau für ein junges Menschenkind charakterbildend ist.«

»Himmel, Lisabeth, hör auf! Du beschämst mich ja!« wehrte Frau Mariechen bescheiden ab.

»Wer ist denn die Seele von Neu-Trebbin? Wer hat Nähvereine für junge Mädchen gegründet, Musik- und Leseabende, an denen auch die Alten teilnehmen können? Wer hat die Krankenpflege hier ins Leben gerufen und für die unbeaufsichtigten Tagelöhnergören Kinderspielschulen eingerichtet? Ja, wer hat seinem Mann so lange in den Ohren gelegen, bis er von seinem Vorurteil, entlassene Strafgefangene in seiner Außenwirtschaft zu beschäftigen, abgegangen ist? Du siehst, ich bin gut unterrichtet, Mariechen, wenn du uns auch vormachen willst, du habest nichts weiter im Sinn, als Säuglinge zu wiegen und die Blümlein zu gießen.«

»Hör man bloß schon auf, Lisabeth!« Mariechen hielt der Base jetzt nachdrücklich den Mund zu. »Du bist ja eine ganz gefährliche Person geworden! Wir wollen lieber von etwas Interessanterem sprechen. Wenn wir Dorfleute mal Großstadtbesuch haben, wollen wir Neues hören. Über dich, Lisabeth, weiß ich Bescheid. Von Fränze habe ich in der Frauenzeitung ab und zu etwas gelesen. Manchmal erschien es mir ja offengestanden etwas zu weitgehend. Daß wir uns unsere Haushaltspflichten durch vielerlei Maschinen erleichtern sollen – unsere Hände sind und bleiben die beste Maschine. Und dann neulich der Artikel, daß der Mann nicht allein das Vorrecht auf Bildung und berufliche Stellung hat! – Fränzchen, bist du etwa auch unter die Umstürzlerinnen gegangen?« Ganz bekümmert sah Mariechen drein.

Frau Fränze lachte. »Beruhige dich, Mariechen! Ich bin noch eine von den ganz Zahmen. Für Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann im wirtschaftlichen und politischen Leben einzutreten, das überlasse ich kampftüchtigeren Frauen.«

»Im Witzblatt hat es neulich gestanden, daß die Frauen Gleichberechtigung und Stimmrecht in politischen Dingen beanspruchen. Mein Mann hat es mir lachend vorgelesen. Ich habe mich für meine Mitschwestern geradezu geschämt, daß sie sich derart lächerlich machen«, berichtete Gustchen. »Was verstehen wir Frauen denn von Politik!«

Allgemeines Gelächter erschallte. Wie sie so dasaß, die kleine, rundliche Frau, drei Stricknadeln durch den falschen Zopf gesteckt, da sie gerade beim Abketteln des Strumpfes war, ja, da erschien sie allerdings nicht als eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts, das Unabhängigkeit und politisches Stimmrecht beanspruchen konnte.

»Die Frau muß erst wissenschaftlich und politisch vorgebildet werden. Gustchen hat ganz recht, die meisten sind darin wie die Wickelkinder. Vielleicht ist es späteren Geschlechtern vorbehalten«, meinte Lisabeth nachdenklich.

»Gustchens Leben verläuft durch ihre ›alle Neune‹ wohl in ähnlichen prosaischen Bahnen, wie mein eigenes«, nahm die Wirtin wieder das Wort. »Nun hätte ich gern etwas von dir gehört, Änne. Wie geht es dir? Was treibst du nach dem Tode deiner Mutter? Fühlst du dich zufrieden?« Mariechens blaue Vergißmeinnichtaugen hingen teilnehmend an dem verblühten, einst so hübschen Gesicht der Freundin.

»Wie soll es mir gehen!« sagte Änne bitter. »Wenn man kein Vermögen hat, keinen Mann, der für einen sorgt ...«

»Dann muß man eben für sich selbst sorgen, wie es Hanna, Eva und Martha tun«, unterbrach Fränze sie lebhaft.

»Du hast gut reden!« Änne blickte mit schlecht verhehltem Neid auf die schöne Frau, aus deren Augen Glück und Zufriedenheit leuchteten.

»Ein jeder ist seines Glückes Schmied. Du selbst mußt aus deinem Leben mehr machen, Änne, es inhaltsvoller, bereichernder für dich und andere gestalten«, sagte Fränze aufrichtig.

»Wenn man Gnadenbrot bei Verwandten ißt, dürfte einem das schwer fallen. Da ist man doch nur besserer Schuhputzer und hat immer das Gefühl, daß sie noch obendrein Dankbarkeit für die Almosen erwarten.« Ännes blasse Wangen zeigten rote Flecken der Erregung. Wie bemitleidenswert kam sie sich unter all den glücklichen Freundinnen vor!

Frau Fränze entfaltete den mit dicken Schriftzeichen bedeckten Bogen Marthas. Dann las sie: » Carissime amiche! Das heißt: Liebste Freundinnen!«

»Du hättest deine Selbständigkeit nicht aufgeben dürfen, Änne«, sagte Lisabeth nachdenklich, »obgleich ich glaube, daß du dir auch im Hause deines Bruders einen dich und deine Umgebung befriedigenden Wirkungskreis schaffen könntest.«

»Natürlich, ich bin wieder schuld! Ich bin allein schuld an allem! Auf mir wird ja immer herumgehackt!« Änne war schon als junges Mädchen nicht sehr verträglich gewesen; jetzt hatte das Gefühl der vom Schicksal Zurückgesetzten diese Eigenschaft noch verschärft.

»Sei friedlich, Änne, hier in diesem wonnigen, idyllischen Frieden! Unser harmonisches Maienkränzchen darf nicht beeinträchtigt werden«, begütigte Fränze.

»Vorläufig lasse ich dich so bald nicht wieder fort, Änne«, sagte da Mariechen in ihrer warmen Art. »Mach mir die Freude und bleibe ein paar Wochen bei uns! Landluft und frische Milch werden dir guttun.«

Änne stieg es heiß in die Augen. Sie schämte sich ihrer häßlichen Worte. Gab es wirklich noch jemand, der sie haben wollte, dem sie eine Freude durch ihr Dasein machte? Stumm schlug sie in Mariechens dargebotene Hand ein.

Schweigen war unter dem Nußbaum eingetreten. In den frischgrünen Zweigen schlug eine Drossel. Von der Bleichwiese schallte das Jauchzen der Kinder herüber, die Drachen in die Frühlingsluft steigen ließen.

Frau Mariechen zog aus dem Strickkörbchen zwei Briefe. Der eine zeigte fremdartige Marken. »Aus Weimar und aus Florenz, an das Maienkränzchen, zu Händen von Frau Marie Küttner, Neu-Trebbin, adressiert. Ich habe die Briefe natürlich noch nicht geöffnet. Jetzt wollen wir sie gemeinsam studieren, zuerst Eva Nikolais Zeilen. Sie schreibt nur kurz.«

»Liebes Maienkränzchen!« begann Frau Mariechen vorzulesen. »Eigentlich hoffte ich heute, unter Euch bei Vogelsang und Frühlingsblumen den Pfingst- und Taufkuchen zu verzehren. Wirklich, ich hatte mich darauf gefreut, Euch alle wiederzusehen. Aber meine Mädel haben mich bestürmt, mit ihnen über die Pfingsttage einen Ausflug nach Schloß Dornburg zu unternehmen. Ich kann sie nicht enttäuschen; denn ich habe ihnen so viel von diesem weltabgeschiedenen Rokokoschlößchen hoch über der silbernen Saale erzählt, in dem Goethe und Karl August die schönsten Stunden ihrer Freundschaft verlebten, daß sie sich nicht länger vertrösten lassen wollen. Im Grunde freue ich mich natürlich über das Interesse meiner Mädel. Fast bei allen erziele ich gute Erfolge in der Bildung von Geist und Gemüt. Was ist das für ein erhebendes Gefühl, die jungen Menschen mit dem Leben und den Werken der großen Männer, die hier in Weimar gewandelt, bekannt zu machen, ihnen die Liebe und Ehrfurcht vor den Besten unseres Volkes ans Herz zu legen! Will denn keine von Euch mal Weimars durch Tradition geheiligten Boden betreten? Wann sind Eure Küken so weit, daß Ihr sie mir anvertrauen könnt? Für den Täufling und seine lieben Eltern meine wärmsten Wünsche! Ich hoffe, daß es Euch allen so gut ergeht wie Eurer zu Euch hindenkenden Eva Nikolai.«

Eine Pause trat ein. Jede fühlte sich im Geist mit der fernen Freundin vereint.

»Ein reiches, beglückendes Leben!« gab Fränze schließlich als erste ihren Gedanken Ausdruck. »Ob man die eigenen Kinder oder fremde zu vollwertigen Menschen heranbildet – die Entwicklung des werdenden Geschlechtes stellt große Aufgaben an die Erzieherin, heute mehr als früher.«

»Wenn mein Lenchen eingesegnet ist, schicke ich sie sicher zu Eva in Pension, damit sie dort Bildung lernt«, äußerte Gustchen, der Fränzes Ausführungen zu hoch waren.

»Weimarer Luft zu atmen, kann keinem jungen Menschen schaden. Vielleicht gebe ich meine beiden auch mal hin«, überlegte Lisabeth.

»Vorläufig schlagen sie drüben auf der Wiese noch Purzelbaum«, sagte Mariechen lachend. »Nun der italienische Brief, was ist der weit gereist! Lies du, Fränzchen!«

Frau Fränze entfaltete den mit dicken Schriftzeichen bedeckten Bogen. Neben der zierlichen Schrift von Eva Nikolai wirkte er merkwürdig. »Ich glaube, Martha hat mit dem Pinsel anstatt mit der Feder geschrieben.« Dann las sie:

» Carissime amiche! Das heißt: Liebste Freundinnen! Gut, daß wir das Maienkränzchen ab und an als Markstein auf unsern Lebensweg gesetzt haben. Trotzdem wir nicht beisammen sind – man denkt doch wieder mal an die Gefährtinnen der Jugendtage und hört voneinander. Wenn das Fliegen jemals erfunden werden sollte, stelle ich mich vielleicht auch mal wieder in Person zum Maienkränzchen ein. Vorläufig ist die Eisenbahnfahrt über die Alpen allzu lang. Wie es mir hier geht in dem Gelobten Lande Italia? Glänzend! Ich schaue von meinem Tuskulum auf die Kunststätten von Florenz hernieder und vereinige Raffaels und Michelangelos unsterbliche Werke mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Mariechen, höre und staune: Ich bin ebenfalls unter die Selbstversorger gegangen! Zu meinem Reiche gehören Olivenhaine, Weinberge und Maisfelder. Wir erzeugen selbst Öl und Wein, das heißt, die Bauern tun das für mich. Sogar eine Ölmühle habe ich, die von Mauleseln getrieben wird. Lieber habe ich mit Mauleseln zu tun als mit toskanischen Bauern; erstere sind unbedingt weniger störrisch. Auch Banditen gibt es hier noch. Ohne Pistole kann man sich nicht allein in die Berge wagen. Im Winter male ich Raffaelsche Madonnen – verkaufe auch mal eine – und hacke mein Winterholz eigenhändig, denn der ewige Sommer in Italien ist ein Märchen. Wir haben hier in Florenz sogar schon Schnee gehabt. Außerdem habe ich noch Pensionäre: Malerjünglinge und Malweiblein, eine ganze Kolonie. Etwas Bohemien-Wirtschaft! Unsere akkurate Lisabeth würde wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber meinen braven Giuseppe, der bei mir Mädchen für alles ist, ficht das nicht weiter an. An der Grenze meines Reiches steht eine gewaltige Zypresse als Wächter. Findet keine von Euch mal den Weg hinauf zu mir? Ihr braucht nur nach Martha, la Tedesca, das bedeutet die Deutsche, zu fragen, dann zeigt Euch jedes Kind den Weg.

Also Deiner Einladung zum Maienkränzchen und zur Taufe kann ich leider nicht nachkommen, Mariechen. Welcher wird denn getauft, der vorletzte oder der letzte? Und nun molti saluti – viele Grüße – für den ganzen Maienkranz! Schreibt mal Eurer Martha, la Tedesca

Frau Fränze schlug vor, den Brief Marthas nachher gemeinsam zu beantworten und auch an Eva und Hanna zu schreiben. »Was hat die Martha für ein merkwürdiges Leben da oben in den toskanischen Bergen! Halb kultiviert, halb unzivilisiert. Ordentlich Sehnsucht habe ich bekommen, das alles auch mal mit meinen Augen zu schauen.« Nachdenklich blickte Frau Fränze in das lichtgrüne Nußbaumgezweig.

»Mich kann das nicht reizen«, lehnte das umfangreiche Gustchen ab. »Selbst Holz hacken und nicht mal Sommer, wenn es bei uns Winter ist, was bleibt dann eigentlich an Italien! Und eine nette Wirtschaft scheint das ja bei ihr zu sein!«

»Ich habe ihr damals nach dem Tode ihrer Eltern geschrieben, ob sie denn nicht wieder nach Deutschland zurückkommen will. Sie muß doch gar kein vaterländisches Gefühl haben, daß sie im fremden Lande geblieben ist unter Bauern und Mauleseln.« Im Grunde fand Änne das Leben der Jugendfreundin eigentlich beneidenswert; aber da es nicht ihr eigenes Leben war, mußte sie es heruntersetzen.

»Malerjünglinge und Malerinnen sind ja auch noch dabei, Änne. Vielleicht können dich die mehr reizen als Maulesel«, neckte Lisabeth.

»O je, mir ist ganz wirr im Kopf geworden von ihrer Beschreibung!« sagte Mariechen kopfschüttelnd. »Denkt doch man bloß, die Martha da mutterseelenallein mit ihren störrischen Bauern und Eseln mitten im fremden Land! Und ohne Mann treibt sie allein dort Landwirtschaft! Und Pistolen trägt sie! Nie hätte ich die Martha für so unweiblich gehalten.«

»Sie hat sich unter andern Verhältnissen zu einer selbständigen, starken Persönlichkeit entwickelt. Wer weiß, ob sie hier in Deutschland die Möglichkeit dazu gehabt hätte!« erklärte Fränze.

»Jetzt muß ich aber erst mal nach meinem Spargel sehen, Kinder«, unterbrach die Hausfrau prosaisch die Unterhaltung; »sonst haben wir heute abend kein Abendbrot. Renate wird wohl schon beim Spargelstechen sein.«

»Wir helfen.« Auch die Freundinnen erhoben sich.

»Das ist nicht so einfach, Kinder; jedes Ding will gelernt sein. Euch Großstadtdämchen wird bald genug der Buckel weh tun«, sagte die Landfrau lachend.

Während man über den Gutshof schritt, vorbei an dem gemütlichen Fachwerkhaus mit dem Storchennest auf dem Ziegeldache, über den Wirtschaftshof mit den Stallungen zum Nutzgarten, als Frau Fränze in Mariechens Blumengarten zu trällern begann: »Rosmarin und Suppenkraut blühn in meinem Garten«, da zerrann der südländische Spuk von Zypressen und Olivenwäldern, von florentinischer Kunst und italienischen Banditen, den Marthas Brief heraufbeschworen hatte.

Renate war auf den Spargelbeeten schon bei der Arbeit. Frau Mariechen machte sich sogleich kunstgerecht mit ans Werk. Weiß wie Glas war der Spargel. Auch die Freundinnen, die sich ihres Nichtstuns schämten, legten mit Hand an. Gustchen pustete nicht schlecht dabei.

Frau Mariechen rief lachend: »Fränzchen, du köpfst ja den schönsten Spargel! – Lisabeth, du mußt unbedingt einen Kurs für Spargelstechen in deiner Kochschule einrichten. – Ja, Änne, wenn du so fest eingeschnürt bist, kannst du keine Gartenarbeit machen! – Gustchen, hör auf! Du kriegst einen Herzschlag.« Das war ein Lachen auf den Spargelbeeten, als ob man sich wirklich noch im Mai des Lebens befände.

»Jetzt muß ich aber erst mal nach meinem Spargel sehen,« unterbrach Frau Mariechen prosaisch die Unterhaltung der Freundinnen.

Wie mundete aber auch am Abend der selbstgestochene Spargel mit den Eiern eigener Hühnerzucht! Und als die Gören alle glücklich im Bette waren, der Täufling nichtsahnend dem wichtigen Tage entgegenschlief, als man noch Arm in Arm durch grillendurchzirpte, frischduftende Wiesen schlenderte, da empfand es eine jede von ihnen: Was man auch im Laufe des Lebens für Freundschaften schließt – so fest gefügt, so herzerwärmend wie Jugendfreundschaft ist keine andere mehr.

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