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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
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Zwanzigstes Kapitel

Hochzeit im Tabakhaus

Ordentlich jung war das alte Doussinsche Haus geworden. Mit einem neuen, gelben Kalkkleid hatte es sich zum Frühling herausgeputzt. In seinen Adern pulsierte geschäftiges Leben. Zwei Bräute barg es in seinen Mauern, doppeltes Glück umschloß es; beide Töchter der Firma hatten den Lebenskompagnon gefunden.

Erfreut waren die Eltern durchaus nicht gewesen, als Fränze ihnen an jenem Septembertage ihre Verlobung mit Doktor Bruno Kruse als fertige Tatsache mitteilte. Sie hatten sich vollständig in den Gedanken eingesponnen, ihre Älteste als Gattin an der Seite des jungen Teilhabers der Firma zu sehen. Eigenmächtige Verlobung, ohne die Eltern vorher um Erlaubnis zu fragen, das war auch wieder eine von den neumodischen Sitten. Wer hätte das früher gewagt in der guten alten Zeit! Da hatten die Eltern den Bräutigam ausgesucht, und das Töchterchen hatte ja und amen dazu zu sagen. Heute schien das umgekehrt. Ob es auch besser war?

Als aber Fränzes Eltern das tiefinnerliche Glück ihrer Ältesten sahen, das ihr aus den Augen leuchtete, söhnten sie sich mit deren Wahl aus und öffneten dem Schwiegersohn Haus und Herz. Sie hatten ja auch allen Grund dazu. Bruno Kruse war ein zuverlässiger, charaktervoller Mensch, der ihres Kindes würdig war. Vom Sohne des langjährigen Hausarztes wußte man, daß er aus gutem Boden stammte. Die Doussins hielten noch an dem Grundsatz fest, nicht nur zu sehen, wer man war, sondern auch, woher man kam. Von dem jungen Kruse sprach man übrigens bereits in wissenschaftlichen Kreisen; er hatte sich schon einen Namen auf dem Gebiete der Elektrotechnik gemacht, und man prophezeite ihm eine Zukunft.

Keine war wohl glücklicher über Fränzchens Verlobung als Klärchen. Zu ihrer Ehre muß aber gesagt sein, daß sie dabei in erster Linie an das Glück der Schwester dachte, erst in zweiter an das eigene, das aus verschwommener Ferne jetzt Gestalt annahm und greifbar näher kam. Herr Weber schien nicht allzu betrübt darüber, daß ein anderer ihm Doussins Älteste weggeschnappt hatte; die Zweite war doch eigentlich viel weiblicher, tüchtiger im Haushalt und vor allem liebenswürdiger gegen ihn.

Luchen und Huchen waren ebenfalls sehr einverstanden mit dem neuen Schwager; seine elektrischen Experimente interessierten sie schon seit langem brennend. Wenn er allabendlich im Doussinschen Hause erschien, belagerten sie ihn begeistert mit tausend Fragen, durchaus nicht immer zur Begeisterung des Brautpaares.

Unten in dem langgestreckten Tabakladen, in den dunkeln Kontorräumen mit den auch am hellen Tage brennenden Messinglampen, in der Kantine, wo die Arbeiter warmes Essen erhielten, dort war man mit der Verlobung gar nicht so recht einverstanden. Bis hinunter zu dem Ladenjungen Fritze Piesecke hatten sie in dem neuen Teilhaber bereits auch den Schwiegersohn der Firma gesehen. Sie hatten sich getäuscht, und das verdroß sie. Eine Kaufmannstochter hat Verpflichtungen gegen ihr altrenommiertes Haus. Solch ein studierter Herr, das war doch bloß ein Hungerleider, der nichts vom Geschäft und nichts von der Fabrik verstand! Und einen kleinen Webefehler hatte er noch obendrein vom Kriege her. Nee, Fränze Doussin hätte einen ganz andern kriegen können!

Wie Mine früher stets die Partei der Doussinschen Kinder bei den Eltern ergriffen hatte, so auch jetzt den Arbeitern der Firma gegenüber. Beim Essenausteilen in der Kantine hielt sie die reinsten Volksreden. »Was Madam Doussin is und meine Wenigkeit, na ja, wir haben uns ja auch was anderes vorjestellt. Aber der Mensch denkt, und der Kutscher lenkt. Wir waren eben schief jewickelt, und unser Fränzeken weiß, was se tut. Was unser Bräutjam is, is 'n ordentlicher Mensch und 'n anständiger Mensch, und jlücklich machen wird er ihr, wenn er ooch uff de Pedale nich janz richtig is.« –

Im Doktorhause bei Kruses hatte die Verlobung allgemeine Freude ausgelöst. Bruno hätte dem Vater kein lieberes Schwiegertöchterchen zuführen können; kannte Doktor Kruse Fränze Doussin doch von ihrem ersten Schrei an. Er hatte ihre körperliche und geistige Entwicklung beobachtet, sie behüten helfen. Keiner kannte Fränzchen mit all ihren liebenswürdigen Eigenschaften so gut wie ihr alter Hausarzt.

Bernhard, mit dem sie sich noch aus Kindertagen duzte, während sie als Backfisch bei Bruno das kameradschaftliche Du merkwürdigerweise mit dem förmlichen Sie vertauscht hatte, war ganz aus dem Häuschen über seine reizende Schwägerin. »Junge«, sagte er zu dem Bruder, »Mensch, du weißt ja gar nicht, was du für einen Dusel hast, daß du solch eine prächtige Frau kriegst!«

Aber Bruno wußte das selbst am besten zu würdigen.

Sogar Tante Mathilde und Moppel billigten Brunos Wahl. Der Tante Herz hatte sich Fränze zugewandt, als die junge Braut die lange, schmale Hand der alten Dame mit den spitzen Fingern ehrerbietig an die Lippen zog, als sie bewundernd vor Tante Mathildes ganzem Stolz, ihrem blauen Fliegengazeschrank mit Einmachgläsern, Kruken und Riesensteintöpfen, in Reih und Glied nach Jahrgängen geordnet, stand. Die Jugend war doch noch nicht ganz verwildert; da sah man noch die gute Kinderstube.

Moppel hatte das neue Familienmitglied erst argwöhnisch beschnuppert. Durch ehrerbietigen Handkuß und Bewunderung von Vorratsschränken, wie seine Herrin, war er nicht zu fangen; nein, er sondierte erst gewissenhaft, wen man ihnen da ins Haus brachte. Aber auch Moppels eingehendster Beobachtung konnte Fränze standhalten. Sie warf ihm nicht nur die Wurstpellen und abgenagten Knochen zu, sondern ließ auch mal ein Stückchen Fleisch daran. In ihrem Perlbeutelchen befand sich meistens ein Stückchen Zucker für ihn. Sie bewarb sich unbedingt um seine Gunst, klopfte sein graubraunes kurzes Fell und streichelte ihn liebevoll, als ob er der Bräutigam wäre und nicht Bruno. Auch Moppel gab also seinen Segen zu der Verbindung.

Von Hanna traf aus Zürich ein Glückwunschschreiben ein, das begann:

Bin von Herzen erfreut,
Weiß es nicht erst seit heut',
Daß der Bruno gern Fränze genommen;
Das sah ich lange schon kommen.

»Wir haben die Rollen getauscht; Hanna ist unter die Dichter gegangen«, sagte Fränze lachend, und sie erzählte ihrem Verlobten von ihren heimlichen schriftstellerischen Ergüssen auf dem Tabakboden, wo sie den nie vollendeten Roman »Ein unverstandenes Mädchen« begonnen hatte.

Lächelnd zog Bruno aus seiner Brieftasche ein rosenrotes, schon arg verknittertes Blättchen. Jenes Akrostichon war es aus der Tanzstunde, das sie ihm einst als Vielliebchen gewidmet hatte. Aber noch andere Blätter mit mathematischen Berechnungen und Bleistiftskizzen flatterten aus der Brieftasche heraus. Eine neue Welt ging da vor Fränze auf, als Bruno ihr zu den unverständlichen Linien und Zahlen die Erläuterungen gab. Räder, Spulen und Hebel setzten sich zu Maschinen zusammen, die elektrischen Strom erzeugen sollten. Wie man diese Maschinen für das volkswirtschaftliche Leben ausnutzen, daß man sie zur Triebkraft für Beförderungsmittel, für Beleuchtungskörper machen könne, erklärte er seiner Braut. Fränze schwirrte der Kopf, als ob all die Maschinen mit ihren Spulen darin surrten. Ein elektrisches Beförderungsmittel – wo man so stolz auf die erste Berliner Pferdebahn war, wo man es schon zu einer durch Dampf getriebenen Eisenbahn gebracht hatte! Sie konnte es nicht fassen. War Bruno nicht ein Phantast?

Daß es aber auch einen elektrischen Fernsprecher geben sollte, durch den man einen an einem ganz andern Orte Befindlichen deutlich hören und sich ihm ebenso verständlich machen konnte, ohne ihn zu sehen, nein, das wollte noch weniger in Fränzchens Kopf. Sicher hielt Bruno sie damit zum Narren. Obgleich er erzählte, daß er selbst mit seinem Lehrer Helmholtz an einer Verbesserung eines solchen »Telephons«, die eine allgemein praktische Ausnützung desselben ermögliche, arbeite – Fränzchen glaubte es nun einmal nicht; es klang zu unwahrscheinlich.

Jetzt hatte man aber gar keine Zeit, an etwas anderes zu denken als an Tisch- und Bettzeug, an Klöppeleinsätze und selbstgehäkelte Kopfkissenecken, an rotgepreßte Plüschmöbel, Nußbaumbüfetts, Kristall- oder Bronzekronen. Madam Doussin schwirrte der Kopf. Im Hinterzimmer surrte von morgens bis abends die Nähmaschine. Eine junge Kraft ließ das Rad laufen, die Nadel durch das Linnen sausen, während Mamsell Letius das Leinen zuschnitt und sorgsam mit der Hand die Stickereien und Häkeleien aus dem Hamsterkasten des fleißigen Klärchens verarbeitete.

Klärchen hatte immer dasselbe haben müssen wie Fränze. Schon als kleine Mädchen hatten sie stets die gleichen Puppen erhalten. Auch gleiche Kleider trugen sie meistens. Warum sollte Klärchen nicht auch einen Bräutigam haben, wenn Fränzchen einen hatte? Robert Weber sah das nicht ein. Unter dem Weihnachtsbaum gab es die zweite Verlobung im Doussinschen Hause, diesmal zur vollen Befriedigung des ganzen Kaufmannshauses.

Madam Doussin wußte nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. In ihrem Heiligtum, in der guten Stube mit den sorgsam von Nesselüberzügen geschützten pfaublauen Damastmöbeln, sah es wie auf der Leipziger Messe aus. Dort lag die Aussteuer der Doussinschen Töchter aufgestapelt. Frau Doussin setzte ihren ganzen Stolz darein, den Kindern ihre fürsorgliche Liebe in soundso vielen Dutzenden Handtüchern und Servietten zum Ausdruck zu bringen. Klärchen hatte brennendes Interesse für alle Palmen- und Sternmuster der Damastgedecke, während Fränzchen, die ihre Volksküchenpflichten nicht vernachlässigen mochte, sich dabei ganz auf Mutter und Schwester verließ. Nur bei Einrichtung des eigenen Nestes machte sie ihre Wünsche geltend. Am Kupfergraben, hinter dem Kastanienwäldchen, lag es, unweit von Brunos Laboratorium. Vier Zimmer umfaßte es, hatte den Blick auf das Kastanienwäldchen und von der guten Stube aus über die Spree hinweg eine freie Aussicht auf das graue Kaiserschloß bis zu dem alten Dom.

Manchen Kampf hatte Fränze bei der Einrichtung ihres Nestchens mit der tatkräftigen Mutter auszufechten. Madam Doussin vertrat den Standpunkt, daß sie als Mutter es besser wissen mußte, in welcher Umgebung sich das junge Paar heimisch und wohl fühlen konnte. Klärchen erkannte die mütterliche Überlegenheit auch restlos an und war von allem begeistert, was Muttchen für richtig hielt und aussuchte. Modern, aber doch gediegen und praktisch mußte alles sein, so, wie sie es zu Hause vor sich gesehen hatte. Fränze aber, die sich bei der Wäscheausstattung ganz gleichgültig verhalten hatte, machte jetzt merkwürdigerweise beim Möbeleinkauf eigene Wünsche geltend. Sie wollte nicht diese schablonenhafte Einrichtung, die alle hatten. Ihr Heim sollte persönlichen Geschmack tragen.

Als die Kastanien drüben am Kastanienwäldchen ihre rosa und weißen Blütenkerzen entzündeten, war das junge Nest fix und fertig. Hell und freundlich schaute es aus, ohne jeden überflüssigen Prunk. Da sah Klärchens junges Heim, das im ersten Stockwerk des Doussinschen Hauses eingerichtet war, doch viel eleganter aus. Robert Weber gab etwas auf Äußeres; sein Heim mußte die Firma repräsentieren.

Der Pfingstsonnabend nahte. Maienkränzchen und zugleich Doppelhochzeit brachte er dieses Jahr. Der Bohnenkaffee mit allen Freundinnen, soweit sie in Berlin anwesend waren, fand bereits einige Tage vorher statt.

Sieben Jahre waren vergangen, seitdem das Maienkränzchen gegründet worden war. Was hatte das Leben aus allen zur Entfaltung strebenden Menschenblüten gemacht? Drei Bräute! Die dritte im Bunde war Mariechen Dorfmüller aus Neu-Trebbin, die nach der Ernte auf dem Küttnerschen Gut als junge Herrin ihren Einzug halten sollte. Hermann Küttner hatte das väterliche Anwesen übernommen. Wo konnte er eine liebevollere Lebensgefährtin, eine tüchtigere Gutsfrau finden als in der Jugendfreundin, in Kantors Mariechen? Etwas schmaler war sie geworden, nicht mehr ganz so rundlich und pummelig wie einst. Berlin, wo sie ihre Aussteuer ergänzen und den Möbeleinkauf mit der Doussinschen Doppelhochzeit verbinden wollte, strengte das Landkind arg an. Natürlich wohnte Mariechen wieder bei den Verwandten, bei Professor Körners. Sie konnte sich nicht genug darüber wundern, wie sich Base Lisabeth in den letzten Jahren verändert hatte. Geradezu als Landpomeränzchen kam sich Mariechen der Base gegenüber vor. Lisabeth war im Pestalozzi-Fröbelhaus bei der Ausübung sozialer Pflichten, beim Zusammenwirken mit hochgesinnten Menschen zu einer in sich gefestigten Persönlichkeit herangereift. Voll befriedigt erschien sie durch ihre gemeinnützige Tätigkeit, innerlich ausgefüllt und voller Schaffensfreude.

Wie anders wirkte Änne Wilke neben ihr! Unlustig, unzufrieden war schon der Ausdruck ihres eigentlich noch immer hübschen Gesichtes. Trübe blickten ihre Augen, wohl von heimlichen Tränen oder von heimlicher Nadelarbeit bis spät in die Nacht. Sie machte kein Hehl daraus, daß sie ein Stiefkind des Schicksals sei, und beneidete die Freundinnen, denen es besser ging als ihr selbst. Lisabeth gab sich getreulich Mühe, sie davon zu überzeugen, daß sie sich eine andere Lebensstellung erringen müsse; ja, sie bot ihr die Hand dazu. Kurse für Weißnäherei sollten im Pestalozzihause eingerichtet werden. Wenn Änne sich ernsthaft damit befassen würde, konnte sie ihr vielleicht zu einer Anstellung dort verhelfen. Aber Änne verhielt sich den wohlgemeinten Vorschlägen gegenüber ablehnend. Was wußte Lisabeth von Standesbewußtsein! Eine Hauptmannstochter und Wäsche nähen – undenkbar! Lieber hungerte man sich durch das Leben durch. –

Frau Gustchen war eine glückliche junge Frau geworden. Froh und zufrieden war sie schon in dem engen väterlichen Heim gewesen; unermüdlich fleißig war sie auch jetzt noch, wo sich ihr Wohlstand hob. Eine Möbelfabrik hatte ihr Mann errichtet. Die Einrichtung von Fränze und Klärchen stammte zum größten Teil aus seiner Werkstatt. Auch einen strampelnden, drei Monate alten Sprößling nannte Frau Gustchen bereits ihr eigen. Ihr Gesicht leuchtete vor glücklichem Mutterstolz, als sie berichtete, wie gut der Kleine gedieh.

Hanna Kruse war zur Hochzeit des Bruders und der Freundin aus Zürich gekommen. Sie steuerte bereits auf den Doktor los. Mit Fränze fand sie sogleich den altvertrauten Ton wieder. Auch in Lisabeth fühlte sie eine gleichgestimmte Seele, aber den andern im engen Kreise Wurzelnden war sie entwachsen. Sie fand den Anschluß nicht mehr so recht zu ihnen. Mariechens Überlegungen mit Klärchen, ob es geraten sei, das Eßservice in der Königlichen Porzellanmanufaktur zu kaufen, interessierte sie nicht, ebensowenig das Rezept zu dem wohlgelungenen Bohnenkuchen, das Gustchen gern haben wollte. Änne Wilkes Erzählungen früherer Balltriumphe, in denen diese sich noch nachträglich sonnte, reizten ihre Lachmuskeln. Sie selbst aber wirkte nicht weniger lächerlich auf die daheimgebliebenen Freundinnen. Nein, war die Hanna Kruse emanzipiert geworden! Die Haare trug sie wie ein Junge kurz geschnitten. »Tituskopf« nannte sie diese unweibliche Frisur. Geradezu schauderhaft! Schöne Zöpfe waren doch der Schmuck eines jeden Mädchens. Bequem mochte es ja sein, na ja, aber schön war es wirklich nicht, ebensowenig wie Hannas sonstiges Äußere. Reformkleidung trug Hanna Kruse, kein Korsett, keinen Kragen. Wie in einem Sack steckte sie in ihrem losen Kleide, ohne Markierung der Taille, die man doch jetzt wespenartig dünn schnürte. Selbst Fränze und Lisabeth mußten sich an Hannas fremdartige, ungewohnte Erscheinung erst gewöhnen. Aber deren frische, zielbewußte Art, die so fesselnd von der Schweizer Universität, von dem oft recht schwierigen Sichdurchsetzen bei Professoren und Studenten zu berichten wußte, ließ ihr Äußeres schnell vergessen.

Tante Mathilde kam weniger rasch darüber hinweg. Sie und Moppel hätten Hanna am liebsten verleugnet. Nein, Tante Mathilde konnte die Freude und den Stolz ihres Schwagers und der Neffen über die Heimgekehrte durchaus nicht verstehen. Moppel teilte getreulich Tante Mathildes Gefühle und kläffte Hanna feindselig an.

Der Bohnenkuchen war zerschnitten. Mit vor Erregung kreisförmigen roten Flecken auf den Wangen verfolgte Änne Wilke das Schicksalsmesser. Würde sich ihr das Glück noch einmal zuwenden?

Nein, Lisabeth trug das Stück mit der eingebackenen Bohne davon. Sie war dem Volksglauben nach die nächste Braut aus dem Freundinnenkreise. Neidisch blickte Änne auf das verhängnisvolle Stück Kuchen. Gar keinen Eindruck machte es auf die glückliche Besitzerin; nur übermütiges Lachen löste es aus. Die Heiterkeit wuchs noch, als Hanna ein Zigarettenetui aus der Tasche zog, es den Freundinnen im Kreise herum anbot und sich, da man lachend und sich schüttelnd ablehnte, mit ruhiger Selbstverständlichkeit solch ein papierenes Ding anzündete, den Dampf in die Luft paffend. Nein, so etwas hatte man doch noch nicht gesehen, daß eine Dame rauchte!

Eva Nikolai schrieb aus Weimar, wo sie seit einem Jahr an einer Töchterschule als Lehrerin angestellt war. Sie meldete sich gewissenhaft zum Pfingstsonnabend an. Als getreue Maienkränzlerin durfte sie unter den Brautjungfern nicht fehlen.

Aus Florenz war die Antwort auf die Hochzeitseinladung ausgeblieben. Martha Leuchter war nie allzu pünktlich. Mit ihrem Erscheinen konnte man bei der großen Entfernung natürlich nicht rechnen.

In strahlender Bläue, wie es sich gehörte, kam der Pfingstsonnabend heran. Vom Dom läuteten die Glocken. Ihr Klang wogte über das junge Frühlingsgrün des Lustgartens, zitterte bis in die Heilige-Geist-Straße hinein.

Vor dem alten Tabakhause standen die mit weißem Atlas gepolsterten Brautwagen. Ein roter Läufer versuchte, dem großen Hausflur, durch den sonst die Rollwagen ratterten, etwas Festliches zu geben. Arbeiter und Geschäftspersonal hatten Spalier gebildet, Gassenjugend drängte sich dazwischen; denn in der ganzen Gegend wußte man es, daß Doussins beide Töchter am Pfingstsonnabend Hochzeit machten. Oben drückte Frau Doussin weinend ihren beiden Mädeln den von den Myrtenbäumchen am Fenster gewundenen Kranz in das Haar. »Alle beide auf einmal!« schluchzte sie, trotzdem sie sich an diese Tatsache schon hätte gewöhnen müssen.

Vater Doussin zog nervös die Uhr. Pünktlich, wie es Töchtern des altrenommierten Kaufmannshauses zukam, rauschten die spitzenbesetzten Atlasschleppen über den roten, bis zum Wagen gelegten Läufer.

Man reckte die Hälse. »Ah!« Bewunderung ging durch die Reihen der Zuschauer. Fränze Doussin war eine holdselige Braut, ein wenig blasser als sonst, aber die Augen so blau und leuchtend wie der Frühlingshimmel. Erst als das Brautbukett mit der weißen Spitzenmanschette im Halter verstaut war, dachte Fritze Piesecke daran, »Hurra!« zu rufen. Die Gassenjugend fiel im Chor ein. Und aufs neue »Hurra!« Diesmal galt es nicht nur der jüngeren Tochter des Hauses, sondern mehr noch dem stattlichen jungen Chef der Firma, der sein sittsam zu Boden schauendes Klärchen am Arm führte.

Auch vor den Steinstufen des Domes stauten sich die Schaulustigen, meistens Kindermädchen mit ihren Pfleglingen aus dem nahen Lustgarten. Aber da – da war ja der alte Invalide von der Sechserbrücke, der den Brückenzoll einzog, dem Fränze so manchen Teller Löffelerbsen in der Volksküche verabreicht hatte! Er präsentierte seine Krücke wie ein Gewehr, als das Brautpaar vorüberschritt.

Die Brautjungfern, Rosenkränze im Haar, erwarteten die Freundinnen bereits in der Sakristei. In Hannas Jungenstolle nahm sich der Blumenschmuck recht drollig aus. Fränze bemerkte nichts davon; sie wußte auch nicht, daß es Eva Nikolai war, die sie küßte. Wie durch einen Schleier sah sie sich bewegende Menschen, hörte sie das Summen von Stimmen. Den Sinn der Worte erfaßte sie nicht. Ihr Herz war ganz erfüllt von dem Gefühl der Dankbarkeit gegen die Eltern, die sie bis heute geleitet, von der Liebe zu ihrem Manne, dem sie das Glück bedeutete. Erst als Orgelklang hell und jubelnd ertönte, da zerriß endlich die Benommenheit. Blumenstreuende Kinder voran, gefolgt von den Brautjungfern, so schritten die jungen Paare zum Altar.

Ringwechsel, das bedeutungsvolle Ja, das zwei Menschenleben aneinanderband, Rührungstränen und Tantenküsse. Dann saß man wieder in den Wagen. Zur Therbourgschen Ressource ging es. Dort, wo sich bei der Tanzstunde die ersten zarten Fäden zwischen Bruno und Fränze gesponnen hatten, fand das Hochzeitsmahl statt.

Die Mitte der im Hufeisen gedeckten Tafel bildete ein besonderer Tisch, gewiß für die Brautjungfern und ihre Kavaliere. Aber nein! Tante Mathilde reckte ihre schmale Gestalt in dem silbergrauen Taftkleide noch höher, griff sogar nach dem Stilglas. Was waren denn das für Menschen, die da Platz nahmen? Gehörten die zur Hochzeitsgesellschaft?

Das langjährige Doussinsche Personal war zur Hochzeit der Kinder des Hauses geladen. So wollte es die Überlieferung und Sitte der alten Firma. Da war Böttcher Flinz, der sonst Kisten und Tabakfässer zusammenschlug, da war Kutscher Hermann, der Paketschläger, von den Doussinschen Jungen »blauer Julius« genannt, heute alle feierlich im schwarzen Bratenrock. Da war die sommersprossige Emma, welche die Tabaksoße kochte, die Priemwicklerinnen und die Zigarrenarbeiter. Da sah man Hausdiener und Ladenpersonal. Sogar der Ladenjunge, Fritze Piesecke, war auf Fränzes Wunsch geladen. Die blatternarbige Mine hatte den Vorsitz am Leutetisch.

Fränze Doussin war eine holdselige Braut, ein wenig blasser als sonst, aber die Augen so blau und leuchtend wie der Frühlingshimmel.

Rührend war es, nachdem die offiziellen Reden und das Tafellied »Am grünen Strand der Spree« verklungen waren, als Böttcher Flinz sich umständlich erhob und behutsam an das Glas schlug. Sonst war er gewöhnt, derber zuzuschlagen. In schwerfälligen Worten brachte er die Wünsche des Doussinschen Personals zum Ausdruck, dankte vor allem Fräulein Fränzchen, der die Sorge für das Wohl der Arbeiter immer besonders am Herzen gelegen war, in unbeholfenen, aber warm empfundenen Worten.

Für Fränze war es die schönste Rede, die man ihr zu Ehren hielt.

Die von Onkel Wilhelm verfaßte Hochzeitsaufführung, in der alle Maienkränzlerinnen als Schauspielerinnen auftraten, weckte Stürme der Heiterkeit. Besonders Fränzchen, Onkel Wilhelms Liebling, ging es dabei an den Kragen. Da erschien zuerst Rosa Immergrün, Dichterin auf dem Tabakboden. Sie zerbrach sich darüber den Kopf, ob es besser sei, Romane zu schreiben oder Erbssuppe unter das Volk auszuteilen. Ein Maienkränzchen unter der Linde in Pankow tagte mit viel Kuchen und frauenrechtlerischen Reden. Die dritte Szene zeigte die Volksküche. Dann sah man Doktor Fausts Hexenküche, in der Doktor Bruno experimentierte und eine elektrische Geheimleitung von der Poststraße nach der Heilige-Geist-Straße zu legen versuchte. Zuletzt aber erschien das alte Tabakhaus selbst auf der Bühne. Vater Doussin, von Luchen ganz naturgetreu gegeben, überreichte sein Zepter, eine Riesenzigarre, feierlich seinem Nachfolger, dem Schwiegersohn, während Mutter Doussin, die Brille auf der Nase, täglich unten bei Frau Klärchen nachschaute, ob auch nirgends Staub läge.

Dann spielte die Kapelle zum Tanze auf, und jung und alt drehte sich im Walzer, Polka und Rheinländer. Wie sich schon einmal hier in diesem Saal vor Jahren unsichtbare Fäden zwischen jungen Menschen geknüpft hatten, so schien das auch heute wieder der Fall zu sein. Daß Hermann Küttner fast ausschließlich mit seinem Mariechen tanzte, konnte man ihm schließlich ja nicht verdenken; aber warum sein Bruder Emil Lisabeth Körner so auffallend bevorzugte, war Änne Wilke ein Rätsel. Sie selbst war doch viel hübscher und netter! Sicher lag das nur an dem Bohnenkuchen. Sie war und blieb eben ein Pechvogel.

Die Kerzen brannten herunter, Geigen und Flöten schwiegen. Aus treuer Elternhut folgten die Doussinschen Schwestern dem Gatten, ein harmonisches Heim zu gründen, nach dem Vorbilde ihres Vaterhauses.

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