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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Neunzehntes Kapitel

In gleichem Schritt und Tritt

Im gleichmäßigen Rhythmus der Arbeit verlernt man es, auf das Ticken der Zeitenuhr zu hören. Nur wenn sie alljährlich zum Schlage ausholt, um die volle Zahl zu melden, horcht man erstaunt auf: Nanu, schon wieder ein Jahr dahin?

Das alte Tabakhaus in der Heilige-Geist-Straße hatte so viele Jahre auf dem Rücken, daß es ihm auf eins mehr oder weniger schon gar nicht mehr ankam. Nur wenn Onkel Wilhelm an das Punschglas schlug, um die übliche Silvesterrede mit den üblichen Witzen, der üblichen Rührung und den üblichen Neujahrsküssen zu halten, machte es seine Inventur und zog die Bilanz des verflossenen Jahres.

Sogar die jungen Menschen, deren Sache doch für gewöhnlich nicht Rückschau, sondern Vorwärtsstürmen ist, hielt die Überlieferung des Hauses in ihrem Bann. Sie merkten es kaum, wie die Jahrestropfen in das große Zeitenmeer sickerten. Nur an den Brüdern, die den Schwestern allmählich über den Kopf wuchsen, hatte man einen Maßstab dafür. Luchen widmete seine Kräfte als jüngster Lehrling der Firma bereits dem Werk seiner Väter.

Die soziale Arbeit, in der Fränze festen Fuß gefaßt hatte, füllte sie ganz aus, gab ihr Zufriedenheit und machte sie dankbar dafür, daß sie vielen eine Hilfe und Stütze sein konnte.

Überall, wo es galt, hilfreich einzutreten, war Fränze Doussin dabei. Sie wurde mit der Zeit eine geschätzte Kraft in der Wohlfahrtspflege.

An einem goldenen Septembertage war's. Ein wenig müde kam Fränze in der vierten Stunde aus der Volksküche. Es war heute besonders lebhafter Betrieb dort gewesen. Von zwölf Uhr an hatte sie angestrengt zu tun gehabt. Ach, wie gut der frische Wind, die noch warme Luft nach dem Essensdunst tat! Wie ein wohliges Bad umfing es die Schreitende. Manch wohlgefälliger Blick streifte das schöne Mädchen in dem tütenblauen, mit gelber Soutache bekurbelten Satinkleid. Verschwunden war die Krinoline. In Falten schmiegte sich der Rock mit der schürzenähnlichen Tunika dem Körper an. Die Taille, vom Schnürleib eingeengt, war dünn zum Umspannen. Verschwunden war auch die braune Korkenzieherlocke, die früher so anmutig über die linke Schulter gefallen. Auf hochfrisiertem Haar wippte der kleine weiße Hut mit den langen, kornblumenfarbigen Samtbändern, die hinter ihr her flatterten. Septemberwind trieb sein lustiges Spiel mit ihnen.

Ein junger Herr in bismarckfarbenem bräunlichen Schoßrock ging etwa zehn Schritte hinter den blauen Samtbändern. Er hatte ihrer nicht acht. Sein Auge haftete an den Quadersteinen des Bürgersteiges. Hinter seiner Stirn wirbelten die Gedanken. Um elektrische Funken, Metallfäden, die durch elektrischen Strom zum Glühen gebracht werden konnten, um Räder und Spulen, denen er Leben, Bewegung gab, kreisten sie. Unzählige Experimente drängten sich hinter der Männerstirn, wie diese gewaltige Kraft, die Elektrizität, nicht nur der Industrie, sondern auch der Medizin dienstbar zu machen wäre.

Der Septemberwind, trotzdem er eigentlich nichts jungenhaft Durchtriebenes mehr an sich haben durfte wie der Frühlingswind und eigentlich schon gesetzter hätte sein müssen, hatte noch nicht genug an dem Spiel mit den kornblumenblauen Bändern. Plötzlich entriß er dem in Gedanken versunken Dahinschreitenden seinen zimtfarbenen Zylinder und jagte ihn die Papenstraße entlang hinter den blauen Bändern her. Der junge Herr fuhr empor und machte sich an die Verfolgung des Ausreißers. Es ging nicht allzu schnell, denn ein leichtes Nachziehen des linken Beines, das steif zu sein schien, behinderte ihn.

Überall, wo es galt, hilfreich einzutreten, war Fränze Doussin dabei.

Der Zimtfarbene war inzwischen auf seiner eigenmächtigen Reise bei den Kornblumenblauen angelangt. Die Besitzerin letzterer wurde aufmerksam, als etwas Bräunliches an ihr vorbeijagte. War es ein kleiner Rehpinscher? Nein, als ein Zylinderhut, als ein zimtbrauner Herrenzylinder, wie er jetzt vielfach getragen wurde, entpuppte sich bei näherer Besichtigung der Rehpinscher. Instinktiv stellte Fränze die Schirmspitze ihres blauen Entoutcas auf den Vorübereilenden. Sie hatte ihn erwischt, nahm ihn empor und wandte sich nach seinem Herrn um.

Der kam, so schnell es ging, heran. Röte hatte sein sonst blasses Gesicht überzogen. War das eilige Gehen daran schuld?

Auch Fränzes rosige Wangen vertieften sich noch um einige Schattierungen. Bruno Kruse war durch seinen Gang unverkennbar. Sie ging einige Schritte zurück, ihm entgegen, um die Entfernung zwischen ihnen zu verringern.

»Fränze – Fränzchen Doussin behütet mich!« rief Bruno lachend ihr entgegen. Er hatte die Verlegenheit überwunden.

Fränze war befangen. Sie, die noch soeben in der Volksküche bestimmt ihre Anordnungen erteilt hatte, war durch die unvermutete Begegnung schüchtern wie ein Backfischchen. Wortlos streckte sie ihm den Zimtfarbenen entgegen.

Bruno schien ihn nicht zu sehen; er griff nach der Hand, die ihn hielt. »Wie schön, daß wir uns wieder mal treffen, Fränzchen!« Er dachte nicht mehr an elektrische Drähte und Spulen und fühlte sich trotzdem wie von einem elektrischen Strom durchpulst.

»Es ist nicht meine Schuld, Bruno, daß wir uns so selten sehen«, sagte sie mit leisem Vorwurf. »Jede Einladung meiner Eltern haben Sie abgelehnt.«

»Meine Freunde müssen Nachsicht mit mir haben. Ich passe nicht mehr in den Kreis harmlos Fröhlicher. Ich bin ein Eigenbrötler geworden, seitdem ich nicht mehr mit den andern Schritt halten kann.« Er wies auf sein Bein.

»Ihre Freunde hätten sich gern Ihrer Gangart angepaßt, Bruno«, sagte Fränze leise. Es lag mehr in den Worten, als sie zu sagen beabsichtigte.

Warm griff es Bruno ans Herz. Aber er wehrte sich dagegen. Den Damm, den er seit Jahren mühsam zwischen der Freundin und sich errichtet hatte, durfte er nicht wie ein unüberlegter Knabe wieder einreißen. Stumm gingen sie eine Weile nebeneinander her.

»Erzählen Sie mir von Hanna, Bruno! Wie geht es ihr?« unterbrach Fränze schließlich das schweigsame Beieinander.

»Vorzüglich. Sie steigt nächstens ins Physikum, schreibt begeistert von ihrer Arbeit, Schnitten und Präparaten, von den Mitstudierenden, besonders von der Tiburtius, und von den Schweizer Bergen. Sie arbeitet zielbewußter, mit zäherer Ausdauer als ihr Bruder Bernhard. Ich hätte das nicht für möglich gehalten und muß offen eingestehen, daß ich mich in der Leistungsfähigkeit der Frau getäuscht habe.«

»So stehen Sie der Frauenfrage nicht mehr feindlich gegenüber?« fragte Fränze lebhaft.

»Noch immer bin ich kein Freund von Frauenarbeit außerhalb des Hauses; ich sehe die Frau lieber das Küchenmesser handhaben als das Seziermesser. Aber ich gebe zu, daß es Frauen geben mag, die sich für eine Betätigung außerhalb des häuslichen Kreises eignen. Mein Geschmack sind sie allerdings nicht.«

Fränze schwieg beklommen. Meinte er auch sie mit diesen Frauen? Hatte er sich deshalb von ihrem Hause zurückgezogen?

»Nun sind Sie an der Reihe, Fränzchen. Daß es Ihnen gut geht, sehe ich zu meiner Freude.« Er blickte mit unverhohlener Bewunderung auf seine anmutige Begleiterin. »Aber ich möchte Näheres von Ihnen wissen. Was treiben Sie? Woher kommen Sie?«

»Aus der Volksküche in der Hirtenstraße. Dort bin ich täglich vormittags, nachmittags zweimal in der Woche in der Blindenanstalt und zweimal im Siechenhause. Sie sehen, ich gehöre auch zu den Frauen, die ihre Befriedigung in einer Tätigkeit außerhalb des häuslichen Kreises suchen.« Es klang kampfbereit. Bruno Kruse sollte wissen, daß sie sich nicht mehr damit begnügte, das harmlose Haustöchterchen von ehedem zu sein.

Er hörte die Herausforderung und – lächelte. Er war nicht mehr angriffslustig. Seine schwere Verwundung, sein Gebrechen hatten ihn ruhiger, abgeklärter gemacht. »Ich weiß, Fränzchen, daß Sie unter die Volksbeglücker gegangen sind. Wenn wir uns auch nicht gesehen haben, so habe ich Sie doch nicht aus dem Auge verloren. Aber will das Glück nicht auch zu Ihnen kommen?« Er fragte es neckend. Man hörte es diesem leichten Ton nicht an, mit welcher verhaltenen Spannung er die Antwort erwartete.

Das blütenzarte Rot auf Fränzes Wangen vertiefte sich. »Meine Arbeit, das Bewußtsein, vielen armen Menschen ihr schweres Dasein etwas zu erleichtern, ist mein Glück«, sagte sie rasch.

»Und der junge Sozius der Firma Doussin, wie stellt der sich dazu? Sie sehen, ich bin über alles gut unterrichtet, Fränzchen, werde jetzt sogar indiskret.«

Fränze zog die feingezeichneten Augenbrauen zusammen. Eine Falte grub sich in die klare Stirn; Bruno hatte eine heikle Stelle berührt. Seit dem letzten Jahr hatte der Vater Robert Weber, den jungen Reisenden, als Mitinhaber der Firma aufgenommen. Es war klar, daß er ihn noch fester an sein Haus zu binden wünschte. Herr Weber bemühte sich offensichtlich um die Doussinschen Töchter. Besonders die Älteste schien es ihm angetan zu haben. Fränze aber stand seinen Bewerbungen gleichgültig, ja sogar ablehnend gegenüber. Sie wußte, daß Klärchen ihm wärmere Gefühle entgegenbrachte. Aber die Eltern mochten nichts davon wissen, die Jüngere vor der Älteren zu verloben. Das wäre ganz gegen die Überlieferung des alten Kaufmannshauses gewesen. Hier herrschte Ordnung in allen Dingen; nach der Eins kommt erst die Zwei.

Innerlich erregt, beschleunigte Fränze unwillkürlich ihren Schritt. Vor einigen Tagen hatte der junge Weber bei den Eltern um ihre Hand angehalten, ihr Einverständnis voraussetzend. Sie aber hatte sich nicht dazu entschließen können, ihm ihr Jawort zu geben. Vergeblich hatte sie den Eltern klarzumachen versucht, daß Klärchen eine viel geeignetere Frau für Herrn Weber abgeben würde, daß ihre Schwester die Zuneigung für ihn fühle, die allein die Grundlage einer glücklichen Ehe sein könne. Sie hatte in den Wind gesprochen. Einen braveren und tüchtigeren Mann könne sie niemals finden. Worauf sie denn warte? Denn daß eine Doussinsche Tochter heiraten mußte, das war so selbstverständlich wie das Stimmen des Saldos im Hauptbuche der Firma. Eine Bedenkzeit war alles, was sie erreicht hatte.

Ja, worauf wartete sie denn wirklich? Fränze merkte es nicht, daß sie in ihrer Erregung vorwärtsstürmte, daß ihr Begleiter nicht mehr Schritt zu halten vermochte. Er seufzte zurückbleibend. Was für ein Narr er doch war, daß er durch ein schönes Mädchen, durch Sonnengold beinahe vergessen konnte, daß er still und bescheiden abseits zu gehen hatte, ein Einsamer!

An der Marienkirche hemmte Fränze plötzlich den eiligen Lauf. Aufatmend blieb sie stehen und erwartete beschämt den Zurückgebliebenen. »Verzeihen Sie, Bruno!« bat sie. »Ich war rücksichtslos.«

»Nicht rücksichtsloser als jeder Gesunde. Wir gehen in gleicher Richtung, wir gehen denselben Weg und können doch nicht mehr miteinander gehen. Allegro und Andante, das sind zu ungleiche Zeitmaße; da fehlt die Harmonie.« Ein Ton von Bitterkeit schwang mit in seinen Worten.

Da wußte Fränze es, warum der Freund sie so lange gemieden hatte; plötzlich war es ihr klar geworden. Unsagbares Mitleid erfüllte sie, brennender Schmerz durchzuckte sie. Sollte sie allen andern helfen, nur ihn leiden lassen? Und da hatte sie, sich selbst kaum bewußt, ihre Hand in seinen Arm gelegt. Die kornblumenblauen Bänder flatterten zu dem zimtbraunen Hut hinüber. Tapfer sagte sie: »Wir wollen uns auf Moderato, auf ein gemäßigtes Tempo einigen, Bruno.« Bittend blickten die klaren Veilchenaugen ihn an.

Wie elektrische Funken sprang es von ihr zu ihm. Vergessen war jede verständige Überlegung, jedes Verzichtenmüssen. »Im Duett, Fränzchen?« fragte er eindringlich. Da nickte sie, in Glück verstummend.

Miteinander im Gleichklang der Schritte, einer sich nach dem andern richtend, im Gleichklang der Gefühle, schritten sie durch das Herbstgold, goldenes Laub ihnen zu Häupten, goldene Blätter unter ihren Füßen, goldenes Licht ringsum und in ihnen.

Auf einer Steinbank unter herbstbrauner Kastanie an der alten Marienkirche setzten sie sich schließlich. Die verwitterten, schiefen und buckligen Häuschen rissen die fast erblindeten Fensteraugen auf. War das nicht das junge Ding, das vor Jahren, als die Kastanie blühte, hier im Kreise der Gefährtinnen, erwartungsvoll wie ein Kind vor Weihnachten, vor dem bunten, wechselreichen Leben gestanden?

An der gleichen Stelle, wo damals der Freundschaftsbund der Maienkränzlerinnen geschlossen wurde, schloß Fränze heute den Lebensbund.

Auf einer Steinbank unter herbstbrauner Kastanie an der alten Marienkirche setzten sich Bruno und Fränze schließlich.

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