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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Zehntes Kapitel

Tanzstunde von dazumal

Ganze acht Tage lang hielt »Doktor Eisenbart« die Doussinschen Rangen im Schach. Als aber ein Tag nach dem andern verging, ohne daß der Affe sich meldete, gewannen sie ihre muntere Frechdachsigkeit zurück.

Auch Fränze verlor allmählich ihre Furcht und rechnete nicht mehr, nachdem sie heimlich auf dem Tabaksboden – dort hatte sie ihre Dichterwerkstatt während des Sommers aufgeschlagen, um nicht von den Familienmitgliedern geneckt zu werden – ein Gedicht verfaßt hatte »An ihn«. Gemeint war damit »Doktor Eisenbart«.

Die Ruhe hast du mir geraubt,
Denn wo ich geh' und stehe,
Seh' ich dein zottig Affenhaupt
Bedrohlich in der Nähe.

So begann es. Zur Fortsetzung kam sie indessen vorläufig nicht, denn ganz andere Gedanken gewannen bei ihr die Oberhand und drängten alle andern zurück.

In der Therbourgschen Ressource fand jeden Winter Tanzstunde der angesehensten Berliner Bürgertöchter und -söhne statt. Der gute Ton des neunzehnten Jahrhunderts verlangte, daß die jungen Mädchen, ehe sie zu Bällen geführt wurden, in der Tanzstunde ihre gute Kinderstube bewiesen und den letzten Schliff erhielten. Die meisten jungen Mädchen durften erst an der Tanzstunde teilnehmen, wenn sie das Alter von achtzehn Jahren erreicht hatten, vorher waren sie im allgemeinen nicht gesellschaftsfähig.

Diesen Winter sollten Fränze Doussin und ihre Freundinnen die Therbourgsche Tanzstunde zieren, und da Kläre immer dasselbe bekam wie Schwester Fränzchen – sie trugen meistens gleiche Kleider –, wurde sie der Einfachheit halber gleich mit angemeldet, wenn sie auch noch Schulmädel war.

Mamsell Letius, die Hausschneiderin, die in allen Familien heimisch war und die man immer schon wochenlang vorher bestellen mußte, hatte mit Nähbeutel und Nadelkissen in die Hinterstube der Doussinschen Wohnung ihren Einzug gehalten. Das war ein Fest für alle Kinder, wenn Mamsell Letius, lang und dünn, einrückte! Wie die Hühner scharten sie sich um ihren Korbstuhl. Selbst wilde Jungen wurden seßhaft, wenn Mamsell Letius die Schere, die sie an einem perlgestickten Bande an der Seite wie der Offizier seinen Degen trug, durch den Stoff quietschen ließ, wenn sie den Faden durch das Wachs zog, daß er nicht knotete, und dann zu erzählen begann: Märchen und Selbsterlebtes, Dichtung und Wahrheit, je nach Wunsch ihrer jungen Zuhörer. Der Faden riß nicht ab. Mamsell Letius' Mund stand nicht still, ebensowenig wie ihre fleißigen Finger. Nur Zuhörer verlangte Mamsell Letius. Sie mochte nicht allein sitzen. Jede Mutter war froh, wenn Mamsell Letius da war, dann wußte sie ihre Küken versorgt.

Huchen, das Doussinsche Nesthäkchen, war der erklärte Liebling von Mamsell Letius. Er ging ihr nicht von der Seite. Er machte seine Schularbeiten bei ihr, fragte sie, die nicht allzuviel Schulweisheit aufgespeichert hatte, in verzwickten Fällen sogar um Rat. An diesen Tagen war er nicht einmal für die Dummheiten seines älteren Bruders, die ihm doch sonst stets zusagten, zu haben. Eine Bedingung stellte nämlich Mamsell Letius: beide zusammen, Luchen und Huchen, das war zuviel des Guten. Nur einzeln wurden sie zu Mamsell Letius' Heiligtum zugelassen, seit jenem denkwürdigen Tage, da sie ihr die Petroleumlampe vor der Nase ausgedreht und sich dann im Dunkeln so in den Haaren gelegen hatten, daß ein kostbarer Stoff daran hatte glauben müssen.

Fränze sah die Brüder diesmal überhaupt nicht gern bei Mamsell Letius. Sie fürchtete für die zarten Tanzstundenkleider. Sie selbst war von Mutter zur Hilfe abkommandiert worden; denn ein Vergnügen muß durch Fleiß errungen werden. An diesem Satz hielt man im Doussinschen Hause noch fest.

Eigentlich war es eine recht vergnügliche Arbeit, die mattblauen und mattrosa Mullfalbeln, Frisuren und Plissees aufzuziehen und dabei mit Mamsell Letius von den in Aussicht stehenden Tanzstundenfreuden, von dieser und jener bekannten Familie zu schwatzen.

Heute streikte Mamsell Letius. Sie war sichtlich verstimmt und keineswegs zum Sprechen aufgelegt. Daran war nur die Nähmaschine schuld, mit der Herr Doussin seine Frau zum Geburtstag überrascht hatte. Es handelte sich nicht etwa um eine Nähmaschine, die mit der Hand gedreht wurde und die Mamsell Letius schon öfters gesehen, aber immer stolz verschmäht hatte. O nein, mit den Füßen setzte man dieses Ungetüm in Bewegung! Lachhaft war es geradezu. Als ob man die Füße zum Nähen brauchte! Na, solange sie ihre Hände hatte, würde sie dieses Ding, das einem bloß im Wege stand und nur dazu da war, brave Näherinnen um ihr bißchen Brot zu bringen, nicht anrühren. Mamsell Letius war noch aus der guten alten Schule – handgenäht blieb handgenäht. Und überhaupt, die feinen Mullkleider, die würden nicht schlecht zerrissen werden von diesem eisernen Ding, das ohne Sinn und Verstand arbeitete! Da sollte sich Madam Doussin nur nach einer andern, neumodischen Schneiderin umsehen. Mamsell Letius und Nähmaschine – das sei zweierlei.

Mit diesem ärgerlichen Bescheid wurde Fränze zur Mutter zurückgeschickt, als sie Mamsell Letius gebeten hatte, ihr doch die Handgriffe der Nähmaschine und das Nähen auf dieser – denn sie verstand das doch sicher – beizubringen.

Madam Doussin stand ratlos. Da hatte ihr Mann mit seinen fortschrittlichen Plänen ja was Nettes angerichtet! Erst das Badezimmer, von dem man nur Ärger hatte, weil die Jungen immer heimlich die Brause ausdrehten, die sich einem dann unerwartet über den Kopf ergoß, und jetzt wieder die Nähmaschine von der Leipziger Messe. Eher konnte man die Nähmaschine entbehren – man war ja so lange ohne sie ausgekommen – als Mamsell Letius. Und Madam Doussin belegte die Frühstücksbrote für die alte Näherin, die ohnedies niemals etwas zu wünschen ließen – man wollte sich doch nicht bei den andern Familien bereden lassen –, noch beträchtlich höher als sonst, um Mamsell Letius' erregte Gemütsverfassung zu besänftigen, stellte auch noch ein Schnäpschen dazu und tat Bratäpfel in die Röhre, herrliche Borsdorfer, die sie gestern abend selbst von den Spreekähnen geholt hatte.

Ob nun das besonders gute Frühstück oder ob Fränzes Liebenswürdigkeit, der man so leicht nicht widerstehen konnte, daran schuld war, Mamsell Letius wurde allmählich wieder so gesprächig, wie sie sonst zu sein pflegte, und erkundigte sich, während sie die Nadel so schnell wie die Nähmaschine durch den Stoff gleiten ließ, wer von den Freundinnen an der Tanzstunde teilnähme. Sie fand es durchaus richtig, daß Doktor Kruse darauf bestand, daß seine Hanna dabei war. Das Mädel schnappe sonst ja noch ganz über. Was war das nur für eine Verrücktheit, Latein, das nur die studierten Herren brauchten, zu lernen! Nein, Mamsell Kruse hatte es nicht leicht mit der Nichte, das wisse sie am besten.

»Hanna ist ein sehr kluges Mädel, das sich nicht ausgefüllt fühlt von dem bißchen Helfen in der Wirtschaft. Sie will ihr Pfund nicht vergraben, sagt sie, sondern ernste, nützliche Arbeit leisten«, verteidigte Fränze die Freundin mit heißen Wangen.

»Mumpitz!« stellte Mamsell Letius mit Gemütsruhe fest. »Laß dir bloß nichts von Hanna vormachen, Fränzchen!« Mamsell Letius duzte die Kinder, für die sie meistens schon die Windeln genäht hatte, mit Selbstverständlichkeit. »Der junge Herr Bruno ist doch gewiß ein kluger Herr – Bernhardchen ist ja man noch 'n Windhund –, aber was Herr Bruno ist, der zieht die Hanna alle Tage mit ihrer Überspanntheit auf. Der wird sie schon noch zur Raison kriegen!«

»Glaub ich nicht«, sagte Fränze und neigte den braunlockigen Kopf tiefer über die rosa Mullfrisuren, an denen sie stichelte. Merkwürdig, sobald Bruno Kruse in die Unterhaltung gezogen wurde, wußte Fränze nichts mehr zu erwidern. Sie wurde innerlich dann selbst schwankend. Hatte die Hanna nicht am Ende doch einen Spleen mit ihren aus dem Rahmen des Hergebrachten fallenden Bestrebungen?

»Was habt ihr denn sonst noch für Kafferliere außer den jungen Kruses?« erkundigte sich Mamsell Letius. Sie leitete das Wort Kavalier offenbar von Kaffern ab.

»Nur Bernhard nimmt Tanzstunde mit. Bruno verschmäht doch sicherlich solch Lämmerhüpfen, wie er sich immer auszudrücken beliebt. Der ist überhaupt schon viel zu erwachsen und ernsthaft dazu.«

»Nee, der Herr Bruno hat zugesagt, auch mit 'rumzuwalzen, bloß damit die Hanna teilnehmen soll«, berichtete die alte Näherin.

»Bloß damit Hanna ... Au!« Da hatte sich Fränze in den Finger gestochen. Rotes Blut tropfte auf rosenroten Mull. »O weh, wie ungeschickt! Was wird Mutter nur zu dem Fleck in dem neuen Kleid sagen?« Der Fränze war das Weinen nahe.

»Macht nichts, Kind. Ich nehme das Stück Frisur 'raus, und überhaupt, weißt du nicht, was das bedeutet, wenn man sich bei einem neuen Kleid in den Finger piekt?« Mamsell Letius steckte voller Aberglauben.

»Nein«, sagte Fränze, wurde aber auf alle Fälle rot.

»Einen Kuß bedeutet das, und zwar immer von dem, von dem man gerade gesprochen hat. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. – War das nun der Bruno oder der Bernhard Kruse, Fränzchen?« fragte sie verschmitzt; denn in Herzensangelegenheiten wußte Mamsell Letius beinahe noch besser Bescheid als in ihrer Näherei. Sogar die Karten verstand sie zu legen.

»Von Hanna haben wir gesprochen, ich sprach gerade von Hanna«, beteuerte Fränzchen, nichtsdestoweniger ebenso rosenrot wie ihr Kleid werdend.

Mit erleichtertem Aufatmen begrüßte sie den Eintritt der aus der Schule kommenden Schwester. Klärchen war restlos glücklich. Mamsell Letius hatte es bei Mutter durchgesetzt, daß sie eine Krinoline zu dem mattblauen Tanzstundenkleid bekam, die erste Krinoline. Nun würde sie bestimmt nicht »mauern« müssen, wie ihr Bruder Ludwig prophezeite, weil sie die Jüngste war.

Tanzstunde – zu welcher Zeit du auch stattfandest, immer bedeutetest du einen wichtigen Einschnitt im Mädchenleben. Ob du Menuett lehrst, ob Rund-, ob Schiebetänze, du warst und wirst stets der Höhepunkt aller harmlosen Vergnügungen bleiben.

Als die Doussinschen Schwestern zur ersten Tanzstunde gingen, hatte sich das Haus vollzählig versammelt, um sie in ihrem Staat zu bewundern. Vater Doussin strich sich heimlich schmunzelnd die graumelierten Bartkoteletten. Er konnte mit seinen beiden Mädchen zufrieden sein. Die Mutter zupfte noch an Fränzes rosenroter Mullwolke herum, legte ihr die beiden kunstvoll gewickelten Locken sorglich auf jede Schulter, daß sie sich in der rosagefütterten Kapuze nicht drückten, strich dann Klärchen, die trotz Krinoline als Schulmädel noch keine Locken tragen durfte, ein paar widerspenstige Haare an den zu zwei Brezeln am Hinterkopf hochgenestelten schwarzen Zöpfen glatt und ermahnte sie, die sich in der Krinoline noch nicht recht behaglich zu fühlen schien, nicht immer an sich herabzuschielen. Dann ließ sie sich von Anna den pelzgefütterten Radmantel umhängen. Mutter mußte ja als Anstandsdame mit; ohne solche konnte kein junges Mädchen zur Tanzstunde gehen. Mine schlug den jungen Balldamen sorgsam die Mullröcke links und zog ihnen weiße Frisiermäntel über, ehe sie ihnen den dunkeln Mantel umgab, denn man konnte sich beim Ein- und Aussteigen leicht Spritzflecke holen.

Vater hatte sogar den Wagen erlaubt. Das mußte im Kalender rot angestrichen werden; denn meistens wurden die Pferde für die Fabrik geschont.

Ob sich Lotte und Hans, die beiden hochbeinigen Braunen, bewußt waren, daß sie heute, anstatt Tabakfässer und -kisten abzurollen, die liebreizenden Töchter ihres Brotherrn ihren ersten gesellschaftlichen Triumphen entgegenführten?

Geblendet standen die jungen Mädchen von dem rötlichgelben Lichtschein des großen Gaskronleuchters, der den Tanzsaal erhellte. Ihr meist noch an Petroleumbeleuchtung gewöhntes Auge empfand die ganze Feierlichkeit. Herzklopfend begrüßten sich die Freundinnen.

Da war Eva Nikolai im schlichten weißen Batistkleidchen, den blonden Scheitel wie stets spiegelblank gestriegelt. Sie hatte, ähnlich wie Hanna, zuerst nichts von der Tanzstunde wissen wollen. »Zeitverschwendung« nannte es die eifrig auf die Lehrerinnenprüfung hin arbeitende Eva. Fränze hatte aber der Freundin auseinandergesetzt, daß sie als spätere Erzieherin unbedingt die Tanzkünste beherrschen müßte. Vielleicht konnte sie selbst in die Lage kommen, einmal in einer kleinen Stadt, auf einem Gut oder entlegenen Forsthause ihren Zöglingen Tanzstunde erteilen zu müssen. Das sah Eva Nikolai ein. Aus praktischen Gründen nahm sie also an der Tanzstunde teil.

Am liebsten hätte Fränze alle Maienkränzlerinnen in der Therbourgschen Ressource vereinigt. Mariechen Dorfmüller schaltete ja von vornherein aus. Gustel war auch nicht abkömmlich; die ließ statt dessen das kleine Brüderchen tanzen. Daß aber auch Änne Wilke es verschmähte, dabei zu sein, fand sie gar nicht nett. Wenn es noch aus Sparsamkeitsgründen geschehen wäre, hätte man das schließlich einsehen müssen. Aber nein, Änne, die bereits ins achtzehnte Jahr ging, dünkte sich schon zu erhaben über die Tanzstunde und die jugendlichen Kavaliere. Sie besuchte in diesem Winter schon Bälle und tanzte nur mit zweierlei Tuch. Zivil kam für sie nicht in Betracht. Dabei verschmähte doch nicht einmal Bruno Kruse die Tanzstunde; Bruno, der bald seinen Doktor machte und durch seine Klugheit und seine überlegene Art auf Fränze Doussin schon Eindruck gemacht hatte, als sie noch ein kleines Mädchen war.

Da war doch Martha Leuchter viel netter und freundschaftlicher als Änne. Für die war es gar nicht so einfach gewesen, sich an dem Tanzzirkel zu beteiligen, denn es war wieder mal Ebbe in der Künstlerkasse des Vaters. Aber Not macht erfinderisch. Sie war auf den Gedanken gekommen, dem Kladderadatsch ein paar Ulkzeichnungen einzusenden, und hatte Glück gehabt. Diese waren angenommen worden, und das dafür erlöste Geld hatte wenigstens für den ersten Monat die Tanzstunde ermöglicht. Das Schlimme war nur, daß sie dadurch zu Hause bereits den ersten Tanz gehabt hatte. Ihre Mutter war darüber empört gewesen, daß sie, ein Mädchen aus guter Familie, Geld verdiente. Das war gegen ihren Stolz und gehörte sich nun einmal nicht. Lieber legte man sich heimlich Entbehrungen auf.

»O Gott, in was für einer von Vorurteilen verdunkelten Welt leben wir!« seufzte Hanna Kruse, als Martha ihre Erlebnisse zum besten gab. »Werden denn die Menschen niemals einsehen lernen, daß jede Arbeit nicht nur ihren Wert in sich trägt, sondern auch des Lohnes wert ist? Ist denn Frauenarbeit etwas so Verpöntes, daß man sich ihrer schämen muß?«

»Wenn die Frau aus dem umfriedeten Dasein, aus dem engen Kreis, den Haus und Familie um sie geschlossen, hinausdrängt, dann allerdings«, sagte eine Stimme ernst neben den Freundinnen. »Es gibt ja für die Frau innerhalb dieses Kreises genug Arbeit zu leisten. Warum soll sie außerhalb desselben, auf Gebieten, die nur dem Manne zustehen, ihre Kräfte entfalten?«

»Ihr fürchtet wohl den Wettbewerb?« wehrte sich Hanna gegen den Bruder.

Sein Lachen wurde von lautem Händeklatschen unterbrochen. Der Tanzmeister, die Geige unter dem Arm, war erschienen. Die Tanzstunde begann. Er machte den Herren eine kratzfußartige Verbeugung vor und den jungen Damen einen tiefen Hofknicks, wobei er die Schöße seines Fracks anstatt des weiten Reifrockes zierlich mit den Fingerspitzen faßte. Er zeigte die ersten Pas der Polka, auf der sich der ganze Tanz aufbaut, und den Walzerschleifer, in den Gefühl zu legen war; denn er setzte bei dem Tanzzirkel der Erwachsenen schon Vorkenntnisse voraus. Dann nahm er die Geige an das Kinn. »Ich bitte die Herren, ihre Reverenz zu machen und die Damen zu engagieren. – Sie da, Sie Jüngling, wie ist Ihr Name? Körner? Sie scharren wie eine Henne, die nach Körnern sucht, und nicht wie ein Gentleman, der einer Dame einen Diener macht. Wiederholen!«

Der »wie eine Henne Scharrende«, Georg Körner, hatte sich vor dem beglückten Klärchen verneigt, die dadurch ihrer Angst, »mauern« zu müssen, enthoben wurde. Erschreckt, der ungewohnten Krinoline nicht achtend, nahm sie wieder Platz. Ach du Schreck! Das Ding klappte in die Höhe, und Klärchen saß zum peinlichen Entsetzen der Mutter und Schwester, zum Gespött der Umgebung plötzlich in langen weißen Stickereihöschen da. Ja, es war nicht so einfach, eine Krinoline zu tragen!

Auf Fränze trat Bruno Kruse zu – oder meinte er etwa die neben ihr sitzende Martha Leuchter? »Das holde Veilchen, das im Verborgenen blüht, das sich daran genug sein läßt, seinen stillen Winkel mit süßem Duft zu erfüllen«, sagte er mit der Galanterie jener Tage, sie zum Tanze führend.

»Ich bin durchaus nicht das bescheidene Veilchen, für das Sie mich halten«, begehrte Fränze beim Dreivierteltakt des Polkaschrittes auf. »Ich empfinde es auch, daß wir Haustöchter eigentlich überflüssig sind, wo die Mutter alles viel besser macht und unsere Dienstboten doch die Hauptarbeit des Haushaltes ausführen. Ich bin aber nicht so entschlossen wie Hanna, daß ich Front mache gegen alles Hergebrachte und Latein und Mathematik lerne, bin wohl auch zu dämlich dazu. Wenn ich nur wüßte, was ich eigentlich zu leisten vermag! Was soll ich bloß tun?«

»So bleiben, wie Sie sind, Fränzchen, die Freude Ihres Elternhauses und anderer, sich von der Hanna keine Raupen in das Köpfchen setzen lassen, sich genug sein lassen an den häuslichen Pflichten, die es für Sie als Haustochter zu erfüllen gilt, bis mal später ein größerer Wirkungskreis sich Ihnen erschließt«, sagte ihr Tänzer eindringlich und warm.

»Das vierte Paar ist aus dem Takt. Takt – Takt, meine Herrschaften!« Der mit seiner Geige vorantanzende Tanzmeister fuchtelte mit dem Geigenbogen zwischen Fränzchens Goldkäferschuhchen und den Lackschuhen ihres Partners herum.

Verwirrt und doch im innersten Herzen beglückt, ließ sich Fränze zu ihrem Platz zurückführen. Keine Einwendung machte sie mehr; was Bruno Kruse gesagt hatte, war ja so klar, so einfach und einleuchtend. Und doch gab es da irgendwo in einer Ecke ihrer Seele ein zweifelndes, nagendes Gefühl, ob sie ihrer Überzeugung nicht untreu geworden sei.

So blieb es die ganze Tanzstunde hindurch. Man lernte Polka und Rheinländer, Walzer und Galopp. Ob man sich nun nach den Klängen des Donauwalzers wiegte, ob man beim Chassé-croisé des Konters babylonische Verwirrung anrichtete, zum Schluß kam immer die Quadrille, bei der man ungestört mit seinem Tänzer plaudern konnte – wie herrlich Niemann und die Lucca wieder gesungen hätten und ob man schon Helmerdings neuestes Couplet gehört – und bei welcher Bruno Kruse durch eine Handbewegung lächelnd all die Beweisgründe abtat, mit denen ein braunlockiger Mädchenkopf im Laufe der Woche ernsthaft gegen ihn zu Felde gezogen war. Man tanzte Kotillion und überreichte seiner Schönen Blumensträuße auf Draht in steifer Papiermanschette und empfing dafür Orden und Papiermützen. Man drehte sich, man schwatzte, lachte, flirtete und eifersüchtelte, man zankte sich und versöhnte sich wieder. Man aß Vielliebchen und erhielt eine Bonbonniere oder gar eine perlgestickte Börse von zarter Hand. Man seufzte und dichtete im stillen Kämmerlein und verfaßte sogar ein Akrostichon.

Die Verse, die Fränze ihrem Tänzer mit einer grüngehäkelten Seidenbörse zu Weihnachten für ein verlorenes Vielliebchen schön geschrieben auf rosa Kartonpapier verehrte und die er stets in seiner Brieftasche auf dem Herzen trug, lauteten:

Bunt sich drehen die Paare im schwebenden, wiegenden Reigen,
Ringsum Lachen und Scherzen, doch zwei verharren in Schweigen.
Unter ihnen entbrannte wie oft schon verstimmende Fehde;
Nie nimmst ernsthaft du mich, wenn von Frauenrechten ich rede.
O wie glücklich wär' ich, könnt' leisten ich etwas im Leben!
Könnte betät'gen ich mich, wie wollt' ich ringen und streben!
Reichtest lachend mir Mandeln, ein Zwillingspärchen entschieden,
Und wir aßen Vielliebchen, schlossen dann wieder mal Frieden.
Schlimm ist, daß ich verloren, doch zahle ich hiermit die Wette,
Eingedenk war ich dabei: Freundschaft die Maschen verkette.

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