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Wie einst im Mai

Else Ury: Wie einst im Mai - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorElse Ury
titleWie einst im Mai
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunVierte Auflage
yearo.J.
illustratorHans Leiter
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160219
projectidf8d78286
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Neuntes Kapitel

Im Affentheater

Die Kleinen waren heute aus Rand und Band, nicht nur bei Meister Lehmann in der Fischerstraße, wo die Zwillinge schon in aller Herrgottsfrühe »Affentheater« spielten und dabei einen solchen Radau vollführten, daß es geradezu eine Affenschande war. Sie tobten in den Betten herum, prügelten sich, zerrten sich an den Haaren, fletschten gegeneinander die Zähne und heulten dabei in unartikulierten Lauten der Affensprache. Gustchen, die am Sonntag gern ein Stündchen länger geschlafen hätte, stand dem Lärm mit ihrer sanften Stimme machtlos gegenüber. Ja, die Bestien scheuten sich nicht, sie selbst zu überfallen. Kaum konnte sie sich der rücksichtslos auf sie Losstürzenden erwehren. Erst als der Vater in Schlafrock und Zipfelmütze, den Kantschu auf dem Rücken, Unheil verkündend in der Tür erschien, wurden die wilden Bestien gezähmt.

»Wir spielen doch bloß Affentheater!« heulten sie, während ihre Rückseite nähere Bekanntschaft mit Vaters Kantschu machte. Vaters Kantschu, eine aus Lederriemen geflochtene Gerte, spielte eine wichtige Erziehungsrolle in den Kinderstuben des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kantschu pflegte nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten in Tätigkeit zu treten. Er war die letzte Zuflucht, wenn mütterliche Vorstellungen, Ermahnungen und Katzenköpfe durchaus nichts mehr nutzen wollten.

Die kleinen Schauspieler sprangen denn auch, heulend ihre Erziehungsfläche reibend, zurück in ihre Betten. Vater Lehmann aber schmunzelte: »Weißte, Justeken, wenn Brockmann heute nachmittag denselben durchschlagenden Erfolg mit seinem Affentheater erzielt wie wir hier, denn kann er zufrieden sein.«

Gustchen lachte und seufzte zugleich. »Meine Freundinnen haben uns da ja was Nettes mit dem Affentheater eingebrockt!«

»Darum heißt es auch Brockmanns Affentheater.« Vater Lehmann machte gern seine Witzchen.

Die Freundinnen aber hatten selbst nichts zu lachen. Bei Doussins war ebenfalls alles vom Bändel. Die Jungen waren nicht aus den Betten zu kriegen; sie wollten ausschlafen auf das bevorstehende Nachmittagsvergnügen hin und stellten sich tot, sooft Fränze auch zum Wecken erschien. Klärchen, die selten Anlaß zur Klage gab, saß in der Nachtjacke auf dem Fenstertritt an dem Nähtischchen und nähte sich heimlich Tonnenreifen, die ihr Ludwig in der Fabrik gemaust hatte, in ihr Sonntagskleid. Sie teilte nicht Mutters Ansicht, daß sie noch zu jung sei, um eine Krinoline zu tragen. Was die große Schwester Fränze trug, mußte sie auch haben. Fränze selbst aber stand vor dem schmalen Mahagonispiegel in dem grünen Stübchen mit den Rosenkränzen, feuchtete die braunen Haare mit Zuckerwasser an und wickelte sie über Papilloten zu kunstvollen Locken. Alles für die Affen!

Mine und Anna waren verzweifelt. Sie konnten in kein Zimmer zum Aufräumen hinein. Dabei waren die drei Junggesellen-Onkel am Sonntagnachmittag stets Gäste im Doussinschen Hause: Onkel Hermann, ein kleines Männchen, der Mines Sonntagsbraten alle Ehre antat, Onkel Friedel, der so kurzsichtig war, daß er immer etwas umwarf, und Onkel Wilhelm, der stets Witze machte und sie selbst am meisten belachte.

Fränze sollte die Apfelcharlotte backen, aber sie stand und wickelte ihre Locken, bis Madam Doussin schließlich mit einem mütterlichen Donnerwetter dazwischenfuhr und die ganze Gesellschaft auf den Trab brachte.

Im Professorenhaus, bei Körners, spukte ebenfalls das Affentheater. Renatchen hatte mehrmals des Nachts im Schlaf laut aufgeschrien, denn den ganzen Abend vorher war von nichts anderm als vom Affentheater die Rede gewesen. Nun weinte sie und wollte durchaus nicht mit. Sie hatte Angst vor den Affen. Lisabeth redete der kleinen Furchtsamen liebevoll zu und erzählte ihr, wie niedlich sie aussehen und was sie alles Drolliges anstellen würden. Aber erst die Aussicht, daß man die schönsten Neu-Trebbiner Äpfel zur Erfrischung für die Pause mitnehmen würde, söhnte Renatchen mit dem Affentheater aus.

So und ähnlich sah es noch in so mancher Berliner Kinderstube an jenem Sonntag im Hinblick auf das Affentheater aus.

Und nun war's so weit. Mit knallroten, erwartungsvollen Gesichtern saßen die Kleinen auf den Plätzen. Ganz vorn in der ersten Reihe thronten die drei Freundinnen mit den Geschwistern, Fränze mit schön gewickelten Locken, Kläre mit den Tonnenreifen im Sonntagskleid. Auch einige der Körnerschen Pensionäre verschmähten trotz der Gymnasiastenwürde das Affentheater nicht. Die jungen Mädchen hatten sich zwischen die jugendlichen Kavaliere gesetzt, damit diese nicht plötzlich auf den Gedanken kämen, die Zwischenpausen mit Boxen auszufüllen. Man kannte doch seine lieben Brüder! Die beiden Kleinen, Lischen und Renatchen, hatte man in die Mitte genommen. Jedes der kleinen Mädchen hielt einen herrlichen Neu-Trebbiner Schneewittchen-Apfel in der Hand und wünschte, trotzdem es noch gar nicht angefangen hatte, die Pause herbei, wo man in den verlockenden Apfel hineinbeißen durfte.

Der Direktor erschien zuerst, begrüßte das große und das kleine Publikum und kündigte Madame Pompadour, die holdeste der Äffinnen, an. Eine allerliebste kleine Kutsche rollte herein, von vier Affen gezogen. Auf dem Bock thronte in grüner Kutscherlivree ein Affe, der Zügel und Peitsche führte, daneben ein Lakai in Kniehosen, rotem Atlasfrack und Federhut. Zwei Lakaiaffen, ebenfalls mit Federbüschen auf den Hüten, in himmelblauer Atlaslivree, saßen hinten auf. Innen aber schmiegte sich Madame Pompadour, die holdeste ihres Geschlechtes, anmutig in rosenrote Seidenpolster. Nach neuester Mode war sie gekleidet. Ein meergrünes Atlaskleid mit gestickten bunten Blümchen bauschte sich über der Krinoline. Über dem zartbräunlichen Affengesicht wippte der Viktoriahut mit Spitzen, den die Kronprinzessin aus England in Berlin eingeführt hatte. Sogar die schwarzen Filethandschuhe fehlten nicht an den langen Affenarmen. Wie eine elegante Dame, die sich ihrer Schönheit voll bewußt ist, lag sie zurückgelehnt in ihren Seidenpolstern und fächelte sich mit einem Fächer. Das kleine Publikum brüllte begeistert: »Hurra! Hoch Madame Pompadour!« Madame Pompadour nickte leutselig mit dem Kopf, so daß der Viktoriahut ins Rutschen kam, und warf mit den schwarzen Affenfingern Kußhände zu ihren kleinen Verehrern und Verehrerinnen hinüber. Dann hielt die Kutsche. Die Lakaien sprangen herab, öffneten dienstbereit den Wagenschlag und halfen Madame Pompadour beim Aussteigen. Lachen, aus Hunderten von Kinderkehlen, durchhallte das Theater. Es sah aber auch zu komisch aus, wie der lange Affenschwanz unter der wippenden Krinoline mitwippte, wie die Lakaien um sie herumschwänzelten.

Dann trugen vier Affenkellner mit Frack und weißer Binde einen kleinen Tisch herbei, den sie geschickt zu decken begannen. Madame Pompadour nahm daran Platz, nachdem sie einem der Kellner, der nicht schnell genug bediente, mit ihrem kleinen Fächer eins übergezogen hatte. Ein schneidiger Reiter sprengte jetzt auf seinem Affenpferdchen herbei, Prinz Ohnegleichen, wie das Programm besagte. Er küßte galant die huldvoll dargereichte sechsfingerige Hand seiner schönen Tischdame. Ein gewandtes Äffchen im Kellnerfrack, das Mundtuch unter dem Arm, trug die Speisen auf, nicht ohne hinter dem Rücken der beiden Herrschaften unter verschmitzten Grimassen die besten Happen in das eigene Maul verschwinden zu lassen. Ein anderer Kellneraffe trug den Sektkühler mit Sekt herzu. Aber während Prinz Ohnegleichen sich um die Gunst von Madame Pompadour bemühte und ganz vertieft in ihre Holdseligkeit war, setzte der Kellner zum Jubel des Publikums die Sektflasche selber grinsend an das Maul und klopfte sich seinen Bauch. Dann füllte er die Flasche, nachdem er sie geleert hatte, mit Wasser und schenkte die Sektkelche voll. Die beiden stießen miteinander an, und Prinz Ohnegleichen war so eingenommen von seiner schönen Tischdame, daß er nicht einmal merkte, daß er statt Sekt Gänsewein trank. Die kleinen Zuschauer lachten und jubelten. Der Speisenkellner, der den Nachtisch auftrug und sich dabei die Knackmandeln von dem Obstkorb mauste, die Mandeln auffraß und die Schalen unter die kreischenden kleinen Zuschauer warf, griff nach der Sektflasche, um hinter dem Rücken von Prinz Ohnegleichen einen kräftigen Schluck zu tun. Als er aber merkte, daß es Wasser war und kein Sekt, wurde er wütend und warf dem Weinkellner vor Ärger die Sektflasche an den Kopf. Der hatte sich bereits einen Affen angetrunken. Es entspann sich eine wilde Prügelei. Prinz Ohnegleichen stellte sich ritterlich vor Madame Pompadour, um sie zu schützen, und zog seinen kleinen Degen. Madame Pompadour fiel in Ohnmacht. Doktor Eisenbart erschien mit greisenhaftem Affengesicht, breitkrempigem Schlapphut und Goldknaufstock und ließ Madame Pompadour zur Ader.

»Genau wie Onkel Doktor Kruse!« schrie Renatchen begeistert, denn dieser war Hausarzt bei Körners.

»Gut, daß Hanna nicht dabei ist!« sagte Fränze lachend. »Sie wäre über die Ähnlichkeit gewiß nicht entzückt.«

Inzwischen wurde Madame Pompadour in die Galakutsche gebettet. Prinz Ohnegleichen und Doktor Eisenbart stiegen mit ein. Die Affenkutsche rollte davon und der erste Akt war zu Ende.

Die Kinder klatschten begeistert und warfen den sich verneigenden Schauspieler-Äffchen Bonbons in die hingehaltenen Federhüte.

Doktor Eisenbart machte einen Sprung auf Lischen und Renatchen zu, die gerade mit ihren Schneewittchen-Äpfeln liebäugelten, bevor sie hineinbissen. Renatchen schrie laut auf vor Schreck, Lischen verkroch sich hinter der großen Schwester. Doktor Eisenbart dienerte höflich und wartete wohlerzogen. Als aber keine Belohnung kommen wollte, nahm er sie sich selbst. Ein Satz – und Renatchens Schneewittchen-Apfel war in den braunen Affenhänden.

Renatchen schrie wie am Spieß: »Mein Apfel – mein schöner Apfel aus Neu-Trebbin! Der olle Onkel Doktor soll mir meinen Apfel wiedergeben!« Bitterlich weinte das Kind, während die Umsitzenden Tränen lachten und selbst Lisabeth vor Lachen das Schwesterchen kaum beruhigen konnte. Inzwischen ließ sich Doktor Eisenbart gar possierlich den Neu-Trebbiner Apfel schmecken.

Da aber ereilte ihn die Vergeltung. Luchen und Huchen, die schon vorher tuschelnd hinter Fränzes Rücken die kurzgeschorenen Köpfe zusammengesteckt hatten, zogen eine blanke Silberdose, die sie aus Vaters Kasten entwendet hatten, aus der Hosentasche und boten sie mit treuherzigen Mienen dem Affendoktor an. Der begnügte sich nicht damit, den schwarzen Pulverinhalt zu nehmen, sondern griff gleich nach der ganzen Dose.

»Du, das ist Vaters Feiertagsdose!« rief Huchen entsetzt, während Luchen sich die Seiten vor Lachen hielt, denn der Affe hatte den Schnupftabak nicht in die Nase gesteckt, sondern sich das Maul damit vollgestopft. Nun aber spuckte er das scharfbrennende Zeug aus, fletschte die Zähne und – hast du nicht gesehen – war er erbost an der Rampe und verabreichte Luchen die schönste Ohrfeige, die dieser je in seinem Leben bekommen, und er verfügte über eine ganz stattliche Sammlung davon. Vaters silberne Feiertagsdose aber warf der Affe Huchen an den Kopf.

Direktor Brockmann trat jetzt an die Doussinschen Kinder heran und wies auf ein Schild, auf dem zu lesen war, daß es streng verboten sei, die Tiere zu necken. Fränze, die aus vollem Herzen über den Streich der Brüder sowohl als auch über deren Bestrafung gelacht hatte, blieb das Lachen in der Kehle stecken, als der Direktor höflich aber bestimmt den Namen des kleinen Sünders verlangte. Für alle Fälle müsse er ihn sich aufschreiben. Wenn ihm nämlich das kostbare Tier etwa eingehen sollte, müsse er den Vater des Jungen haftbar machen. – Fränze erbleichte. Ludwig aber ließ sich nicht so rasch ins Bockshorn jagen. »Schnupftabak ist gesund, sagt mein Vater; der schützt vor Erkältung«, meinte er möglichst keck, trotzdem die große Schwester ihn am Jackenärmel zupfte und bat, den Mund zu halten.

»Ich bitte vielmals für meinen Bruder um Entschuldigung, Herr Brockmann«, brachte sie schüchterner, als es sonst ihre Art war, heraus. Auch die Freundinnen machten erschreckte Gesichter. Klärchen kämpfte trotz dem Tonnenreifen, durch den sie sich heute ganz erwachsen vorkam, mit dem Weinen.

»Nun, mein Fräulein«, meinte der Direktor, von dem Liebreiz der jungen Fürsprecherin besänftigt, »ich schätze Doussinschen Tabak ja sehr, nur nicht für meine Affen. Wir wollen hoffen, daß mein Doktor Eisenbart sich selbst kurieren wird.« Er gab das Klingelzeichen, und die Aufführung nahm ihren Fortgang.

In der ersten Reihe war aber nur noch wenig Aufmerksamkeit, trotzdem Madame Pompadour als Braut mit Myrtenkranz und Schleier von Prinz Ohnegleichen zum Altar geführt wurde. Renatchen trauerte noch immer ihrem Apfel nach. Sie klammerte sich fest an die Schwester, versteckte ihr Gesicht an deren Ärmel und wollte den abscheulichen Affen, der sogar den großen Ludwig verprügelt hatte, überhaupt nicht mehr sehen. Auch Lischen war bange und verkroch sich leise weinend auf der andern Seite hinter Gustchen. Luchen und Huchen war auch nicht allzu wohl zumute. Luchen hielt sich seine brennende Backe und Huchen die Beule an der schmerzenden Stirn. Klärchen verging vor Angst, sobald Doktor Eisenbart hustete, und das geschah öfters, denn der Schnupftabak reizte den Affen noch immer in der Kehle. Fränzchen aber saß und rechnete, rechnete, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Was mochte solch ein Affe wohl kosten?

Alle atmeten sie auf, als der Vorhang des Affentheaters endlich fiel. Aber schön war's doch gewesen.

Der Affe fletschte die Zähne und – hast du nicht gesehen – war er erbost an der Rampe und verabreichte Luchen die schönste Ohrfeige.

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