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Hermann Löns: Widu - Kapitel 22
Quellenangabe
authorHerman Löns
titleWidu
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Adelig Volk

Unter der Türe des Forsthauses steht der alte, weißbärtige Grünrock, sieht seinen Hühnern zu und lauscht auf das Pfeifen der Stare und das Schmettern der Finken im kahlen Eichenbaum.

Krischan, sein alter Knecht, dessen Gesicht wie ein halbvermoderter Eichenstumpf aussieht, kommt aus dem Holzstall. »Feines Wetter heute, Herr Hegemeister,« knarrt er mit seiner eingerosteten Stimme; »so recht 'n Dag vor die Hütte: blanke Sonne und stille Luft. Ich glaube, der Hans muß an die Luft. Hör'n Se doch bloß an, was er sich anstellt.«

Der Hegemeister kneift ein Auge zu und sieht den Knecht an. Er kennt ihn: in der Hütte sitzen, ab und zu an der Führung rucken und Zigarren schmöken, das paßt ihm besser, als Holz zu hacken und den Garten umzugraben. Aber recht hat er. Das Wetter ist so schön und ein über das andere Mal ruft es aus dem weitläufigen Verschlage tief und voll: »Uhu, uhu, uhuu!« Ordentlich bittend klingt es.

»Na, denn man los, Krischan!« ruft der Hegemeister und geht in das Haus, langt den Drilling und die Doppelflinte von dem Kronenzehnender neben dem Bücherschrank, nimmt die Patronentasche, kramt aus der Schublade des alten Zylinderbureaus eine der selbstverfertigten Habichtslocken hervor, prüft ihren Ton, schmunzelt, als Gift und Galle, die beiden Dackel, daraufhin heulend und pfeifend in das Zimmer stürmen und Freudentänze aufführen, wehrt auch Pürschmann, dem gestromten Schweißhunde nicht, als der an ihm hochspringt, und wie er des Knechtes schlürfende Tritte hört, setzt er die leichte Deistermütze auf und zieht mit seinem Gefolge zu Holze.

Hinter dem Dorf beginnt die Heide mit ihren gelben Sandblößen und ihrem grünen Ginster. Ordentlich frühlingshaft sieht sie in dem hellen Sonnenschein aus; auf den dürren Blütenresten liegt ein goldener Schimmer, ein überwintertes Tagpfauenauge tanzt über sie hin, grüne Sandraubkäfer blitzen auf und erlöschen in dem braunen, silbern schimmernden Heidkraut. Die Ellern am Tränkenteich hängen dick voll von abgeblühten Kätzchen und die Hängebirken haben ihre Troddeln schon sehr verlängert.

Bei einem unauffälligen Heidhügel macht der Hegemeister halt. Krischan nimmt den Tragkorb ab, läßt die Stellung in die Jule fallen, zieht die Führung durch die Knake, verbindet mit geübter Hand die Fessel des Auf mit der Führung, und wenige Augenblicke später verschwinden die Männer samt den Hunden in der geräumigen, mit rohen Brettern verschalten Hütte.

Der Hegemeister nimmt in dem Drehsessel Platz, lädt die beiden Gewehre, spannt sie, stellt den Drilling in die beiden auf dem Boden und an der Tür angebrachten Astgabeln, legt die Doppelflinte auf die Knie und stopft umständlich und mit einer gewissen Feierlichkeit den schön gemaserten Kopf der kurzen Pfeife, pinkt mit Stahl und Stein den Zunder an und sieht dann, ganz kleine blaue Wölkchen ziehend, durch die Schießluke nach dem Auf.

Der hat auf der Jule aufgehakt, ordnet sein prachtvoll geflammtes Gefieder, schüttelt sich, bläht sich, macht sich schlank, richtet die Federohren hoch, bläht den weißen Kehlfleck, neigt sich und stößt aus zufriedener Brust sein volles, tiefes »Uhu!« aus. Fürchterlich schimpft ein Häher, der auf der toten, alten Birke, die als Krakel dient, sich niedergelassen hat, und zwei Elstern flattern heran und helfen ihm dabei. Der alte Grünrock lacht, daß ihm das Kinn wackelt. Wie aber ein heiseres Arr und Ärr heranklingt, da nimmt er die Flinte von den Knien.

Ein schwarzer Schatten fällt auf den gelben Sand und die weißen Knochen des Kalbes, vor dem der alte Silberbart im Winter drei Füchse und einen Marder geschossen hat. Ein Schatten folgt dem andern, ein Wutschrei mischt sich mit einem zweiten, dritten, vierten; ein Höllenlärm entsteht, der Auf dreht den Dickkopf wütend hin und her, faucht, knappt mit dem Krummschnabel und plustert das Gefieder, denn immer unverschämter wird das schwarze Gesindel.

Der Hegemeister lacht in sich hinein, aber ganz lautlos, und wartet, bis eine Krähe neben der anderen auf der Krakel steht. Da zieht er den Kolben an die Backe, es kracht zweimal fürchterlich in der Hütte, es plumpst und flattert, kreischt und quarrt draußen, und dann kracht es noch zweimal, mit einem entsetzlichen Wehgekrächze stiebt das Krähenvolk ab und kreist in sicherer Höhe über der Hütte.

»Donnerschlag, Herr Hegemeister, das hat aber geschlumpt,« meint Krischan und lädt wieder. »Die Bande kommt wieder näher. Darf ich diesmal mit draufhalten?« Sein Herr nickt: »Aber erst, wenn ich schieße.« lange brauchen sie nicht zu warten. Hans ist von der Jule gestrichen, ist ruhig und besonnen nach einer laut klagenden Krähe gegangen, greift sie, hakt mit ihr wieder auf, ruft fröhlich »Uhu, uhuu,« zerschmettert ihr mit einem einzigen Schnabelhieb den Hinterkopf und beginnt sie langsam und behäbig zu kröpfen.

Das ist den Krähen aber doch zu arg. Mit furchtbarem Lärm streichen sie wieder näher, erst vorsichtig kreisend, dann haßt eine auf den Uhu, eine zweite kommt, eine dritte, neuer Zuzug streicht herbei, und bald ist über der Hütte wieder dasselbe Geplärr und Gequarr, wie vorhin. Ein Dutzend Krähen steht auf der Krakel. »Jetzt!« ruft der Hegemeister, zwei Doppelschüsse erfüllen die Hütte mit Donner und Rauch; ein gellendes Angstgekrächz ertönt und verliert sich nach allen vier Winden.

Krischan ist aufgestanden und sieht durch die Schießscharte: »Acht Stück, nee, neegen, und Hans hat ja auch noch eine. Dat hat aber Luft gegeben. Die werden nicht wieder die Birkhuhngelege auffressen.« Der Hegemeister lächelt. So sehr er alles liebt, was draußen streicht und zieht, die Eierdiebe da hält er im Schach. Er stopft sich wieder eine Pfeife und sieht qualmend an der Krakel vorbei über den gelben Sand und die braune Heide nach den blitzenden Fischteichen vor der dunklen Kiefernwand.

Zwei Punkte über der höchsten Schirmkiefer lenken seine Augen dorthin. Er nimmt das Glas hoch. »Krischan, die Wanderfalken sind wieder da. Ich dachte schon, sie wären ausgeblieben.« Er freut sich; er liebt die edlen Räuber und sieht es ihnen gern nach, wenn sie ihm einmal einen Fasan oder eine Birkhenne schlagen. In der Hauptsache müssen ja doch die Krähen und die Tauben dran glauben, und davon hat er genug. Lächelnden Mundes sieht er den Flugkünsten des verliebten Räuberpaares zu.

Auf einmal werden seine Mienen gespannt. »Drei?« meint er erstaunt. »Der Donner, jetzt sind es vier.« Schärfer sieht er durch das Glas: »Krischan, sie haben sich wieder mit den Räuken! Mich soll's nur wundern, was dabei herauskommt. Das muß ich sehen. Bleib du hier und warte. Krähen kannst du schießen, aber nichts anderes. Höchstens den Habicht. Aber bei Leibe keinen Raben oder Falken. Und einen Adler auch nicht. Die Hunde bleiben hier.«

Schnellen Schrittes stiefelt er, den Drilling über dem Rücken, über die Düne. Nur einmal bleibt er stehen, um dem Fischadler zuzusehen, der die glitzernden Teiche absucht. Das ist auch einer seiner Lieblinge, und um nichts in der Welt würde er ihn abschießen, ebensowenig wie den Schwarzstorch, der Jahr für Jahr seinen Horst in einer alten Eiche hat.

Als er auf der Höhe der Düne ist, verdüstern sich seine Augen. Unten in der schmalen Bachmarsch stehen noch einzelne Eichen; aber die meisten sind gefallen. Und da war früher sein Lieblingsplätzchen, vor zehn Jahren. Dort hat er manchen guten Bock auf die Decke gelegt, hat sogar einmal wintertags einen Seeadler am Luder geschossen, aber seine schönste Erinnerung, das waren die Mandelkrähen, die dort in den Eichen nisteten und ihn mit dem leuchtenden Farbenspiel ihres märchenhaften Gefieders erfreuten. Sie sind fort, für immer; vor zwei Jahren verschwand das letzte Paar, und mit ihnen verschwand der seltsame Wiedehopf, dieser Gaukler und Bauchredner.

In den kühlen Schatten des Waldes tritt der Alte, wo die Haubenmeisen spulen und die Finken schlagen. Früher war es hier noch schöner: gewaltige Fichten ließen ihr schweres Gezweig auf die Erde hängen, und in jedem Samenjahr wimmelte es von den lustigen Kreuzschnäbeln, die mitten im Winter hier brüteten und fütterten. Alles das hat die böse Nonne vernichtet. Fünf Jahre Arbeit kostete es, bis die Baumleichen fortgeschafft waren.

Aber noch mehr als die Nonne verdrießt den Weißbart das unheimliche, schwarze, hohe Ding, das er vom Kreuzgestell aus da hinten im Moore sehen kann, der Bohrturm. Da buddeln sie nach Kali oder Schmieröl, und seitdem knallt es bald hier, bald da im Revier, und alle Augenblicke ist eine Ricke abgängig. Ja, wenn er noch die flinken Beine hätte, wie früher, dann sollten sie das Freijagen und Ströppeln wohl bleiben lassen. Zwei hat er ja im Herbst erwischt, aber was kriegten sie? Vierzehn Tage.

Mit zusammengekniffenen Lippen, heftig dampfend, geht der Alte weiter. Er hat ganz vergessen, weshalb er hierhin seinen Weg nahm. Da hört er ein rauhes Krächzen, ein wütendes Gurgeln, einen heiseren Schrei, und da lachen seine Augen wieder. Schnell nimmt er Deckung in der Naturlaube aus Wacholder und sieht dem Kampf in der Luft zu. Da zanken sich die beiden Räuberpaare, die Wanderfalken und die Kolkraben, um die hohe Schirmkiefer, von der sie die ganze Gegend abäugen können.

Allen Ärger vergißt der Hegemeister. Das blitzt in der Luft wie blanker Stahl, schimmert wie Sammet und Seide, kreischt, krächzt, schreit und gurgelt, stößt wütend zu, weicht geschickt aus, hebt sich, fährt herab, kreist und schwebt, saust und rauscht, bis endlich das Falkenpaar den Platz für heute aufgibt und die Dickschnäbel sich ihrem Minnefluge überlassen, in herrlichen Spiralen sich emporschrauben, melodisch rufen, heiser antworten, um schließlich seinen Augen zu entschwinden.

Einmal, Jahre sind es her, stand er auch hier und sah solchem Kampfe zu. Drei Räuberpaare waren es, die sich um die Schirmkiefer balgten, denn auch Schreiadler horsteten damals hier noch. Das war noch schöner als heute. Aber der Alte ist auch so zufrieden. Wer, wie er, am Harz ein Dutzend Wildkatzen in den Eisen hatte, wer dem Ruf des Uhus zuhörte und dem Liebestanze des Kranichs zusah, wer dreißig Otter fing, der hat erlebt, was nach ihm keiner mehr erleben wird im lieben deutschen Vaterland.

»Auf und an, auf und an, spannt den Hahn,« fröhlich summt er neben dem Mundstück der Pfeife die alte Jägerweise vor sich hin und geht langsam seinen Weg weiter. Am Kreuzgestell bleibt er wieder stehen. Der Bohrturm ärgert ihn nicht mehr. Und dann steht ja auch blank und breit ein angehender Bock auf der Bahn und äugt ihn vertraut an, um dann langsam in das Holz zu ziehen. Noch steht der Alte da und freut sich über das erste junge Grün am Grabenbord, da schwebt wie ein Schatten ein großes graubraunes Ding quer über das Gestell. Behende, wie der jüngste Forstlehrling, hat der Greisbart hinter der efeuumsponnenen Eiche Stand genommen, derselbe Griff läßt die Pfeife in der Tasche verschwinden und zieht den Drillingslauf unter die Achsel, schrill klingt aus den gespitzten Lippen der Vogelangstruf. Kaum ist er verhallt, da fährt der Schatten aus dem hohen Bestande, schwenkt um die Birke und streicht auf den Alten zu. Und obgleich das Ding eine Wendung macht, als der Kolben an die Backe fliegt, die Schrote schlagen es aus der Luft heraus, und wie ein nasser Lappen fällt das alte Habichtsweibchen auf die Bahn.

Der Alte lacht, wie er den Strauchritter aufhebt. Kolkrabe, Fischadler, Wanderfalk, die liebt er. Das sind ritterliche Räuber und sie bezahlen bar, was sie schlagen, mit Ruf und Flug. Dem heimtückischen Habicht aber, der niemals mit frohem Flugspiel die Tauben und Hühner bezahlt, die er sich vom Hofe des Hegemeisters holt, dem gibt er nie Quartier, und manchem hat er schon seine Mordtaten heimgezahlt.

Leise pfeifend geht er der Hütte zu, in der Krischan auf die Krähen wartet, die nicht kommen wollen. »Hast 'n Schluck?« fragt er den. »Na!« sagt der bloß, als wäre ihm die Frage zu dumm, und holt die Flasche aus dem verschossenen Kittel. Sein Herr nimmt einen gehörigen Hieb: »Hühnerhabicht!« sagt er nur und gibt ihn Krischan. Der grinst: »Gut, daß er dot is; der holt uns keine Legehennen mehr weg. Da wird die Frau Hegemeister sich freuen!«

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