Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hermann Löns: Widu - Kapitel 19
Quellenangabe
authorHerman Löns
titleWidu
publisher
year
printrun
isbn
editor
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180626
projectidfbd62e11
Schließen

Navigation:

Der letzte Schrei

Der Vollmond steht über der Heide; auf ihr liegt der Nebel.

Kleisterdick ist er, und glatt und eben wie ein Wasserspiegel. Die Häupter der Fuhren und die Wipfel der Birken schwimmen darauf, und dazwischen tauchen, unholden Wesen gleich, die Machandeln auf.

Es ist so still wie in einer leeren Kirche. Dann flöten reisende Brachvögel jämmerlich, und es ist wieder so still wie zuvor. Auf dem Torfstiche quakt eine Ente auf, und wieder ist es still.

Da, wo die sechs Birken sich höher als die anderen aus dem Nebel herausstrecken, weil sie auf der Hütewurt stehen, tauchen sechs schwarze Flecke auf, und hinter ihnen ein siebenter, der sich nach oben hin verästet. Der Zwölfender vom Brakenbusch mit seinem Wildbret ist es. Langsam und würdevoll schiebt er hinter dem Rudel einher.

Nun verhofft er; von der Wulfsriede schallt ein harter, dröhnender, donnernder Schrei herüber. Der alte Zehnender vom Rabenholze meldet. Zwei Tiere wollen ihm entgegenziehen, aber sofort ist der Zwölfender bei ihnen und treibt sie mit rohen Geweihstößen zurück. Auch das Schmaltier, das sich nicht dicht beim Rudel halten will, wird geforkelt, daß es sich zitternd zwischen den anderen Stücken birgt und mit ihnen einen einzigen Klumpen bildet, auf dem sich die dünnen Hälse mit den langen Häuptern und den hohen Lauschern hin und her bewegen.

Der Zwölfender schöpft aus dem Wasserloche, legt dann das Geweih in den Nacken und schreit dem anderen Hirsche seine Antwort zu; Mut, Wut und Verachtung liegt darin. Von drüben kommt rollend und grollend die Erwiderung. Hinüber und herüber rufen sich die beiden Hirsche Grobheiten zu. Voll und rund schreit der Zwölfender; rauh und hart der andere. Hinter dem Rudel dröhnt es. Das Haupt eines geringen Hirsches steht über dem Nebel. Dünn schreit er und trollt, toll vor Brunftfieber, heran. Sofort wendet der Platzhirsch und rennt ihm entgegen. Der Achtender verhofft einen Augenblick; dann macht er eine Wendung und versucht, dem anderen die Flanke abzugewinnen. Doch der alte Kämpe fängt den Stoß ab. Laut rasseln die Geweihe aneinander. Einige Augenblicke schieben sich die Hirsche hin und her. Da macht der Zwölfender einen kurzen, schnellen Dreher mit dem Geweih, ein häßliches Knacken folgt darauf, der Achtender bricht in die Knie und stürzt dann längelangs hin. Der andere hat ihm das Genick abgedreht.

Stolz schreit der Zwölfender seinen Siegesruf durch den Nebel, daß dieser weithin wallt und wogt. Dann wendet er mit einem Rucke, steht erst wie versteinert da, läßt darauf aber die Lauscher spielen und saugt tief die Luft in die weit geblähten Nüstern; er hat den heranziehenden Gegner vernommen und dessen scharfe Witterung gespürt. Kurz und rauh schreit er ihm zu, tritt neben sein Rudel, treibt mit einem einzigen Schlage ein Tier, das sich aus der Reihe stellt, zurück, schreit noch einmal und ein drittes Mal, und trollt mit gesenktem Haupte dem Zehnender entgegen.

Der aber verschweigt. Dafür dröhnt von der Wohld ein neuer Ruf herüber, etwas dünn, ein wenig mager, aber frech und höhnisch lautend. Der alte, zurückgesetzte Achtender vom Tüh ist es, der nicht stärker meldet als ein geringer Hirsch. Und dabei hat er schon zwölf Enden getragen und auf vierzehn gezeigt. Ein Tier zieht ihm neugierig entgegen; der Zwölfender schlägt es in die Flanke, daß es dröhnt. Wütend schreit er dem neuen Nebenbuhler zu und trollt ihm kampfbereit entgegen. Schon taucht der andere vor ihm auf, das Haupt zum Stoße gesenkt. Zierlich setzen beide Hirsche die Läufe, als wollten sie tanzen. Und nun drehen sie sich umeinander mit gezierten Tritten, und auf einmal senkt der Achtender den Kopf und äst sich am Heidekraute, und der Zwölfender treibt sein Rudel in den Nebel hinein.

Der Mond ist verblaßt. Ein scharfer Wind zieht über die Heide und schiebt den Nebel von dannen. Das Heidekraut und der Moorhalm starren von Reif. Ziehende Drosseln pfeifen dünn; vom Moore kommt das Trompeten der Kraniche. Bergfinken flattern quätschend aus den Birken. In der Wohld schreckt ein altes Reh. Es will Tag werden. Darum treibt der Platzhirsch sein Rudel dem Forste zu. Schon hebt sich dessen schwarzer Umriß von dem Nebel ab, da dröhnt ganz plötzlich der harte Schrei des Zehnenders dem Platzhirsche entgegen. Der verhofft, stolz das Geweih in den Nacken geworfen.

Er kennt den anderen. Im Sommer war es, da stand der auf einmal bei ihm. Lange äugten sie sich an, dann zogen sie miteinander zu Felde und machten, satt vom milchigen Hafer und süßen Klee, gemeinsam ihren Kirchgang. Zwei Monde lebten sie wie Brüder zusammen. Sie hatten denselben Wechsel, die gleichen Äsungsplätze, denselben Unterstand und schlugen an denselben Bäumen den Bast von den Geweihen. Dann kam die Zeit, daß sie miteinander scherzten. Sie schlugen spielend die Stangen zusammen, schoben sich auch mitunter ein wenig hin und her. Eines Tages stießen sie auf den Wechsel eines brünftigen Tieres. Da war es mit der Treubrüderschaft aus. Sie äugten sich mit feindlichen Lichtern an und trennten sich. Der Zehnender wechselte aus; der Zwölfender gewann sich ein Rudel.

Nun ist der alte Hirsch wieder da. Er weiß nichts mehr von den brüderschaftlichen Zeiten. Böse schreit er den Zwölfender an, daß dem der scharfstinkende Brunftatem des anderen in den Windfang schlägt. Nun schreit auch er, rollend, grollend, tieftönig, und zieht dem Gegner zu. Ganz dicht stehen die beiden voreinander; ihr Atem mischt sich zu einem einzigen weißen Wirbel. Hinter dem Zwölfender stehen die Tiere mit langen Hälsen und hohen Lauschern. Wie auf Verabredung senken beide Hirsche die Häupter. Es prasselt, rasselt, knackt und knirrt. Das bereifte Heidkraut knistert, der anmoorige Boden quatscht, ein stoßweißes, heißes Keuchen ertönt, und wieder ein Knirren und Knarren.

Da zuckt der Zwölfender zurück. Die Kampfsprosse des Gegners hat ihm das linke Licht aus dem Auge gedrückt. Halb geblendet steht er da. Dann, als ein grober Stoß seine Stirn streift, wendet er und taucht in dem Nebel unter. Hinter ihm her will das Rudel fliehen, doch der Sieger treibt es mit rohen Stößen zurück. Dann aber reckt er den Hals, ruft dem Zwölfender einen Schmähruf nach und wendet. Ein roter Strahl blitzt hinter dem hohen Machandel auf, ein kurzer Knall, von dem Wald dreimal zurückgeschmissen, erschallt. Eine hohe Todesflucht macht der Hirsch, stürmt dem Walde zu und bricht vor dem Grenzgraben zusammen. Nach allen Seiten hin poltert das Kahlwild auseinander.

Ein Reh schreckt, ein Häher kreischt, eine Krähe quarrt. Von dem Machandelbusche löst sich eine menschliche Gestalt ab, die Büchse in der Hand, und schleicht nach dem Grenzgraben, wo der verendende Hirsch wild mit den Läufen schlägt. Abermals knallt es, und das Geschlägel bricht ab.

Die Zeisige zwitschern über die Heide hin, Dompfaffen locken, Bergfinken quätschen, Misteldrosseln schnarren. Der Nebel ist fort; die Sonne steigt über die bereifte Heide. Und weithin meldet das Horn: »Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!«

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.