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Hermann Löns: Widu - Kapitel 18
Quellenangabe
authorHerman Löns
titleWidu
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fenus

Er heißt Fenus und ist ein Rüde.

Die Art der Rasse ist freilich nicht so ganz sicher zu bestimmen. Es ist so eine Art von streng persönlicher Rasse.

Sein ehemaliger Herr, des Dorfes Nachtwächter, Flurschütz und Schweineschneider, war von Fenus sehr eingenommen. Wenn man ihn aber fragte, zu welcher Rasse der Hund gehöre, so machte er ein sehr ernstes Gesicht und meinte dann: »Och, up Rasse geben wi hier nix; es ist aber eine großartige schöne Mischung.« Das ist auch wahr, denn an und für sich ist Fenus ein ganz hübscher Hund, obgleich er durch sein Aussehen beweist, daß sein Herr Vater, vorausgesetzt, daß es nur einer war, und seine Frau Mutter, angenommen, daß er davon eben nur eine einzige besaß, sehr wohl gute, wenn auch von der der Gegenpartei ganz verschiedene Rassenzugehörigkeit besaßen, denn irgendwas an dem Bau und an dem Haar von Fenus erinnert an Colliblut, doch ist es nicht unmöglich, daß ein Dobbermann oder ein Airedaile bei seiner Entstehung beteiligt war. Jedenfalls, das ist klar: er hat nicht zu wenig, sondern eher zu viel Rasse, ist also ein doppelter Rassehund, ein Rassehund im Quadrat.

Woher er gekommen ist, weiß kein Mensch, am wenigsten sein erster Herr. Denn als Peter Kraihenfoot in einer Nacht gerade heftig am Tuten war, saß der Hund plötzlich vor ihm und heulte in derselben Tonart mit. Der Nachtwächter war so verdutzt, daß er sein Getute mitten abbrach und den Hund anlockte, und da er zu Abend Leberwurst gegessen und verabsäumt hatte, seine Hände zu waschen, so leckte der Hund, der sehr mager war, ihm so zärtlich die Finger, daß Kraihenfoot ganz gerührt war und nichts dagegen hatte, daß das Tierchen sich ihm anschloß. Pflichtgemäß trat der Nachtwächter ein Viertel vor Mitternacht in die Wirtschaft, um Feierabend zu bieten, was so bis gegen ein Uhr zu dauern pflegte, da Kraihenfoot nicht gern ein Glas Grog ausschlug.

Es erregte allgemeines Aufsehen, als er mit dem lebendigen Gerippe hereinkam. »Na, wo hast du denn den Schmachtlapp her?« fragte der Vollmeier Schietendüwel, ein Mann, der seine zweihundert Pfund aufgebrochen wiegen dürfte und der weder Mensch noch Vieh hungern sehen konnte. Und da er einst eine Hündin gehabt hatte, die dem Gerippe vor ihm ähnlich sah und Fenus hieß, so hielt er ihm ein Stück Wurst hin und rief: »Komm her, Fenus!« Als der Hund sofort heranschwänzelte und erst die Wurst hinabschlang und dann Schietendüwels wurstförmige Finger eifrig beleckte, rief dieser erfreut: »Wahrhaftig, er heißt Fenus!« Und erfreut über seine eigene Klugheit fütterte er das Tier so lange, bis ihm die Rippen nicht mehr überall aus dem Fell herausstanden. »Wat wi'st'n für den Köter haben, Krischan?« fragte er den Nachtwächter und wühlte mit seiner Bärentatze in der Hosentasche herum, daß es silbern klingelte. »Tja,« brummte dieser, »ich muß ihn doch wohl erst ausrufen, von wegen weil es ein Fundobjekt und zum mindesten ein herrenloser Gegenstand sein tut. Und der Vorsteher muß ihn ins Blatt setzen lassen. Hinterher, wenn sich kein Herr dazu finden tut, denn so kannst du ihn wohl kriegen.« Daraufhin gab Schietendüwel noch drei Runden Grog aus, was zur Folge hatte, daß Kraihenfoot in dieser Nacht das Tuten vergaß.

Schietendüwel bekam den Hund aber vor der Hand noch nicht, denn er machte sich bei Frau Kraihenfoot so beliebt, daß sie ihn nicht hergeben wollte. Da aber im Nachtwächterhause nicht so fett gelebt wurde wie nebenan auf dem Vollmeierhofe, so hielt sich Fenus meist dort auf, besonders um die Hauptmahlzeiten, und da die Vollmeierin ebensogut im Wildbret war wie der Bauer, und ebensowenig sehen konnte, wenn ein Mensch oder ein Vieh nicht satt bekam, so nahm der Hund sehr schnell an Umfang, Weisheit und Verstand zu, und auch an Frechheit. Das erfuhr Suputs Heinrich, der unverschämteste Junge im Dorf. Als der einmal so lange nach Fenus mit der Mütze schlug und ihn dabei noch mit Verbalinjurien elendete, bis der Hund vor Wut ganz heiser war und wie Braunbier schäumte, stand der Bengel plötzlich ohne Hosenboden mit blankem Spiegel zum großen Hallo der gesamten Schuljugend da, und zur innigen Freude von Schietendüwels Mutter, die den Vorgang mit angesehen hatte und sich deswegen besonders darüber freute, weil Heinrich Suput ihren Willem am Tage vorher eine Mastsau genannt hatte. Als ihr Mann die Geschichte hörte, lachte er so laut, daß der Schimmel, den der Knecht gerade anspannte, beinahe durchgegangen wäre. Er ging sofort zu Kraihenfoot und bot ihm zwei Taler für den Hund; aber da Kraihenfoots Mutter »Nee!« sagte, bekam er ihn nicht, obgleich er noch einen Taler mehr bot.

Wenn man Fenus heute sieht, so kennt man ihn nicht wieder, so schier und glatt ist er, und so keck steht er vor der Einfahrt. Wehe den andern Hunden, wenn sie nicht im Bogen um das Nachtwächterhaus und den Vollmeierhof herumgehen; wie ein Ungewitter ist Fenus über ihnen und beutelt sie, daß die Haare in der Umgegend herumsausen. Anfänglich hatte er die lästige Eigenschaft, den Katzen und dem Federvieh mehr Bewegung zu verschaffen, als ihnen und ihren Besitzern lieb war. Infolgedessen bezog er mehrere Male so bedeutende Mengen von ungebrannter Asche, bis er diese Tätigkeit als unbekömmlich aufsteckte und sich in seinen vielen Mußestunden mit Rattengreifen beschäftigte, was ihm Lob und fette Bissen eintrug. Aber wenn die Schweine in den Hof gelassen wurden, so mußte Fenus hinterher, mochte noch soviel geschimpft und geflucht werden, und es gab dann stets ein erhebliches Gegrunze und Gequieke und darauf ein lautes Gepfeife von Fenus, wenn er die Peitschenschnur fühlen mußte, und drei Tage lang bekam er auf dem Bauernhofe keinen Happen.

Und doch war das Schweinehetzen die Ursache, daß er auf dem Vollmeierhofe blieb. Schietendüwel konnte auf einmal nicht schlucken und das Atmen wurde ihm immer beschwerlicher. Als er dazu noch Halsschmerzen und Schwindelanfälle bekam, fuhr er zum Arzte. Der sah ihm in den Hals und sagte: »Ja, Klausbur, du hast ein mächtiges Halsgeschwür; übermorgen ist es so weit, daß man es schneiden kann. Ich komme dann nachmittags bei dir vor.« Als der Bauer das hörte, wurde er so blaß, wie es bei seinem braunen Gesichte möglich war; er erklärte dem Doktor, lieber wolle er sterben, ehe daß er sich mit einem Messer mitten in den Leib kommen lasse, und damit bezahlte er seinen Taler und machte, daß er fortkam. Das war am Dienstag. Am Donnerstag konnte er es aber nicht aushalten vor Wehtag. Die Bäuerin machte ihm bald kalte, bald heiße Umschläge, doch es wurde nur immer schlimmer danach. Der Bauer rührte das Frühstück nicht an und aß auch kein Mittag, so daß es der Bäuerin ganz angst wurde, denn das hatte sie in ihrer zwanzigjährigen Ehe noch nicht erlebt. Sie quälte ihren Mann, er solle zum Arzte fahren, aber der grunzte bloß dumpf, schüttelte den Kopf und ging stöhnend in den Hof, gerade in demselben Augenblicke, als Trina, die Magd, die alte Zuchtsau hinausließ. Kaum hatte Fenus, der vor dem Nachtwächterhause in der Sonne lag und nach der Katze schielte, die auf dem Backofen saß, das gemerkt, wuppdich, war er über den Zaun und fuhr der Sau in den Pürzel. »Vermuckter Köter!« kreischte die Magd; aber das half nichts, denn mit giff und gaff sauste Fenus hinter dem Schweine her.

Der Bauer langte gerade nach der Peitsche, um dem Hunde das Fell zu gerben, da prallte die Sau mit der Rüsselscheibe gegen den steinernen Torpfeiler, fiel um und rührte kein Glied mehr. »O Gotte!« schrie Trina; »unsere beste Söge, die is nu' dode!« Schietendüwel ging langsam näher, bückte sich ächzend, um zu sehen, ob das Tier wirklich tot sei, und als er merkte, daß es so war, mußte er ganz fürchterlich lachen. Aber mitten im Lachen hörte er auf, kullerte auf sonderbare Weise, griff sich erst nach dem Halse und dann nach dem Munde, spie eine Masse Blut und Eiter aus, schrie dann: »Trina, Mädchen, Wasser!« trank, und spuckte, trank und spuckte abermals, und dann ging er, so schnell sein Gewicht es ihm erlaubte, auf die Diele und brüllte: »Mutter, es is auf, das Geschwür, ohne Doktor und Messer is es auf, und,« dabei schlug er sich auf den Schenkel und wieherte vor Lachen, »das hat Fenus schuld, und nu will ich den Hund haben und wenn es mich zehn Daler kosten dut!«

Als er dem Nachtwächter die zehn Taler hinlegte, sagte selbst Kraihenfoots Mutter nicht mehr »Nä!« und Fenus, der in Erinnerung seiner Tat sich etwas im Hintergrunde gehalten hatte, war sehr erstaunt, als der Bauer ihn mit süßen Lauten heranlockte und auf den Hof mitnahm, wo die Bäuerin ihn so fütterte, daß ihm beinahe das Fell platzte.

Seitdem lebt er gänzlich auf dem Vollmeierhofe, ist noch unverschämter geworden, hat aber an Beliebtheit nicht abgenommen, denn wäre Fenus nicht dagewesen, so stände der alte Hof nicht mehr, dessen Wohnhaus noch aus der Zeit vor dem großen Glaubenskriege stammt. Drei Tage lang war Fenus Nacht für Nacht ausgeblieben und morgens hungrig, dreckig und meist übel verbissen heimgekehrt. Die Ursache zu diesem fortgesetzten Lebenswandel war irgendeine liederliche Fixkötersche in der Umgegend, mit der Fenus die Rasse Fix mal Fix zu züchten beabsichtigte. In der vierten dieser verlumpten Nächte wachte nun der Bauer von einem Riesen- oder Abgottsgetöse auf, das Fenus von sich gab. So schrecklich bellte und heulte der Hund durcheinander, daß der Bauer unbesonnen aus dem Bette sprang und auf die Diele lief. Und da bekam er Brandgeruch in die Nase. Es war die höchste Zeit; eine Viertelstunde später wäre das Haus und wahrscheinlich alles, was darin lebte, in Asche aufgegangen. Da aber Fenus rechtzeitig »Feurio!« gebellt hatte, blieb das Haus größtenteils erhalten.

Seit diesem Tage kann Fenus machen, was er will, doch die Rücksicht, die man auf ihn nahm, wenn er irgendwelchen Unfug anstellte, und die Ehren, die ihm von jedermann, sogar von Suputs Heinrich, zuteil wurden, wirkten wandelnd auf ihn, und so ist er einer der gesittetsten Hunde im ganzen Dorfe. Das ist ja auch weiter kein Wunder, wurde er doch der Auszeichnung gewürdigt, von einem jungen Maler, der einige Zeit in dem Dorfe Studien machte, in Öl gemalt und in einem pompösen goldenen Rahmen in der besten Stube des Hofes aufgehängt zu werden.

Und da hängt nun zwischen den Stichen preisgekrönter Deckhengste Schietendüwelscher Zucht das Bild von Fenus, dem Fixterrier.

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