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Hermann Löns: Widu - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHerman Löns
titleWidu
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Fifichen

Freifrau von der Blecken-Blecken war sehr ästhetisch veranlagt.

Viel zu ästhetisch sogar für die Frau eines einfachen Landedelmannes, der, nachdem er die blaue Reitjacke wegen eines Sturzes vom Pferde hatte ausziehen müssen, seine dicken Kartoffeln, wie er selber sagte, auf seiner Klitsche baute und gar kein Interesse für die moderne Literatur hatte.

Er fiel seiner Frau oft auf die Nerven, wenn er in Joppe, Reithosen und Kniestiefeln in ihr Boudoir trat und mit seiner klirrenden Reitplatzstimme sagte: »Denke dir, Mollie, die Blesse hat mir wieder einen Doppellender gebracht! Eine Prachtkuh!« Oder wenn er, ritt er mit ihr aus, dem Mistwagen begegnete, wohlgefällig den nützlichen Duft einschnupperte und, mit dem Reitstock auf die braune Masse deutend, voller Behagen ausrief: »Sieh mal, Mollie, wat'n lecker Mistecken!« Die Gnädige wandte dann den Kopf zur Seite, machte ein leidendes Gesicht und rief mit kläglicher Stimme: »Aber Oldwig!« Und Oldwig lachte, und sie schmollte. Sonst aber vertrugen sie sich gut, gerade weil er so war und sie so; sie langweilte sich, sprach er ihr von Selbstbindern und Kalidüngung, und er mopste sich, redete sie von literarischen Neuerscheinungen, und infolgedessen zankten sie sich nie, denn in allen Dingen, die den Haushalt und das Auftreten anbetrafen, ließ er ihr Vorhand, und sie ließ ihm bei der Kindererziehung und in der Gutsverwaltung freie Hand, und wo der eine dem anderen einen Wunsch erfüllen konnte, da tat er es. Sogar die Gedichte seiner Frau, die in allerhand Zeitschriften erschienen, las der Freiherr, und wenn er sie auch nicht verstand, denn er dachte in geraden und sie in gebrochenen Linien, so sagte er doch: »Ich könnte das nicht, Melusine,« denn so hörte sie sich lieber nennen.

Als sie nun einmal die große Attraktion der Kreisstadt, die Hundeausstellung, besuchten und Frau Mollie einen jährigen Terrierrüden edler Abkunft und mit einem betäubend langen Stammbaum, »entzückend, aber auch ganz entzückend« fand, ließ Herr Oldwig es sich zwei blaue Lappen kosten und setzte seiner Frau den Hund auf den Geburtstagstisch. Dafür bekam er von ihr einen Kuß, wie er ihn lange nicht bekommen hatte, so daß es ihm ganz heiß unter der Weste wurde. Er war kein Freund von Terriern und schätzte Vorstehhunde und Teckel mehr, aber mit Fifichen, wie der Hund hieß, freundete er sich doch an, denn das Tier war bei allem Temperament ausnehmend artig und wohlerzogen und benahm sich in jeder Hinsicht angemessen. Auch war er wirklich hübsch mit seiner schlanken, aber stämmigen Gestalt und den gleichmäßig verteilten Abzeichen, schwarzem Kopfe mit weißer, schmaler Blesse, in jeder Weiche ein schwarzer Placken und bis auf die Spitze schwarzer Rute.

Was aber die Hauptsache war, er jagte nicht. Ob er die Freifrau bei ihren sentimentalen Spaziergängen in den Park oder in den Wald begleitete, oder mitlief, fuhr oder ritt die Herrschaft aus, nie wich er vom Wege ab. Er war ein äußerst gebildeter, ja sogar ein ästhetisch veranlagter Hund; nie wälzte er sich auf irgendwelchen üblen Gegenständen, einem toten Maulwurfe ging er weit aus dem Wege, steckte seine Nase nicht in die Rattenlöcher und fuhr nicht mit hellem Halse hinter dem Hasen drein, der aus dem Straßengraben rutschte, wie er denn auch die Hühner in Ruhe ließ und keine Katzen hetzte. Er fraß nie etwas, was er draußen vorfand, selbst Wurstpellen nicht, er trank nur aus einem reinen Glase und nahm sein Fressen nur an, bekam er es auf einem weißen Teller, er rümpfte die Nase, kam Käse auf den Tisch, und eine Heringsgräte, die auf dem Wege lag, war ihm ersichtlich widerlich. Er war ein Muster von einem Hunde, ein Hund, wie er für die Gnädige paßte, und darum hatte er auch in ihrem Zimmer sein Körbchen mit einem stets frisch überzogenen Kissen, denn bei schmutzigem Wetter ging er nicht aus dem Hause, denn Regen haßte er gründlich, und feuchte Wege waren ihm ein Greuel.

So wurde er drei Jahre alt, wurde Frau Mollie immer lieber und führte zwischen Boudoir und Veranda, Park und Wald das Leben eines Hundes, der einer Dame von urbaner Kultur zugehört. Sogar in seinen Liebesangelegenheiten bewies er eine große Delikatesse und hielt auch darin auf Standesgemäßheit, indem er allem Fixköterzeug aus dem Wege ging und sich an die besseren Hundedamen, an die Mimi des Pastors und an die Lotte des Försters hielt. Raufereien ging er grundsätzlich aus dem Wege; ließ sich aber ein Ehrenhandel nicht vermeiden, so focht Fifichen ihn mit solcher Schärfe aus, daß ihm selbst viel größere Hunde, die seinen langen Fang gekostet hatten, gern vom Balge blieben. Auch Menschen gegenüber kannte er weder Frechheit noch Furcht. Er belästigte weder den Briefträger noch den Schornsteinfeger und wich nur dem Schlachter aus, dessen Witterung ihm zuwider war. Feige war er aber durchaus nicht. Als er einmal seine Herrin, wie stets, in den Wald begleitet hatte, wurde sie von zwei ganz verdächtigen Kerlen in unverschämter Weise angebettelt. Im nächsten Augenblicke hatte der eine keinen Hosenboden mehr und der andere einen Biß in der Hand weg, und fluchend und brummend machten sich die Strolche dünne.

Aber was ist Kultur, was bedeutet Zivilisation? Dünner Lack ist es, unter dem die Natur sitzt und darauf wartet, daß irgendwo in dem sauberen Anstrich ein Riß entsteht, und dann bricht sie hervor, und der Lack blättert ab, wie die Rinde der Platanen, wenn es auf den Winter geht. Die Freifrau mußte nach Berlin zu ihrer Schwester, der Majorin, die erkrankt war, und deswegen konnte sie Fifichen nicht mitnehmen. Der Hund ergab sich mit Würde in das Unvermeidliche, aber er langweilte sich doch beträchtlich, denn er hatte nun so recht niemand, der mit ihm ausging. So lag er verdrossen und mißmutig in seinem Körbchen und mopste sich nach der Schwierigkeit. Da raschelte es hinter dem Vorhang, Fifichen hob den Kopf und zog die Behänge hoch, »Wer hat in Frauchens Zimmer zu rascheln, höh?« dachte er. Dann plumpste es und etwas Kleines, Graues fiel auf die Erde und rannte dann nach der Ecke, wo der Flügel stand. »Sonderbar!« dachte Fifi, sprang leise aus seinem Körbchen und ging in die Ecke des Zimmers, den Kopf schief haltend und einen Vorderlauf emporhebend. Hinter der Tapete knabberte etwas. »Hm!« dachte Fifi und paßte auf, ohne sich zu rühren. Es piepte in der Ecke. »Na?« dachte Fifi und hob die Behänge noch höher. Das kleine graue Ding erschien unter der Stoßleiste, sah sich einen Augenblick um und wollte dann an Fifi vorbeihuschen. »Einen Augenblick!« sagte er sich und schnappte zu.

Gerade als er die Maus wieder fallen ließ, um sie mit einigem Widerwillen zu beriechen, kam der Gutsherr in das Zimmer. Fifi machte hübsch und wies ihm die Maus. »So recht, Fifichen, so schön, mein Hündchen!« sagte der Freiherr und liebelte ihn ab, nahm die Maus und warf sie zum Fenster hinaus. Fifi atmete erleichtert auf. Also er durfte diese grauen Dinger totbeißen! Das hätte er früher wissen sollen! Immer hatte er geglaubt, wenn er sie im Grase umherhuschen sah, das wären junge Vögel, und die, hatte ihm Frauchen gesagt, sollte er in Ruhe lassen. Er dachte über den Fall nach und dann lief er in den Garten. Es hatte geregnet und die Wege waren feucht, »aber wenn man sich um die Herrschaft verdient machen kann, kommt es auf ein paar nasse Füße nicht an,« dachte er und ging zwischen die Vietsbohnen, denn dort, das wußte er, waren immer ganz gefährliche große schwarze Dinger. Da, wo der Boden überall zerwühlt war, lauerte er. Er brauchte nicht lange zu warten, denn gleich darauf bewegte sich dicht vor ihm die Erde. Er stieß seinen Fang hinein und förderte eine dicke Wühlratte zutage. Sie wollte beißen, aber, wie er auf den Gedanken kam, das wußte er selber nicht, kurzum, er schlug sie sich um die Behänge, bis sie schlapp wie ein Handschuh wurde. Dann trug er sie in das Haus und piepte so lange vor dem Arbeitszimmer des Freiherrn, bis der ihm aufmachte. Er machte große Augen, streichelte Fifi und sagte: »Du bist ja ein ganz vorzüglicher Hund!« dann bekam er ein Praliné.

Für Pralinés ließ Fifichen aber sein Leben, und so verging kein Tag, daß er nicht mit einer Haus- oder Feldmaus, einer Wühlratte oder Wanderratte ankam. Er langweilte sich nun nicht mehr; sein Leben hatte einen bestimmten Inhalt bekommen. Sein Körbchen stand nun den ganzen Tag leer, denn er trieb sich überall herum, wo es nach irgendwelchen von den großen und kleinen, grauen oder schwarzen, kurz- oder langschwänzigen Dingern roch, in den Ställen, im Garten, im Parke, auf der Wiese, und schließlich auch an den Fischteichen und im Walde. Er wurde ein großer Jäger vor dem Herrn; unglaublich war die Menge von Mäusen und Ratten, die er totbiß, und oft verbellte er stundenlang einen Zaunigel und kam ganz außer Atem und mit zerstochener Nase und todmüde spät abends heim. Einmal, als der Freiherr mit seinen Kindern, denn es war in den Ferien, auf der Veranda beim Abendessen saß, fing es dort ganz abscheulich an zu duften. Schließlich entdeckte man Fifi, der in der Ecke saß, einen halbwüchsigen Iltis vor sich liegen hatte, hübsch machte und auf sein Praliné wartete. »Der Hund ist gut,« sagte Jung-Oldwig, der Kriegsschüler, und nahm Fifi am anderen Tage nach den Ententeichen mit, denn da wimmelte es von Ratten. Jung-Oldwig, Jung-Mollie und der Gärtner bewaffneten sich mit Gewehren, und Fifi mußte stöbern. Wie ein Ungewitter sauste er in das Gestrüpp, jagte die Ratten in das Wasser, und jedesmal, wenn es knallte und eine Ratte weiß zeigte, sprang er kopfüber in das dreckige Wasser und brachte sie her. Als die Strecke gemacht wurde, lagen dreiundzwanzig Ratten da: »Sieben starke, fünf angehende und elf Frischlinge,« sagte Jung-Oldwig, und Jung-Mollie schrie aus vollem Halse: »Ratz tot, Ratz tot, Ratz tot.« Fifi aber sah wie ein Schwein aus und mußte von oben bis unten abgeseift werden.

Von da ab brauchte er nur Pulver zu riechen und er war aus Rand und Band. Er ging dem jungen Herrn nicht mehr von der Seite. »Auf Enten ist Fifi einfach tadellos, Vater,« sagte Jung-Oldwig; »ich glaube, der steht Hühner und Hasen und macht eine ebenbürtige Schweißarbeit!« Er sollte recht behalten, denn als er einen Bock schoß, seinen ersten guten Bock, als Belohnung für gute Führung, der aber mit der Kugel abging, kam Fifi an den Schweißriemen, arbeitete den Bock nach der Kunst, hetzte ihn, als er gestellt wurde, zustande, zog ihn nieder und verbellte tot, ohne daß ihm ein Mensch das beigebracht hatte. Als der junge Herr den Bock an das Gehörn faßte, sah er, daß ihm die ganze Drossel durchgerissen war. »Donnerwetter!« sagte er und liebelte den Hund ab, »Donnerwetter, Fifi! hast du Schneid!« Er brach den Bock auf und machte den Hund genossen, und Fifi, Fifichen, der sonst nur gekochtes, gesalzenes, geschmälztes, mit Sauce begossenes Fleisch von weißen Tellern nahm, schlang die rohen, schweißbenetzten, mit Sand bedeckten Lungenfetzen mit einer Gier hinunter, wie er noch nie geschlungen hatte, und kaute in einer so gewöhnlichen Weise, wie ein Schlächterhund, so daß er sich stets den ganzen Fang und die halbe Brust beschmierte und das freudige Entsetzen von Jung-Mollie erregte, als er auf der Veranda erschien, denn Jung-Mollie war in der Pension bei Fräulein Elsbach notgedrungen eine junge Dame, zu Hause machte sie von dieser Eigenschaft aber so wenig Gebrauch, wie nur möglich.

Als Frau Mollie zurückkam, kannte sie Fifichen nicht wieder. Jeden Tag war das Kissen in seinem Körbchen dreckig, jeden Tag liefen Schmutzspuren kreuz und quer durch das Boudoir, durch das Eßzimmer, durch den Empfangsraum, jeden Tag lag auf der Veranda eine tote Maus oder Ratte oder sogar eine Ratze, denn die Ratzen hatten es nun auch schlecht; wo Fifichen sie erwischte, machte er kurzen Prozeß mit ihnen, und dann schleppte er sie triumphierend in das Haus. Mehr als einmal verletzte er das ästhetische Empfinden der Freifrau auf das ärgste. Sie saß ohne allen Arg in ihrem Strandstuhl und las einen ihrer Lieblingsdichter; auf einmal piepte es zu ihren Füßen und dann saß Fifi da, naß, dreckig, und machte hübsch, und sah bald seine Herrin an, bald eine arg zerknautschte Maus oder Ratte, die er dicht vor die Lackspitzen ihrer Schuhe gelegt hatte. »Ich kenne den Hund nicht mehr wieder,« klagte sie und ging ihm aus dem Wege, denn sie hatte am eigenen Leibe die peinliche Beobachtung machen müssen, daß Fifi sich bei seinem Jägerleben auch Flöhe zugezogen hatte.

So wurde er denn aus dem Boudoir verbannt und sein Körbchen kam in die Halle. Er hieß auch nicht mehr Fifichen, sondern nur noch Fifi. Ihm war es so lieber. Es war ihm sogar angenehm, daß sein Korb auf die Veranda gestellt wurde, denn nun war er sein eigener Herr, und wenn es ihm paßte, konnte er mitten in der Nacht los, ohne erst lange zu fragen, und im Garten und Parke auf die Rattenjagd gehen. Mit der Zeit wurde er ein berühmter Hund in der Umgegend. Er fehlte bei keinem Fuchssprengen, er wurde zu jedem Dachsgraben mitgenommen. Er ging auf eigene Rechnung los und buddelte junge Kaninchen aus, er machte den Gutshof und den Park mause- und rattenrein. Er wurde ein Raufbold und nahm es selbst mit der Liebe nicht mehr so genau. Er sah nie mehr so weiß aus wie ein Osterlamm; auch hatte er zerfetzte Behänge und oft genug frische Schmisse.

Bei der Freifrau war er vollkommen in Ungnade gefallen; sie brach jeden Verkehr mit ihm ab und legte sich einen Zwergspaniel, und als Fifi diesen auch zum Jäger machte, einen echten Mops zu.

Fifi war das gleichgültig. Er war Weidmann geworden und pfiff auf die höfischen Sitten. Er war lange genug Fifichen gewesen; jetzt war er Fifi.

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