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[Werke des] Mong Dsï

Mong Dsï: [Werke des] Mong Dsï - Kapitel 15
Quellenangabe
authorong Dsï
title[Werke des] Mong Dsï
publisherEugen Diederichs Verlag
printrunDrittes bis fünftes Tausend
editorRichard Wilhelm
year1921
translatorRichard Wilhelm
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
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Buch V
Wan Dschang

Abschnitt A

1. Schuns Klagen

Wan Dschang fragte: »Schun ging hinaus aufs Feld und klagte weinend zum gütigen Himmel Vgl. Schu Ging, II, II, 21, wo gesagt ist, daß Schun, während er in seiner Jugend auf dem Li-schan pflügte, also geklagt habe. Wan Dschang ist der als dreizehnter genannte Jünger.. Was war es, das ihn so klagen und weinen machte?«

Mong Dsï sprach: »Es war Enttäuschung und Sehnsucht.«

Wan Dschang sprach: »Wenn die Eltern einen lieben, soll man sich freuen und dankbar sein. Wenn die Eltern einen hassen, soll man sich Mühe geben, ohne zu murren. Hat aber nun Schun nicht gemurrt?«

Mong Dsï sprach: »Tschang Si fragte den Gung-Ming Gau Der Überlieferung nach ist Gung-Ming Gau ein Schüler des Dsong Dsï, Tschang Si ein Schüler des Gung-Ming Gau.: ›Darüber, warum Schun ins Feld hinausging, habe ich Belehrung empfangen. Daß er aber geklagt und geweint hat zum gütigen Himmel wegen seiner Eltern, das verstehe ich nicht.‹ – Gung-Ming Gau hat ihm darauf erwidert: ›Das ist etwas, das du nicht verstehst.‹ Die im folgenden gegebene Darstellung der Geschichte Schuns beruht nur zum Teil auf dem Text des Schu-Ging. Offenbar hat Mong Dsï noch andere, heute nicht mehr zugängliche Quellen benutzt. Schun hat die beiden Töchter Yaus geheiratet, ein bemerkenswertes Beispiel einer Doppelehe, die in historischer Zeit nicht mehr vorkommt. Die neun Söhne Yaus, deren Namen außer dem ältesten, Dan Dschu, unbekannt sind, haben dem Schun als ihrem Meister gedient. Gung-Ming Gau war der Ansicht, daß ein ehrfürchtiger Sohn sich innerlich nicht nur so leicht zufrieden geben könne: ›Ich gebe mir alle Mühe, das Feld zu bestellen und meine Pflicht als Sohn zu erfüllen. Was habe ich nur getan, daß Vater und Mutter mich nicht lieben!‹ Der Herr Die im folgenden gegebene Darstellung der Geschichte Schuns beruht nur zum Teil auf dem Text des Schu-Ging. Offenbar hat Mong Dsï noch andere, heute nicht mehr zugängliche Quellen benutzt. Schun hat die beiden Töchter Yaus geheiratet, ein bemerkenswertes Beispiel einer Doppelehe, die in historischer Zeit nicht mehr vorkommt. Die neun Söhne Yaus, deren Namen außer dem ältesten, Dan Dschu, unbekannt sind, haben dem Schun als ihrem Meister gedient. sandte dem Schun zu Diensten seine Kinder, neun Söhne und zwei Töchter, alle seine Beamten, Rinder und Schafe, die Scheunen und Kornhäuser zumal, während er inmitten der Rieselfelder weilte. Die Männer im ganzen Lande fielen ihm in Menge zu. Der Herr wollte das Weltreich mit ihm teilen und später es ihm übertragen. Aber weil er nicht in Ordnung war mit seinen Eltern, fühlte er sich wie ein hilfloser Mensch, der keine Heimat hat. Daß die Männer im Reich an einem Gefallen finden, ist etwas, das sich jeder wünscht, und doch vermochte das nicht seinen Kummer zu stillen. Frauenschönheit ist etwas, das sich jeder wünscht. Er hatte die beiden Töchter des Herrn zur Ehe. Und auch das vermochte nicht seinen Kummer zu stillen. Reichtum ist etwas, das sich jeder wünscht. Er war reich, die ganze Welt gehörte ja ihm. Und auch das vermochte nicht seinen Kummer zu stillen. Ehre ist etwas, das sich jeder wünscht. Ihm ward die Ehre zuteil, Herrscher der Welt zu sein. Und auch das vermochte nicht seinen Kummer zu stillen. Die Zuneigung der Menschen, Schönheit, Reichtum und Ehre: nichts vermochte seinen Kummer zu stillen. Nur daß er in Ordnung kam mit seinen Eltern: das vermochte seinen Kummer zu stillen.

In der Kindheit hängt der Mensch an seinen Eltern. Erwacht in ihm die Frauenliebe, so hängt er an seiner jungen Schönen Hier ein hübscher Ausdruck für »Geliebte«: schau ai. Ai ist eigentlich Artemisia. Der Vergleichspunkt ist die zarte, weißliche Farbe der Artemisiablätter. In übertragenem Sinn kann es daher sowohl »Graukopf« als auch »Milchgesicht« heißen. Hier kommt die letztere Bedeutung in Betracht. Der Abschnitt gibt uns einen interessanten Einblick in die chinesische Psychologie. Diese leidenschaftliche Liebe zu den Eltern ist eine Eigentümlichkeit des chinesischen Geistes. Durch sie erst gewinnt die kindliche Ehrfurcht Wärme und Farbe. Man beachte auch die Entwicklung der Treue zum Fürsten aus dieser Liebe heraus. Das Motiv der Liebe wird durch diese Zusammenhänge beziehungsreicher als in der europäischen Poesie. Nur so ist es z. B. zu verstehen, daß ganz ohne Pedanterie ein Diener wegen Trennung von seinem Fürsten klagt in Tönen, die in Europa nur in Liebesliedern üblich sind.. Hat er Weib und Kind, so hängt er an Weib und Kind. Kommt er ins Amt, so hängt er an seinem Fürsten, und verliert er das Vertrauen des Fürsten, so brennt es ihn in seinem Innern.

Höchste Kindlichkeit hängt lebenslang an den Eltern. Mit fünfzig Jahren noch ganz an seinen Eltern zu hängen – das ist es, was ich an Schun, dem Großen, geschaut habe.«

2. Schuns Familienverhältnisse

Wan Dschang fragte: »Im Buch der Lieder heißt es:

›Ein Weib zu frei'n, wie fängt man's an? –
Man geht darum die Eltern an.‹

Wenn dies Wort wirklich wahr ist, so sollte man doch denken, daß Schun am ehesten danach gehandelt hätte. Wie kommt es, daß Schun geheiratet hat, ohne es seinen Eltern anzuzeigen?« Vgl. dazu die Stelle IV, A, 26, wo Mong Dsï diese anscheinende Pietätlosigkeit Schuns eben aus seiner Pietät erklärt. Dort steht auch der Grund, warum Schuns Eltern mit Recht auf ihn unwillig gewesen wären, wenn er nicht geheiratet hätte.

Mong Dsï sprach: »Hätte er es ihnen angezeigt, so hätten sie die Heirat vereitelt. Nun ist das Zusammenleben von Mann und Frau in der Ehe die wichtigste aller menschlichen Beziehungen. Hätte er seinen Eltern Anzeige gemacht, so hätte er diese wichtigste aller menschlichen Beziehungen versäumen müssen und hätte sich dadurch doch auch den Unwillen der Eltern zugezogen. Darum hat er ihnen keine Anzeige gemacht.«

Wan Dschang sprach: »Warum Schun heiratete, ohne es seinen Eltern anzuzeigen, darüber habe ich nun Belehrung empfangen. Warum aber hat der Herr den Schun heiraten lassen, ohne es dessen Eltern zu sagen?«

Mong Dsï sprach: »Der Herr hat auch gewußt, daß, wenn er's ihnen gesagt hätte, die Heirat vereitelt worden wäre.«

Wan Dschang sprach: »Schuns Eltern befahlen ihm, eine Scheune auszubessern. Sie zogen dann die Leiter weg, und sein Vater Gu Sou zündete die Scheune an. Sie befahlen ihm ein anderesmal, einen Brunnen auszugraben. Er war schon wieder heraus. Sie aber gingen zum Brunnen und schütteten ihn zu Über diese Nachstellungen, die sich im Schu-Ging nicht erwähnt finden, werden später mancherlei Sagen erzählt. Nach der einen habe er sich mit zwei großen Strohhüten gegen die Flammen geschützt und sei so unversehrt entkommen, während er den Brunnen durch einen verborgenen Nebenausgang verlassen habe. Nach einer alten Version der Liä Nü Dschuan hätten ihm die Töchter Yaus, seine Frauen, die Kräfte von Vögeln und Drachen verschafft. Die Töchter Yaus hießen der Sage nach: Nü Ying und O Huang.. Schuns Bruder Siang sprach: ›Die Pläne, den Fürsten umzubringen Chinesisch: »Mo gai du gün«; Mo = mu »ersinnen«; gai wörtlich »zudecken«, hier = hai »schädigen«, umbringen; du wörtlich »Hauptstadt« (vgl. die Übersetzung von Legge und Couvreur), hier gleich yü, eine passivische Präposition; gün = Fürst. Siang (Elefant) ist der jüngere Stiefbruder Schuns, der den Vater Gu Sou (Blinder Greis) zu seiner Verfolgung anstachelte., habe alle ich ersonnen. Seine Rinder und Schafe sind für die Eltern, seine Scheunen und Kammern auch für die Eltern, sein Schild und Speer sind für mich, seine Zither für mich, sein geschnitzter Bogen für mich, und die beiden Schwägerinnen müssen mir das Bett machen.‹ Siang machte sich auf und ging nach dem Schloß des Schun. Da saß Schun auf seinem Bette und spielte die Zither. Siang sprach: ›Ich dachte sehnsuchtsvoll Die Übersetzungen der beiden Worte des Textes gehen diametral auseinander (vgl. Chavannes a. a. O. I, pag. 75). Ich konnte mich dennoch zu keiner anderen Auffassung entschließen. an dich, o Fürst.‹ Dabei errötete er verlegen. Schun sprach: ›Ich denke, du kannst mit mir zusammen über meine Diener und Untertanen alle herrschen.‹ – Nun weiß ich eines nicht: Hat Schun wirklich nicht gemerkt, daß Siang ihn hatte töten wollen?«

Mong Dsï sprach: »Er muß es ja gemerkt haben. Aber wenn Siang traurig war, so war er mit ihm traurig; wenn Siang fröhlich war, so war er mit ihm fröhlich.«

Jener sprach: »Dann hat also Schun sich zur Fröhlichkeit gezwungen?«

Mong Dsï sprach: »Nein. Vor Zeiten schenkte einmal jemand dem Dsï Tschan Über Dsï Tschan (Gung-Sun Kiau), den Minister von Dschong, vgl. IV, B, 2. von Dschong einen lebenden Fisch. Dsï Tschan befahl dem Gärtner, ihn in den Teich zu setzen und zu füttern. Der Gärtner kochte ihn, dann meldete er: ›Als ich ihn frei ließ, da war er erst noch ganz zag, nach einer Weile begann er umherzuschwimmen, dann schoß er in die Tiefe.‹ Dsï Tschan sprach: ›Er hat seinen Platz gefunden, er hat seinen Platz gefunden!‹ Der Gärtner ging hinaus und sprach: ›Wer will behaupten, daß Dsï Tschan weise sei? Ich hab den Fisch doch gekocht und aufgegessen, und er sagt: Er hat seinen Platz gefunden, er hat seinen Platz gefunden!‹ So kann man einen Edlen hintergehen gemäß der Wahrscheinlichkeit, aber nicht ihn verstricken in wesensfremde Art. Jener kam dem Schun entgegen in der Art eines liebevollen Bruders, darum glaubte er ihm aufrichtig und war über ihn erfreut, ganz ohne sich dazu zu zwingen.«

3. Wie Schun seinen Bruder behandelte

Wan Dschang fragte: »Siang war täglich darauf aus, den Schun zu töten. Als dieser zum Herrn der Welt eingesetzt ward, da habe er (sagt man) ihn in Gewahrsam getan. Wie steht es damit?«

Mong Dsï sprach: »Er gab ihm ein Lehen; vielleicht kann man auch sagen, daß er ihn in Gewahrsam getan hat.«

Wan Dschang sprach: »Schun verbannte den Gung Gung Vgl. die Beurteilung dieser Vorgänge in Dschuang Dsï XI, 2, wo sie übrigens dem Yau zugeschrieben werden. Die Geschichten stehen im Schu-Ging II, 1, 12. in das Land der Finsternis, er tat den Huan Dou in Gewahrsam auf dem Gespensterberg, er tötete den Fürsten von San Miau auf den drei Klippen und setzte den Kun Über Kun, den Vater des Großen Yü – anderweitig mit Gung Gung identifiziert – vgl. Liä Dsï VII, 12. auf dem Flügelberg gefangen. Die ganze Welt war mit der Bestrafung dieser vier einverstanden, da es schlechte Menschen waren, die beseitigt wurden. Nun war Siang der Allerschlechteste, und doch belehnte Schun ihn mit Yu Bi. Was hatten denn die Leute von Yu Bi verschuldet? Handelt ein gütiger Mann also, daß, wenn es sich um andere Leute handelt, er sie beseitigt, wenn es sich aber um seinen Bruder handelt, ihn belehnt?«

Mong Dsï sprach: »Ein gütiger Mann steht so zu seinem Bruder, daß er ihm nichts nachträgt und keinen Groll gegen ihn hegt. Er liebt ihn einfach und hat ihn gern. Wen man liebt, dem wünscht man Ehre; wen man gern hat, dem wünscht man Reichtum. Darum belehnte er ihn mit Yu Bi, um ihn geehrt und reich zu machen. Wäre das ein liebevoller Bruder, der, selber der Herr der Welt, es duldete, daß sein Bruder in untergeordneter Stellung lebt?«

Wan Dschang sprach: »Darf ich fragen, was das bedeutet: ›Vielleicht kann man auch sagen, daß er ihn in Gewahrsam getan hat‹?«

Mong Dsï sprach: »Siang hatte keine Freiheit des Handelns in seinem Land. Schun, der Herr der Welt, hatte seinen Dienern befohlen, für ihn das Land zu verwalten, für ihn Abgaben und Steuern einzuziehen. Deshalb kann man sagen, er habe ihn in Gewahrsam gehalten. Denn er durfte es doch nicht geschehen lassen, daß jene Untertanen bedrückt wurden. – Aber dennoch wünschte er ihn häufig bei sich zu sehen, und jener kam unablässig. Darauf bezieht sich die Stelle: ›Nicht nur wenn Abgaben zu bringen oder Verwaltungsgeschäfte zu erledigen waren, empfing er den Fürsten von Yu Bi Dieses Zitat stammt nach Dschau Ki aus einem apokryphischen Zusatz zum Schu-Ging (Schang Schu)..‹«

4. Widerlegung von Gerüchten

Hiän Kiu Mong Hiän Kiu Mong ist der als zehnter genannte Jünger. fragte den Mong Dsï und sprach: »Es ist ein Gespräch Dieses »Gespräch« ist eine jener anonymen Geschichten, wie sie in Lü Schï Tschun Tsiu, Liä Dsï usw. in großer Zahl vorkommen. Solche Geschichten wurden nach Bedarf, meist mit kleinen Abweichungen im Text, von den einzelnen Schriftstellern aufgenommen. Auch Dschuang Dsï und Mong Dsï bedienen sich gelegentlich solches herrenlosen Gutes. Sollten vielleicht ähnliche Geschichten auch in der später abgelehnten Rezension der Lun Yü von Tsi gestanden haben? Die hier erwähnte Geschichte steht u. a. bei Mo Di in seiner Streitschrift gegen die Orthodoxen. Ebenso zitiert sie Han Fe Dsï Kap. 51. Dort ist sie etwas umgestellt: »Als Schun den Gu Sou sah, zeigten seine Mienen Verlegenheit. Kung Dsï sprach: ›Zu jener Zeit lief die Welt Gefahr, in Verwirrung zu geraten. Einen, der den SINN erkannt hat, den darf allerdings sein Vater nicht als Sohn und sein Herrscher nicht als Untertan behandeln.‹« Daran schließt sich bei Han Fe Dsï eine Verurteilung des Konfuzius, der den eigentlichen Sinn von Pietät und Gehorsam nicht verstanden habe. Mong Dsï übt Kritik an der ganzen Geschichte und zwar eine Kritik pragmatischer Art. Er schiebt die ganze Geschichte einem plumpen Gesellen aus Ost-Tsi zu. Ost-Tsi hatte damals in China denselben Klang wie Ostelbien oder Hinterpommern für manche Leute. Er leugnet, daß Schun zu Yaus Lebzeiten Kaiser gewesen sei, vielmehr sei er nur Regierungsverweser gewesen. Das Wort, daß ein bedeutender Mann von seinem Vater nicht als Sohn behandelt werden könne, wird von manchen auch dahin gewandt: Ein großer Mann darf dennoch nicht seinen Fürsten als Untertan oder seinen Vater als Sohn behandeln. überliefert, das besagt: ›Ein Mann von reicher Tugend kann von seinem Fürsten nicht als Untertan und von seinem Vater nicht als Sohn behandelt werden. Schun stand als Fürst da, und Yau führte ihm alle Beamten an seinen Hof als Untertan, und auch sein Vater Gu Sou kam als Untertan an seinen Hof. Als Schun den Gu Sou sah, da zeigten seine Mienen Unbehagen. Meister Kung sagte darüber: Zu jener Zeit war die Welt in großer Gefahr, in Verwirrung zu geraten.‹ Ich weiß nicht, ob dieses Gespräch die Wahrheit berichtet.«

Mong Dsï sprach: »Nein, das sind nicht Worte eines Gebildeten, sondern Geschwätze plumper Gesellen aus dem Osten von Tsi. Als Yau alt war, war Schun für ihn Verweser. Im Kanon des Yau Diese Stelle steht heute in dem Kanon des Schun. Offenbar waren die beiden Abschnitte im Altertum vereinigt. (Schu-Ging II, I, 13; doch weicht der Text ein wenig ab.) heißt es: ›Im achtundzwanzigsten Jahr ging der Hoch Erlauchte zur Ruhe ein, und die Leute trauerten um ihn wie um Vater oder Mutter drei Jahre lang, und bis an die Ufer der vier Meere verstummte alle Musik Wörtlich: die acht Töne..‹ Meister Kung sprach Im Li Gi steht an verschiedenen Stellen ein ähnliches Zitat (vgl. Dsong Dsï Wen).: ›Am Himmel gibt es keine zwei Sonnen, im Reich gibt es keine zwei Könige.‹ Wenn Schun wirklich schon König der Welt gewesen wäre und hätte dennoch an der Spitze aller Fürsten drei Jahre getrauert, dann hätte es ja vorher zwei Könige der Welt gegeben.«

Hiän Kiu Mong sprach: »Daß Schun den Yau nicht als Untertan behandelt hat, darüber habe ich nun Belehrung empfangen. In den Liedern heißt es aber Vgl. Schï-Ging II, VI, Ode 1, Vers 2. Das Lied ist die Klage eines überlasteten Beamten. Die Erklärung Mong Dsïs trifft durchaus den Sinn. Das erste Wort des Zitats weicht vom Text des Schï-Ging ab, gibt aber eine bessere Rezension. Übrigens verdient bemerkt zu werden, daß in Lü Schï Tschun Tsiu, Buch 11, Abschnitt 6 genau die hier zitierten vier Zeilen als auf Schun sich beziehend erwähnt werden. Ob sie außerhalb des Schï-Ging im Umlauf waren oder erst nachträglich dem Schun in den Mund gelegt wurden, ist fraglich. Auf Grund des Liedes im Schï-Ging allein hätte Hiän Kiu Mong kaum seine Frage stellen können.:

›Aus der ganzen weiten Welt
Alles Land gehört dem König,
Bis zum Ende dieser Welt
Ist ihm jeder untertan.‹

Wenn nun Schun Herr der Welt war, inwiefern war dann Gu Sou nicht sein Untertan?«

Mong Dsï sprach: »Das ist nicht der Sinn dieses Liedes. Das Lied bezieht sich darauf, daß einer in des Fürsten Dienst sich abmühen muß, daß es ihm nicht möglich ist, seine Eltern zu pflegen. Der Sinn ist: Die alle sind da zum Dienst des Königs, warum bin nur gerade ich gut genug mich abzumühen? Darum, wer die Lieder zitiert Dieses Wort findet sich in der älteren Literatur verschiedentlich zitiert als Wort von Mong Ko, doch ist der Text schwankend., darf nicht um des Buchstabens willen dem Wortlaut Gewalt antun und nicht um des Wortlauts willen dem Geist Gewalt antun. Nur wenn man mit seinen Gedanken dem Geist des Stücks nachgeht, dann trifft man's. Wenn man bloß nach dem Wortlaut geht, dann müßte man aus dem Lied »Die Milchstraße« Vgl. Schï-Ging III, III, Ode 4, Vers 3. Die Ode beginnt mit den Worten:
»Schimmernd steht die Milchstraße
Glitzernd sich drehend am Himmel.«
Es ist die Klage des Königs Süan von Dschou anläßlich einer Dürre.
, wo es heißt:

›Von all der Untertanen Zahl
Kein einz'ger übrig blieben ist‹

schließen, daß von den Untertanen der Dschoudynastie heute keiner mehr vorhanden wäre.

Die höchste Ehrfurcht kennt nichts Größeres, als die Eltern zu Ansehen zu bringen. Das höchste Ansehen, das man seinen Eltern verschaffen kann, ist, die ganze Welt zu ihrer Pflege bereit haben. Vater des Herrn der Welt zu sein, ist der Ehren höchste; die ganze Welt zur Pflege zur Verfügung zu halten, ist das höchste, was man an Pflege leisten kann. Das ist gemeint, wenn das Lied sagt Vgl. Schï-Ging III, I, Ode 9, Vers 3. Dort ist von König Wu die Rede:
»Er hat erworben königlich Vertrauen,
Des untern Landes Muster ward er.
Stets hegend kindlich treuen Sinn
Ward er ein Vorbild treuer Kindlichkeit.«
:

›Stets hegend kindlich treuen Sinn
Ward er ein Vorbild treuer Kindlichkeit.‹

Im Buch der Urkunden Vgl. Schu-Ging II, 2, 15. heißt es: ›Ehrfurchtsvoll dienend erschien er vor Gu Sou, ehrerbietig und eifrig besorgt. Und Gu Sou glaubte ihm und ward versöhnt.‹ Insofern allerdings stand der Sohn über dem Vater.«

5. Thronfolgefragen

Wan Dschang sprach: »Ist es wahr, daß Yau die Welt dem Schun übergeben hat?«

Mong Dsï sprach: »Nein, der Herr der Welt kann die Welt nicht einem andern geben.«

Jener sprach: »Schun hat aber doch die Herrschaft über die Welt gehabt: wer hat sie ihm dann gegeben?«

»Gott Daß »Tiän« (gewöhnlich mit »Himmel« wiedergegeben) hier mit »Gott« übersetzt werden muß, ist zweifellos. hat sie ihm gegeben.«

»Wenn Gott sie ihm gegeben hat, hat er da mit deutlichen Worten ihm seinen Willen kund gemacht?«

Mong Dsï sprach: »Nein, Gott redet nicht, sondern er unterweist nur durch Wirkungen und Geschehnisse.«

Jener sprach: »Unterweisen durch Wirkungen und Geschehnisse, was heißt das?«

Mong Dsï sprach: »Der Herr der Welt kann Gott einen Menschen anempfehlen, aber er kann Gott nicht zwingen, daß er ihm die Weltherrschaft gibt, grade wie die Fürsten dem Herrn der Welt einen Mann anempfehlen können, aber ihn nicht zwingen können, ihm ein Fürstentum zu geben, oder die Minister ihrem Fürsten einen Mann anempfehlen können, aber ihn nicht zwingen können, daß er ihm eine Ministerstelle gibt. So hat seinerzeit Yau den Schun Gott anempfohlen, und Gott hat ihn angenommen; er hat ihn dem Volk vorgestellt, und das Volk hat ihn angenommen. Darum sagte ich: Gott redet nicht, sondern er unterweist nur durch Wirkungen und Geschehnisse.«

Jener sprach: »Darf ich fragen, wie das zuging, daß er ihn Gott anempfahl und Gott ihn annahm und dem Volk vorstellte und das Volk ihn annahm?«

Mong Dsï sprach: »Er ließ ihn über die Opfer walten, und alle Geister nahmen sie gnädig auf Das Zeichen dafür, daß die »Geister« oder »Götter« die Opfer gnädig annehmen, ist, daß sie Gedeihen und fruchtbare Witterung geben.; so nahm ihn Gott an. Er ließ ihn über die Geschäfte walten, und alles, was geschah, war in Ordnung, die Leute beruhigten sich dabei; so nahm ihn das Volk an. Gott hat es ihm gegeben, die Menschen haben es ihm gegeben, darum sagte ich: Der Herr der Welt kann die Welt nicht einem andern geben.

Schun war der Gehilfe Yaus achtundzwanzig Jahre lang. Das stand nicht in der Menschen Macht. Es kam von Gott. Als Yau abgeschieden war und die dreijährige Trauer zu Ende, da zog sich Schun zugunsten von Yaus Sohn zurück in das Land südlich vom Südfluß. Aber die Fürsten der ganzen Welt, die zu Hofe gingen, gingen nicht zu Yaus Sohn, sondern kamen zu Schun. Die Streitigkeiten zu schlichten hatten, gingen nicht zu Yaus Sohn, sondern kamen zu Schun. Die Sänger besangen nicht Yaus Sohn, sondern besangen Schun. Darum sagte ich: Es kam von Gott. Darnach erst kam er ins Reich der Mitte und bestieg den Thron als Herr der Welt. Wenn er Yaus Schloß bezogen hätte und Yaus Sohn vergewaltigt hätte, das wäre Thronraub gewesen, nicht Gabe Gottes. Das ist der Sinn des Wortes im großen Schwur Vgl. Schu-Ging V, 1, 2, 7.:

›Gott sieht, wie mein Volk sieht;
Gott hört, wie mein Volk hört.‹«

6. Erbfolge Die in diesem Abschnitt vorkommenden, ähnlich klingenden Namen, die im Chinesischen natürlich alle ihre deutlich geschiedenen Zeichen haben, sind etwas verwirrend für den europäischen Leser. Eine Zusammenstellung mag daher hier folgen:
1. Yau. »Kanzler« und Nachfolger: Schun. Sohn: Dan Dschu.
2. Schun. »Kanzler« und Nachfolger: Yü. Sohn bei Mong Dsï nicht genannt (sonst Schang Gün, vgl. Schï Gi).
3. . 1. Kanzler: Gau Yau, schon unter Schun tätig, stirbt vor Yü. 2. Kanzler: Yih. Sohn und Nachfolger: Ki.
Die Dynastie Yüs heißt die Hiadynastie. Sie setzt sich durch Erbfolge fort bis auf den Tyrannen Giä. Dieser wird entthront. Nun folgt:
4. Tang, der Begründer der Schang- oder Yindynastie. Kanzler: I-Yin. 1. Sohn: Tai Ding, stirbt vor seinem Vater. 2. Sohn: Wai Bing, regiert 2 Jahre und stirbt dann. 3. Sohn: Dschung Fen, regiert 4 Jahre und stirbt dann. Enkel: Tai Gia, Sohn des Tai Ding, wird wegen schlechten Betragens vom Kanzler I-Yin nach Tung beim Grab des Tang relegiert, wo er sich bessert und nach der Hauptstadt Bo zurückberufen wird.
Die Dynastie Tangs setzt sich als Schang (seit Pan Gong Yindynastie genannt) durch Erbfolge fort. Die in dieser Dynastie herrschende Erbfolge war, wie aus obigem Beispiel hervorgeht, nicht die nach der Erstgeburt, sondern nach den Brüdern. Erst nach dem jüngsten Bruder kommt wieder der Sohn des Ältesten auf den Thron (vgl. oben Tai Gia, der Sohn Tai Dings). Daß dabei häufig die älteste Linie nicht mehr an die Reihe kam, sondern der Thron bei der jeweils am Ruder befindlichen Linie blieb, ist begreiflich. Ihr Ende findet diese Dynastie mit dem Tyrannen Dschou Sin oder Schou, der getötet wird. Nun folgt die Dschoudynastie. Ihr Begründer war:
5. »König« Wen, der selbst den Thron noch nicht bestieg. 1. Sohn und Nachfolger: Fa. 2. Sohn: Dan. (Die übrigen Söhne kommen hier nicht in Betracht; vgl. jedoch II, B, 9.)
6. König Wu, König Wens Sohn Fa. Sohn und Nachfolger: König Tschong. Bruder und Erzieher
7. Fürst von Dschou, König Wens Sohn Dan.
Diese sieben sind die sieben Heiligen auf dem Thron. Der Fürst von Dschou gehört zwar nur uneigentlich dazu, da er den Thron nicht inne gehabt, sondern nur als Reichsverweser verwaltet hat, da im Hause Dschou die Erbfolge nach der Erstgeburt die Regel war (doch mit Ausnahmen). Die chinesischen Kommentare bemerken zu dem ganzen Abschnitt: Die Erbfolge ist als Regel zu betrachten, die Übergabe des Reichs an den Würdigsten als durch Zeitumstände bedingte Ausnahme.

Wan Dschang fragte den Mong Dsï und sprach: »Die Leute sagen, das Reich sei auf Yü gekommen, doch weil er geringer gewesen an Tugend, habe er es nicht dem Würdigsten hinterlassen, sondern seinem Sohne. Ist das wahr?«

Mong Dsï sprach: »Nein, so war es nicht. Sondern, wenn Gott es dem Würdigsten gibt, so kommt es auf den Würdigsten, wenn Gott es dem Sohne gibt, so kommt es auf den Sohn. Schun stellte den Yü vor Gott siebzehn Jahre, da starb Schun. Als die dreijährige Trauer zu Ende war, da zog sich Yü zugunsten von Schuns Sohn zurück nach der Sonnenstadt »Sonnenstadt«, chinesisch »Yang tschong«, weil südlich von dem Berg Sung, einem der fünf heiligen Berge, gelegen. Bei Bergen ist yang = südlich, yin = nördlich; bei Flüssen umgekehrt., und alles Volk auf Erden zog ihm nach, wie es früher, als Yau gestorben war, nicht dessen Sohn nachgezogen war, sondern dem Schun.

Yü stellte den Yih vor Gott, siebzehn Jahre; da starb Yü. Als die dreijährige Trauer zu Ende war, da zog sich Yih zugunsten von Yüs Sohn zurück auf die Nordseite des Berges Gi Der Berg Gi lag südlich von Yang tschong, so daß sich also Yih nach Yang tschong oder dessen Umgebung zurückgezogen hätte, ebenso wie sein Vorgänger.. Aber die zu Hofe gingen und Streitigkeiten zu schlichten hatten, gingen nicht zu Yih, sondern kamen zu Ki, dem Sohne Yüs, indem sie sagten: ›Es ist der Sohn unseres Fürsten.‹ Die Sänger besangen nicht den Yih, sondern den Ki, indem sie sagten: ›Es ist der Sohn unseres Fürsten.‹

Daß Dan Dschu, der Sohn Yaus, seinem Vater nicht gleich war, daß Schuns Sohn ebenfalls seinem Vater nicht gleich war, daß die Zeit, die Schun dem Yau und Yü dem Schun diente, viele Jahre dauerte und so das Volk lange ihres Segens teilhaftig ward, daß auf der andern Seite Ki würdig war und ehrfürchtig in seines Vaters Yü Wegen wandelte, während Yih dem Yü nur wenige Jahre gedient hatte und so das Volk seines Segens nicht lange teilhaftig geworden war, kurz, die verschiedene Dauer, die Schun, Yü und Yih im Dienst ihrer Fürsten standen, und ihrer Söhne Tauglichkeit: das alles kam von Gott; es war nichts, das Menschen hätten machen können. Was ohne menschliches Zutun geschieht, kommt von Gott; was ohne menschliches Betreiben eintrifft, ist sein Wille.

Damit ein Mann aus dem Volk in den Besitz des Weltreichs kommen kann, muß seine geistige Kraft die eines Schun oder Yü sein, und außerdem muß der vorige Herrscher für ihn eintreten: deshalb kam Kung Dsï nicht auf den Thron. Wenn einer das Weltreich von Vätern und Ahnen ererbt hat, so muß er, ehe Gott ihn zugrunde richtet, so schlecht sein wie Giä und Dschou Sin: deshalb kamen Yih, I-Yin und der Fürst von Dschou nicht auf den Thron.

I-Yin half dem Tang, König der Welt zu werden. Als Tang starb, da war sein ältester Sohn Tai-Ding schon tot, ehe er zur Regierung gekommen wäre. Wai-Bing war zwei Jahre, Dschung-Fen vier Jahre Herrscher. Dann kam Tai-Gia, der die Ordnung Tangs in Verwirrung brachte. I-Yin tat ihn in Gewahrsam in Tung drei Jahre lang. Da bereute Tai-Gia seine Fehler. Er bekannte seine Schuld und besserte sich. In Tung ward er beständig in der Liebe und lernte wandeln in der Pflicht; nachdem er drei Jahre auf die Ermahnungen des I-Yin gehört hatte, berief dieser ihn wieder zurück nach der Hauptstadt Bo.

Der Grund, warum der Fürst von Dschou nicht auf den Thron kam, war dasselbe Verhältnis wie das des Yih zum Hause Hia und das des I-Yin zum Hause Yin.

Meister Kung sprach: ›Yau und Schun haben den Thron abgegeben, die Fürsten von Hia, Yin und Dschou haben ihn auf ihre Söhne vererbt. Sie handelten dabei in gleicher Weise ihrer Pflicht entsprechend.‹«

7. Wie I-Yin zu Amt und Würden kam

Wan Dschang fragte den Mong Dsï und sprach: »Die Leute sagen, I-Yin habe den Tang für sich bestochen durch seine Kochkunst Die Legende von I-Yin, der sich als Koch bei Tang, dem Begründer der Schangdynastie, eingeführt habe und auf die auch Dschuang Dsï anspielt (Buch XXIII, Schluß), ist in der uns zugänglichen Literatur am ausführlichsten behandelt in Lü Schï Tschun Tsiu, Band 14, 2 »Über den Geschmack«, wo I-Yin dem Tang eine unendliche Liste von Feinschmeckereien aufzählt, zu deren Erlangung es unumgänglich nötig sei, daß er die Weltherrschaft erwerbe. Die Quelle für alle derartigen Geschichten ist in einem jetzt verlorenen Buch: »Geschichte I-Yins« zu suchen, das Ban Gu übrigens unter die belletristische Literatur einreiht. Was Mong Dsï für seine »Rettung« für Quellen gehabt, entzieht sich unserer Kenntnis, doch ist deutlich, daß er solche benutzt hat.. Ist das wahr?«

Mong Dsï sprach: »Nein, so war es nicht. I-Yin pflügte seinen Acker in den Gefilden von Yu-Sin und erbaute sich an den Lehren Yaus und Schuns. Man hätte ihm alle Schätze der Welt anbieten können: wenn es nicht recht und billig gewesen wäre, so hätte er sich nicht darnach umgesehen. Und man hätte ihn nicht mit tausend Viergespannen dazu gebracht, auch nur einen Blick darauf zu werfen. Wenn es nicht recht und billig war, so gab er weder andern auch nur einen Strohhalm, noch nahm er von andern auch nur einen Strohhalm an.

Tang sandte Leute, die ihm Geschenke von Seidenstoffen überbrachten, um ihn in seinen Dienst zu bitten. Er sprach gleichgültig: ›Was soll ich mit den Seidenstoffen Tangs? Tue ich nicht besser, wenn ich in meinen Feldern bleibe und an den Lehren Yaus und Schuns auf diese Weise mich erbaue?‹ Tang sandte dreimal hin, ihn bitten zu lassen, da änderte er seinen Entschluß, wurde ernst und sprach: ›Statt daß ich in meinen Feldern bleibe und an den Lehren Yaus und Schuns auf diese Weise mich erbaue, sollte ich da nicht lieber aus diesem Fürsten einen Fürsten wie Yau und Schun machen, sollte ich da nicht lieber aus diesem Volk ein Volk wie Yaus und Schuns machen, sollte ich da nicht lieber in eigner Person hingehen und selber vor ihn treten? Gott hat die Menschen erzeugt, damit die, die früher zur Erkenntnis gelangen, die später zur Erkenntnis Kommenden erwecken, daß die früher Erwachten die später Erwachenden erwecken. Ich bin einer aus Gottes Volk, der früher erwacht ist, ich will durch diese Lehren die Menschen erwecken. Wenn ich sie nicht erwecke, wer soll es dann tun?‹ Er war der Meinung, daß, wenn unter allem Volk auf Erden auch nur ein Mann oder eine Frau des Segens von Yau und Schun nicht teilhaftig würde, es so wäre, als hätte er sie selbst in einen Graben gestoßen. So groß war sein Gefühl der Verantwortung für die Lasten der ganzen Welt. Darum ging er zu Tang und riet ihm, das Haus Hia zu stürzen und das Volk zu retten.

Ich habe nie gehört, daß einer, der selbst sich krümmt, andre gerade machen kann, wieviel weniger, daß einer, der sich selbst in Schmach bringt, die ganze Welt gerade machen kann. Der Heiligen Handlungen sind verschieden, aber ob sie sich fern halten oder nähern, ob sie gehen oder nicht gehen, alles kommt darauf hinaus, ihre eigne Person rein zu erhalten.

Ich habe gehört, daß I-Yin den Tang bestochen habe durch die Lehren Yaus und Schuns; ich weiß nichts davon, daß er es durch seine Kochkunst getan habe.

Im Rat des I-Yin Vgl. Schu-Ging IV, 4, 2, wo jedoch der Text abweicht und statt Mu-Palast »Ming Tiän« steht. heißt es: ›Gott fing in dem Königschloß zu Mu an, den Tyrannen zu vernichten, ich fing an in Bo, der Stadt Tangs.‹«

8. Verteidigung des Kung Dsï gegen den Vorwurf schlechter Gesellschaft

Wan Dschang befragte den Mong Dsï und sprach: »Es heißt, Meister Kung habe im Lande We bei dem Höfling Yung Dsü Aufenthalt genommen und im Lande Tsi bei dem Eunuchen Dsï Huan Im alten China herrschte Freizügigkeit, doch nicht unbedingt. Jeder Fremdling mußte unter der ortsanwesenden Bevölkerung einen »Wirt« suchen, der zugleich Bürge für ihn war. Von Kung Dsï gingen nun allerhand Gerüchte, daß er bei niedrigen und gemeinen Höflingen Unterschlupf gesucht habe, um dadurch bei den Fürsten anzukommen. Diese Geschichten waren von den Sophisten der Zeit erfunden, um ihr eigenes Verhalten, das vielfach diese Mittel nicht scheute, mit einem großen Namen der Vergangenheit zu decken. Mong Dsï gibt hier Aufklärung auf Grund einer genauen Kenntnis der Tatsachen. Yung Dsü, dessen Name in den verschiedenen Berichten ganz verschieden geschrieben wird, da es sich nur um eine lautliche Wiedergabe zu handeln scheint, war der unwürdige Eunuch des Fürsten von We, der dabei war, als dieser mit der berüchtigten Fürstin Nan Dsï bei einer Ausfahrt im vorderen Wagen vorausfuhr und Kung Dsï im zweiten Wagen hinterdrein fahren ließ, worauf Kung Dsï den Staat We verließ (vgl. Einleitung zu Lun Yü). Nach einer anderen Erklärung wäre Yung Dsü nicht ein Name, sondern zu übersetzen etwa mit »Beulendoktor«, doch widerspricht dem die verschiedene Schreibweise. Eine ähnliche Kreatur muß der Eunuch Dsï Huan in Tsi gewesen sein.. Ist das wahr?«

Mong Dsï sprach: »Nein, das ist nicht wahr, das sind Geschwätze unruhiger Köpfe. In We hielt er sich auf bei Yän Tschou Yu, dem Bruder Wir sind in unserer Übersetzung hier dem im Schï-Gi gegebenen Zusammenhang gefolgt. Dort heißt es, daß Kung Dsï in We bei dem Bruder der Frau des Dsï Lu namens Yän Schu Dsou gewohnt habe. Der Name Yän lautet dort allerdings etwas anders, doch scheint das kein schwerwiegender Gegengrund. Unsere Übersetzung ist daher der anderen vorzuziehen, die Legge gibt. Wörtlich heißt es: »Dsï Lus Frau und Mi Dsïs Frau älterer und jüngerer Bruder«, was dann übersetzt wird: »waren Schwestern«. Der hier genannte Schwager des Dsï Lu, Mi Dsï Hia, war ebenfalls ein unwürdiger Günstling des Fürsten Ling von We, während Yän Tschou Yu, bei dem Kung Dsï wohnte, ein guter Charakter war. In Lü Schï Tschun Tsiu (Bd. 15, 1) und Huai Nan Dsï ist übrigens auch das – hier von Mong Dsï widerlegte – Gerücht enthalten, daß Kung Dsï durch die Frau des Min Dsï Hia in We habe ankommen wollen. von Dsï Lus Frau und Mi Dsïs Frau. Da sagte Mi Dsï zu Dsï Lu: ›Wenn Meister Kung bei mir wohnen will, so kann ich ihm zur Stellung eines hohen Rats in We verhelfen.‹ Dsï Lu teilte es dem Meister Kung mit. Der sprach: ›Es gibt eine höhere Fügung.‹

Meister Kung nahm nur an, wo die Ordnung es gestattete, und zog sich sofort zurück, wo die Ehre es gebot. Ob er sein Ziel erreichte oder nicht, das stellte er einer höheren Fügung anheim. Bei einem Manne wie Yung Dsü oder einem Eunuchen Dsï Huan zu wohnen, das wäre gegen die Ehre gewesen und gegen Gottes Fügung.

Als Meister Kung in Lu und We enttäuscht worden war, begab es sich, daß der Marschall Huan Die Situation ist die in Lun Yü VII, 22 erwähnte. Kung Dsï verließ Lu und kam nach Sung, wo er mit seinen Schülern unter einem großen Baume Riten übte. Der Marschall von Sung, Huan Tui, wollte Kung Dsï töten und ließ daher den Baum fällen. Kung Dsï entkam, doch mußte er verkleidet durch Sung reisen (vgl. Schï-Gi). Er scheint dann bei dem Torwart von Tschen ein Unterkommen gefunden zu haben. In Tschen scheint er dann drei Jahre geblieben zu sein. Später wurde Tschen von dem Südstaat Tschu annektiert, weshalb hier nach Dschau Ki nur der Name des Fürsten Dschou, kein Tempeltitel gegeben ist. Dschong Dsï wurde dann in Sung Minister und ist unter dem Titel Stadtoberster Dschong Dsï kanonisiert. Er war, wenn auch kein hervorragender, so doch auch kein schlechter Beamter. Über den Namen des Fürsten von Tschen gehen die Quellen auseinander. Mong Dsï und Dso Dschuan gehen zusammen gegen Schï-Gi, das Yüo als Namen angibt. von Sung ihn zu überfallen und zu töten trachtete, also daß er in geringer Kleidung sich aus dem Staate Sung flüchten mußte. Damals, als Meister Kung in Lebensgefahr war, hielt er sich bei dem nachmaligen Stadtobersten Dschong Dsï, der damals in den Diensten des Fürsten Dschou von Tschen war, auf. Ich habe sagen hören, daß man einen einheimischen Beamten darnach beurteilen kann, wen er zu Gast hat, und einen auswärtigen darnach, bei wem er zu Gast ist. Wenn Meister Kung bei einem Yung Dsü oder dem Eunuchen Huan zu Gast gewesen wäre: wie wäre er da Meister Kung gewesen?«

9. Wie Be Li Hi in des Fürsten Mu Dienste kam

Wan Dschang befragte den Mong Dsï und sprach: »Es heißt, Be Li Hi Ähnlich wie über I-Yin waren auch über Be Li Hi, den berühmten Kanzler des Fürsten Mu von Tsin, der ca. 624 als vierter der Hegemonen während der Frühlings- und Herbstzeit genannt wird, allerlei Sagen verbreitet. Er soll sich, da er kein Geschenk zur Einführung bei dem Fürsten Mu gehabt habe, als Rinderhirt verkauft haben, um so Gelegenheit zu finden, mit dem Fürsten zusammenzutreffen, der ihn daraufhin vom Maul der Rinder weg zum Kanzler ernannt habe. Eine andere Version, die der Auffassung des Mong Dsï wenigstens etwas näher kommt, lautet folgendermaßen: Nach der Vernichtung von Yü durch den Staat Dsin sei er seinem Fürsten in die Gefangenschaft nach Dsin gefolqt. Als Diener sei er einer Prinzessin von Dsin, die an den Fürsten von Tsin vermählt wurde, mitgegeben worden. Unzufrieden mit dieser Stellung, habe er sich am Wege verborgen und sei nach Tschu entflohen, wo er als Rinderhirt sich einen Namen gemacht. Der Fürst Mu von Tsin, der von seiner Bedeutung gehört hatte, ließ ihn als entlaufenen Sklaven reklamieren und gab fünf Schaffelle für seine Auslieferung. Diesen niedrigen Preis bot er an, um in Tschu keinen Argwohn zu erregen. Als er seiner habhaft war, machte er ihn sofort zum Kanzler mit dem Erfolg, daß Be Li Hi ihm die Hegemonie im Reich verschaffte. Diese Version paßt auch zu der Bemerkung bei Dschuang Dsï XXIII, Schluß. Mong Dsï hat hier im Unterschied zu den vorigen Abschnitten keine historischen Quellen zur Verfügung und schließt nur aus der pragmatischen Wahrscheinlichkeit. Daher das Hin- und Herwenden der Gedanken, das absichtlich ist, um die Evidenzen zu häufen. habe sich selbst verkauft an den Rinderhirten von Tsin um fünf Schaffelle und habe die Rinder gefüttert, um dadurch den Fürsten Mu von Tsin für sich zu bestechen. Ist das glaubhaft?«

Mong Dsï sprach: »Nein, das ist nicht wahr. Das sind Geschwätze unruhiger Köpfe. Be Li Hi war aus dem Lande Yü Die beiden kleinen Staaten Yü und Guo waren der gemeinsamen Gefahr durch das übermächtige Dsin ausgesetzt. Sie waren daher auf gegenseitige Hilfe unbedingt angewiesen. Statt dessen ließ sich Yü durch Gewinnsucht blenden, seine Hand zur Vernichtung Guos zu bieten. Auf den Vorschlag, die genannten Bestechungsgeschenke (Tschui Gi war berühmt wegen seiner Nephrite, Kü wegen seiner Pferde) zu machen, habe übrigens der Fürst von Dsin zunächst nicht eingehen wollen, sein Minister habe ihm aber versichert, daß er alles wiederbekommen werde. In der Tat habe nach der aufeinanderfolgenden Annexion der beiden Kleinstaaten der Minister die Geschenke zurückgebracht, nur die Pferde waren inzwischen älter geworden.. Da sandte der Fürst des Staats Dsin einen Nephrit aus Tschui Gi und ein Viergespann aus dem Gestüt von Kü, um von Yü freien Durchzug zu bekommen, den Nachbarstaat Guo zu bekriegen. Der Amtsgenosse Be Li His, Gung Dschï Ki, erhob Einspruch. Be Li Hi erhob keinen Einspruch. Weil er wußte, daß Einspruch bei dem Fürsten von Yü nichts fruchte, darum ging er weg nach Tsin. Damals war er schon siebzig Jahre alt. Wenn er um jene Zeit immer noch nicht gewußt hätte, daß es schmutzig wäre, durch Rinderhüten bei dem Fürsten Mu ankommen zu wollen: könnte man ihn da weise nennen? Wenn er da, wo Einspruch aussichtslos war, keinen Einspruch erhob, kann man ihn da unweise nennen? Wenn er wußte, daß der Fürst von Yü seinem selbstverschuldeten Untergang entgegenging, und ihn vorher verließ, kann man ihn nicht anders als weise nennen. Als er dann in Tsin obenan kam, erkannte er, daß man mit dem Fürsten Alu zusammen etwas durchsetzen könne, und wurde sein Kanzler: kann man das unweise nennen? Er war Kanzler in Tsin und machte seinen Fürsten berühmt auf Erden, also daß sein Name auf die Nachwelt kam: hätte ein Unwürdiger das zuwege gebracht? Sich selbst zu verkaufen, um einem Fürsten zur Vollendung zu helfen, das ist etwas, was in einem Bauerndorf ein Mann, der etwas auf sich hält, nicht tut. Und einem würdigen Mann sollte man es zutrauen?«

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