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[Werke des] Mong Dsï

Mong Dsï: [Werke des] Mong Dsï - Kapitel 11
Quellenangabe
authorong Dsï
title[Werke des] Mong Dsï
publisherEugen Diederichs Verlag
printrunDrittes bis fünftes Tausend
editorRichard Wilhelm
year1921
translatorRichard Wilhelm
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160908
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Buch III
Tong Wen Gung

Abschnitt A

1. Ermunterung des Thronfolgers von Tong

Der Herzog Wen von Tong Der Herzog Wen von Tong, der hier als Kronprinz auftritt, ist derselbe wie der in I, B, 13-15 erwähnte. Der hier erzählte Vorfall ist wesentlich früher. Er schließt sich an die Abreise Mongs aus Tsi an und fällt ins Jahr 311. reiste, als er noch Thronfolger war, nach Tschu. Er kam durch Sung und besuchte den Mong Dsï. Mong Dsï redete von der Güte der menschlichen Natur und erwähnte dabei immer die heiligen Herrscher Yau und Schun.

Als der Thronfolger von Tschu zurückkam, besuchte er abermals den Mong Dsï.

Mong Dsï sprach: »Beunruhigen Euch Die Beunruhigung könnte darin liegen, daß die Vorbilder eines Yau und Schun zu unerreichbar und hoch seien. Demgegenüber betont Mong, daß der Weg Einer ist, daß, was jene von Natur hatten, auch durch Anstrengung errungen werden könne. meine Worte, Prinz? Der Weg ist Einer. Das ist alles.

Tschong Giän Tschong Giän, der etwas anders geschrieben auch bei Huai Nan Dsï erwähnt wird, war ein Held wie etwa Mong Ben. Seine Worte: »Jener ist ein Mensch«, beziehen sich nach Dschau auf den Herzog Ging von Tsi, vor dem er sich nicht scheute. sagte einst vom Herzog Ging von Tsi: ›Jener ist ein Mensch, ich bin auch ein Mensch. Warum sollte ich mich durch ihn einschüchtern lassen?‹

Yän Yüan Yän Yüan, der Lieblingsschüler Kungs, steckt sich seine Ziele höher. sagte einst: ›Wer ist Schun? Wer bin ich? Wer tätig ist, wird es auch so weit bringen.‹ Gung-Ming I Gung Ming I ist ein Schüler des Konfuziusjüngers Dsong Schen, der zu Dsï Dschangs Beerdigung gebeten wurde. Er nahm den König Wen und den Herzog von Dschou zu Vorbildern. sagte: ›Der heilige König ist mein Lehrer, und ich glaube, daß der Herzog von Dschou mich nicht irreführt.‹

Die Herrschaft Tong hat rund nur etwa fünfzig Meilen im Geviert. Dennoch kann man einen gutregierten Staat daraus machen. Es heißt im Buch der Urkunden Vgl. Schu Ging IV, 8, 1, 8 (Schuo Ming Piän), von Wu Ding gebraucht. Dschau erwähnt, die Stelle sei aus einem Paralipomenon zum Schu Ging.: ›Wenn die Arznei nicht erst eine Betäubung hervorruft, wird seine Krankheit nicht geheilt‹.«

2. Trauer um den alten Fürsten

Herzog Ding von Tong war entschlafen Der Tod des alten Fürsten von Tong fällt ins Jahr 301, also zehn Jahre nach dem vorigen Abschnitt.. Der Thronfolger sprach zu Jan Yu Jan Yu ist der Erzieher des Fürsten. Mong Dsï war zu jener Zeit von Sung in seine Heimat zurückgekehrt.: »Einst hat Mong Dsï mit mir gesprochen in Sung. Das habe ich nie in meinem Herzen vergessen. Heute nun, da ich die traurige Pflicht habe, meinen Vater zu bestatten, möchte ich Euch senden, um den Mong Dsï zu befragen, ehe ich ans Werk gehe.«

Jan Yu kam nach Dsou und befragte den Mong Dsï.

Mong Dsï sprach: »Seid mir willkommen! Die Trauer um die Eltern ist allerdings etwas; dem man sich ganz widmen muß. Dsong Dsï sprach Dieses Zitat steht als Ausspruch Kungs in Lun Yü II, 5.: ›Sind die Eltern am Leben, ihnen dienen, wie es sich geziemt; nach ihrem Tode sie bestatten, wie es sich geziemt, und ihnen opfern, wie es sich geziemt: das mag man Kindesehrfurcht nennen‹. Der Fürsten Die »Fürsten« sind hier mit Verachtung genannt. Ihre Bräuche sind die schlechten Sitten der Verfallszeit. Ihnen gegenüber appelliert Mong an das Altertum. Bräuche habe ich nicht gelernt. Immerhin, ich habe gehört, daß eine Trauerzeit von drei Jahren, Kleidung aus grobem, ungesäumtem Tuch und einfache Nahrung ohne Fleisch, vom Himmelssohne bis hernieder auf den Mann des Volkes seit alten Zeiten Wörtlich: »Seit den drei Dynastien«, d. h. seit historischer Zeit. immer üblich ist.«

Jan Yu brachte den Bescheid zurück. Es ward bestimmt, drei Jahre Trauer einzuhalten. Die Anverwandten und die Beamten waren alle nicht einverstanden. Sie sprachen: »In Lu Das Haus von Tong leitet sich von einem Seitenzweig des Hauses Dschou her; die Bräuche von Lu, wo der Herzog von Dschou herrschte, waren maßgebend für alle Staaten, die zur Dschoufamilie gehörten. Es ist natürlich nicht wahr, daß der Herzog von Dschou die dreijährige Trauerzeit nicht eingehalten. Die lockeren Sitten waren erst später aufgekommen., dem Reiche unserer Ahnen, hat unter den früheren Fürsten keiner so gehandelt; unter den früheren Fürsten unseres Landes hat gleichfalls keiner so gehandelt. Es geht nicht an, daß Ihr nun plötzlich alles anders machen wollt. Auch steht geschrieben Wo das steht, ist nicht gesagt: »Dschï« heißt einfach Aufzeichnung, Lokalchronik.: ›Bei Bestattung und Opfern folge den Ahnen‹. Das heißt also, wir sollen uns ans Überkommene halten.«

Da sprach der Fürst zu Jan Yu: »Ich habe früher nicht der Bildung gelebt, ich liebte Wagenrennen und Kampfspiele. Darum sehen mich die Verwandten und Beamten nicht für voll an. Ich fürchte der Wichtigkeit der Sache nicht gewachsen zu sein. Frage für mich bei Mong Dsï an.«

Jan Yu kam abermals nach Dsou und befragte den Mong Dsï.

Mong Dsï sprach: »So ist's. Doch soll er es nicht bei den anderen suchen. Meister Kung sprach Dieses Zitat findet sich in dieser Gestalt in Lun Yü nicht. Es ist eine erweiterte Kombination von Lun Yü XIV, 18 u. XII, 14. Auch hier ein Beweis, daß der Text der Lun Yü zu Mongs Zeit noch nicht feststand.: ›Stirbt der Fürst, so führt der Kanzler die Regierung, der Thronfolger ernährt sich von dünnem Reis, sein Angesicht verfärbt sich zu tiefem Schwarz, er begibt sich auf seinen Platz und weint. Dann ist unter allen Beamten und Dienern keiner, der es wagte, nicht zu trauern, wenn er ihnen mit seinem Beispiel vorangeht. Was die Oberen lieben, das lieben die Unteren sicher noch mehr. Das Wesen des Herrschers ist wie der Wind, das Wesen der Leute ist wie das Gras. Das Gras muß sich beugen, wenn der Wind darüber kommt.‹ Die Sache steht beim Thronfolger.«

Jan Yu brachte den Bescheid zurück. Der Thronfolger sprach: »Ja, es steht wirklich bei mir.«

Er verweilte bis zur Beerdigung im Trauerzelt. Und kein Gebot oder Verbot erließ er während dieser Zeit. Alle Beamten und Verwandten sagten von ihm, daß er die Bräuche verstehe. Als die Bestattung war, da kamen von allen Seiten her die Leute, um ihn zu sehen. Seine Mienen waren so bekümmert, seine Tränen so echt, daß alle Leidtragenden damit zufrieden waren.

3. Ratschläge für die Regierung

Der Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï über die Leitung des Staates.

Mong Dsï sprach: »Die Geschäfte des Volkes darf man nicht vernachlässigen. Im Buch der Lieder Vgl. Schï Ging I, XV, 1 v. 7. heißt es:

›Indes der Tag ist, schneidet Binsengras,
Und wird es Nacht, so flechtet Seile draus.
Behende steiget zu dem Boden auf,
Hebt an und worfelt alle das Getreide.‹

Dem Volk geht es also Vgl. I, A, 7.: Hat es einen festen Lebensunterhalt, so hat es ein festes Herz. Hat es keinen festen Lebensunterhalt, so verliert es auch die Festigkeit des Herzens. Ohne Festigkeit des Herzens aber kommt es zu Zuchtlosigkeit, Gemeinheit, Schlechtigkeit und Leidenschaften aller Art. Wenn die Leute so in Sünden fallen, hinterher sie mit Strafen verfolgen: das heißt dem Volke Fallstricke stellen. Wie kann ein milder Herrscher auf dem Throne sein Volk also verstricken? Darum ist ein weiser Fürst stets ernst und sparsam und höflich gegen Untergebene. Und was er von dem Volke nimmt, hat feste Grenzen. Yang Hu Yang Hu oder Yang Ho ist der Usurpator in Lu, der Kung in seine Dienste nehmen wollte. Vgl. Lun Yü XVII, 1. Er hat die hier zitierten Worte natürlich in entgegengesetztem Sinne angewandt. sprach: ›Wem es um Reichtum zu tun ist, der kann nicht gütig sein. Wem es um Güte zu tun ist, der wird nicht reich‹.

Das Herrscherhaus von Hia Das Haus von Hia wird meist als Hia Hou Schï zitiert (auch in Lun Yü), während die Yin- und Dschoudynastie einfach als die Leute von Yin bzw. Dschou eingeführt werden. Das wird damit erklärt, daß der Begründer des Hauses Hia, der große Yü, den Thron durch Übertragung von Schun erhalten habe, während die Begründer der beiden folgenden Dynastien ihn gewaltsam an sich gerissen haben. gab den Leuten 50 Morgen und nahm Steuern. Das Haus Yin gab ihnen 70 Morgen und nahm Frondienste. Das Haus Dschou gab ihnen 100 Morgen und nahm Abgaben. In Wirklichkeit nahmen sie alle den Zehnten. Die ›Abgaben‹ beruhten auf der Einrichtung der Ertragsgemeinschaft. Die ›Fronden‹ beruhten auf der Einrichtung der Arbeitsgemeinschaft.

Lung Dsï Lung Dsï wird von Dschau einfach ein Würdiger der alten Zeit genannt. sprach: ›Bei der Ordnung des Grundbesitzes ist am geeignetsten die Fron, am ungeeignetsten die Steuer.‹ Die Steuer wird für immer festgesetzt nach dem mittleren Ertrag mehrerer Jahre. In guten Jahren, wenn das Korn im Überfluß umherliegt, könnte man mehr nehmen, ohne daß es als Härte wirkte. Statt dessen wird verhältnismäßig wenig genommen. In übeln Jahren, wenn man die Felder düngen muß und doch nicht genug hat, muß dann doch der volle Betrag erhoben werden. Wenn ein Landesvater es dahin bringt, daß seine Leute mit Falten auf der Stirn das ganze Jahr sich abmühen und selbst so es noch nicht fertig bringen, ihre Eltern zu ernähren, sondern Anleihen aufnehmen müssen, um den Mangel auszugleichen, so daß die Greise und Säuglinge sich in den Straßengräben wälzen: worin besteht da seine Landesvaterschaft? Vgl. I, A, 4. Im Text steht noch der Satz: Was das erbliche Einkommen der Beamtenfamilien anlangt, so ist das in Tong jetzt schon üblich. Dieser Satz steht jedenfalls nicht in richtigem Zusammenhang, oder aber es muß das Zitat aus Schï Ging II, VI, 8 mit dem Zusatz gestrichen werden..

Im Buch der Lieder heißt es:

›Und regnet's auf des Fürsten Äcker,
So kommt's auch auf die unsern dann!‹

Nur beim System der Arbeitsgemeinschaft gibt es Fürstenäcker. Von hier aus angesehen, kommt es auch zur Dschou-Zeit auf das System der Arbeitsgemeinschaft hinaus.

Man richte Akademien Man darf dabei nicht an Schulen moderner Art denken. Die Akademien (»Siang«) waren Orte gemeinsamer Zusammenkunft in den einzelnen Gauen, wo alte, verdiente Gaugenossen bewirtet wurden, ähnlich wie im Prytaneion zu Athen. Die Gymnasien (»Sü«) waren Orte, wo hauptsächlich das gemeinsame Bogenschießen geübt wurde. Die Lehranstalten (»Hiau«) dienten vornehmlich zur Einübung von Riten und Musik. Doch scheinen die drei genannten Anstalten ziemlich ähnlichen Zwecken gedient zu haben als Orte der Zusammenkunft zu gemeinsamen Mahlzeiten und Feiern. Die Schulen (»Hüo« oder »Da Hüo«) sind im Gegensatz zu den Gauanstalten die höchsten Anstalten in der Hauptstadt, die westlich vom Königspalast gelegen waren. Hier versammelten sich die reifsten Gelehrten der anderen Anstalten als in einer Art von Universitäten., Gymnasien, Schulen und Lehranstalten ein, um das Volk zu belehren. Akademien sind Anstalten, wo die Lehrer auf öffentliche Kosten unterhalten werden; Lehranstalten sind Anstalten, wo gelehrt wird; Gymnasien waren für den Unterricht in Körperübungen da. Zur Zeit der Hia-Dynastie sprach man von Lehranstalten, zur Zeit der Yin-Dynastie von Gymnasien, zur Zeit der Dschou-Dynastie von Akademien. Was die Schulen anlangt, so sind sie allen drei Dynastien gemein. Bei allen war das Ziel die Klärung der Pflichten innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Wenn die Pflichten innerhalb der menschlichen Gesellschaft bei den oberen Ständen geklärt sind, so wird das gewöhnliche Volk in den unteren Schichten Liebe bekommen. Und wenn ein König der Welt aufsteht, so wird er kommen und sich ein Beispiel an Euch nehmen, und Ihr werdet so Lehrer der Könige sein.

Im Buch der Lieder Vgl. Schï Ging II, VI, 8 v. 3. heißt es:

›Ist Dschou auch schon ein altes Land,
Es hat sein Amt erst neu erlangt.‹

Das ist vom König Wen gesagt. Wenn Ihr kräftig daran wirkt, so wird dadurch auch Euer Staat erneuert werden.«

Der Fürst stellte Bi Dschan an. Der befragte den Mong Dsï über die Einteilung des Landes nach dem Brunnensystem Das sogenannte Brunnensystem bezeichnet, wie aus dem folgenden hervorgeht, die Einteilung der Felder unter Zugrundelegung des Zeichens # = dsing (Brunnen). Je neun Felder werden so angeordnet, daß das mittlere, auf dem sich der Brunnen befand, öffentliches Land war, während die acht umliegenden Felder an die einzelnen Bauern verteilt wurden, die außer ihren eigenen Feldern das öffentliche Feld im Frondienst mit bestellen mußten. Von dem Ertrag der »Brunnenfelder« wurden dann die öffentlichen Ausgaben bestritten. Es würde zu weit führen, die umfangreichen Angaben der Kommentare über dieses System wiederzugeben, das offenbar die primitiven Verhältnisse nach Umwandlung der totemistischen Sippen in die patriarchalische Familie wiederspiegelt, wobei jedoch ähnlich wie bei den alten Germanen viele kommunistische Züge bestehen blieben..

Mong Dsï sprach: »Euer Fürst will ein mildes Regiment ausüben, und seine Wahl ist auf Euch gefallen, da müßt Ihr Euch die größte Mühe geben. Ein mildes Regiment beginnt mit der Feststellung der Grenzen. Sind die Grenzen der Ländereien nicht geregelt, so ist das öffentliche Land mit den Brunnen nicht gerecht verteilt und das Getreide für die Gehälter nicht gleichmäßig. Darum pflegen grausame Herrscher und unreine Beamte stets die Grenzen zu vernachlässigen. Sind die Grenzen reguliert, so läßt sich die Verteilung der Felder und die Bestimmung der Gehälter festsetzen, während man ruhig zu Hause sitzt.

Das Ackerland von Tong ist beschränkt und klein, aber es gibt doch wohl Gebildete, es gibt doch wohl Bauern. Gäbe es keine Gebildeten, so wäre niemand da, die Bauern zu regieren; gäbe es keine Bauern, so wäre niemand da, die Gebildeten zu ernähren. Ich würde raten, auf dem Lande die Felder so zu verteilen, daß unter je neun Feldern ein staatliches Feld ist. In der Nähe der Hauptstadt dagegen mögen die Leute den Zehnten für sich selbst bezahlen. Vom Minister an abwärts soll jeder Beamte ein Feld für die Bestreitung der Unkosten des Ahnendienstes haben im Umfange von 50 Morgen. Die jüngeren Söhne sollen 25 Morgen bekommen. Kein Toter und kein Wandernder soll seine Markung verlassen. Die Felder einer Markung haben einen gemeinsamen Brunnen, beim Aus- und Eingehen sind die Leute einander befreundet, im Schutz und bei der Aufsicht helfen sie einander, in Krankheitsfällen pflegen und warten sie einander. So herrscht Liebe und Eintracht unter dem Volke.

Jede Geviertmeile bildet einen Brunnenverband. Ein solcher Brunnenverband besteht aus neunmal hundert Morgen. Die mittleren hundert Morgen sind öffentliches Land. Acht Familien haben je hundert Morgen zum eigenen Anbau und bebauen gemeinsam das öffentliche Land. Sind die öffentlichen Arbeiten beendigt, dann erst wagen sie, an ihre eigenen Arbeiten zu gehen. Dadurch unterscheiden sie sich als Bauern.

Das sind die großen Grundzüge. Wie das Volk noch weiter gefördert werden mag, das steht bei Eurem Fürsten und Euch.«

4. Die Naturmenschen

Es kam ein Mann, der die Lehre des göttlichen Landmanns Der göttliche Landmann (Schen Nung), der als Erfinder des Ackerbaues und der Medizin gefeiert wird, ist der zweite der drei Huang (Erhabenen), als deren erster Fu Hi »der brütende Atem« genannt wird. Schen Nung ist auch der Feuerherr. Über den dritten der Huang geht die Überlieferung auseinander. Entweder wird Sui Jen (der Feuerbohrer) oder Dschu Ying (der Schmelzer) oder Huang Di (der Herr der gelben Erde) genannt, oder wird als zweiter nach Fu Hi der oder die Nü Wa – zuweilen als seine Schwester bezeichnet – eingeschoben. Alle diese mythischen Gestalten aus grauer Vorzeit, die zum Teil Lokalsagen, zum Teil fremden Einflüssen ihre Entstehung verdanken, können natürlich keinen Anspruch auf historische Glaubwürdigkeit machen. Die hier verkündigten Lehren des göttlichen Landmanns entstammen tatsächlich der Schule des Schï Giau, eines Philosophen aus dem Staate Lu, der in seiner Betonung der »Natürlichkeit« noch weiter ging als Mo Di. Er gehörte zu den taoistischen Philosophen, und ähnlich wie Mo Di den großen Yü als Vorbild gewählt, so hatte er den Schen Nung genommen. Mong Dsï hatte Yau und Schun als Vorbilder. Die Richtung ist mit den in Dschuang Dsï erwähnten taoistischen Schulen des Sung Giän und des Pong Mong verwandt (vgl. Dschuang Dsï, Einl. p. XVIII u. XIX). Der Staat Tschu, von wo die Leute kamen, lag südlich von Tong. verkündete, namens Hü Hing, von Tschu nach Tong. Er kam vor die Tür des Palastes und sagte zu dem Herzog Wen: »Wir sind Leute aus fernen Landen und haben gehört, daß Ihr ein mildes Regiment führet, o Fürst. Wir möchten ein Stück Land überwiesen haben und Eure Untertanen werden.« Der Herzog Wen gab ihm einen Wohnplatz. Er hatte mehrere Dutzend Schüler. Alle trugen sie härene Gewänder und verdienten sich ihre Nahrung durch Klopfen von hänfenen Sandalen und Flechten von Matten.

Ein Jünger des Tschen Liang Tschen Liang gehörte zur konfuzianischen Schule, den »Ju«. Als »Ju« werden bezeichnet die, welche in den sechs klassischen Schriften bewandert sind, Liebe und Pflicht (Jen, J) als ihre Ideale bezeichnen, Yau, Schun, Wen, Wu, Dschou Gung, Kung Dsï als ihre Meister verehren. namens Tschen Siang und sein Bruder Sin kamen, mit ihren Ackergeräten auf dem Rücken, von Sung nach Tong und sprachen: »Wir haben gehört, daß Ihr das Regiment eines Heiligen führt, o Fürst. So seid Ihr auch ein Heiliger. Wir möchten eines Heiligen Untertanen werden.«

Tschen Siang besuchte darauf den Hü Hing und war sehr entzückt. Er warf seine ganze Wissenschaft beiseite und ging zu ihm in die Lehre.

Tschen Siang besuchte einst auch den Mong Dsï Diese Unterhaltung zwischen dem Schüler des Naturmenschen und Mong erinnert einigermaßen an das Zusammentreffen des Dong Si und Be Fong Dsï, das in Liä Dsï IV, 11 geschildert ist. Dort war der Anarchist der gewandtere, der den Staatsrechtler abführte; hier ist die größere Zungenfertigkeit auf Seiten des Mong. Im ganzen ist die Art der Beweisführung ziemlich billig und unzählige Male wiederholt worden von den Verteidigern der bestehenden Gesellschaftsordnung. Man muß es Mong zugute halten, daß seiner Anschauung moralischer Ernst zugrunde liegt, und die Ausführungen über die Entstehung der chinesischen Kultur in den Zeiten Yaus und Schuns, die eine sehr übersichtliche Darstellung der konfuzianischen Schullehren enthalten, gegenüber den vagen Mythen vom sagenhaften Schen Nung, entbehren nicht einer gewissen Wucht der Überzeugungskraft. Wenn sie natürlich auch ebensowenig geschichtlich sind wie jene phantastischen Mythen, so repräsentieren sie die Stufe der vernünftigen Mythen mit historischem Gesicht. Dieser Passus erinnert an die Ausführungen des Han Yü, mit denen er Taoisten und Buddhisten ad absurdum zu führen suchte. Vom übelsten Einfluß auf das Gebahren der Konfuzianer späterer Zeit ist dagegen der Schluß der Peroration. Die Art, wie Mong hier mit dem Hochmut des zivilisierten Edelmenschen auf die krächzenden Barbaren herabblickt, ist ein scharfer Abfall gegenüber dem Meister Kung, der in Sachen der Bildung über die Rassenunterschiede hinwegsah. und erzählte ihm Hü Hings Worte, daß der Fürst von Tong wirklich ein würdiger Herr sei, dennoch aber die letzte Wahrheit noch nicht kenne. Ein weiser Fürst müsse ebenso wie sein Volk seine Nahrung durch seiner Hände Arbeit verdienen, er müsse sich sein Frühstück und Abendmahl selbst zubereiten und nebenher noch die Regierung führen. In Tong aber seien staatliche Scheunen, Vorratskammern, Schatzhäuser und Kassen; das heiße das Volk bedrücken, um sich auf seine Kosten zu nähren, und könne nicht weise genannt werden.

Mong Dsï sprach: »Dann pflanzt also sicher der Herr Hü sein Korn selber, ehe er ißt.«

Die Antwort war: »Ja.«

»Dann webt der Herr Hü also sicher sein Tuch selber, ehe er sich kleidet.«

Die Antwort war: »Nein, Herr Hü trägt Wolle.«

»Und trägt Herr Hü einen Hut?«

Antwort: »Ja, er trägt einen Hut.«

»Was für einen Hut trägt er?«

»O, einen ganz einfachen.«

»Hat er ihn selbst gewoben?«

»Nein, er hat ihn für Korn eingetauscht.«

»Warum hat denn Herr Hü ihn nicht selbst gewoben?«

»Es hätte ihn am Landbau gehindert.«

»Und gebraucht Herr Hü Kessel und Töpfe zum Kochen und eine eiserne Pflugschar zum Pflügen?«

»Ja.«

»Hat er sie selbst gemacht?«

»Nein, er hat sie für Korn eingetauscht.«

»Wenn einer, der für Korn Geräte eintauscht, nicht den Töpfer und Gießer bedrückt, wie will man denn behaupten, daß die Töpfer und Gießer, die für ihre Geräte Korn eintauschen, den Landmann bedrücken? Warum richtet denn Herr Hü nicht eine Töpferei und Gießerei ein, so daß er für seinen Bedarf nur auf sein eignes Haus angewiesen ist? Warum treibt er denn mit Handwerkern aller Art einen unablässigen Handels- und Tauschverkehr? Warum scheut er nicht die damit verknüpften Beschwerden?«

»Die Arbeit der Handwerker läßt sich eben nicht vereinigen mit dem Landbau.«

»So? Dann ist also die Ordnung der Welt das einzige Handwerk, das sich mit dem Landbau vereinigen läßt? – Die Arbeiten der höheren Klasse sind andere als die des gemeinen Volks. Außerdem hat jeder einzelne Mensch Bedürfnisse, zu deren Befriedigung die verschiedensten Handwerke nötig sind. Wenn nun jeder alles selber sich beschaffen müßte, was er braucht, das hieße die ganze Welt beständig auf den Straßen umherrennen lassen.

Darum heißt es: Es gibt Geistesarbeiter und Handarbeiter. Die Geistesarbeiter halten die andern in Ordnung, und die Handarbeiter werden von den andern in Ordnung gehalten. Die von den andern in Ordnung gehalten werden, nähren die andern. Die die andern in Ordnung halten, werden von diesen ernährt. Das ist eine durchgehende Pflicht auf der ganzen Welt.

In den Zeiten des Yau war das Land unter dem Himmel noch nicht geregelt. Sintfluten strömten regellos und überschwemmten alles Land unter dem Himmel. Büsche und Bäume wuchsen als Urwälder. Vögel und Tiere mehrten sich zahllos. Kein Korn konnte wachsen. Vögel und Tiere bedrängten die Menschen. Der Tiere Fährten und der Vögel Spuren durchzogen kreuz und quer das mittlere Reich.

Yau allein nahm sich's zu Herzen. Er erhob den Schun, und Ordnung wurde verbreitet. Schun befahl dem J, das Feuer zu handhaben. J legte Feuer an die Berge und Dschungeln und verbrannte die Urwälder. Da flohen die Tiere und Vögel und zogen sich zurück.

Yü trennte die Läufe der neun Flüsse, regulierte das Bett der Flüsse Dsï und To und führte ihre Wasser dem Meere zu. Er reinigte den Lauf des Ju und Han und öffnete den Lauf des Huai und Si und leitete sie in den großen Strom (Giang). Dadurch erst wurde das Reich der Mitte ein Land, das seine Bewohner ernährte. Zu jener Zeit war Yü acht Jahre auswärts, dreimal kam er an seiner Tür vorbei und hatte nicht Zeit einzutreten. Selbst wenn er das Land hätte bestellen wollen, hätte er's denn gekonnt?

Der Hirse-Herr Hou Dsi, der Herr der Hirse, ist der sagenhafte Ahn der Dschoudynastie. Auf ihn werden hier die Werke übertragen, die anderwärts dem göttlichen Landmann, Schen Nung, zugeschrieben werden. Wir haben hier offenbar verschiedene Traditionsquellen, die nördliche, die auf Yau und Schun und Yü als Anfang der Kultur zurückgeht, und die südliche, die von Fu Hi, Schen Nung, Huang Di usw. redet. Erst später scheint eine Vereinigung der beiden Traditionen vorgenommen worden zu sein, nur daß man statt zur Identifizierung der verschiedenen Gotthelden – wie das in Rom gemacht wurde – zur zeitlichen Anordnung griff. lehrte die Leute das Säen und das Ernten, das Pflanzen und Pflegen der fünf Kornarten Die fünf Kornarten sind: Reis, Hirse, klebrige Hirse, Weizen, Bohnen. Zu den Beamten des Schun gehörten: Yü, der Regler des Wassers, Hou Dsï, der Regler des Ackerbaues, Siä, der Lehrer des Volkes, Gau Yau, der oberste Minister.. Das Korn wurde reif, und das Volk hatte zu essen.

Es geht den Menschen also: wenn sie genügende Nahrung, warme Kleidung und behagliche Wohnung haben, aber keine Unterweisung, so werden sie wie die Tiere des Feldes. Das tat den Heiligen leid, und sie ernannten den Siä Die fünf Kornarten sind: Reis, Hirse, klebrige Hirse, Weizen, Bohnen. Zu den Beamten des Schun gehörten: Yü, der Regler des Wassers, Hou Dsï, der Regler des Ackerbaues, Siä, der Lehrer des Volkes, Gau Yau, der oberste Minister. zum Lehrmeister. Er unterwies das Volk in den Verpflichtungen der Menschen, daß zwischen Vater und Sohn die Liebe ist, zwischen Fürst und Diener die Pflicht, zwischen Mann und Frau der Unterschied der Gebiete der Tätigkeit, zwischen Alt und Jung der Abstand, zwischen Freund und Freund die Treue.

Yau, der Hochverdiente Es liegt hier eine Divergenz vor. Fang Hün, der »Hochverdiente«, ist der Titel des Yau. Andererseits ist Siä ein Beamter Schuns. Die hier angeführte Rede findet sich übrigens nicht im Schu-Ging., sprach: ›Ermutige sie, locke sie an, bring sie zurecht, mach' sie gerade, hilf ihnen, beflügle sie, laß sie selbst das Rechte finden und gehe ihnen nach, ihren Geist anfeuernd.‹ Also waren die Heiligen um das Volk besorgt. Wo hätten sie da Zeit hernehmen sollen, um das Land zu bestellen? Die Sorge Yaus war es, einen Mann zu bekommen wie Schun, die Sorge Schuns war es, Männer zu bekommen wie Yü und Gau Yau Die fünf Kornarten sind: Reis, Hirse, klebrige Hirse, Weizen, Bohnen. Zu den Beamten des Schun gehörten: Yü, der Regler des Wassers, Hou Dsï, der Regler des Ackerbaues, Siä, der Lehrer des Volkes, Gau Yau, der oberste Minister.. Besorgt sein, seine hundert Morgen in Ordnung zu halten: das ist Sache des Bauern. Mit andern Menschen seine Güter teilen, ist Freundlichkeit, die Menschen im Guten unterweisen, ist Gewissenhaftigkeit, den rechten Mann bekommen für die ganze Welt: das ist vollkommene Güte. Darum ist es leichter, die Welt einem andern zu übergeben, als für die Welt den rechten Mann zu finden Bekanntlich haben Yau und Schun das Weltreich an den geeignetsten Mann abgegeben. Ihr Verdienst liegt nach Mong nicht sowohl in der Großmut des Verzichts, als in der Weisheit der Wahl des rechten Mannes..

Meister Kung sprach Die Worte des Kung finden sich so nicht in den Lun Yü. Sie sind kombiniert aus Lun Yü VIII, 18 u. 19.: ›Groß wahrlich ist die Art, wie Yau Herrscher war. Nur der Himmel ist groß, nur Yau hat ihm entsprochen. Überströmend war er, so daß das Volk keinen Namen finden konnte. Ein Edler wahrlich war Schun. Erhaben ist die Art, wie er die Welt besaß, ohne etwas dazu zu tun.‹

Yau und Schun hatten die Welt in Ordnung zu bringen; hatten sie da etwa nicht genug Betätigung für ihre Gedanken? Wahrlich, sie hatten es nicht nötig, sich auch noch zu betätigen beim Ackerbau!

Ich habe gehört, daß man Barbaren Dieser Abschnitt, ebenso wie der vom »krächzenden Südbarbaren«, sind offenbar von Mong in der Hitze gesprochen. Daß er andererseits über die Nationalitätsunterschiede hinwegsieht, geht aus manchen Stellen hervor. zur chinesischen Kultur bekehren kann; ich habe nie gehört, daß man sich von den Barbaren bekehren lassen müsse. Tschen Liang, Euer Meister, war aus dem südlichen Staate Tschu gebürtig, aber er fühlte sich angezogen von den Lehren eines Fürsten von Dschou und eines Meister Kung. So kam er hierher nach Norden, um zu lernen im Reich der Mitte. Und vielleicht war unter den Gelehrten im Norden keiner, der ihn übertraf. Er war wirklich, was man einen rechten Helden nennt. Ihr und Euer Bruder hattet Euch ihm mehrere Jahrzehnte lang angeschlossen. Nun der Meister tot ist, habt Ihr ihn verlassen.

Damals, als Meister Kung verschieden war, da ordneten die Schüler nach Ablauf der dreijährigen Trauerzeit ihr Gepäck, um heimzukehren. Als sie von Dsï Gung Abschied nahmen, da sahen sie sich an und begannen zu weinen, bis ihnen die Stimme versagte; dann kehrten sie heim. Dsï Gung aber kehrte zum Grab zurück und baute sich auf dem Friedhof eine Hütte und blieb allein noch drei Jahre da, ehe er heimkehrte.

Ein andermal wollten Dsï Hia, Dsï Dschang und Dsï Yu, da sie den Yu Jo Yu Jo, ein Jünger Kungs aus Lu, der nach Kung Men Schï Di Niän Biau vierzehn Jahre jünger als Kung war, scheint diesem äußerlich ähnlich gewesen zu sein. Er hat offenbar in den Schulkreisen eine große Rolle gespielt, da er selbst in Lun Yü als Meister Yu bezeichnet wird. Dsong Dsï hat ihm jedoch das Gegengewicht gehalten. dem Heiligen ähnlich fanden, diesem dienen, wie sie einst Meister Kung gedient. Und sie wollten auch Meister Dsong dazu nötigen. Meister Dsong aber sprach: ›Es geht nicht an! Was gewaschen ist in den Strömen Giang und Han, was gebleicht ist in der Herbstsonne, das ist so glänzend, daß es von nichts übertroffen werden kann.‹

Nun kommt da ein krächzender Südbarbar Dieser Abschnitt, ebenso wie der vom »krächzenden Südbarbaren«, sind offenbar von Mong in der Hitze gesprochen. Daß er andererseits über die Nationalitätsunterschiede hinwegsieht, geht aus manchen Stellen hervor., der den Weg der heiligen Könige verwirft, und Ihr wendet Euch ab von Eurem Lehrer und geht zu jenem in die Lehre. Das ist allerdings etwas anderes, als was Meister Dsong getan. Ich habe gehört, daß man aus finsterem Tal sich hervormacht, um auf eine luftige Höhe Wörtlich: schlanker Baum. zu kommen. Aber ich habe noch nie gehört, daß einer von seiner luftigen Höhe herabsteigt, um finstere Täler aufzusuchen. In den Lobliedern von Lu Vgl. Schï Ging IV, 58 II, 4 v. 6. Jung, Di, Ging, Schu sind Namen verschiedener Barbarenstämme. heißt es:

›Die Jung, die Di zur Zucht zu führen,
Ging, Schu zu zücht'gen nach Gebühren.‹

Der Fürst von Dschou also hätte jenen bekämpft, Ihr aber geht zu ihm in die Lehre, da habt Ihr allerdings keinen guten Tausch gemacht.«

Tschen Siang erwiderte: »Wenn man Meister Hüs Lehren folgt, so wird es keine zweierlei Preise auf dem Markt mehr geben und im ganzen Reiche keine Fälschung mehr. Dann kann man einen fünf Hand großen Knaben auf den Markt schicken, und niemand betrügt ihn. Leinwand- und Seidenstücke von gleicher Länge hätten denselben Preis. Hanfzwirn und Seidenstränge von gleicher Schwere hätten denselben Preis. Die fünf Getreidearten in gleicher Menge hätten denselben Preis. Die Schuhe von gleicher Größe hätten denselben Preis.«

Mong Dsï erwiderte: »Es liegt in der Natur der Dinge, daß sie verschieden sind. Es gibt Dinge, die um das doppelte, um das zehn- und hundertfache, um das tausend- und zehntausendfache wertvoller sind als andre. Sie alle einander gleich zu machen, heißt die Welt in Verwirrung bringen. Wenn die großen Schuhe denselben Preis haben wie die kleinen, wer wird da noch welche machen wollen? Den Lehren des Meisters Hü folgen, heißt einander anführen zum Betrug. Wie will man damit einen Staat in Ordnung bringen?«

5. Die Sekte der allgemeinen Liebe

Ein Anhänger des Mo Di Mo Di, der Lehrer der allgemeinen Menschenliebe, muß etwa ein Zeitgenosse von Kung gewesen sein. Seine Lehren breiteten sich sehr aus, und ihre Anhänger gehörten zu den gefährlichsten Gegnern des Mong, gegen die er seine schärfsten Pfeile sendet. Seine Gesinnung zeigt sich in der Ablehnung des Besuchs des Mo-Schülers I Dschï. Der ganze Verkehr wird indirekt geführt. namens I Dschï wandte sich an Sü Bi, um eine Unterredung mit Mong Dsï zu erlangen.

Mong Dsï sprach: »Ich würde ihn freilich gerne sehen, doch bin ich heute nicht so recht wohl. Wenn mir dann wieder besser ist, so will ich ihn aufsuchen.« Darauf blieb I Dschï weg.

An einem anderen Tag suchte er abermals um eine Unterredung mit Mong Dsï nach.

Mong Dsï sprach: »Heute könnte ich ihn sehen. Wenn ich ihn nicht berichtige, so kommt die Wahrheit nicht ans Licht. Darum will ich ihn berichtigen. Ich höre, daß Herr I ein Anhänger des Mo Di ist. Mo Di hat den Grundsatz der äußersten Dürftigkeit Der Vorwurf der Inkonsequenz, den hier Mong dem I Dschï macht, erinnert sehr an die Vorwürfe, die gegen ihn selber in Lu geschleudert wurden (I, B, 16). bei der Ordnung des Begräbnisses. Herr I will mit dieser Lehre die Welt umwandeln. So muß er also alles, was damit nicht übereinstimmt, für minderwertig halten. Nun aber hat Herr I seinen Eltern ein stattliches Begräbnis zuteil werden lassen; das heißt also, daß er seinen Eltern auf eine Weise gedient hat, die er selbst für geringwertig hält.«

Sü Dsï berichtete diese Worte dem I Dschï. I Dschï sprach: »Nach der Lehre der Schriftgelehrten haben die Männer des Altertums ihre Leute beschirmt wie Kinder. Was ist denn mit diesem Wort gemeint? Ich halte dafür, es bedeute, daß die Liebe keine Unterschiede Die Theorie des Mo Di war, daß die Liebe zu allen Menschen gleichartig sein müsse. Ein Unterschied finde nur insofern statt, als innerhalb der Familie natürlich die meiste Gelegenheit zu ihrer Ausübung sei. Das war der Theorie der Schriftgelehrten (Ju) strikte entgegengesetzt, nach der die Klassifikation der menschlichen Beziehungen in die bekannten fünf Verhältnisse (Vater – Sohn, Fürst – Untertan, Mann – Frau, älterer – jüngerer Bruder, Freund – Freund) die Grundlage der Moral war. Die Liebe zu anderen Menschen als zu den Verwandten ist daher nach Mong nur abgeleiteter Art, indem aus der Wurzel der Kindesliebe die Liebe zu anderen Eltern hervorwächst usw. Wenn daher die Liebe zum Kinde des Nachbars gegenüber der Liebe zum Kinde des Bruders eine selbständige, direkte Größe wäre, so hätte sie eine besondere Wurzel. Die Einheitlichkeit der Grundlage der Moral wäre damit gefährdet. Man wird zugeben müssen, daß diese Argumentation bedenkliche Schwächen hat. und Klassen kenne, aber daß man bei ihrer Ausübung beginnen müsse bei den Nächsten.«

Sü Dsï berichtete diese Worte dem Mong Dsï. Mong Dsï sprach: »Glaubt dieser I Dschï wirklich, daß die Liebe eines Menschen zum Kind seines Bruders nur eben gerade wie seine Liebe zum Kindlein seines Nachbars sei? ... Die ausgelassene Stelle heißt wörtlich: »Er hat etwas, das er nehmen kann. Wenn das Kindlein kriecht und im Begriff ist, in den Brunnen zu fallen, ist es nicht die Schuld des Kindleins.« Irgendwie muß der Text hier verdorben sein, wie auch aus den umfangreichen Zufügungen der Kommentare hervorgeht. Die Stelle II, A, 6 hat wohl mit hereingewirkt. Die plausibelste Erklärung ist wohl die folgende: »Wenn I Dschï sich darauf beruft, daß die Herrscher des Altertums ihr Volk geschützt haben wie ihre eigenen Kinder, so ist damit nur gemeint, daß ein Kind, wenn es auf den Brunnen zukriecht, nichts dafür kann; man muß es beaufsichtigen, sonst kommt das Unglück des Falles sozusagen durch unsere Schuld über es. Ebenso müssen die Herrscher die unwissenden Untertanen davor bewahren, daß sie sich Übertretungen zu Schulden kommen lassen. Sonst fällt das Unglück der Bestrafung, das sie sich in ihrer Unwissenheit zuziehen, auf den Herrscher als Schuld.« Aber der Himmel hat die Wesen so erzeugt, daß sie nur eine Wurzel haben, doch nach I Dschï müßten sie zwei Wurzeln haben.

Im grauen Altertum kam es wohl vor, daß Leute ihre Nächsten nicht beerdigten, sondern, wenn die Nächsten starben, so hob man sie auf und warf sie in den Straßengraben. Wenn die Hinterbliebenen dann am andern Tag an der Stelle vorbeikamen, hatten Füchse und Wildkatzen sie angefressen, Fliegen, Maden und Maulwurfsgrillen sie benagt. Da trat ihnen der Schweiß auf die Stirn, sie schlugen die Augen nieder und wagten nicht hinzusehen. Daß sie sich schämten, war nicht um der andern willen; ihre eigene innerste Gesinnung zeigte sich in Gesicht und Augen. Sie kehrten heim und holten Körbe und Spaten und deckten sie zu. Wenn sie wirklich recht handelten, als sie die Leichen ihrer Anverwandten also beerdigten, so ist die Art, wie ein kindlicher Sohn und liebevoller Mensch seine Nächsten beerdigt, dem Sinn der Natur entsprechend.«

Sü Dsï sagte das dem I Dschï wieder. Der schwieg lange, dann sprach er: »Er hat mich belehrt.«

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